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Band IV (1992) Spalten 935-941 Autor: Klaus-Gunther Wesseling

LACHMANN, Karl (Carl) Konrad Friedrich Wilhelm, dt. Philologe, * 4.3. 1793 in Braunschweig, + 13.3. 1851 in Berlin. - L., einziger Sohn des Pfarrers K. Ludolf Friedrich L. (1758-1823) und der Offizierstochter Julie von Löben (+ 1795), erhielt zunächst Sprachunterricht bei seinem Vater und tritt 1800 in das Katharineum ein, von dem er im März 1809 abgeht, um in Leipzig Theol. zu studieren. Anregend empfindet L. hier nur die Auseinandersetzung mit nt. Textkritik, und so wechselt L. bereits zum darauffolgenden Semester nach Göttingen, wo er mit kürzeren Unterbrechungen bis 1815 bleibt, seinen Schwerpunkt unter dem Eindruck von Christian Gottlob Heyne (25.9. 1729-14.7. 1812) bald zur Philologie verlagernd. Im Oktober 1814 promoviert L. mit einer verschollenen Arbeit (De critica in Tibulli carminibus recte instituenda) extern in Halle zum Dr. phil; im April 1815 habilitiert sich L. in Göttingen, 1816 in Berlin und erlangt die venia legendi für »griech., röm. und dt. Alterthum«. 1815, noch vor der Drucklegung des Properz (s.u.), meldet sich L. als freiwilliger Fußjäger. Zum Jahresende ausgemustert, besteht L. das Examen zum höheren Lehramt und wird als Kollaborator am Friedrich-Werderschen Gymnasium angestellt. Im Sommer 1816 tritt L. auf Vermittlung des Min.s Johann Wilhelm Süvern die 3. (zu Ostern 1817 die 2.) Oberlehrerstelle am Königsberger Collegium Fridericianum an, und nach längeren Verhh. wird L. zum Sommersemester 1818 als Extraordinarius für den nach Bonn gewechselten Johann Friedrich Ferdinand Delbrück (12.4. 1772-25.1. 1848) auf die Professur für Theorie, Kritik und Lit. der schönen Künste und Wiss. an die dortige Univ. berufen. Doch L. fühlt sich in Königsberg zusehends in seinen wiss. Möglichkeiten begrenzt und kommt 1824, zu Studienzwecken beurlaubt, wiederholt um seine Versetzung nach. Eine Berufung nach Breslau (L. wurde an zweiter Stelle hinter Jacob Grimm [s.d.] nominiert) kommt nicht zustande, dafür aber wird L. 1825 zum Wintersemester nach Berlin geholt und im Sommer 1827 in das Ordinariat für dt. und klass. Philologie berufen. 1836/1837 und 1846/1847 bekleidete L. das Dekanat, 1843/1844 das Rektorat; ferner wirkte er 1849 an der Reform des preußischen Hochschulwesens mit. Die Univ. Göttingen verlieh L. 1837 die theol. und jur. Ehrendoktorwürde, der Berliner Akademie der Wiss. gehörte er seit 1830 als o., elf weiteren in- und ausl. als korresp. bzw. auswärtiges Mitgl. an. L., Junggeselle, starb an den Folgen einer Fußamputation; er wurde am 17.3. an der Seite Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers (s.d.) beigesetzt. - L., Schüler Georg Friedrich Beneckes (10.1. 1762-21.8. 1844), gilt als Protagonist wiss. Textedd. und Begründer der ahd. Philologie durch die Anwendung der Hermeneutik der inneren Kritik Friedrich August Wolfs (s.d.) auf die Unters. des Nibelungenliedes (s.u.), sicherlich auch beeinflußt durch das romantische Interesse an archaischer Epik und sich in der Tradition mit Aristarch und Leonardo Salviata (1539-1589) verbunden sehend. Neben der intensiven Erforsch. ahd. Epik (Nibelungenlied) und Poetik (Hartmann von Aue, [s.d.] Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach), deren Textherstellungen noch heute autoritativ sind, betrieb L. grammatik. Grundlagenforsch. und beeinflußte maßgeblich die »Dt. Grammatik« (18222, 18403) von Jacob Grimm (s.d.), mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. - Seit 1826/1827 befaßte sich L. mit der Textkonstitution des griech. NTs - der ersten nach philolog. Kriterien in der Tradition von Richard Bentley (s.d.), bei der ihm Philipp Karl Buttmann (5.12. 1764-21.6. 1829) und dessen Sohn Alexander assistierten. L. schuf die nach ihm benannte textkrit. Methode, die über die Analyse von Hss.-Stammbäumen sich der Ermittlung eines angenommenen Urtextes annähert. Diese in der neueren Forsch. (Timpanaro; Lutz-Hensel [s.u.]) zunehmend als mechanisch-starr empfundene Systematik der Smlg. der Überl., Darst. der Filiationen (Hss.-Stammbäume) nach literar. und Textanalyse aufgrund innerer Kriterien wandte L. nicht nur erfolgreich auf lat. und ahd. Klassiker an, sondern auch auf den Text des NT: seine damals umstrittene, da den textus receptus verwerfende und auf eine östl. Gruppe von Unzialen (A[02], B[03], C[04], H[015], P[024], Q[026], T[029], Z[035]; die westl. Gruppe [D(05/06), E(08), G(012); wenige Minuskeln und Kirchenväter] bietet L. als textkrit. Varianten) gestützte Texted. postuliert die Lesart, die der des ausgehenden 4. Jh.s zur Zeit des Hieronymus (s.d.) weitgehend ähneln und der demzufolge ein Höchstmaß an Objektivität zukommen soll. Leitgedanke war hierbei, nicht den prinzipiell ältesten, sondern den frühestmöglich beweisbaren Wortlaut zu rekonstruieren. Mit dem Vers., Handschriftengruppen geographisch zu orten, knüpft L. an Vorarbeiten Johann Albrecht Bengels (s.d.) an und weist künftiger nt. Textkritik den Weg. - Die Diskussion der synopt. Frage beförderte L. durch die Verwerfung der Griesbachschen Hypothese und Entdeckung der Mk-Priorität; Differenzen in der Erzählfolge der Evv. seien durch die Annahme erklärbar, daß ihnen eine gemeinsame Qu. zugrunde liege, die Mk genauer als Mt und dann erst später Lk tradiere (sog. Zwei-Qu.-Theorie).

