|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
LEOPOLD I., römischer König, deutscher Kaiser, * 9.6. 1640 Wien, † 5.5. 1705 Wien. - 2. Sohn Kaiser Ferdinands III. und der spanischen Infantin Maria Anna (1606-46); verheiratet mit Margareta Theresia von Spanien (1666), Claudia Felicitas von Tirol (1673) und Eleonore von Pfalz-Neuburg (1676). - Ursprünglich für die geistliche Laufbahn bestimmt, wurde L. durch Jesuiten im Sinne der gegenreformatorischen und barockkatholischen Familientradition des Hauses Habsburg erzogen, in L. erzielte »gegenreformatorischer Geist einen letzten Kulminationspunkt« (V. Press). Infolge des frühen Todes seines älteren Bruders Ferdinand IV. mußte L. 1654 die Erbnachfolge in Österreich antreten; 1655 in Ungarn, 1656 in Böhmen zum König gekrönt, gestaltete sich die Nachfolge im Reich nach dem Tod des Vaters (1657) sehr viel schwieriger, weil sich Frankreich und Kurmainz dagegen stemmten. 1658 schließlich gewählt, stand seine 47jährige Regierungszeit im Zeichen des Aufschwungs Österreichs zur Großmacht, erkämpft in der ersten Zweifrontenkonstellation der deutschen Geschichte gegen das Osmanische Reich im Südosten und das Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Westen. Der Ansturm der Türken konnte 1664 bei Mogersdorf und 1683 vor Wien nur durch eine europäische Koalition gegen den Islam (Polenkönig Johann Sobieski) zurückgeschlagen werden. Im Gegenzug eroberten die Österreicher nicht nur den von den Türken besetzten Teil Ungarns (1686 fiel Buda), sondern auch Slawonien und Siebenbürgen (1699 Friede von Karlowitz), wodurch das Fundament zur habsburgischen Donaumonarchie gelegt wurde. Den militärischen Ambitionen, die seit 1683 durch Prinz Eugen von Savoyen mitgestaltet wurden, korrespondierte ein politischer Absolutismus, der sich gegen die rebellierenden ungarischen Stände und gegen den Protestantismus richtete und zu schärfsten Verfolgungen in der sogenannten Trauerdekade (1671-1681) führte. Die dadurch befestigte Opposition unter dem »Kuruzzenkönig« Imre Gf. Thököly und die drohende Allianz der Ungarn mit den Türken erreichte ein Nachgeben L.s, die Sistierung seiner Germanisierungspolitik, die Restitution der ständischen Verfassung und 1681 sogar eine beschränkte religiöse Freiheit zugunsten der Protestanten in bestimmten gesetzlich festgelegten Orten (Artikulargemeinden). Diese Krisensituation nutzte der türkische Großwesir Kara Mustafa zur erwähnten Offensive gegen Habsburg, in deren Folge es zur Belagerung Wiens (1683) kam. - Das Türkenjahr 1683 bedeutete indes die militärische und politische Wende, es produzierte eine gesamteuropäische Allianz unter maßgeblicher Beteiligung des Papstes Innozenz VIII. gegen den Erzfeind der Christenheit. Aus diesem Krieg ging L. gestärkt hervor, er erreichte auch in Ungarn trotz anfänglicher schroff gegenreformatorischer Maßnahmen seines Statthalters ein Einlenken des Adels und eine Stärkung des Königtums, das 1687/88 auf dem Reichstag in Preßburg bestätigt wurde und in der 1687 vollzogenen Krönung des Erzherzogs Joseph Ausdruck fand. Im Westen sah sich L. mit einer französischen Expansionspolitik konfrontiert, die sich zunächst gegen die spanischen Niederlande (1667/68, 1672-79), sodann aber gegen das Reich (Annexion Straßburgs 1681, Pfälzischer Krieg 1688-1697) richtete und zu einer Kette von Kriegen führte, in deren Verlauf es zur Okkupation des Rheinlandes durch Ludwig XIV. und zur Verwüstung der Pfalz kam. Der Friede von Rijswijk 1697 bedeutete nur eine »Atempause« vor dem spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713/14), er enthielt gleichwohl eine zwischen Frankreich und Österreich akkordierte Konfessionsklausel zugunsten der von den Franzosen restituierten katholischen Religion in den rechtsrheinischen Gebieten. Der Krieg um das spanische Erbe zwischen L. und dem verschwägerten französischen Sonnenkönig entwickelte sich zum ersten Weltkrieg der Neuzeit, der in Italien, am Rhein und in den Niederlanden, in Spanien und in den Kolonien in Übersee geführt wurde. Hier zeigte L. durch das Bündnis mit den protestantischen Seemächten England und Niederlande, daß die konfessionellen Gesichtspunkte den machtpolitischen nachgeordnet wurden. - Der kunstsinnige und polyglotte L., der als bedeutender Musikliebhaber und Komponist gilt (neben 155 weltlichen sind 79 kirchenmusikalische Werke überliefert), förderte den Ausbau des barocken Wiens, engagierte sich für die Wissenschaften (Universitätsgründungen in Innsbruck, Olmütz und Breslau), insbesondere durch die Berufung der sogenannten österreichischen Kameralisten Hörnigk, Schröder und Becher. Die Dreifaltigkeitssäule auf dem Wiener Graben dokumentiert nicht nur barocke Herrscherpracht, sondern zeigt den betenden L., dessen ausgeprägte katholische Frömmigkeit beeinflußt wurde durch den Jesuiten Emerich Spinelli, den Kapuziner Markus von Aviano, den Franziskaner Christoph de Rojas y Spinola und den Augustiner Abraham a Sancta Clara.
