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Band IV (1992) Spalten 1335-1341 Autor: Barbara Wolf-Dahm

LEDOCHOWSKI (Halka-Ledóchowski), Mieczyslaw, Titularerzbischof seit 1861, Erzbischof von Gnesen-Posen 1866-1886, Kardinal seit 1875, * 29.10. 1822 in Górki/Kongreßpolen in der Diözese Sandomierz als Sohn des in Staatsdiensten stehenden Grafen Josef Zacharias L. und seiner Gemahlin Maria Rosalia geb. Zakrzewski, + 22.7. 1902 in Rom, 1927 nach Polen überführt und in der Kathedrale zu Gnesen beigesetzt. - L., der einem alten einflußreichen Adelsgeschlecht entstammte, wurde zunächst von Privatlehrern unterrichtet, dann an den Gymnasien von Radom (1834-1840) und Warschau (1840/41) weitergebildet, bevor er dort 1841 in das von Lazaristen geleitete Klerikalseminar eintrat. Nach dem Empfang der niederen Weihen setzte er seine theologischen Studien in Rom fort, wo ihm seine Mutter den Zugang zur Accademia de' Nobili sowie zum Collegium Romanum ermöglichte. In rascher Folge erwarb der Student das Bakkalaureat (1844), das Lizentiat der Theologie (1845) sowie die Doppelpromotion zum Doktor der Theologie und zum Doktor beider Rechte (1847). Am 13.7. 1845 empfing er in Rom die Priesterweihe. Nach kurzer Tätigkeit im Erziehungswesen wandte sich L. dem diplomatischen Dienst des Vatikans zu, der sein weiteres Leben prägen sollte. Als päpstlicher Geheimkämmerer (seit 1850) führte ihn seine erste Mission nach Spanien, wo er den designierten Kardinälen von Toledo und Sevilla das Kardinalsbirett überreichte. Nach einer vorübergehenden Beschäftigung im Sekretariat der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten betraute ihn der Apostolische Stuhl 1852 erneut mit einer Aufgabe auf der Iberischen Halbinsel, der des Auditors an der Nuntiatur in Lissabon, wo er vier Jahre blieb. 1856 wurde L. zum päpstlichen Hausprälaten erhoben und als Apostolischer Delegat für die Länder Neu Granada (Kolumbien), Bolivien, Ecuador, Peru und Venezuela nach Übersee entsandt (17.6. 1856). Wachsende Spannungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Regierung von Neu Granada gipfelten am 25.7. 1861 in der Ausweisung des päpstlichen Delegaten, welcher daraufhin auf die belgische Nuntiatur nach Brüssel versetzt (30.9. 1861) und zum Erzbischof von Thebae i.p.i. bestellt wurde (Konsekration am 3.11. 1861 durch Kardinal Camillo di Pietro). Sein privater Vermittlungsversuch zwischen der russischen Regierung und den polnischen Katholiken im Vorfeld des Aufstands von 1863 schlug zwar fehl, lenkte jedoch die Aufmerksamkeit der Kurie auf die polnisch-kirchlichen Verhältnisse, insbesondere auf die anstehende Nachfolge des greisen Erzbischofs von Gnesen-Posen, Przyluski. In den Verhandlungen mit der preußischen Regierung brachte der Heilige Stuhl L. als Koadjutor des Metropoliten ins Gespräch, konnte ihn jedoch gegen den Widerstand des Oberpräsidenten der Provinz Posen, Karl von Horn, nicht durchsetzen. Erst nach dem Tod Przyluskis (12.3. 1865) gab die preußische Regierung nach (Kabinettsordre König Wilhelms I. vom 7.12. 