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Band IV (1992) Spalten 1518-1524 Autor: Dieter Stievermann

LERCHEIMER, Augustin (Pseudonym), Professor zu Heidelberg und Autor = Hermann Wilken genannt Witekind, * 1522 Neuenrade/Westfalen, + 7.2. 1603 Heidelberg. - Hermann Wilken stammte aus einer ratsfähigen, offenbar wohlhabenden Neuenrader Familie. Von seiner Jugend kennen wir nur einige Anekdoten, die er im Buch »von der Zauberei« selbst überliefert hat. Sicheren Boden betreten wir in seiner Lebensgeschichte erst 1545/46: In einem für damalige Verhältnisse recht fortgeschrittenen Alter ließ er sich zum Wintersemester als Student an der kurbrandenburgischen Landesuniversität Frankfurt/ Oder einschreiben. Im Oktober 1547 erscheint dann »Hermannus Wilken, Westphalus« in der Wittenberger Matrikel. Damit war der Student aus der Grafschaft Mark am Ursprungsort der Reformation und der vormaligen Hauptwirkungsstätte Martin Luthers - das kann man sicherlich als Indiz dafür nehmen, daß H.W. und wohl auch seine Familie damals schon der evangelischen Richtung anhingen. Im heimischen Territorium Kleve-Mark galt aber zu jener Zeit offiziell noch das katholische Bekenntnis, wenngleich die Regierung in der Konfessionsfrage meist nicht sehr streng vorging. - In Wittenberg traf H.W. nun auf einen geistlichen und akademischen Lehrer, der sein Leben prägen sollte, auf Philipp Melanchthon. Daß Wilken sich in Wittenberg wohl gefühlt hat, zeigt sich darin, daß 1553 sein jüngerer Bruder Philipp ebenfalls an diese Universität kam. H.W. ist es in Wittenberg gelungen, die Anerkennung des großen Melanchthon zu erringen - ja, es entwickelte sich schließlich ein freundschaftliches Verhältnis. Diese persönliche Beziehung und das Vertrauen Melanchthons empfahlen H.W. dann 1552 als Rektor an die Latein- bzw. Domschule zu Riga. Rigas komplizierte politische Situation und die russische Bedrohung waren sicher dafür mitverantwortlich, daß H.W. (1558 hatte er noch seinen Bruder Philipp als Konrektor nachgezogen) Riga verließ, wobei Bruder Philipp ihm in seiner Stelle folgte. Im Sommer 1561 ließ sich H.W. in Rostock immatrikulieren; er hatte also vor, seine Studien fortzusetzen, da er noch keinen höheren akademischen Grad besaß. Es ist erstaunlich, daß es den gebürtigen Westfalen Wilken nicht im hansisch-norddeutschen Raum hielt, sondern daß er noch 1561 nach Heidelberg - in ein Zentrum des süddeutschen Protestantismus - ging. Vielleicht war es einmal mehr eine Empfehlung seines Lehrers Melanchthon, die ihm in der Neckarstadt eine Tätigkeit am »Pädagogium«, einer Anstalt zur Vorbereitung auf das Studium, verschaffte. Heidelberg sollte nun - mit kleineren Unterbrechungen - seine Lebensmitte werden. Schon im April 1563 konnte H.W. an der Heidelberger Universität als Lehrer des Griechischen mit Vorlesungen über Homer beginnen, nachdem er sich im Februar des Jahres als »Hermannus Witikindus, Westfalus« in die Matrikel eingetragen hatte. Nach der Sitte der Zeit hatte er also einen historisierenden Gelehrtennamen angenommen - daß er dazu auf Wittekind (Widukind u. ä.), den legendären Führer der Westfalen im Kampf gegen Karl den Großen, zurückgriff, zeigt seine fortbestehende innere Bindung an die Heimat. Noch im August 1563 erlangte H.W. alias Witekindus den Magistergrad und wurde zum 1. September Mitglied der Philosophischen Fakultät, also des Lehrkörpers der Universität. 1563/64 mußte man wegen einer Pestepidemie den Lehrbetrieb nach Oppenheim verlegen. Einmal mehr zog H.W.