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Band IV (1992) Spalten 1092-1097 Autor: Wolfdietrich v. Kloeden

LANGE, Friedrich Albert, * 28.9. 1828 in Wald bei Solingen, † 21.11. 1875 in Marburg, wurde als deutscher Sozialphilosoph und Neukantianer durch sein Hauptwerk »Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart« (1865) berühmt. Hierin erwies er sich als Gegner des Materialismus. - F.A.L. wuchs als Sohn des reformierten Pfarrers Johann Peter Lange in der Landgemeinde Wald und ab 1828 in Langenberg auf. F.A.L.s Großvater war noch rheinischer Fuhrmann gewesen. 1832 erhielt der Vater einen Ruf als Pfarrer nach Duisburg, und so zog die Familie dorthin. Hier schrieb Johann Peter Lange 1836 sein gewichtiges Werk »Über den geschichtlichen Charakter der kanonischen Evangelien, insbesondere der Kindheitsgeschichte Jesu«. Dieses Buch richtete sich radikal gegen David Friedrich Strauß und brachte ihn den Lehrstuhl an der Universität Zürich ein, der ironisch genug - eigentlich D.F. Strauß zugedacht war. So verbrachte F.A.L. ab 1841 seine entscheidenden Jugendjahre in der Schweiz, wohin er später zurückkehren sollte. F.A.L. fühlte sich zwar als Deutscher, aber die liberale Schweiz gab ihm Impulse für eine sehr offene Denkungsart. Nach seinem Schulabschluß studierte er von 1848-1851 in Bonn Theologie, Philosophie und schließlich Philologie. Auch konnte er dort seinen Neigungen in Mathematik nachgehen. Nach bestandenem Examen wirkte er von 1852-1855 als Gymnasiallehrer in Köln. Zwei Jahre lehrte er dann als Privatdozent an der Bonner Universität Philosophie und Pädagogik. Hier hielt er dann im SS 1857 ein Kolleg über die Geschichte des Materialismus vor 19 Zuhörern. Es war die Geburtszeit des geistigen Inhalts seines späteren Schaffens. Da sich F.A.L. keine Chance für eine Professur bot, ging er noch einmal auf eine Gymnasialstelle in Duisburg. 1861 schied er aus dem Duisburger Schuldienst aus, da er sich nicht politisch betätigen durfte. Er hatte Front gegen Bismarcks undemokratische Innenpolitik gemacht. Wenigstens betätigte er sich dann in Duisburg kommunalpolitisch. Er übernahm das Sekretariat der Duisburger Handelskammer. Gleichzeitig arbeitete er als Redakteur der Rhein-Ruhr-Zeitung und trat als politisch-oppositioneller Versammlungsredner auf. Mit der Schrift »Die Arbeiterfrage« (1865) trug er zur wissenschaftlich begründeten Nationalökonomie bei. Diese erste gewichtige Arbeit wurde zweimal zu F.A.L.s Lebzeiten umgearbeitet. Galt sie zuerst den Arbeitern selbst, so sollte vor allem in der dritten Auflage (1874) an die Verantwortung des Bürgertums appelliert werden. Damit wich der leidenschaftliche Ton einer nüchternen Betrachtungsweise. Doch ist der Autor seiner in der ersten Auflage ausgesprochenen Ansicht treu geblieben, daß die Lösung der Arbeiterfrage immer durch die Arbeiter selbst zu geschehen hätte. Interessant ist, daß F.A.L.s Arbeiterschrift im Vergleich zu Karl Marx starke naturwissenschaftliche Grunderkenntnisse (Probleme des Darwinismus und Sozialdarwinismus) trägt. Aber neben dem Kampf um das Dasein als notwendige Kraft wird die gegenseitige Hilfe im Sinne der Solidarität herausgehoben. Hier geht es um eine Handlungsethik, die den Neukantianismus auszeichnet und mit der F.A.L. die spätere Marburger Schule (Hermann Cohen) beeinflußte Für F.A.L. ist die Krönung jeder Entwicklung das »sympathische Zusammenleben« der Menschen. Hieraus entwickelt sich dann der Gleichheitsgedanke. In der kritischen Rezeption vom ersten Band des Marxschen »Kapitals« betont F.A.L. auch die Möglichkeit der »kleineren Schritte« innerhalb der von Marx anvisierten »Sozialrevolution«. Deutlich aber geht aus der Schrift zur »Arbeiterfrage« hervor, daß diese Frage »der Kern der `sozialen Frage' « ist. - Mit August Bebel u.a. war F.A.L. von 1864-1866 Mitglied des »Ständigen Ausschusses des Verbandes Deutscher Arbeitervereine«. In diesem Zeitraum gab er auch die Zeitung »Der Bote vom Niederrhein« heraus, wo eine Reihe von Artikeln zur Arbeiterfrage erschienen. Immer wieder ging es um die Forderung an den Staat, die Lage der Arbeiter wesentlich zu verbessern. Die diesbezüglichen Veröffentlichungen wie sein agitatorisches Engagement führten zur Mitgliedschaft in der I. Internationale. Aber sein kämpferisches Ziel blieb der demokratisch ausgerichtete, deutsche Nationalstaat. F.A.L. litt unter den gegen ihn angestrengten Prozessen, die sich vor allem gegen seine Pressearbeit richteten. Dazu kam das ihn belastende Gefühl, seiner Berufung als Philosoph so wenig nachkommen zu können. Dennoch war er imstande, gerade in der unruhigen Duisburger Zeit die erste Fassung seines großen Werkes über die »Geschichte des Materialismus« zu schreiben, die im Oktober 