1865), und die Domkapitel von Gnesen und Posen, deren Vorschlagsliste L. nicht enthalten hatte, sahen sich (auch infolge der Intervention hoher Kurienkleriker) gezwungen, L. am 16.12. 1865 per acclamationem zum Erzbischof zu wählen. Am 6.1. 1866 erfolgte die Bestätigung, zwei Tage später die Präkonisation des neuen Oberhirten durch Papst Pius IX. L.s Abreise aus Brüssel verzögerte sich infolge des Ablebens des belgischen Königs Leopold I. bis zum Frühjahr 1866. Über Rom und Berlin gelangte er schließlich in seinen neuen Sprengel, wo er am 24.4. 1866 vom Erzbistum Gnesen und Posen Besitz ergriff. In den ersten Jahren seiner Amtszeit erfüllte L. die in ihn gesetzten Erwartungen. In dem Maße wie er die Sympathie der preußischen Behörden gewann - am 9.1. 1868 wurde ihm der Rote Adlerorden Erster Klasse verliehen -, verlor er bei seinen polnischen Diözesanen an Ansehen. Zusammenfassend läßt sich die Haltung des Metropoliten als konservativ-loyal gegenüber der preußischen Regierung und indifferent-distanziert gegenüber der polnischen Nationalbewegung charakterisieren. So verbot er nationalkirchliche Gesänge und Andachten (1866/69), untersagte dem Klerus jegliches politisches Engagement (1866/67), behinderte die Aktivitäten der polnisch-katholischen Presse (1867/72) und unterdrückte den Gebrauch des Polnischen als Unterrichtssprache im Posener Priesterseminar (wo seit 1867 die Vorlesungen in Lateinisch abgehalten wurden) sowie in den oberen Gymnasialklassen (seit Februar 1873 Deutsch als Unterrichtssprache). Dementsprechend mieden die polnischen Intellektuellen, z.B. die Gesellschaft der Wissenschaftsfreunde, den Erzbischof weitestgehend, dem sie vorwarfen, in jeder seiner Adern fließe römisches Blut, und er habe nichts Polnisches an sich. In pastoraler Hinsicht erwies sich L. dagegen als umsichtiger Oberhirte. Er begab sich wiederholt auf Visitationsreisen durch seinen Sprengel, belebte die Dekanatskonferenzen sowie die jährlichen Synoden aller Dekane mit dem Erzbischof neu und führte ein regelmäßig erscheinendes kirchliches Amtsblatt ein. Einen gewissen Wendepunkt in L.s Episkopat markierte das Erste Vatikanische Konzil (1870), auf dem er im Gegensatz zu den meisten deutschen Bischöfen das Unfehlbarkeitsdogma befürwortete. Auch zog er sich den Unmut der preußischen Regierung zu, weil er die Konzilsdokumente als "Primas Poloniae" unterzeichnete. Vergeblich bemühte sich L. nach dem Zusammenbruch des Kirchenstaates um eine Intervention Preußens zugunsten Pius' IX. bei der italienischen Regierung bzw. um preußisches Asyl für den Papst. Während des Kulturkampfs trat L. nach anfänglichen Konzessionen in entschiedenen Widerstand zur Regierungspolitik. Gegen ihn verhängte Strafen wegen Mißachtung der "Maigesetze" (27.9. 1873 Temporaliensperre; Pfändung des Privatvermögens) kulminierten in seiner Verhaftung (3.2. 1874) und Absetzung durch den Staatsgerichtshof (15.4. 1874). Auch die Priesterseminare in Posen (23.8. 1873) und Gnesen (11.4. 1875) wurden geschlossen. Im Gefängnis von Ostrowo wurde L. die Berufung ins Kardinalskollegium zuteil (15.7. 1875). Am 3.2. 