Werke: Observationum critica capita tria consentiente amplissiomo philosophorum ordine pro facultate legendi rite adipiscenda a.d. XV. April. MDCCCXV publice defendet auctor C.L. philosophiae doctor, Göttingen 1815; Sextii Propertii Carmina emendavit ad codicum meliorum fidem et annotavit C.L., Leipzig 1816; Ueber die urspr. Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth, Berlin 1816 (= KS I, 1-80); (Übers.) Sagaenbibl. des Skand. Alterthums in Auszz., mit lit. Nachweisungen von Peter Erasmus Müller, Berlin 1816; De choricis systematis tragicorum Graecorum libri quattuor, Berlin 1819; Ausw. aus den Hochdt. Dichtern des dreizehnten Jh.s. Für Vorlesungen und zum Schulgebrauch, hrsg. von K.L., Berlin 1820; De mensura tragoediarum liber singularis, Berlin 1822; (Hrsg.), Die Gedichte Walthers von der Vogelweide, Berlin 1827, 18432. 10. Aufl. besorgt von Carl von Kraus. Mit Bezeichnung der Abweichungen von L., Berlin/Leipzig 1936, Berlin 196513; Saecularia tertia die 28. mensis Julii 1827 celebranda universitati litterariae Marburgensi gratulatur universitas Berolinensis, Berlin 1827; Georg Friedrich Benecke/K.L., Iwein eine Erzählung von Hartmann von Aue, Berlin 1827, 18432, 19646. Hartmann von Aue: Iwein. Eine Erzählung. Hrsg. von Georg Friedrich Benecke und K.L. Neu bearb. von Ludwig Wolff 7. Ausg., 2 Bde., Berlin 1968; Ueber Absicht und Zeit des sophokleischen Oedipus auf Kolonos: RheinMus 1 (1827), 313-315; (Hrsg.), Q. Valerii Catulli Veronensis liber ex recensione, Berlin 1829; (Hrsg.), Sex. Aurelii Propertii elegiae ex recognitione, Berlin 1829; (Hrsg.), Albii Tibulli libri quattuor ex recensione, Berlin 1829; Rechenschaft über seine Ausg. des NTs: ThStKr 3 (1830), 817-845 (= KS II, 250-272); Ueber die Leiche der dt. Dichter des zwölften und dreizehnten Jh.s: RheinMus 3 (1829/1832), 419-434. 435-464; Novum Testamentum Graece ex recensione C.L., Berlin 1831, 18372, 18463; Ueber das Hildebrandslied (AAB 1833), Berlin 1833; Berlin 1833; (Hrsg.), Wolfram von Eschenbach, Berlin 1833, 19266; Genesius ex recognitione, Bonn 1834; Ueber ahd. Betonung und Verskunst (AAB 1832), Berlin 1834, 235-270; De ordine narrationum in evangeliis synopticis: ThStKr 8 (1835), 570-590 (auch in NT II [s.u.], XIII-XXV); Ueber das Hildebrandslied (AAB 1833), Berlin 1835, 123-162; Ueber Singen und Sagen (AAB 1833), Berlin 1835, 105-122; Ueber den Eingang des Parzivals (AAB 1835), Berlin 1837, 227-266; (Hrsg.) Gregorius eine Erzählung von Hartmann von Aue, Berlin 1838; Gotthold Ephraim Lessing, Sämtl. Schrr. Hrsg. von K.L. I-V (Berlin 1838). VI-XI (Berlin 1839). XII.XIII (Berlin 1840). Aufs Neue durchges. und vermehrt von Wendelin von Maltzahn, 12 Bde., Leipzig 1853-1857, Dritte, aufs neue durchges. und vermehrte Aufl., besorgt durch Franz Muncker, 23 Bde., Stuttgart 1886-1924 (= Nachdr. Berlin 1968); Ueber drei Bruchstücke niederrhein. Gedichte aus dem zwölften und aus dem Anfange des dreizehnten Jh. (AAB 1836), Berlin 1838, 159-190; Krit. Btr. zu Ulpians Frgm.: Zschr. für geschichtl. Rechtswiss. 