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Band XIV. (1998) Spalten 1176-1181 Autor: Konrad Fuchs

LASSALLE, Ferdinand, sozialdemokratischer Politiker, * 11.4. 1825 in Breslau, + 1.8. 1864 (im Duell) in Genf. - »Er war der Sohn eines wohlhabenden Breslauer Kaufmanns, der, aus der äußersten Ecke Oberschlesiens stammend, seinen ursprünglichen Namen erst später mit Lossel, Losel, Lassal (= Loslauer) vertauscht hatte und aus Dürftigkeit und Kulturlosigkeit den üblichen Weg emporstieg, auf dem Breslau die erste große Station war: hier trat man in die Kultur ein, und das war die deutsche Kultur, zugleich in den Staat, und das war der preußische Staat. Wohl bleiben auch in der zweiten Generation gewisse Spuren dieses Ursprungs und Aufstiegs haften, sichtbar noch in dem weltmännischen Gelehrten und Politiker, der seinem Parteigenossen, dem Rheinländer Friedrich Engels, doch immer nur als der `echte Jud von der slawischen Grenze' galt, also als ein Ostjude mit dünnem Kulturfirnis. Aber daß er zum Deutschen mit deutscher Staats- und Kulturgesinnung wurde, macht doch den eigentlichen Inhalt seines Lebens aus, und es ist zu beachten, daß die Art der Anpassung, wie sie sich in L.s Vaterhause vorbereitete, sich in einer schlesisch-preußischen Atmosphäre des Deutschtums vollzog« (Hermann Oncken). Von 1842 bis 1845 studierte L. in Breslau und Berlin Philologie, Geschichte und Philosophie. Besonders beeindruckten und prägten ihn während seiner Studienjahre Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831), der seit 1818 in Berlin wirkte. Die Philosophie Hegels, des bedeutendsten philosophischen Systematikers des 19. Jahrhunderts, die als »absoluter Idealismus« gilt, vermittelte L. alles, dessen er bedurfte: die große Weltansicht, den Sinn von Vergangenheit und Gegenwart, die Erahnung der Zukunft, zudem sämtliche dialektischen Hilfsmittel, um die Fragen seiner Umwelt geistig zu bewältigen. Nicht zuletzt vermittelte sie ihm einen neuen Glauben. Da wissenschaftlich hochbegabt, strebte L. die wissenschaftliche Laufbahn an. 1845 lernte er in Paris die Lehre des französischen Sozialpolitikers Louis Blanc (1815-1882) kennen, der für die Bildung von Arbeiter-Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, die das private Unternehmertum und die freie Konkurrenz überwinden sollten, warb. Stark und nachhaltig beeinflußt wurde er ebenfalls durch den französischen Sozialisten P.J. Proudhon (1809-1865), der 1840 mit der Schrift »Qu'est-ce que la propiété?« hervorgetreten war. In ihr übte er Kritik an der Eigentumsverfassung. Mit dem Satz »Eigentum ist Diebstahl« (La propiété, c'est vol) wird das nicht durch Arbeit entstandene Eigentum verurteilt. Seit 1848 betätigte sich L. als radikaler Demokrat und Mitarbeiter an der von Karl Marx (1818-1883) herausgegebenen »Neuen Rhein. Zeitung«. 1849 wurde er wegen angeblicher Aufreizung gegen die Staatsgewalt zu einer Haftstrafe von 6 Monaten verurteilt. Im Verlauf der 1850er Jahre wirkte er in Berlin als Privatgelehrter und verfaßte philosophische Schriften. Bereits 1846 hatte er die Bekanntschaft der Sophie Gräfin von Hatzfeldt-Trachenberg gemacht. Die Tochter eines preußischen Offiziers und Standesherrn war praktisch gezwungen worden, ihren Vetter Edmund von Hatzfeldt-Wildenburg zu heiraten, dessen Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten sie mehr als 20 Jahre ausgesetzt war. Vor 6 Gerichten führte L. für sie den Scheidungsprozeß sowie die vermögensrechtlichen Auseinandersetzungen. Nach der Scheidung (1851) gelang mit der Rückgabe der Allode an Gräfin Sophie (1854) ein teilweiser Erfolg. Die dankbare »rote Gräfin« setzte L. eine Rente von 7.000 Talern pro Jahr aus, die diesen finanziell unabhängig machte. 1859 wandte L. sich wieder der Politik zu. Seine Schriften »Das Arbeiterprogramm« (1862) und das »Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses« gehören zu den bedeutenden historischen Dokumenten der deutschen Geschichte. Mit dem Arbeiterstand, der lt. L. die Menschheit verkörperte, wurde eine neue Macht wirksam. »Sie sind«, so wandte er sich an die Arbeiterschaft, »in der glücklichen Lage, daß dasjenige, was ihr wahres persönliches Interesse bildet, zusammenfällt mit dem zuckenden Pulsschlag der Geschichte, mit dem treibenden Lebensprinzip der sittlichen Entwicklung.