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Band XV (1999)Spalten 845-848 Autor: Georgios Fatouros

LAMY, Bernard, Oratorianer (Juni 1640 - 29.1. 1715). - L. wurde in Mans als Sproß einer angesehenen Familie geboren. Sein Vater war Alain Lamy, Sieur de La Fontaine, seine Mutter Marie Masnier. Er wurde am 29. Juni 1640 in seiner Heimatstadt getauft. Seine Elementarausbildung erhielt er zu Hause von einem Lehrer, der ihn u.a. in die lateinische Sprache einführte. In die Rhetorik und die humanistische Studien wurde er während seines Studiums am Kollegium der Oratorianer, wo er u.a. den humanistischen Philologen Jules Mascaron hörte, eingewiesen. Am 17.10. 1658 wurde L. in den Orden der Oratorianer aufgenommen. Sein Noviziat absolvierte er an der "Institution de l'Oratoire" im Pariser Saint-Michel. Der Direktor des Hauses, Jean Bertad, führte die Novizen in die Lektüre und die Studie der Heiligen Schrift ein. Während dieser Zeit lernte L. Richard Simon (vgl. BBKL, X 424 f.) kennen. - 1659 begab sich L. nach Saumur und wurde in das "CollÈge Royal des Catholiques" aufgenommen. Dort hörte er die Professoren Nicolas Charpy, Claude Bouillerot, Jean Goujon und Charles de La Fontenelle und wurde in die Philosophie eingewiesen. Zu dieser Zeit lernte er Nicolas Malebranche (vgl. BBKL, V 619 f.) kennen, der nach seinem Noviziat ebenfalls in das Kollegium gekommen war, und schloß mit ihm eine Freundschaft, die lange dauern sollte. Im Jahr 1661 wurde L. als Professor der Literatur in Vend“me am "CollÈge de César" eingesetzt. 1663 wurde er in die Akademie von Juilly versetzt, wo er außer Literatur Grammatik, Latein, Griechisch, Geschichte und Geographie lehrte. Während dieser Zeit las er die wichtigsten Werke von Descartes. 1667 erhielt L. die Priesterweihe. 1668 kehrte er nach Mans zurück, wo er sich bis zum August 1669 aufhielt. Anschließend begab er sich nach Saumur, um Theologie zu studieren. Am 9.9. 1671 wurde er an das "CollÈge Royal des Catholiques" von Saumur als Professor der Philosophie berufen. Im September 1673 kam er an die Universität von Angers ebenfalls als Professor der Philosophie. 1675 erhielt er in Angers aufgrund eines königlichen Dekrets Lehrverbot, weil er die Lehren von Descartes propagierte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Saint-Martin-de-MisÈre (Dauphiné) begab sich L. 1676 nach Grenoble; dort entstanden in den folgenden Jahren die meisten seiner Schriften. Um seine schriftstellerische Arbeit in aller Ruhe fortsetzen zu können, kam er 1686 nach Paris ans Seminarium Saint-Magloire, wo er seine Arbeiten über die Bibel abfaßte. 1690 kam er schließlich nach Rouen, wo er die übrigen Jahre seines Lebens verbringen sollte. Während der ersten sieben Jahre seines Aufenthaltes in Rouen hat L. einen literarischen Streit über das letzte Osterfest des Herrn gegen S. Le Nain de Tillemont (vgl. BBKL, XII 83 f.) und andere Gelehrte ausgetragen. Er ist ebenda gestorben und in der Kirche der Oratorianer begraben, die während der französichen Revolution zerstört wurde. Er gilt als einer der großen Schriftsteller der Oratorianer.

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Werke: 1) De l'art de parler, Paris 1675 (das Buch hat in der Folgezeit unzählige Neuauflagen erlebt). 2) Nouvelles réflexions sur l'art poétique, Paris 1678 (2. Auflage: Paris 1688). 3) Traitez de méchanique, de l'équilibre des solides et des liqueurs, Paris 1679 (weitere Auflagen: Paris 1687; Amsterdam 1734). 4) Traité de la grandeur en général, qui comprend l'arithmétique, l'algÈbre, l'analyse &c. Paris 1680 (unzählige Neuauflagen; die letzte: Paris 1765). 5) Entretiens sur les sciences &c., Grenoble 1683 (sehr viele Neuauflagen; neueste Edition von P. Clair & F. Girbal). 6) Les élémens de géométrie, ou de la mesure du corps, qui comprennent tout ce qu' Euclide a enseigné &c., Paris 1685 (sehr viele Neuauflagen, die letzte: Paris 1758). 7) Apparatus ad Biblia Sacra, in quo de Hebraeorum gente, legibus &c., Grenoble 1687 (sehr viele Neuauflagen; die letzte: Malines 1866, Bd. 1-2); französische Übersetzung: Introduction à la lecture de l'criture sainte, Lyon 1689 (letzte Neuauflage: Lyon 1751); englische Übersetzung: Apparatus Biblicus, or an Introduction to the Holy Scripture in three books &c., London 1723 (weitere Auflagen: London 1724 und 1728). 8) Demonstration de la vérité et de la sainteté de la morale chrétienne, Paris 1688 (weitere Auflagen: Paris 1688; Rouen 1706; 1707; 1709; 1711). 9) Harmonia sive Concordia quatuor evangelistarum, in qua vera series actuum et sermonum Domini nostri &c., Paris 1689. 10) Commentarius in concordiam evangelicam &c., Paris 1699. 11) Dissertation sur Sainte Madeleine, Paris 1699. 12) Défense de l'ancien sentiment de l'glise latine touchant l'Office de Sainte Magdelaine, Rouen-Paris 1699. 13) Traité historique de l'ancienne Pƒque des Juifs, o— l'on examine à fond la question célÈbre si J.-C. N.-S. fit cette Pƒque la veille de sa mort &c., Rouen-Paris 1693 (die wichtigste Schrift im Rahmen der literarischen Querelle über das Ostern des Herrn; sie ist durch viele kleinere Arbeiten ergänzt worden). 14) Traité de perspective, o— sont contenus les fondements de la peinture &c., Paris 1701 (weitere Auflagen: Amsterdam 1734; 1734; englische Übersetzung: Perspective made easie or the Art of representing all manner of objects &c., London 1710). 15) De Tabernaculo et Templo et de his quae utrumque illustrant &c., Paris 1705. 16) De Tabernaculo foederis, de Sancta civitate Jerusalem et de Templo eius libri septem, Paris 1720 (sein wichtigstes Werk, aus dem Nachlaß herausgegeben). Folgende Schriften L.'s sind nicht veröffentlicht worden: a) De Jesu-Christo homine deo; b) Historica disquisitio de theologorum scholasticorum opinionibus. L. hat auch viele Briefe hinterlassen.

Lit.: N. Desmolets, Vita auctoris, in: De Tabernaculo foederis a.a.O. I f.; - L. Batterel, Mémoires domestiques pour servir à l'histoire de l'Oratoire, hrsg. von A.M.P. Ingold und E. Bonnardet, IV. Paris 1905, 365 f.; - F. Girbal, Bernard Lamy (1640-1715): tude biographique et bibliographique, Paris 1964; - Ders., A propos de Malebranche et de B. Lamy, Revue internationale de philosophie 2 (1955) 288 f.; - J. Carreyre, in: DThC 8 (1925) 2550 f.

Georgios Fatouros

Letzte Änderung: 09.04.2011