9 (1838), 174-212; Clemens August Carl Klenze, Philolog. Abhh. hrsg. von K.L., Berlin 1839; Ueber die ersten zehn Bücher der Ilias (AAB 1837), Berlin 1839, 155-175 (auch in: Betrachtungen über Homers Ilias [s.u.], 1-30); Ausgg. class. Werke darf jeder nachdrucken. Eine Warnung für Hrsg., Berlin 1841; Gaii institutionum commentarii quattuor ex recognitione et cum commentario I.F.L. Goeschenii, Bonn 1841; (Hrsg.), Ulrich von Lichtenstein mit Anm. von Theodor von Karajan, Berlin 1841; Novum Testamentum Graecum Graece et Latine. C.L. recensuit Philippus Buttmannus Ph. f. Graecae lectionis auctoritates apposuit. Tomus prior, Berlin 1842. Tomus alter, Berlin 18 (= NT II); Bruchstücke aus den Nibelungen: Zschr. für Dt. Althertum 1 (1842), 111-116; Fernere Betrachtungen über die Ilias (AAB 1841), Berlin 1843, 1-42 (auch in: Betrachtungen über Homers Ilias [s.u.], 31-89; Strophenanfänge der alten Liedersmlgg. Aa Dd Hh R (Heidelb. Hss. 357.350): Zschr. für Dt. Althertum 3 (1843), 308-344; Strophenanfänge der XXIV und XXV Abth. der Würzburger Hs. (Ee): ebd., 345-356; Julii Frontii de controversiis agrorum libellus edidit C.L. Pars prior, Berlin 1844 (= Die Schrr. der röm. Feldmesser, 34-46); Oratio in rectoratu habita die 3. m. Aug. in memoriam Friderici Wilhelmi III., Berlin 1844; De Aviano fabularum Aesopearum scriptore questiones, Berlin 1845 (= KS II, 51-56); Babrii fabulae Aesopeae C.L. et amici emendarunt ceterorum poetarum choliambi ab Augusto Meinekio collecti et emendati, Berlin 1845; Aviani fabulae C.L. recensuit et emendavit, Berlin 1845; Lesarten zu Hartmanns Gregorius: Zschr. für Dt. Althertum 5 (1845), 32-69; Betrachtungen zu Homers Ilias. Mit Zusätzen von Moritz Haupt, Berlin 1847, 18652, 18743; Commentatio de P. Ovidii Nasonis epistolis heroidum, Berlin 1848 (= KS II, 56-61); Die Schrr. der röm. Feldmesser hrsg. und erläutert von F. Blume, K.L. und A. Rudorff Erster Bd. Texte und Zeichnungen, Berlin 1848; De Gai Lucili poetae saturarum libris, Berlin 1849 (= KS II, 62-66); T. Lucretii Cari de rerum natura libri sex C.L. recensuit et emendavit, Berlin 1850, 18552, 18663, 18824; In T. Lucretii Cari de rerum natura libros commentarius, Berlin 1850; De Graecos apud Lucilium commentatio, Berlin 1851 (= KS II, 73-76); K.L./Moritz Haupt (Hrsg.), Des Minnesangs Frühling, Leipzig 1857; 2. Ausg. besorgt von Wilhelm Wilmanns, Leipzig 1875; Mit Bezeichnung der Abweichungen von L. und Haupt und unter Berücks. ihrer Anm. neu bearb. von Friedrich Vogt, Leipzig 1911, 19234; Carl von Kraus, Des Minnesangs Frühling. Nach K.L., Moritz Haupt und Friedrich Vogt, Stuttgart 196734 u.ö.; Kleinere Schrr. (= KS). I zur dt. Philologie. Hrsg. von Karl Müllenhoff, Berlin 1876 (= Nachdr. Berlin/New York 1974); II zur class. Philologie. Hrsg. von Johannes Vahlen, Berlin 1876 (= Nachdr. Berlin/New York 1974) sowie zahlr. Rezensionen und Miszellen.