Werke: O. Klopp (Hrsg.), Corrispondenza epistolare tra L.I. imperatore ed il P. Marco d'Aviano Capuccino, 1888; M. Dvórak (Hrsg.), Briefe Kaiser L.s I. an Wenzel Euseb Hzg. in Schlesien zu Sagan, Fürsten v. Lobkowitz, 1657-74, in: AÖG 80 (1894); A.F. Pribram/M. Landwehr (Hrsg.), Privatbriefe Kaiser L.s I. an d. Gf. F.E. Pötting 1662-1673, 1903 f.; G. Adler (Hrsg.), Musikalische Werke d. Kaiser Ferdinand III., L. I. u. Joseph I., 1892 f.; H. Kirchberger, Briefe Kaiser L.s I. an P. Emerich Sinelli 1668-75, Diss. Wien 1953.
Lit.: Heinrich von Srbik, Wien und Versailles 1692-97, 1944; - Anna Coreth, Österreichische Geschichtsschreibung in der Barockzeit (1620-1740), 1950; - dies., Pietas Austriaca. Ursprung und Entwicklung barocker Frömmigkeit in Österreich, 1959; - Oswald Redlich, Weltmacht des Barock. Österreich in der Zeit Kaiser L.s I., 19614; - ders., Das Werden einer Großmacht. Österreich von 1700-48, 19624; - Heinrich Benedikt, Kaiser L. I., in: Hugo Hantsch (Hrsg.), Gestalter der Geschicke Österreichs, 1962, 209-219; - Robert A. Kann, Kanzel und Katheder. Studien zur österr. Geistesgeschichte vom Spätbarock zur Frühromatik, 1962; - Max Braubach, Prinz Eugen v. Savoyen, 1963 f.; - J. Stoye, Wien 1683 oder die Rettung des Abendlandes, 1967; - Rotraut Miller, Die Hofreisen Kaiser L.s I., in: MIÖG 75 (1967) 66-103; - Hanns Leo Mikoletzky, Österreich. Das große 18. Jahrhundert. Von L. I. bis Leopold II., 1967, 7-72; - Ekkehardt Eickhoff, Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645-1700, 1970; - E. Sicher, L. I. of Austria. A Reappraisal, Diss. University of Southern California 1970; - Béla Köpeczi, La France et la Hongrie au début du XVIII siècle, Étude d'histoire des relations diplomatiques et d'histoire des idées, 1971; - L. Benczédi, Historischer Hintergrund der Predigerprozesse in Ungarn in den Jahren 1673-74. Zusammenhänge der Steuer- und Religionspolitik des Leopoldinischen Absolutismus, in: Acta Historica Academiae Scientarum Hungaricae 22 (1976) 257-288; - Peter F. Barton/László Makkai (Hrsg.), Rebellion oder Religion, 1977; - Mihály Bucsay, Der Protestantismus in Ungarn I, 1977, 164 ff.; - Linda und Morsha Frey, A Question of Empire. L. I. and the War of the Spanish Succession 1701-1705, in: The Austrian History Yearbook 14 (1978) 56-78; - John Philip Spielmann, L. I. Zur Macht nicht geboren, 1981 (engl. 1967); - Thomas M. Barker, Doppeladler und Halbmond, Entscheidungsjahr 1683, 1982 (engl. 1967); - Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683, 1982; - Elisabeth Kovács, Einflüsse geistlicher Ratgeber und höfischer Beichtväter ..., in: Cr St 4 (1983) 79-102; - Erich Zöllner, Geschichte Österreichs, 19847; - Imre Gonda/Emil Niederhauser, Die Habsburger, 19852, 103 ff.; - Norbert Leser (Hrsg.), Religion und Kultur an Zeitenwenden. Auf Gottes Spuren in Österreich, 1984; - Rudolf Vierhaus, Deutschland im Zeitalter des Absolutismus, in: Deutsche Geschichte II, 1985, 357-512, 482 ff.; - Prinz Eugen und das barocke Österreich, 1986; - Volker Press, L. in: Brigitte Hamann (Hrsg.), Die Habsburger. Ein biographisches Lexikon, 1988, 252-255; - NDB XIV, 256-260 (V. Press).
Karl Schwarz
Literaturergänzung:
Jean Bérenger, L. I (1640-1705). Paris 2004.
Letzte Änderung: 24.05.2006