-Witekind den jüngeren Bruder nach - bei seiner Heidelberger Immatrikulation im Februar 1565 benutzte Philipp ebenfalls schon den neuen Gelehrtennamen: »Philippus Witekindus, Westvalus«. - Offenbar an die im März 1564 zu Ende gehende Oppenheimer Zeit hat Wilken die Gelegenheit zu einem Besuch im heimatlichen Neuenrade genutzt - zu einem Besuch, der für die kleine Stadt und für die Geistesgeschichte Westfalens Bedeutung erlangen sollte. »Als ich neulich bei euch war«, so schreibt H.W. in der Einleitung seiner Pfingsten 1564 in Dortmund gedruckten Neuenrader Kirchenordnung, »da erfuhr ich euren guten Willen und eure christliche Zuneigung zu der wahren Religion und zum rechten Gottesdienst - d. h. zum evangelischen Bekenntnis«, in dieser Sache glaubte er sich schuldig, seinem lieben Vaterland (»Vader lande«) nach seinen Fähigkeiten zu dienen und hat so die Kirchenordung gemäß den evangelischen Grundsätzen (Augsburger Konfession) und den örtlichen Gelegenheiten zusammengestellt. Diese Neuenrader Kirchenordnung nimmt nun in der westfälischen Kirchengeschichte einen herausragenden Platz ein. Sie ist darüber hinaus ein bleibendes Zeugnis der damals noch blühenden niederdeutschen Sprache. Leider scheint diesem Werk keine große Wirkung gegönnt gewesen zu sein: Auf Geheiß des Landesherren, der offenen Abfall von der alten Kirche nicht dulden konnte und wollte, wurde die Ordnung - trotz ihres vermittelnden und konfessionspolitische Schärfen möglichst vermeidenden Charakters - eingezogen und ist heute nur noch in zwei Exemplaren bekannt (Neuenrade und Wolfenbüttel). Gleichwohl konnte auf Dauer der Übergang der Grafschaft Mark zum evangelischen Bekenntnis nicht verhindert werden - er vollzog sich aber langsam und zunächst gleichsam inoffiziell, auch in Neuenrade. H.W. hat nun seine Kirchenordnung für die Vaterstadt zumindest teilweise in dem reformierten Geiste bearbeitet, zu dem er in Heidelberg eine feste innerliche Beziehung gewonnen hatte. Gerade für ihn blieb dabei eine vermittelnde, an Melanchthon orientierte Einstellung typisch. Der wichtigste reformierte Fürst in Deutschland war H.W.s Landesherr, Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1559-1576) - dessen pfälzische Kirchenordnung von 1563 gilt dann auch als eines der Vorbilder für Wilkens Neuenrader Ordnung. Hermann Wilken-Witekindus gehört also in den Zusammenhang der pfälzischen Konfessionsentwicklung, an deren Ausstrahlung nach Norden er mitwirkte. Sein Ansehen bewies sich darin, daß er für 1569 zum Rektor der Heidelberger Universität gewählt wurde. Mit der Pfälzer Konfessionsgeschichte ist auch der weitere Lebensweg Wilkens verknüpft. Kurfürst Friedrich III. starb 1576; sein streng lutherischer Sohn (Kurfürst Ludwig VI.) versuchte in der Pfalz das Ruder herumzuwerfen und übte entsprechenden Druck auf die Universität aus. Wilken, der eher vermittelnd dachte, verblieb bis 1579 in seiner Professur, weigerte sich dann aber mit den meisten Kollegen, die streng lutherischen Bekenntnistexte zu unterschreiben. Die opponierenden Professoren verließen Heidelberg und wurden in Neustadt an der Hardt, das dem reformierten Pfalzgrafen Johann Casimir (einem Bruder des Kurfürsten) gehörte, an einer neuen Hochschule angestellt. Auch in Neustadt an der Hardt versah Wilken eine Professur für Griechisch. Nachdem der lutherische Ludwig VI. 1583 gestorben war und Johann Casimir die Regierungsgeschäfte in der Kurpfalz übernommen hatte, kehrten viele der vertriebenen reformierten Professoren nach Heidelberg zurück - unter ihnen H.W., der jetzt (1584) allerdings eine Professur für Mathematik erhielt. In dieser Position konnte er noch lange wirken. 