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Band XIV. (1998) Spalten 1181-1185 Autor: Jean Malget

LAURENT, Jean Theodor, Bischof, * 6.7. 1804 in Aachen (D), + 20.2. 1884 in Simpelveld (NL). Seine Eltern Franz L. und Gertrud geb. Schönen lebten in bescheidenem Wohlstand. J.Th besuchte das Gymnasium in Aachen, begann die theologische Ausbildung in Bonn, wo Professor Georg Hermes lehrte, dessen antirömische Einstellung dem Studenten mißfiel. Darum verließ er Bonn. Die Diözese Lüttich inkardinierte ihn. Hier empfing er am 14. März 1829 die Priesterweihe. Bereits in seiner Studienzeit vertiefte L. sich in die Theorien des französischen Politikers und Religionsphilosophen Hugues Félicité Robert de Lamennais (1782-1854) (s. BBKL Bd IV Sp. 1036-1045). Von 1829 bis 1835 war L. Vikar in Heerlen, von 1835 bis 1839 Pfarrer in Gemmenich. Trotz der dortigen, schwierigen Seelsorgsarbeit ließ er sich tiefgreifend in den »Kölner Kirchenstreit« einbinden. Die Freundschaft zum Löwener Universitätsprofessor Karl Möller und zum Brüsseler Nuntius Raffaele Fornari bewirkte für die talentvollen, dynamischen Geistlichen in Rom die Ernennung am 17. September 1839 zum ersten Apostolischen Vikar von Hamburg, Bremen und den Nordischen Missionen, eine römischen Entscheidung, die allerdings nicht zum Tragen kam. Nicht die Schaffung dieses neuen Apostolischen Vikariates wurde abgelehnt, sondern die Person des Neuernannten, weil ihm das Feindbild eines »ultrakatholischen Fanatikers« und eines »Jesuiten aus Belgien« vorausgegangen war. Durch die Revolution von 1830 war dieser junge Staat aus dem Gefüge der protestantischen Niederlanden ausgebrochen. Dafür machte man teilweise die römisch-katholische Kirche mitverantwortlich. Auch war die Befürchtung spürbar, ein Apostolischer Vikar im protestantischen Norden Preußens werde vom Vatikan als Kundschafter und Berichterstatter bis nach Dänemark, Polen und Rußland hinein benutzt. Am 27. Dezember 1839 wurde L. in Lüttich zum Titularbischof von Chersones in partibus infidelium geweiht. Im Frühsommer 1840 war die Nordische Mission gescheitert. Die römische Kurie mußte sich nach einem anderen Kandidaten umsehen und eine weitere Verwendung für L. finden. Unter dem moralischen Druck des Widerstandes der preußischen Regierung bat L. am 15. November 1840 um Enthebung aus dem Amt. Am 1. Dezember 1841 wurde er zum Apostolischen Vikar von Luxemburg ernannt. Diese Ernennung wurde auf ausdrücklichen Wunsch des König-Großherzog Wilhelm II. der Niederlande geheimgehalten. Der Regierung von Luxemburg und deren Staatskanzler gefiel diese Geheimnistuerei keinesfalls. Es mag sein, daß die römische Kurie sich damit einverstanden erklärte, weil der König-Großherzog in diesem Augenblick, wegen des sich bildenden Zollvereins mit Preußen, in Bezug auf die Person L. jedes Bedenken vermeiden wollte. Kurz nach seinem Eintreffen in der Hauptstadt des Großherzogtums, wo L. nach seinen eigenen Aussagen, »wie man es in Rom gewünscht, wie eine Bombe in diese Festung niedergeplatzt war«, prallten die Ansichten des