Lit.: Martin Hertz, K.L. Eine Biogr., Berlin 1851 (Bibliogr. XXIV-XXXII); - Karl Müllenhoff, Zur Gesch. der Nibelunge Not, Braunschweig 1855; - H.U. Maijboom, Geschiedenis en Critiek der Marcus-Hypothese, Amsterdam 1866; - Julius Zacher, Briefwechsel über das Nibelungenlied von C.L. und Wilhelm Grimm: ZdPh 2 (1870), 193-215. 343-365. 515-528; - Ein fehler L.s in seiner kritik und erl. von Hartmannes Iwein: ZdPh 7 (1876), 175-207; - Jacob Grimm, Rede auf K.L., in: Ders., Kleinere Schrr. I (Berlin 18792), 145-162; - K.G.J. Foerster, Sendschreiben K.L.s an die Philologen und dt. Sprachforscher, ausgegeben an dessen Todestage, 1852; - Franz Xaver Pölzl, Ueber K.L., Begründer der neuen Ära der nt. Textkritik. Rektoratsrede, Wien 1889; - A. Ruegg, Die nt. Textkritik seit L., Zürich 1892, 8 ff.; - K.L.'s Briefe an Moritz Haupt. Hrsg. von Johannes Vahlen, Berlin 1892; - Friedrich Leo, Rede zur Säcularfeier K.L.s am 4.3.1893, Göttingen 1893 (= Ders., Ausgew. Schrr. II [1960], 415-431); - Caspar René Gregory, Textkritik des NTs II, Göttingen 1902, 966-973; - Moritz Haupt, De L.o critico: Neue Jbb. für das klass. Alterthum, Gesch. und dt. Lit. 14 (1911), 529-538; - Albert Leitzmann, Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit K.L. Im Auftrag und mit Unterstützung der Preußischen Akad. der Wiss. hrsg. Mit einer Einl. von Konrad Burdach, 2 Bde. (Jena 1927); - Ders., K.L. als Shakespeare-Übersetzer: Jb. der dt. Shakespeare-Ges. 56 (1920), 73-89; - Ders., Briefe K.L.s I An Georg Friedrich Benecke, APAW.PH 1942,8, Berlin 1943; - Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Erinnerungen 1848-1918, Leipzig 1928 (Reg.); - Ders., Gesch. der Philologie, Nachdr. Leipzig 1959; - H. Wocke, Die Brüder Grimm und K.L.: Neue Jbb. für Wiss. und Jugendbildung 4 (1928), 199-211; - Paul Collomp, La critique des textes, Paris 1931; - Hendricus Sparnaay, K.L. als Germanist, Bern 1948; - Basil C. Butler, The Originality of St. Matthew. 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Kommission zu Berlin 60]) (Berlin 1989), 73-86; - Dieter Kühn, Der Parzival des Wolfram von Eschenbach, Frankfurt/M. 1987, 236 ff.; - Harald Weigel, »Nur was du nie gesehn wird ewig dauern«. C.L. und die Entstehung der wiss. Ed., Freiburg 1989; - ADB XVII, 471 ff.; - Julius Zacher/Konrad Zacher, Art. L., in: J.S. Ersch/J.G. Gruber, Allgem. Enc. der Wiss. und Künste, 2. Section XLI (Leipzig 1887), 105b-118a.188a-126a; - LThK VI, 724; - TRE XX, 368-370; X, 579 (s.v. Evangelium).

Klaus-Gunther Wesseling

Werkeergänzung:

2008

Kleinere Schriften zur classischen Philologie. Repr. Saarbrücken 2008.

Letzte Änderung: 17.04.2010