LERCHEIMER, Augustin (Pseudonym), Professor zu Heidelberg und Autor
= Hermann Wilken genannt Witekind, * 1522 Neuenrade/Westfalen, +
7.2. 1603 Heidelberg. - Hermann Wilken stammte aus einer ratsfähigen,
offenbar wohlhabenden Neuenrader Familie. Von seiner Jugend kennen
wir nur einige Anekdoten, die er im Buch »von der Zauberei« selbst
überliefert hat. Sicheren Boden betreten wir in seiner Lebensgeschichte
erst 1545/46: In einem für damalige Verhältnisse recht fortgeschrittenen
Alter ließ er sich zum Wintersemester als Student an der kurbrandenburgischen
Landesuniversität Frankfurt/ Oder einschreiben. Im Oktober 1547 erscheint
dann »Hermannus Wilken, Westphalus« in der Wittenberger Matrikel.
Damit war der Student aus der Grafschaft Mark am Ursprungsort der
Reformation und der vormaligen Hauptwirkungsstätte Martin Luthers
- das kann man sicherlich als Indiz dafür nehmen, daß H.W. und wohl
auch seine Familie damals schon der evangelischen Richtung anhingen.
Im heimischen Territorium Kleve-Mark galt aber zu jener Zeit offiziell
noch das katholische Bekenntnis, wenngleich die Regierung in der Konfessionsfrage
meist nicht sehr streng vorging. - In Wittenberg traf H.W. nun
auf einen geistlichen und akademischen Lehrer, der sein Leben prägen
sollte, auf Philipp Melanchthon. Daß Wilken sich in Wittenberg wohl
gefühlt hat, zeigt sich darin, daß 1553 sein jüngerer Bruder Philipp
ebenfalls an diese Universität kam. H.W. ist es in Wittenberg gelungen,
die Anerkennung des großen Melanchthon zu erringen - ja, es entwickelte
sich schließlich ein freundschaftliches Verhältnis. Diese persönliche
Beziehung und das Vertrauen Melanchthons empfahlen H.W. dann 1552
als Rektor an die Latein- bzw. Domschule zu Riga. Rigas komplizierte
politische Situation und die russische Bedrohung waren sicher dafür
mitverantwortlich, daß H.W. (1558 hatte er noch seinen Bruder Philipp
als Konrektor nachgezogen) Riga verließ, wobei Bruder Philipp ihm
in seiner Stelle folgte. Im Sommer 1561 ließ sich H.W. in Rostock
immatrikulieren; er hatte also vor, seine Studien fortzusetzen, da
er noch keinen höheren akademischen Grad besaß. Es ist erstaunlich,
daß es den gebürtigen Westfalen Wilken nicht im hansisch-norddeutschen
Raum hielt, sondern daß er noch 1561 nach Heidelberg - in ein Zentrum
des süddeutschen Protestantismus - ging. Vielleicht war es einmal
mehr eine Empfehlung seines Lehrers Melanchthon, die ihm in der Neckarstadt
eine Tätigkeit am »Pädagogium«, einer Anstalt zur Vorbereitung auf
das Studium, verschaffte. Heidelberg sollte nun - mit kleineren Unterbrechungen
- seine Lebensmitte werden. Schon im April 1563 konnte H.W. an der
Heidelberger Universität als Lehrer des Griechischen mit Vorlesungen
über Homer beginnen, nachdem er sich im Februar des Jahres als »Hermannus
Witikindus, Westfalus« in die Matrikel eingetragen hatte. Nach der
Sitte der Zeit hatte er also einen historisierenden Gelehrtennamen
angenommen - daß er dazu auf Wittekind (Widukind u. ä.), den legendären Führer der Westfalen
im Kampf gegen Karl den Großen, zurückgriff, zeigt seine fortbestehende
innere Bindung an die Heimat. Noch im August 1563 erlangte H.W. alias
Witekindus den Magistergrad und wurde zum 1. September Mitglied der
Philosophischen Fakultät, also des Lehrkörpers der Universität. 1563/64
mußte man wegen einer Pestepidemie den Lehrbetrieb nach Oppenheim
verlegen. Einmal mehr zog H.W.-Witekind den jüngeren Bruder nach -
bei seiner Heidelberger Immatrikulation im Februar 1565 benutzte Philipp
ebenfalls schon den neuen Gelehrtennamen: »Philippus Witekindus, Westvalus«.