1587 gehörte er zu einer vierköpfigen Kommision, die mit der Reform der Universitätsstatuten beschäftigt war. 1601, im Alter von 78 Jahren, hören wir davon, daß er sein Lehramt nicht mehr versehen konnte, doch sollte er seine Bezüge weiter erhalten. Wilken galt als sehr zurückgezogen und friedlich, lebte seinen Studien und starb 1603 unverheiratet. Für seine selbstverfaßte Grabschrift verzichtete er bewußt auf die volle Nennung seines Namens und beschränkte sich auf die Initialen: H. W. R. W. = Hermannus Witekindus Radensis Westfalus (Hermann Witekind aus (Neuen-)Rade, ein Westfale) - ein letztes Zeichen seiner Anhänglichkeit an Ort und Landschaft seiner Geburt. Durch ein Testament von 1600 hatte er eine Studienstiftung begründet, aus der je zwei bedürftige Studenten aus Westfalen jährlich 20 Gulden beziehen sollten. - Umfangreich ist die gedruckte Hinterlassenschaft von H.W., die er überwiegend unter seinem Gelehrtennamen Witekindus veröffentlicht hat und die vielen Wissenschaftsgebieten (u. a. Philologie und Geschichte, Astronomie und Mathematik) gewidmet ist. Obwohl er kein Theologe war, gibt es doch viele kirchen- und theologiegeschichtliche Bezüge darin. In den Kontext der polemischen Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen gehören sein Buch über die Päpstin Johanna (1588 u. ö.; Autorschaft allerdings nicht gesichert) wie auch sein Gedicht gegen die 1577 im Kloster Berge an der Zusammenstellung eines verbindlichen Kanons für die evangelisch-lutherische Kirche beteiligen Theologen (1582). Diese Schriften sind wie die meisten von Wilkens Werken durch die wissenschaftliche Entwicklung überholt bzw. weitgehend vergessen worden, selbst von der historischen Forschung. Das gilt allerdings nicht für die Kirchenordnung von 1564 und auch nicht für sein bekanntestes Buch, das Werk, in dem er sich mit dem in seiner Zeit ausbreitenden Hexenwahn auseinandersetzte (1585 u. ö.: »Christlich Bedenken und Erinnerung von Zauberey«). Allein die Fülle der Neuauflagen beweist schon, wie sehr diese Schrift ankam. Das Hexenthema war aber nicht nur damals aktuell (und selbst später noch interessant), sondern um 1600 auch gefährlich - zumal, wenn man wie H.W. vor blinden, blutrünstigen Hexenjagden warnte und insbesondere auch auf soziale Zusammenhänge verwies, dazu eher für Heilung als für Hinrichtung plädierte (»Menschen tödten ist ein grosse sach: Man bedenck sich wol, unn thu gemach.«). So wählte der Autor, um seine Person nicht zu gefährden, ein Pseudonym: Augustin Lercheimer von Steinfelden. In der Ortsbezeichnung »Steinfelden« hat man eine Anspielung auf seine Vaterstadt Neuenrade sehen wollen, der es in der Tat an steinigen Feldern nicht mangelte. Der moderate und menschliche Standpunkt, den Wilken in seinem Hexenbuch im Gegensatz zu vielen Scharfmachern einnahm, hat ihm vor allem später viel Lob eingetragen. Die Allgemeine Deutsche Biographie bezeichnet ihn 1893 als einen »der Bahnbrecher von Vernunft und Humanität, inmitten einer Zeit voll Dummheit und Grausamkeit.« Seine distanzierte Haltung zu den Hexenverfolgungen ist umso bemerkenswerter, als er selbst vom Aberglauben seiner Zeit nicht frei war. Wilkens Hexenbuch hat aber nicht nur Wert, insofern es den zeitlosen Geist der Humanität hochhält. Es ist wegen seiner muttersprachlichen Gestaltung und durch seinen erzählerischen Inhalt - mit vielen anschaulichen Beispielen und Begebenheiten - auch zu einem Stück der frühmodernen deutschen Nationalliteratur geworden. Selbst für die Geschichte des berühmt-berüchtigten Dr. Faustus bildet Wilkens Buch eine nicht unwichtige Quelle.