« Die Herrschaft des vierten Standes werde »eine Blüte der Sittlichkeit, der Kultur und Wissenschaft« bewirken. Und dem Staat falle die Aufgabe zu, »diese Entwicklung der Freiheit, diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu vollbringen.« Weltgeist und Arbeiterstand sollten sich auf deutschem Boden die Hand reichen. Von dieser großen Begegnung werde nach L. eine Wirkung ausgehen, vergleichbar der Erschaffung des Lichts in der Weltschöpfung. Dafür fand er die folgenden Worte: »Ein Purpursaum färbt rot und blutig den äußersten Horizont, das neue Licht verbindend, Nebel und Wolken raffen sich auf, ballen sich zusammen und werfen sich dem Morgenrot entgegen, seine Strahlen momentan verhüllend - aber keine Macht der Erde vermag das langsame und majestätische Aufsteigen der Sonne selbst zu hindern, die eine Stunde später aller Welt sichtbar, helle leuchtend und erwärmend am Firmamente steht.« Deutschland und die Welt, so sah es L., erlebten das »imposante Schauspiel eines weltgeschichtlichen Sonnenaufgangs«. Was für eine Aufgabe war dem deutschen Volk gestellt und welch eine Größe den Deutschen prophezeit. Im Februar 1863 forderte ihn in Leipzig ein Komitee auf, für einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß ein Programm zu verfassen. In seinem »Offenen Antwortschreiben« vom 1. März 1863 stellte er sein sozialistisches Programm vor. Ausgehend von der Idee des immerwährenden »ehernen Lohngesetzes«, das nuf den Lohntheorien Ricardos (1772-1823) basierte, forderte er die Beteiligung der Arbeiterschaft an der Produktion sowie den Aufbau von Produktionsassoziationen, außerdem die Aufgabe des Dreiklassenwahlrechts zugunsten des allgemeinen und gleichen Wahlrechts. Am 23. Mai 1863 wurde mit diesem Programm in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet, aus dem die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hervorgehen sollte. Arbeitervereine und -komitees aus Leipzig, Dresden, Hamburg, Harburg, Frankfurt am Main, Mainz, Düsseldorf, Elberfeld, Barmen und Solingen waren in Leipzig vertreten. L. wurde für fünf Jahre zum Präsidenten des Arbeitervereins gewählt. Trotz intensiven Bemühens und unermüdlicher Agitation vermochte er es nicht, erhebliche Teile der Arbeiterschaft zu organisieren. Am 11. Mai und im Juni 1863 trafen Bismarck und L. zu geheimen Gesprächen zusammen. Fünfzehn Jahre später, am 17. September 1878, hat Bismarck die Unterredungen mit L. folgendermaßen geschildert: »Unsere Beziehungen konnten gar nicht die Natur einer politischen Verhandlung haben. Was hätte mir Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. Was er hatte, war etwas, das mich als Privatmann außerordentlich anzog: Er war einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, mit denen ich je verkehrt habe, ein Mann, der ehrgeizig im großen Stil war, durchaus nicht Republikaner; er hatte eine sehr ausgeprägte nationiale und monarchische Gesinnung, seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche Kaisertum, und darin hatten wir einen Berührungepunkt. Lassalle war ehrgeizig im hohen Stil, und ob das deutsche Kaisertum gerade mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle abschließen sollte, das war ihm vielleicht zweifelhaft.« Gelegentlich einer Erholungsreise in die Schweiz trug L. durch den Rumänen Janko von Racovitz infolge eines Eifersuchtsduells wegen Helene von Dönniges am 28. August 1864 so schwere Verletzungen davon, daß er drei Tage später daran verstarb. - L. war vor allem ein außergewöhnlich aktiver Politiker, ein leidenschaftlicher Redner und ein außerordentlich effektiver Agitator und Organisator. Außerdem zeichnete er sich auf dem Gebiet der Geschichts- und Rechtsphilosophie, der politischen Ökonomie und der politischen Wissenschaft aus.