- Offenbar an die im März 1564 zu Ende gehende Oppenheimer Zeit
hat Wilken die Gelegenheit zu einem Besuch im heimatlichen Neuenrade
genutzt - zu einem Besuch, der für die kleine Stadt und für die Geistesgeschichte
Westfalens Bedeutung erlangen sollte. »Als ich neulich bei euch war«,
so schreibt H.W. in der Einleitung seiner Pfingsten 1564 in Dortmund
gedruckten Neuenrader Kirchenordnung, »da erfuhr ich euren guten Willen
und eure christliche Zuneigung zu der wahren Religion und zum rechten
Gottesdienst - d. h. zum evangelischen Bekenntnis«, in dieser Sache
glaubte er sich schuldig, seinem lieben Vaterland (»Vader lande«)
nach seinen Fähigkeiten zu dienen und hat so die Kirchenordung gemäß
den evangelischen Grundsätzen (Augsburger Konfession) und den örtlichen
Gelegenheiten zusammengestellt. Diese Neuenrader Kirchenordnung nimmt
nun in der westfälischen Kirchengeschichte einen herausragenden Platz
ein. Sie ist darüber hinaus ein bleibendes Zeugnis der damals noch
blühenden niederdeutschen Sprache. Leider scheint diesem Werk keine
große Wirkung gegönnt gewesen zu sein: Auf Geheiß des Landesherren,
der offenen Abfall von der alten Kirche nicht dulden konnte und wollte,
wurde die Ordnung - trotz ihres vermittelnden und konfessionspolitische
Schärfen möglichst vermeidenden Charakters - eingezogen und ist heute
nur noch in zwei Exemplaren bekannt (Neuenrade und Wolfenbüttel).
Gleichwohl konnte auf Dauer der Übergang der Grafschaft Mark zum evangelischen
Bekenntnis nicht verhindert werden - er vollzog sich aber langsam
und zunächst gleichsam inoffiziell, auch in Neuenrade. H.W. hat nun
seine Kirchenordnung für die Vaterstadt zumindest teilweise in dem
reformierten Geiste bearbeitet, zu dem er in Heidelberg eine feste
innerliche Beziehung gewonnen hatte. Gerade für ihn blieb dabei eine
vermittelnde, an Melanchthon orientierte Einstellung typisch. Der
wichtigste reformierte Fürst in Deutschland war H.W.s Landesherr,
Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1559-1576) - dessen pfälzische
Kirchenordnung von 1563 gilt dann auch als eines der Vorbilder für
Wilkens Neuenrader Ordnung. Hermann Wilken-Witekindus gehört also
in den Zusammenhang der pfälzischen Konfessionsentwicklung, an deren
Ausstrahlung nach Norden er mitwirkte. Sein Ansehen bewies sich darin,
daß er für 1569 zum Rektor der Heidelberger Universität gewählt wurde.
Mit der Pfälzer Konfessionsgeschichte ist auch der weitere Lebensweg
Wilkens verknüpft. Kurfürst Friedrich III. starb 1576; sein streng
lutherischer Sohn (Kurfürst Ludwig VI.) versuchte in der Pfalz das
Ruder herumzuwerfen und übte entsprechenden Druck auf die Universität
aus. Wilken, der eher vermittelnd dachte, verblieb bis 1579 in seiner
Professur, weigerte sich dann aber mit den meisten Kollegen, die streng
lutherischen Bekenntnistexte zu unterschreiben. Die opponierenden
Professoren verließen Heidelberg und wurden in Neustadt an der Hardt,
das dem reformierten Pfalzgrafen Johann Casimir (einem Bruder des
Kurfürsten) gehörte, an einer neuen Hochschule angestellt. Auch in
Neustadt an der Hardt versah Wilken eine Professur für Griechisch.
Nachdem der lutherische Ludwig VI. 1583 gestorben war und Johann Casimir
die Regierungsgeschäfte in der Kurpfalz übernommen hatte, kehrten
viele der vertriebenen reformierten Professoren nach Heidelberg zurück
- unter ihnen H.W., der jetzt (1584) allerdings eine Professur für
Mathematik erhielt. In dieser Position konnte er noch lange wirken.