streng römisch denkenden Prälaten und der liberalen, noch aus der Sicht einer josefinisch und napoleonisch geprägten Kirchenpolitik handelnden Regierung zusammen. L. war kein »Diplomat«. Er war ein draufgängerischer Kirchenmann, besorgt um ein seit langem ersehnten und eigenen Priesterseminar, um einen verstärken kirchlichen Einfluß auf das Schulwesen und um ein geregeltes Pfarrsystem. Besonderen Wert legte er auf den engen Kontakt des Hirten mit seiner Herde bei den sich aufdrängenden Visitations- und Firmungsreisen. Vieles wurde in kurzer Zeit erreicht. Die Opposition der Regierung wuchs in gleichem Maß. Die Revolution von 1848 wurde dann ausgenutzt, um dem Bischof falsche Anschuldigungen aufzulasten und um seine Entfernung mit allen Mitteln zu betreiben. Am 1. Mai 1848 verließ L. das Apostolische Vikariat. Am 30. April 1848 hatte er durch einen Hirtenbrief von seiner Herde Abschied genommen. Die Regierung ließ sich trotz aller Rechtfertigungsversuche und mannigfacher Fürsprachen auf kein Einlenken ein. Auch der nachfolgende König Wilhelm III. verwandte sich nicht zu Gunsten von L., der am 2. Juni 1856 auf Bitten des Papstes Pius IX. seinen Rücktritt anbot mit der einzigen Bedingung der Ehrenrettung und der Pensionierung. Im Dezember wurde in der Abgeordnetenkammer in Luxemburg das Pensionsgesetz vorgelegt und genehmigt. Die Ehrenerklärung vom 20. Mai 1856 rehabilitierte den Bischof Am 2. Juni legte der Bi. sein Amt nieder. Am 10. Juli wurde er in den Ruhestand versetzt. Rom setzte in jener Zeit große Hoffnung auf das geplante Konkordat mit der luxemburgischen Regierung, das jedoch nie zustande kam. L. hatte die Genugtuung, den langjährigen Bistumssekretär als Nachfolger zu sehen. Nikolaus Adames verhandelte als Apostolischer Provikar zäh und geduldig mit der Landesregierung nur über den Nuntius in Brüssel. Aus Aachen, wo L. seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, verfolgte dieser das Geschehen in Luxemburg, besonders als im Konsistorium vom 16. März 1863 der Papst seinen Nachfolger zum Bischof von Halikarnaß i.p.i. und zum Apostolischen Vikar von Luxemburg ernannte. Zum 1. Vatikanischen Konzil war Bi. L. zwar eingeladen worden, doch er blieb dem historischen Ereignis in Rom fern, weil er keine Verwirrung unter den Konzilsvätern hervorrufen wollte, indem zwei Bischöfe von Luxemburg dort aufgetreten wären. Er war nichtsdestoweniger ein eifriger Befürworter der Lehre der päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen des Glaubens und der Moral. Durch Breve vom 27. September 1870 wurde das Apostolische Vikariat zum eigenständigen, der Propagandakongregation bis 1908 unterstellten Bistum erhoben, das staatlicherseits erst am 23. Juni 1873 anerkannt wurde. Zur Zeit des »Kulturkampfes« folgte Bi. L. 1879 den ausgewiesenen Schwestern vom Armen Kinde Jesus von Aachen in ihr Kloster »Loreto« bei Simpelveld (NL), wo er als Hausgeistlicher ihr väterlicher Freund und Förderer ihrer Genossenschaft blieb. Er starb am 20. Februar 1884 und fand auf dem Klosterfriedhof seine letzte Ruhestätte.