Werke: Briefe an Rodbertus (1878); Briefe an Marx und Engels (1902); Vollständige Gesamtausgabe:, hrsg. von E. Bernstein, 12 Bde.(1919/20); Nachgelassene Briefe und Schriften, hrsg. von G. Mayer, 6 Bde. (1921-1925); G. Mayer, Bismarck und Lassalle. Ihr Briefwechsel und ihre Gespräche (1928).

Lit.: B. Becker, Der große Agitator F.L. Denkschrift für die Todtenfeier des Jahres 1865 (1865); - H. Schulze-Delitzsch, Die Abschaffung des gesellschaftlichen Risikos durch Herrn Lassale. Ein neues Kapitel zum deutschen Arbeiterkatechismus, in: Schriften und Reden, Bd. 2 (1866), 174ff; - B. Becker, Geschichte der Arbeiter-Agitation F.L.s nach authentischen Aktenstücken (1875); - L. Büchner, Meine Begegnung mit F.L. (1894); - G. Mayer, L. als Sozialökonom (1894); - J. Vahlteich, Das Leipziger Zentralkomitee und F.L., in: Die Gründung der deutschen Sozialdemokratie. Festschrift der Leipziger Arbeiter zum 23. Mai 1903 (1903), 14ff; - ders., F.L. und die Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung (1904); - E. Bernstein, F.L. und seine Bedeutung für die Arbeiterklasse (21919); - H. Oncken, Aus dem Streit um L.s Erbe. Zwei Briefe der Gräfin Hatzfeldt aus dem Oktober 1864, in: Archiv für Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewgung, 7 (1916), 95ff; - ders., L., eine politische Biographie (41923); - ders., F.L., in: Meister der Politik, Bd. II (1921), 553-588; - ders., F.L., in: F. Andreae, M. Hippe, O. Schwarzer, H. Wendt (Hrsg.), Schlesier des 19. Jahrhunderts (Schlesische Lebensbilder, Bd. 1), 21985, 102-111; - H. Kelsen, F.L., in: Archiv für Geschichte des Sozialismus, 11 (1925); - H. Ebeling, Der Kampf der Frankfurter Zeitung gegen F.L. und die Gründung einer selbständigen Arbeiterpartei (Beihefte zum Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, H. 4), 1931; - D. Fortman, F.L. (London 1946); - Th. Ramm, F.L. als Rechts- und Sozialphilosoph (1953); - ders., L. und Marx, in: Marximusstudien, 3. Folge (1960), 185-221; - A.K. Worobwoja, Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland und des Kampfes von Karl Marx und Friedrich Engels gegen L. und das Lassalleanertum 1862-1864, in: Aus der Geschichte des Kampfes von Marx und Engels für die proletarische Partei (1961), 235ff; - S. Na'aman, L.s Beziehungen zu Bismarck, in: Archiv fur Sozialgeschichte, Bd. 2 (1962), 5ff; - ders., Die theoretischen Grundlagen der Aktion L.s im Briefwechsel mit Rodbertus, in: International Reviev of Social History, 6 (Amsterdam 1961) 431ff; - H. Hümmler, Opposition gegen L. Die revolutionärsproletarische Opposition im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein 1862/63-1866 (1963); - W. Mommsen, Bismarck und L., in: Archiv für Sozialgeschichte, 3 (1963), 81ff.; - C. Schmid, F.L. und die Politisierung der deutschen Arbeiterbewegung, in: Archiv für Sozialgeschichte, 3 (1963), 5-20; - H. Oncken, L. zwischen Marx und Bismarck (51966); - S. Na'aman, F.L., Deutscher und Jude. Eine sozialgeschichtliche Studie (1968); - ders., L. Eine neue politische Biographie (1970); - S. Na'aman unter Mitwirkung von H.P. Hartstick, Die Konstituierung der deutschen Arbeiterbewegung 1862/63. Darstellung und Dokumentation (Assen, Niederlande 1975); - A.E. Schäffle, Schulze-Delitzsch und L., in: Deutsche Vierteljahrs-Schrift, Nr. 103 (1863), 304-348; - M. Herwegh (Hrsg.), F.L.s Brief an Georg Herwegh. Nebst Briefen der Gräfin Hatzfeldt an Frau Emma Herwegh (Zürich 1896); - H. Weidenhaupt, Gräfin Sophie von Hatzfeldt und F.L., in: Walter Bader (Hrsg.), Schloß Kalkum, Köln 1968.

Konrad Fuchs

Letzte Änderung: 25.11.1998

Letzte Änderung: 25.11.1998