1587 gehörte er zu einer vierköpfigen Kommision, die mit der Reform
der Universitätsstatuten beschäftigt war. 1601, im Alter von 78 Jahren,
hören wir davon, daß er sein Lehramt nicht mehr versehen konnte, doch
sollte er seine Bezüge weiter erhalten. Wilken galt als sehr zurückgezogen
und friedlich, lebte seinen Studien und starb 1603 unverheiratet.
Für seine selbstverfaßte Grabschrift verzichtete er bewußt auf die
volle Nennung seines Namens und beschränkte sich auf die Initialen:
H. W. R. W. = Hermannus Witekindus Radensis Westfalus (Hermann Witekind
aus (Neuen-)Rade, ein Westfale) - ein letztes Zeichen seiner Anhänglichkeit
an Ort und Landschaft seiner Geburt. Durch ein Testament von 1600
hatte er eine Studienstiftung begründet, aus der je zwei bedürftige
Studenten aus Westfalen jährlich 20 Gulden beziehen sollten. -
Umfangreich ist die gedruckte Hinterlassenschaft von H.W., die er
überwiegend unter seinem Gelehrtennamen Witekindus veröffentlicht
hat und die vielen Wissenschaftsgebieten (u. a. Philologie und Geschichte,
Astronomie und Mathematik) gewidmet ist. Obwohl er kein Theologe war,
gibt es doch viele kirchen- und theologiegeschichtliche Bezüge darin.
In den Kontext der polemischen Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen
gehören sein Buch über die Päpstin Johanna (1588 u. ö.; Autorschaft
allerdings nicht gesichert) wie auch sein Gedicht gegen die 1577 im
Kloster Berge an der Zusammenstellung eines verbindlichen Kanons für
die evangelisch-lutherische Kirche beteiligen Theologen (1582). Diese
Schriften sind wie die meisten von Wilkens Werken durch die wissenschaftliche
Entwicklung überholt bzw. weitgehend vergessen worden, selbst von
der historischen Forschung. Das gilt allerdings nicht für die Kirchenordnung
von 1564 und auch nicht für sein bekanntestes Buch, das Werk, in dem
er sich mit dem in seiner Zeit ausbreitenden Hexenwahn auseinandersetzte
(1585 u. ö.: »Christlich Bedenken und Erinnerung von Zauberey«). Allein
die Fülle der Neuauflagen beweist schon, wie sehr diese Schrift ankam.
Das Hexenthema war aber nicht nur damals aktuell (und selbst später
noch interessant), sondern um 1600 auch gefährlich - zumal, wenn man
wie H.W. vor blinden, blutrünstigen Hexenjagden warnte und insbesondere
auch auf soziale Zusammenhänge verwies, dazu eher für Heilung als
für Hinrichtung plädierte (»Menschen tödten ist ein grosse sach: Man bedenck sich wol, unn thu
gemach.«). So wählte der Autor, um seine Person nicht zu gefährden,
ein Pseudonym: Augustin Lercheimer von Steinfelden. In der Ortsbezeichnung
»Steinfelden« hat man eine Anspielung auf seine Vaterstadt Neuenrade
sehen wollen, der es in der Tat an steinigen Feldern nicht mangelte.
Der moderate und menschliche Standpunkt, den Wilken in seinem Hexenbuch
im Gegensatz zu vielen Scharfmachern einnahm, hat ihm vor allem später
viel Lob eingetragen. Die Allgemeine Deutsche Biographie bezeichnet
ihn 1893 als einen »der Bahnbrecher von Vernunft und Humanität, inmitten
einer Zeit voll Dummheit und Grausamkeit.« Seine distanzierte Haltung
zu den Hexenverfolgungen ist umso bemerkenswerter, als er selbst vom
Aberglauben seiner Zeit nicht frei war. Wilkens Hexenbuch hat aber
nicht nur Wert, insofern es den zeitlosen Geist der Humanität hochhält.
Es ist wegen seiner muttersprachlichen Gestaltung und durch seinen
erzählerischen Inhalt - mit vielen anschaulichen Beispielen und Begebenheiten
- auch zu einem Stück der frühmodernen deutschen Nationalliteratur
geworden. Selbst für die Geschichte des berühmt-berüchtigten Dr. Faustus
bildet Wilkens Buch eine nicht unwichtige Quelle.
