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Band IV (1992) Spalten 1488-1490 Autor: Karl Mühlek

LEONHARD (franz. Léonard, Lienard), Einsiedler, Heiliger, im 6. Jahrhundert im heutigen St.-Léonard-de-Noblat bei Limoges lebend, angebliches Sterbedatum 6.11. 559, heutige Gedächtnisfeier 6. November. - Kult und Geschichte des Heiligen tauchen erst im 11. Jahrhundert auf. Der Benediktinermönch Ademar von Chabannes schrieb 1028, daß Leonhard als Wundertäter im Gebiet von Limoges gewirkt habe und vom Volk hoch verehrt werde. Die aus der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts stammende Vita wurde von dem Kleriker Ildegarius von Limoges geschrieben und trägt stark legendäre Züge, die auch für andere Heilige und Klostergründer gelten können. Lokale Verehrung mit dem Zentrum im Kloster Noblac, dem Sitz einer Klostergemeinschaft mit Augustinusregel, sollte durch literarische Propaganda unterstützt werden. Diese Vita gab als zeitliche Einordnung die Zeit des oströmischen Kaisers Anastasius (491-518) und die Regierungszeit des Frankenkönigs Chlodwig (481-511) an. Der Legende nach entstammte Leonhard einer vornehmen Familie am Hofe Chlodwigs und Bischof Remigius von Reims (+ 533) sei sein Lehrer geworden. Als Schüler dieses Bischofs habe er sich besonders der Gefangenen angenommen und vom König weitgehende Vollmachten zur Gefangenenbefreiung erhalten. Der König habe ihn auch als Bischof gewollt, Gottes Heiliger Geist habe ihn aber in die Einsamkeit geführt, zuerst nach Orleans und dann in den königlichen Wald bei Limoges. Auf dem vom König geschenkten Stück Land, »Nobiliacum«, habe er ein Oratorium zu Ehren der Gottesmutter erbaut und darin zu Ehren des hl. Remigius einen Altar aufgestellt. Zwei Mönche sollen ihm in die Einsamkeit gefolgt sein und sein Ruf sei schon zu Lebzeiten weit über den Königswald gedrungen. Ganz Aquitanien, Britannien und auch Germanien verehrten den als Gefangenenbefreier berühmt gewordenen Heiligen. Zahlreiche Vornehme seien ebenfalls in die Einsamkeit gezogen und so habe sich ein bevölkertes Kloster entwickelt mit Leonhard als Abt. Der Lokalheilige des Klosters Noblac erhielt durch die Vita aus dem 11. Jh. seine Geschichte. Seine Gebeine wurden erstmals im 11. Jh. erhoben, erneut 1226 und 1738. Partikel gibt es seither an vielen Orten. Zur Ehre eines Patrons der Gefangenen dürfte eine volksetymologische Auslegung von franz. lien (= Bande, Fessel) beigetragen haben. Aussagen entsprechend sorgte er sich um die Gefangenen, besuchte sie und trachtete danach, ihr Los zu erleichtern. Nach der Entlassung ließ er sie die Klosterländereien roden und bebauen, um sie vor lasterhaftem Leben und Rückfall zu bewahren. Dem Heiligen als Löser feindlicher Ketten sind Kirchen geweiht, die entweder au-ßen häufig mit großen Ketten umspannt sind (Kettenkirche) oder innen mit Ketten als Votivgaben ehemaliger Gefangener geschmückt sind. Ob solcher Brauch auf vorchristliche Ursprünge zurückgeht, wonach germanische Opferstätten gegen dämonische Einflüsse mit einer Kette oder Schnur umspannt wurden, kann nur vermutet werden. - Der lokale Kult des hl. Leonhard verbreitete sich gegen Ende des 11. Jh.s auch in Deutschland; bes. in Österreich, Bayern und Schwaben wurde er zu einem der beliebtesten Volksheiligen, der zuweilen sogar den Vierzehn Nothelfern beigezählt wird. Ursprünglich Patron der Gefangenen, wird er schließlich zum Schutzherrn aller Bauernanliegen, der Wöchnerinnen und Kranken und vieler Berufsgruppen, so der Bergleute, Böttcher, Butterhändler, Fuhrleute, Hammer- und Kupferschmiede, Kohlen- und Lastenträger, Obsthändler, Schlosser, Schmiede und Stallknechte und auch noch des Viehs, insbesondere der Pferde. Sein Patronat wurde durch ein reiches Brauchtum ausgeweitet wie Leonardi-Fahrten und Leonardi-Ritte mit Pferdesegnung, Darbringen von eisernen Tierfiguren als Votivgaben, Heben von Leonardi-Klötzen oder Leonardi-Nägeln als Kraftprobe u.a. Dargestellt wird er in schwarzer Mönchskutte mit Kette und Abtstab, als Gefangenenbefreier aus dem Block oder Gefangene an der Kette haltend, Ochsen und Pferde neben ihm. Ein Heiliger mit großem »Zuständigkeitsbereich«.

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Lit.: MGSS rer. Mer. III, 394-399; - F. Arbellot, Vie de St. Léonard..., Paris 1863; - Ademar v. Chabannes, MPL CIXL, 69; - BHL, 4862-4879; - R. Andree, Votive und Weihegaben..., Braunschweig 1904, 39-65, 70-76, 100-106; - AS Nov. III, 1910, 139-209; - G. Schierghofer, Altbayerns Umritte und Leonardifahrten, München 1913; - V. Leroquais, Les Sacramentaires et les Missels manuscrits des bibliothèques publiques de France, Bd. III, Paris 1924, 381 (Reg.); - Ders., Les Pontificaux des bibliothèques publiques de France, Bd. V, Paris 1937, 172 (Reg.); - Bächtold-Stäubli V, 1215-1219; - J. A. Aich, Leonhard, der große Patron des Volkes, Wien 1928; - W. Hay, Volkstümliche Heiligentage, Trier 1932, 264-269; - R. Hindringer, Weiheroß und Roßweihe, München 1932, 142-156 u.ö.; - Zimmermann III, 268 f.; - VSB XI, 192-198; - G. Bossert, Leonhardskult in Württemberg, in: Zeitschr. für Württemberg. Landesgeschichte 3 (Stuttgart 1939) 74-101; - Braun, 459-462; - J. Dünninger, Viehhelferpatronat, in: MThZ 1 (1950) 51-54; - L. Schmidt (Hrsg.), Kultur und Volk, Festschrift f. G. Gugitz, 1954; - Rèau III/2, 799-802; - R. Krin u. L. Kriss-Rettenbeck, Eisenopfer, 1957; - C. Böhne, in: Bayer. Jahrbuch für Volkskunde (1959) 41-46; - G. Schreiber (Hrsg.), Die Vierzehn Nothelfer in Volksfrömmigkeit und Sakralkultur, Innsbruck 1959, 25, 27, 114 u.ö.; - P. Manns (Hrsg.), Die Heiligen, Mainz 1975, 220-222; - K. Böck, Menschen und Heilige, Donauwörth 19862, 459-461; - Meyer VII, 1939, 448; - Herder V, 1954, 1218; - RGG IV, 1960, 322 f.; - LThK VI, 1961, 965 f.; - Brockhaus XI, 1970; - Lexikon der Heiligen und Päpste, 1980, 25; - Lexikon der Namen und Heiligen, 1988, 514 f.

Karl Mühlek

Literaturnachträge:

1986

Karl Böck, Menschen und Heilige. 2. Aufl. Donauwörth 1986, S. 459-461.

Letzte Änderung: 09.04.2011