1865 für »1866« herauskam. Ihr sollte später eine weitere sehr viel umfassendere Ausgabe (s.u.) folgen. Auch an dem Entstehen anderer Studien in diesem Zeitraum erwies sich die Duisburger Zeit als ertragreich. So ist besonders hinzuweisen auf die Schrift »J. St. Mill's Ansichten über die sociale Frage und die angebliche Umwälzung der Socialwissenschaft durch Carey«. Sie erschien April 1866. Hier wird Mill gelobt als der Denker, der gegen den Egoismus in der Volkswirtschaft klar polemisert hat. Die Schutzzolltheorie des amerikanischen Nationalökonoms Carey wird dabei als völlig unwissenschaftlich abgetan. Damit will F.A.L. die sozialistische Idee verteidigen. Diese wird aber eingebunden in die ethische Betrachtungsweise. Es ist das Thema, das auch im vierten Abschnitt (Kap. I) vom zweiten Band der zweiten Auflage der »Geschichte des Materialismus« einen wichtigen Platz einnimmt. Durch Vermittlung seines Freundes Bleuler in Winterthur (Kanton Zürich) konnte F.A.L. an einem größeren Verlags- und Zeitungsunternehmen mitarbeiten. So holte er auch seine Familie, nämlich seine Frau Friederike, geb. Colsmann, mit den drei Kindern, in die Schweiz. F.A.L. nahm außerdem für die erste Zeit eine Stelle als Gymnasiallehrer ab Nov. 1866 an. Bald wurde er wegen seines volkserzieherischen Einsatzes öffentlich geehrt und erhielt eine Reihe von Ehrenämtern der Stadt Winterthur und des Kantons Zürich. So wurde er Mitglied des Bank- und Erziehungsrates. Der Winterthurer »Landbote« erwies sich unter F.A.L.s Leitung als das gewichtige Blatt für die kantonale, demokratische Gesinnung. 1867 schrieb er gegen den Kritiker seiner »Geschichte des Materialismus« Professor Schilling eine polemische Abhandlung »Neue Beiträge zur Geschichte des Materialismus«. 1869 konnte er sich an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich als Privatdozent für Philosophie habilitieren. Im Oktober 1870 bekam er dann eine ordentliche Professur für Philosophie. In Zürich lehrte er bis Herbst 1872. Durch den Wunsch der Marburger Philosophischen Fakultät und die Vermittlung von Minister Falk erhielt er eine Professur für Philosophie an der Universität Marburg. Im September 1872 zog F.A.L. nach Marburg, nachdem er sich vorher in Tübingen am Unterleib (Mastdarmkrebs) hatte operieren lassen. Unter großem Leiden hielt er seine Vorlesungen. Außerdem arbeitete er an der erweiterten Fassung seines Hauptwerks über die »Geschichte des Materialismus« (s.o.). Schon in Zürich besuchte er die Vorlesungen seiner naturwissenschaftlich orientierten Kollegen, um weitere Exkurse für sein berühmtes Werk vorzubereiten. Das tiefe Eindringen in die naturwissenschaftlichen Probleme hatte eine umfangreiche, in zwei Bänden erfolgende neue Auflage des Materialismus-Buches zum Ergebnis. Der zweite Band mit dem gewichtigen »dritten Abschnitt« enthält die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften mit Hinweisen auf Spencer, Helmholtz u.a.! Im Ganzen wurden von F.A.L. die modernsten Gesichtspunkte und Entdeckungen berücksichtigt. Immer wieder finden sich auch Querverbindungen zu dem Gesamtwerk von Darwin. Die »Geschichte des Materialismus« erschien nun in der zweiten Auflage von 1873-75, also bis kurz vor des Autors Tod. Sie teilt sich jetzt auf in (1.) die »Geschichte des Materialismus bis auf Kant« und in (2.) die »Geschichte des Materialismus seit Kant«. Der erste Satz des Gesamtwerks lautet: »Der Materialismus ist so alt als die Philosophie, aber nicht älter.« F.A.L. wollte keineswegs dem Materialismus huldigen, wie es einige schlecht unterrichtete Kritiker annahmen. Er wollte im Gegenteil mit der Kritik an dem Materialismus die Neubesinnung auf das Kantsche Erbe sichern: Dem Materialismus fehlt der »Trieb«, über die »scheinbare Objektivität der Sinneswahrnehmungen« hinauszugehen. Das »paradoxe Fragen« unterbleibt. Dennoch kann der Materialismus zum »revolutionären Ferment« werden. In dem vierten Abschnitt des zweiten Bandes greift der Autor erneut auf die Arbeiterfrage zurück. Das diesbezügliche, erste Kapitel heißt »Die Volkswirtschaft und die Dogmatik des Egoismus«. Dieses bildet eine glänzende Kritik an allen vordergründigen Harmonisierungsbestrebungen. Das Hauptwerk bestach und besticht durch die glänzenden und lückenlosen Analysen im zweiten Band. Man muß dabei bedenken, daß Passagen unter großen physischen Schmerzen geschrieben wurden. Umso erstaunlicher ist der brilliante Stil, den F.A.L. in dieser Zeit der Leiden entwickelt hatte. Eine geplante Arbeit über F. Schiller mußte liegen bleiben. Die »Logischen Studien« konnten erst posthum herausgegeben werden. Am 21. Nov. 1875 wurde F.A.L. von seinem schweren Leiden erlöst. Sein großes Geschichtswerk erlebte zahlreiche Auflagen.