1876 unter Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft aus der Haft entlassen, konnte L. über Berlin, Prag, Krakau und Wien nach Rom reisen, wo er am 3.3. desselben Jahres eintraf. Allerdings verfolgte ihn die preußische Regierung weiterhin strafrechtlich, weil er nicht bereit war, auf die Ausübung seiner erzbischöflichen Rechte in Gnesen-Posen zu verzichten, so daß er seinen Wohnsitz in den Vatikan verlegen mußte, um einer Auslieferung durch die italienischen Behörden zu entgehen. Ein Jahrzehnt lang blieb die Verwaltung der Erzdiözese Gnesen-Posen in einem Schwebezustand; L. beauftragte die Geheimdelegaten Kozmian (bis 19.11. 1877) und Maryański mit der Ausübung der Jurisdiktion. Er selbst stieg binnen weniger Jahre zu einem der einflußreichsten Kurienkardinäle auf: seit 1877 Mitglied der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten; 1883 Sekretär der Memorialen; 1885 Sekretär der Breven. Im Zuge der Beilegung des Kulturkampfs konnte Leo XIII. L. dazu bewegen, am 2.2. 1886 auf das Erzbistum Gnesen-Posen zu resignieren und den Weg für den ersten Metropoliten deutscher Herkunft, Julius Dinder, frei zu machen. Dabei setzte sich L. jedoch dafür ein, daß der nächste Erzbischof von Gnesen-Posen wieder ein Pole sein sollte, was 1891 mit Florian Oksza Stablewski auch realisiert wurde. Seit den Kulturkampfereignissen galt L. in der polnischen Öffentlichkeit als Märtyrer und Held der nationalpolnischen Sache, obgleich er lediglich zu konservativen Kreisen Kontakte pflegte und unter Reichskanzler Caprivi sogar wieder ein leidlich gutes Verhältnis zu den Regierungsbehörden in Berlin gewann. In seinen letzten Lebensjahren warf L. seinen politischen Einfluß in die Waagschale, um die Lage der polnischen Katholiken unter zaristischem Einfluß zu verbessern. Als Präfekt der Propagandakongregation (seit 26.1. 1892) sollte er zu einem Ausgleich mit Rußland kommen und die Union mit der russisch-orthodoxen Kirche vorantreiben. Indem er jedoch eine österreichisch-deutschfreundliche Linie vertrat und sich nach dem Tod des Wiener Nuntius Galimbierti 1896 zum Sachwalter der Interessen der Habsburgermonarchie an der Kurie aufschwang, entfremdete er sich Leo XIII. ebenso wie dessen Kardinalstaatssekretär Rampolla, der sich um die Verständigung mit Rußland und Frankreich bemühte. In der Verwaltung der Propagandakongregation führte L. einige der Rationalisierung und Modernisierung dienenden Maßnahmen ein, so z.B. 1893 die Protokollbücher zur Archivierung. Die sterblichen Überreste des am 22.7. 1902 in Rom verstorbenen polnischen Kirchenfürsten wurden in der Zwischenkriegszeit in seine Heimat überführt und am 26.9. 1927 in der Kathedrale zu Gnesen beigesetzt. - Unter den Päpsten Pius IX. und Leo XIII. zählte L. zu den bedeutendsten Diplomaten des Heiligen Stuhls, wenn auch nicht immer mit glücklicher Hand. Das Amt des Erzbischofs von Gnesen-Posen übernahm er nur widerstrebend. Seinem Wesen nach zu loyalem Einvernehmen mit den Staatsbehörden neigend, drängte ihn seine Verwicklung in den Kulturkampf in die Rolle des Märtyrers der national-religiösen Interessen Polens. Diese ihm nicht ganz gerecht werdende Position nimmt der Kirchenfürst im Gedächtnis der Polen noch immer ein.

