LEONHARD (franz. Léonard, Lienard), Einsiedler, Heiliger, im 6. Jahrhundert
im heutigen St.-Léonard-de-Noblat bei Limoges lebend, angebliches
Sterbedatum 6.11. 559, heutige Gedächtnisfeier 6. November. -
Kult und Geschichte des Heiligen tauchen erst im 11. Jahrhundert auf.
Der Benediktinermönch Ademar von Chabannes schrieb 1028, daß Leonhard
als Wundertäter im Gebiet von Limoges gewirkt habe und vom Volk hoch
verehrt werde. Die aus der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts stammende
Vita wurde von dem Kleriker Ildegarius von Limoges geschrieben
und trägt stark legendäre Züge, die auch für andere Heilige und Klostergründer
gelten können. Lokale Verehrung mit dem Zentrum im Kloster Noblac,
dem Sitz einer Klostergemeinschaft mit Augustinusregel, sollte durch
literarische Propaganda unterstützt werden. Diese Vita gab als zeitliche
Einordnung die Zeit des oströmischen Kaisers Anastasius (491-518)
und die Regierungszeit des Frankenkönigs Chlodwig (481-511) an. Der
Legende nach entstammte Leonhard einer vornehmen Familie am Hofe Chlodwigs
und Bischof Remigius von Reims (+ 533) sei sein Lehrer geworden.
Als Schüler dieses Bischofs habe er sich besonders der Gefangenen
angenommen und vom König weitgehende Vollmachten zur Gefangenenbefreiung
erhalten. Der König habe ihn auch als Bischof gewollt, Gottes Heiliger
Geist habe ihn aber in die Einsamkeit geführt, zuerst nach Orleans
und dann in den königlichen Wald bei Limoges. Auf dem vom König geschenkten
Stück Land, »Nobiliacum«, habe er ein Oratorium zu Ehren der Gottesmutter
erbaut und darin zu Ehren des hl. Remigius einen Altar aufgestellt.
Zwei Mönche sollen ihm in die Einsamkeit gefolgt sein und sein Ruf
sei schon zu Lebzeiten weit über den Königswald gedrungen. Ganz Aquitanien,
Britannien und auch Germanien verehrten den als Gefangenenbefreier
berühmt gewordenen Heiligen. Zahlreiche Vornehme seien ebenfalls in
die Einsamkeit gezogen und so habe sich ein bevölkertes Kloster entwickelt
mit Leonhard als Abt. Der Lokalheilige des Klosters Noblac erhielt
durch die Vita aus dem 11. Jh. seine Geschichte. Seine Gebeine wurden
erstmals im 11. Jh. erhoben, erneut 1226 und 1738. Partikel gibt es
seither an vielen Orten. Zur Ehre eines Patrons der Gefangenen dürfte
eine volksetymologische Auslegung von franz. lien (= Bande, Fessel)
beigetragen haben. Aussagen entsprechend sorgte er sich um die Gefangenen,
besuchte sie und trachtete danach, ihr Los zu erleichtern. Nach der
Entlassung ließ er sie die Klosterländereien roden und bebauen, um
sie vor lasterhaftem Leben und Rückfall zu bewahren. Dem Heiligen
als Löser feindlicher Ketten sind Kirchen geweiht, die entweder au-ßen
häufig mit großen Ketten umspannt sind (Kettenkirche) oder innen mit
Ketten als Votivgaben ehemaliger Gefangener geschmückt sind. Ob solcher
Brauch auf vorchristliche Ursprünge zurückgeht, wonach germanische
Opferstätten gegen dämonische Einflüsse mit einer Kette oder Schnur
umspannt wurden, kann nur vermutet werden. - Der lokale Kult des
hl. Leonhard verbreitete sich gegen Ende des 11. Jh.s auch in Deutschland;
bes. in Österreich, Bayern und Schwaben wurde er zu einem der beliebtesten
Volksheiligen, der zuweilen sogar den Vierzehn Nothelfern beigezählt
wird. Ursprünglich Patron der Gefangenen, wird er schließlich zum
Schutzherrn aller Bauernanliegen, der Wöchnerinnen und Kranken und
vieler Berufsgruppen, so der Bergleute, Böttcher, Butterhändler, Fuhrleute,
Hammer- und Kupferschmiede, Kohlen- und Lastenträger, Obsthändler,
Schlosser, Schmiede und Stallknechte und auch noch des Viehs, insbesondere
der Pferde. Sein Patronat wurde durch ein reiches Brauchtum ausgeweitet
wie Leonardi-Fahrten und Leonardi-Ritte mit Pferdesegnung, Darbringen
von eisernen Tierfiguren als Votivgaben, Heben von Leonardi-Klötzen
oder Leonardi-Nägeln als Kraftprobe u.a. Dargestellt wird er in schwarzer
Mönchskutte mit Kette und Abtstab, als Gefangenenbefreier aus dem
Block oder Gefangene an der Kette haltend, Ochsen und Pferde neben
ihm. Ein Heiliger mit großem »Zuständigkeitsbereich«.
Lit.: MGSS rer. Mer. III, 394-399; - F. Arbellot,
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139-209; - G. Schierghofer, Altbayerns Umritte und Leonardifahrten,
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manuscrits des bibliothèques publiques de France, Bd. III, Paris 1924,
381 (Reg.); - Ders., Les Pontificaux des bibliothèques publiques
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Wien 1928; - W. Hay, Volkstümliche Heiligentage, Trier 1932, 264-269;
- R. Hindringer, Weiheroß und Roßweihe, München 1932, 142-156
u.ö.; - Zimmermann III, 268 f.; - VSB XI, 192-198; -
G. Bossert, Leonhardskult in Württemberg, in: Zeitschr. für Württemberg.
Landesgeschichte 3 (Stuttgart 1939) 74-101; - Braun, 459-462;
- J. Dünninger, Viehhelferpatronat, in: MThZ 1 (1950) 51-54; -
L. Schmidt (Hrsg.), Kultur und Volk, Festschrift f. G. Gugitz, 1954;
- Rèau III/2, 799-802; - R. Krin u. L. Kriss-Rettenbeck, Eisenopfer,
1957; - C. Böhne, in: Bayer. Jahrbuch für Volkskunde (1959) 41-46;
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Karl Mühlek
Literaturnachträge:
1986
Karl Böck, Menschen und Heilige. 2. Aufl. Donauwörth 1986, S. 459-461.
Letzte Änderung: 09.04.2011