Werke: Rechtfertigung des Herrn Erzbischofs von Köln gegen die politischen Beschuldigungen des Herrn Ministers von Altenstein. 1838; Des Hl. Petrus von Alkantara goldenes Büchlein von dem Gebete und der Betrachtung. Aachen 1839; Himmelsharfe. Katholisches Kirchenliederbuch, auch zum häuslichen Gebrauch. Luxbg. 1846; Katechismus der Römisch-Katholischen Religion, zunächst für das Apostolische Vikariat Luxemburg. Luxbg 1847-1883; Größerer Katechismus. Luxbg. 1847-1879; Kleiner Katechismus. Luxbg. 1848-1883; Jesus Christus, die Wahrheit, der Weg und das Leben. Kanzelvorträge. Köln 1850; Die zeitlichen Segnungen des Christentums. Kanzelvorträge. Köln 1851; Die hl. Geheimnisse Mariä der jungfräulichen Gottesmutter. 3 Bde Mainz 1856-1870; Les mystères de la s. Vierge Marie, Mère de Dieu. Sermons. 2 vol. Bruxelles 1857; Rede zum 50. Priesterjubiläum des Hochw. Herrn Dr. L.A.J. Nellessen. Aachen 1858; Christologische Predigten. 2 Teile. Mainz 1860; Das hl. Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes übersetzt und erklärt. Ein Handbuch für katholische Laien. Freiburg 1878; Oberhirtliche Aktenstücke 1842-1848; Geistliche Vorträge aus den Jahren 1871 und 1874. 4 Bde. Mskr. ASK.; Sonntäglicher Unterricht über den Katechismus. Neuer Kursus. Bd 1 Mskr. ASK.

Lit.: Georges Hellinghausen, Kampf um die Apostolischen Vikare des Nordens J.Th. Laurent und C.A. Lüpke. Der Hl. Stuhl und die protestantischen Staaten Norddeutschlands und Dänemark um 1840. Pontificia Università Gregoriana. In: Miscellanea Historiae Pontificiae Vol, 53. Roma 1987; - Ders. Eine neue »Arena« für Monsignore Laurent: von der Ernennung nach Hamburg zur Ernennung nach Luxemburg (1840-1842). In: Hémecht Luxbg. 38 (1986) 211-223); - Ders.: 150 Jahre Luxemburger Lokalkirche. Die Kirche Luxemburgs, niederländisches Missionsgebiet? In: Hémecht, Luxbg. 1990, 5-23; - Ders.: Monseigneur Laurent et les constitutions luxembourgeoises. In: LW 1991 No 235; - Ders.: Luxemburger Sozialverkündigung im Umfeld von »Rerum Novarum«. In: Nos Cahiers. Luxbg. 1991; - Ders.: Bi. L. verpaßte Gelegenheit: zur rezenten Neuerrichtung des Erzbistums Hamburg (1995). In: LW Die Warte 1995 No 19; - Wolfgang Seegrün, Das Apostolische Vikariat von Norddeutschland und Dänemark im Übergang von Laurent zu Lüpke (1839-1841). In: ZKG 96 (1985) 34-61; - Robert O.M. Claessen, J.Th. L. Sein politisches, sozialführsorgliches und pastorales Wirken. Dissertation. Bonn 1983; - Joseph Goedert, J.Th. L. In: Biographie nationale. Tome VIII. Luxbg. 1957; - Ders.: Bi. L., eifriger Förderer der Schwestern vom Armen Kinde Jesus. In: Rückblick auf ein Jubeljahr, 100 Jahre Schwestern vom A.K.J. in Echternach. Luxbg. 1958 (Ndr. aus LW Die Warte No 42 1957); - P. Margue, Zum Nachwirken Bi. L. in Luxemburg. In: Mélanges offerts à Joseph Goedert. Luxbg. 1984, 154-164; - Emile Donckel, Die Kirche in Luxemburg von den Anfängen bis zur Gegenwart. Luxbg. 1950; - Ders.: Die Kirchengeschichtsdozenten am Luxemburger Priesterseminar 1845-1965. In: Beilage zum Kirchlichen Anzeiger 1965, 41-56; - Ders.: J.Th. L. und das 1. Vatikanische Konzil. In: Beilage zum Kirchlichen Anzeiger 1965, 56-60; - André Heiderscheid, Aspects de sociologie religieuse du diocèse de Luxembourg, 2 vol. Luxbg. 