Lit.: J. Ograbiszewski, Miecislaus Halka Graf L., Erzbisch. v. Gnesen-Posen, 1882; - M. Czermiński, Zyciorys kard. L., prefekta Propagandy, 1902/03; - Bogislav v. Selchow, Der Kampf um das Posener Erzbistum 1865. Graf L. und Oberpräsident v. Horn. Ein Vorspiel zum Kulturkampf, 1923; - Witold Klimkiewicz, Kard. L. na tle swej epoki 1822-1902, 2 Bde., 1938/39; - Ders., Mlodość, kaplaństwo i dzialalność dyplomatyczna ks. M. L., 1939; - Alfons Schletz, Studia kard. L. w seminarium świetokrzyskim w Warszawie (1841-43), in: Nasza Przeszlość 2, 1947, 245-253; - Eduard Winter, Rußland und die slavischen Völker in der Diplomatie des Vatikans 1878-1903, 1950; - Friedrich Engel-Janosi, Austria and the conclave of 1878, in: CHR 39, 1953, 142-166; - Ders., Österreich und der Vatikan 1846-1918, Bd. 1, 1958; - Alois Simon, Signification politique de la nonciature de Bruxelles (1835-1885), in: Bulletin de I'lnstitut Historique Belge de Rome 38, 1961, 617-648; - Siegfried Baske, Praxis und Prinzipien der preußischen Polenpolitik vom Beginn der Reaktionszeit bis zur Gründung des Deutschen Reiches, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 9, 1963, 7-268; - Józef Nowacki, Dzieje archidiecezji poznańskiej, Bd. 2, 1964; - Zygmunt Zieliński, Tajna administracja archiediecezji gnieźnieńskiej w czasie kulturkampfu 1874-1886, in: Nasza Przeszlość 24, 1966, 243-257; - Ders., Wykonanie ustawy sejmu pruskiego z 11 V 1873 r. o ksztalceniu i zatrudnieniu duchowieństwa na terenie archidiecezji gnieźnieńskiej i poznańskiej 1873-1887, in: Studia Historyczne, hrsg. v. M. Zywczyński/Z. Zieliński, 1968, 7-172; - Henri Fassbender, Intervention de L., nonce à Bruxelles, en faveur de l'église de Pologne (juin 1862), in: Archivum Historiae Pontificiae 7, 1969, 379-399; - Christoph Weber, Quellen und Studien zur Kurie und zur vatikanischen Politik unter Leo XIII. Mit Berücksichtigung der Beziehungen des Heiligen Stuhles zu den Dreibundmächten, 1973; - Ders., Kardinäle und Prälaten in den letzten Jahrzehnten des Kirchenstaates. Elite-Rekrutierung, Karriere-Muster und soziale Zusammensetzung der kurialen Führungsschicht zur Zeit Pius' IX. (1846-1878), 2 Bde., 1978; - Josef Metzler, Präfekten und Sekretäre der Kongregation im Zeitalter der neueren Missionsära (1818-1918), in: Sacrae Congregationis De Propaganda Fide Memoria Rerum 1622-1972, hrsg. v. J. Metzler, Bd. III/1, 1975, 30-66, hier 51 f.; - Erwin Gatz (Bearb.), Akten zur preußischen Kirchenpolitik in den Bistümern Gnesen-Posen, Kulm und Ermland 1885-1914, 1977; - allg. Darstellungen zum Kulturkampf; - Enciclopedia Cattolica VII, 1016 f.; - RGG IV, 261; - LThK VI, 873; - Wielka Encyklopedia Powszechna VI, 422; - New Catholic Encyclopedia VIII, 601 f.; - Polski Slownik Biograficzny XVI, 626-628 (ausführlichste Biogr. mit Quellen- u. Lit.-Verz.); - Historia Kościola w Polsce, hrsg. v. Boleslaw Kumor/Zdzislaw Obertyński II/1, bes. 378-395, 511-562; - Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803-1945. Ein biogr. Lexikon, hrsg. v. Erwin Gatz, 1983, 437-440 (ausführlichste dt. Biogr.); - HdKG VI/2, 183-187; - Histoire religieuse de la Pologne, hrsg. v. Jerzy Kloczowski, 351-428, bes. 404, 426.

Barbara Wolf-Dahm

Letzte Änderung: 22.12.2009