Werke: 25 Abhandlungen für die Schmid'sche Encyklopädie des gesamten Frziehungs- und Unterrichtswesens. ab 1859; darin wichtig: Die Leibesübungen. Eine Darstellung des Werdens und Wesens der deutschen Turnkunst in ihrer pädagogischen und culturhistorischen Bedeutung, erweitert und als Sonderdruck hrsg. 1865; Das päpstliche Rundschreiben und die 80 verdammten Sätze, erläutert durch Kernsprüche von Männern der Neuzeit, sowie durch geschichtliche und statistische Notizen, 1865; Die Arbeiterfrage in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft beleuchtet, 1865, (unter d. Titel: Die Arbeiterfrage. Ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft, 1870, 18743, 18794, 18945; neubearb. v. H.. Grabowsky, 1910; Neuausg. Duisburger Hochschulbeiträge 4, 1975; Jedermann Hauseigentümer. Das bewährte System englischer Baugenossenschaften für deutsche Verhältnisse bearbeitet und in seiner Verwendbarkeit für Arbeitergenossenschaften jeder Art nachgewiesen, 1865 (19752); Grundlegung der mathematischen Psychologie. Ein Versuch zur Nachweisung der fundamentalen Fehler bei Herbart und Trobisch, 1865; Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, 1866 (erweitert: 1873-752, 18794, 18825, 18986, 19027, 19088, 1914-159, 192110, 192611, neueste Ausgabe 1974, auch TB stw 70; engl. 1877-811, 19252, franz. 1877); John Stuart Mills Ansichten über die soziale Frage und die angebliche Umwälzung der Sozialwissenschaft durch Carey, 1866; Neue Beiträge zur Geschichte des Materialismus, I: Zurückweisung der »Beiträge« Schillings, nebst einer Untersuchung über Epikur und die Grenzen des Erfahrungsgebietes, 1867; Logische Studien. Ein Beitrag zur Neubegründung der formalen Logik und der Erkenntnistheorie, 1877 (18942); Einleitung und Kommentar zu Schillers Philosophischen Gedichten, hrsg. von Otto Adolf Elissen, 1905; Über Politik und Philosophie, Briefe und Leitartikel 1862-1875, 1968; Pädagogik zwischen Politik und Philosophie/F.A.L., hrsg. von Joachim H. Knoll, Duisburger Hochschulbeiträge 5, 1975.