Werke: Vitae Caesarum ..., 1557 und 1563 (in Sammelwerk);
Kerckenordeninge der Christliken Gemeinde tho Niggen Rade..., 1564;
Nie Bedeboeck ut der H. Schrift..., 1564 (Verfasserschaft fraglich);
De sphaera mundi et temporis ratione apud Christianos, 1574 und 1590;
Conformatio horologiorum sciotericorum in superficiebus planis...,
1576; Oratio de doctrina et studio Astronomiae, 1581; De quibusdam
Theologis, Bergensis Discordiae Fabris potissimum, Rhythmis Exposita,
Simplicis ac nudae veritatis aperiendae et manifestandae ergo typis
expressa, 1582; Kurtzer Bericht von gemeinem Kalender, 1583, 1584,
1585 (lat.)-frdl. Mittlg. v. B. Sommer; Christlich bedencken und erinnerung
von Zauberey, 1585, 1586, 1593, 1597, 1627, 1654, 1847, 1888, (Neuedition
vorgesehen durch Benedikt Sommer, Berlin); Bewerte Feldmessung und
theilung..., 1588; Jesuitas, Pontificum Romanorum emissarios, falso
et frustra negare Papam Joannem VIII fuisse mulierem, 1588, 1597 und
1609 / dt. 1596, 1598 (Autorschaft nicht sicher); ungedruckt: Genealogie
und Herkommen der Churfürsten, auch Pfaltzgraven bei Rhein..., um
1585 / 1733 Druck einer lat. Übers.
Lit.: Melchior Adam: Vitae germanorum philosophorum, 1615;
- Zedlers Universal-Lexikon, Bd. 57, 1748; - Joh. Died. v.
Steinen: Westph. Geschichte, XXVI. Stück, 1760; - Gottfr. Christian
Lauter: Neuer Versuch einer Geschichte des reform. Gymnasiums zu Heidelberg,
1798-1800; - Joh. Fried. Hautz: ... Geschichte des Pädagogiums
zu Heidelberg, 1855; - Albr. Wolters: Hermann Wilcken genannt
Witekind und seine Kirchenordung von Neuenrade, in: Ztschr. d. Bergischen
Geschichtsvereins 2, 1865, 42-82; (vgl. auch Bd. 5, 1868, 228-235);
- Carl Binz (u. Anton Birlinger): Augustin Lercheimer (Professor
H. Witekind in Heidelberg) und seine Schrift wider den Hexenwahn,
1888; - Carl Binz: Witekind: Hermann W., Universitätsprofessor,
in: Allg. Dt. Biographie 43, 1898, 554-556; - Wilh. Nelle: Hermann
Wilckens Kirchenordnung von Neuenrade und ihre Liedersammlung, in:
Jb. d. Vereins f. Ev. Kirchengesch. d. Grafsch. Mark, 1900, 84 ff.;
- Klemens Löffler (Hrsg.): Hermann Hamelmanns Geschichtliche Werke
II, 1913, 214 f.; - Robert Stupperich: Melanchthon und Hermann
Wittekind über den livländischen Krieg, in: Ztschr. f. d. Gesch. d.
Oberrheins 103, 1955, 275-281; - Fritz Hauss: Augustin Lercheimer,
in: RGG 4, 3. Aufl., 1960, Sp. 324; - Gerhard J. F. Goeters: Die
Evangelischen Kirchenordnungen Westfalens im Reformationsjahrhundert,
in: Westf. Ztschr. 113, 1963, 111-168; - Kurt Baschwitz: Hexen
und Hexenprozesse, 1963 (auch 1990); - Walter Schlick: Gemeinde-
und Gedenkbuch zur 400-Jahrfeier der Reformation und der Neuenrader
Kirchenordnung, 1964; - Wolfgang Brückner: Volkserzählung und
Reformation, 1974; - Hans-Peter Kneubühler: Die Überwindung von
Hexenwahn und Hexenprozess, Diss. Zürich 1976 (1977); - Cat. Bibl.
nat. Paris, Bd. 225, 1976; - Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg
1386-1986, 1986; - Siegfried Wollgast: Geschichte der Philosophie
in Deutschland... 1550-1650, 1988; - Dieter Stievermann: Neuenrade.
Die Geschichte einer sauerländischen Stadt, 1990.