1961-1962; - Friedrich Rasqué, Te matrem praedicamus. Oktavprediger 1666-1966. Luxbg. 1966; - Fr. Karels, Zum 100. Todestag von Bi. J.Th. L. In: Luxemburger Marienkalender 1984, 154-156; - Paul Weitz, Bi. J.Th. L. starb von hundert Jahren. In: LW 20.2.1984; - Erwin Gatz, Die Bi. der deutschsprachigen Länder. Ein biographisches Lexikon. Berlin 1983, 433-436; - J.P de Valk; - E. Lamberts, Lettres de Francesco Capaccini, agent diplomatique et internonce du Saint-Siège au Royaume Uni des Pays-Bas 1828-1831. Bruxelles-Rome 1983; - Jean Malget, Rom und Luxemburg. Zur Geschichte der päpstlichen Gesandtschaft im Großherzogtum Luxemburg. Francesco Capaccini. In: Hémecht Luxbg. 1992, 543-569; - Fr. Darcis, Ein Pfarrer von Gemmenich wurde Bi. J.Th. L. (1804-1884). In: Im Göhltal 1968, 30-37; - Hildegard Waach, Gerader Weg auf krummen Linien. Weg und Werk der Mutter Gertrud, geborene Gräfin Schaffgotsch. Trier 1968; - (Schwester Gertrud vom Armen Kinde Jesus, geborene Josephine Gräfin Schaffgotsch), Leben und Briefe von J.Th. Laurent, Titularbischof von Chersones, Apostolischer Vikar von Hamburg und Luxemburg, zusammengestellt von seinen Freunden und herausgegeben von Karl Möller, 3 Bde. Trier 1887-1889; - M.R. Vallender (Schwester Joseph a Cruce) J.Th. L., der väterliche Freund und Führer unserer Genossenschaft. 2 Teile Mskr. Simpelveld o.J.; - Kleine Lebensskizze von J.Th. L. hrsg. von den Schwestern vom Armen Kinde Jesus. Simpelveld o.J.; - Zur Erinnerung an den HR. J.Th. L. hrsg. von den Schwestern vom Armen Kinde Jesus. Aachen 1884; - Schwester Matthilde vom Armen Kinde Jesus, Religionsunterricht des Bi. L. Mskr. ASK; - Francis Hierzig, Verhandlungen zur Errichtung eines Priesterseminars in Luxemburg unter dem Apostolischen Vikar J.Th. L. In: Beilage zum Kirchlichen Anzeiger für die die Diözese Luxemburg. Luxbg. 1956, 111-123; - Josef Solzbacher, Bi. L. (1804-1884) als Katechet. In: Zur Geschichte und Kunst im Erzbistum Köln. Düsseldorf 1960, 175-312. Sdr. In: Beilage zum Kirchlichen Anzeiger Luxbg. 1961, 1-21; - W. Kreiten, Eine Episode aus Bi. L. Leben. In: Stimmen aus Maria-Laach, 1885, 25-39; - J.Th. L. 1804-1884, Titularbischof von Chersones, Apostolischer Vikar von Hamburg und Luxemburg. In: Historisch-politische Blätter, 1887; - O. Foesser, J.Th. L., Apostolischer Vikar von Hamburg und Luxemburg und seine Verdienste um die katholische Kirche in Deutschland. Frankfurt 1891; - Fr. Keinemann, Die Ausweisung des Titularbischofs J.Th. L. aus Aachen 1840. In: ZAGV 82 (1972) 69-75; - Johannes Schuth, Der Koblenzer katholische Kreis und der Koblenzer Klerus in ihrem gegenseitigen Verhältnis. In: AmrhKG 1950, 321-323; - Victor Conzemius, Kirchengeschichte und Religionssoziologie. In: AmrhKG 1965, 192-209; - W. Nicolay, J.Th. L. In: St. Ansgar Glaubenswerk, Leverkusen 1954; - Albert Heinen, J.Th. L., erster Apostolischer Vikar von Luxemburg und seine Beziehungen zu Marnach. In: Letzebuerger Sonndesblad 1955; - Fr. Lauchart, L. In: ADB 51 (1906); - LThK 6 (1934); - LThK 6 (1961); - Wetzer-Welte KL 7 (1891) 1518-1523; - R.O.M Claessen, NDB 13 (1982) 721-722.

Jean Malget

Letzte Änderung: 25.11.1998