Lit.: Hermann Cohen, F.A.L., Preußische JB. Berlin 37, 1876; - Hans Vaihinger, Hartmann, Dühring und Lange, 1876; - Heinrich Braun, F.A.L. als Sozialökonom nach seinem Leben und seinen Schriften (Diss. Halle), 1881; - Franz Weinkauf, F.A.L.; - Allg. Deutsche Biogr. XVII, 1883; - J.M Bösch, F.A.L. und sein Standpunkt des Ideals, 1890; - Otto Adolf Ellissen, F.A.L. - Eine Lebensbeschreibung, 1892 (18942); - ders. F.A.L., Monatshefte der Comenius-Gesellsch. für Kultur und Geistesleben, N.F. 9, 1917; - Ferdinand Jakob Schmidt, F.A.L. - Gegenwart 40, 1891; - Naum Reichesberg, F.A.L. als Nationalökonom, 1892; - Paul Weisengrün, F.A.L. als Soziologe und Nationalökonom. Deutsche Worte (Wien) 12, 1892; - Faggi, F.A.L. und die kritische Philosophie in ihren Beziehungen zum Sozialismus. Neue Zeit (Berlin) 18, 1900; - Franz Mehring, Aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung - F.A.L., J.B. von Schweitzer, W. Liebkecht, August Bebel; Archiv für Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung 1, 1911; - ders., Einleitung zu F.A.L.. Die Arbeiterfrage, Ges. Schr. Bd. 4, 1963, 334-357; - R. Ostler, Recht und Unrecht des Materialismus nach F.A.L., 1915; - R. Stölzle, Franz Hoffmann und F.A.L. (in) Phil. Jb. 1917, 313-319; - Wilhelm Bölsche, F.A.L. Einleitung zur Teilausgabe »Gesch. des Mat.« - Deutsche Bibliothek, 1920, 9-26; - E. Becher, Deutsche Philosophen: F.A.L., 1929, 73-123; - P. Grebe, Die Arbeiterfrage bei F.A.L., Ketteler, Jörg, Schäffle. Aufgezeigt an ihrer Auseinandersetzung mit Lassalle (Diss. Marburg), 1935; - J.H. Knoll, J.H. Schoeps (Hrsg.), F.A.L., Leben und Werk, 1975; - KLN III, 16 f.; - RGG1 III, 1658; - RGG2 III, 1482; - HDSW VI, 524-526; - LThK2 VI, 784; - KLL IV, 3892 f.; - Biogr. Wb d.Dt. Gesch. II, 1585 f.; - HWP V, 842-850; - EEPW III, 250 f.

Wolfdietrich von Kloeden

Werkeergänzung:

2004

Histoire du matérialisme & critique de son importance à notre époque. Trad. de l'allemand sur la 2. éd. avec l'autorisation de l'auteur par B. Pommerol. Avec une introd. par D. Nolen. Préf. de Michel Onfray. [Paris] 2004.

Literaturergänzung:

1986

Klaus Christian Köhnke, Entstehung u. Aufstieg d. Neukantianismus. Frankfurt/M. 1986, S. 233-257; -

2006

Über d. Verhältnis d. Naturwiss. zur Philos. Nachdr. d. Ausg. Berlin 1874 und 1875. Mit e. Einl. sowie Personen- u. Sachreg. hrsg. von Harald Schwaetzer. Hildesheim 2006; -

2007

Herta Mayerhofer ; Erich Vanecek, F.A.L. als Psychologe u. Philosoph. Frankfurt a.M. 2007; -

2008

Hermann Cohen, F.A.L. Dt. Philosoph d. Materialismus. Zürich 2008.

Letzte Änderung: 26.12.2008