Werke: Vitae Caesarum ..., 1557 und 1563 (in Sammelwerk); Kerckenordeninge der Christliken Gemeinde tho Niggen Rade..., 1564; Nie Bedeboeck ut der H. Schrift..., 1564 (Verfasserschaft fraglich); De sphaera mundi et temporis ratione apud Christianos, 1574 und 1590; Conformatio horologiorum sciotericorum in superficiebus planis..., 1576; Oratio de doctrina et studio Astronomiae, 1581; De quibusdam Theologis, Bergensis Discordiae Fabris potissimum, Rhythmis Exposita, Simplicis ac nudae veritatis aperiendae et manifestandae ergo typis expressa, 1582; Kurtzer Bericht von gemeinem Kalender, 1583, 1584, 1585 (lat.)-frdl. Mittlg. v. B. Sommer; Christlich bedencken und erinnerung von Zauberey, 1585, 1586, 1593, 1597, 1627, 1654, 1847, 1888, (Neuedition vorgesehen durch Benedikt Sommer, Berlin); Bewerte Feldmessung und theilung..., 1588; Jesuitas, Pontificum Romanorum emissarios, falso et frustra negare Papam Joannem VIII fuisse mulierem, 1588, 1597 und 1609 / dt. 1596, 1598 (Autorschaft nicht sicher); ungedruckt: Genealogie und Herkommen der Churfürsten, auch Pfaltzgraven bei Rhein..., um 1585 / 1733 Druck einer lat. Übers.

Lit.: Melchior Adam: Vitae germanorum philosophorum, 1615; - Zedlers Universal-Lexikon, Bd. 57, 1748; - Joh. Died. v. Steinen: Westph. Geschichte, XXVI. Stück, 1760; - Gottfr. Christian Lauter: Neuer Versuch einer Geschichte des reform. Gymnasiums zu Heidelberg, 1798-1800; - Joh. Fried. Hautz: ... Geschichte des Pädagogiums zu Heidelberg, 1855; - Albr. Wolters: Hermann Wilcken genannt Witekind und seine Kirchenordung von Neuenrade, in: Ztschr. d. Bergischen Geschichtsvereins 2, 1865, 42-82; (vgl. auch Bd. 5, 1868, 228-235); - Carl Binz (u. Anton Birlinger): Augustin Lercheimer (Professor H. Witekind in Heidelberg) und seine Schrift wider den Hexenwahn, 1888; - Carl Binz: Witekind: Hermann W., Universitätsprofessor, in: Allg. Dt. Biographie 43, 1898, 554-556; - Wilh. Nelle: Hermann Wilckens Kirchenordnung von Neuenrade und ihre Liedersammlung, in: Jb. d. Vereins f. Ev. Kirchengesch. d. Grafsch. Mark, 1900, 84 ff.; - Klemens Löffler (Hrsg.): Hermann Hamelmanns Geschichtliche Werke II, 1913, 214 f.; - Robert Stupperich: Melanchthon und Hermann Wittekind über den livländischen Krieg, in: Ztschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins 103, 1955, 275-281; - Fritz Hauss: Augustin Lercheimer, in: RGG 4, 3. Aufl., 1960, Sp. 324; - Gerhard J. F. Goeters: Die Evangelischen Kirchenordnungen Westfalens im Reformationsjahrhundert, in: Westf. Ztschr. 113, 1963, 111-168; - Kurt Baschwitz: Hexen und Hexenprozesse, 1963 (auch 1990); - Walter Schlick: Gemeinde- und Gedenkbuch zur 400-Jahrfeier der Reformation und der Neuenrader Kirchenordnung, 1964; - Wolfgang Brückner: Volkserzählung und Reformation, 1974; - Hans-Peter Kneubühler: Die Überwindung von Hexenwahn und Hexenprozess, Diss. Zürich 1976 (1977); - Cat. Bibl. nat. Paris, Bd. 225, 1976; - Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg 1386-1986, 1986; - Siegfried Wollgast: Geschichte der Philosophie in Deutschland... 1550-1650, 1988; - Dieter Stievermann: Neuenrade. Die Geschichte einer sauerländischen Stadt, 1990.

Dieter Stievermann

Letzte Änderung: 09.06.1998