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Verlag Traugott Bautz
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LANDMANN, Salcia, geb. 18. November 1911 in Zolkiew (Galizien) als Tochter des Israel Passweg und der Regina Passweg geb. Gottesmann, gest. 16. Mai 2002 in St. Gallen (Schweiz). - Salcia Landmann geb. Passweg ist ein Kind Alt-Österreichs. Sie kam drei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der kleinen ostgalizischen Residenzstadt Zolkiew zur Welt, in jenem östlichsten Kronland der Donaumonarchie, das heute zur Ukraine gehört. Als der Krieg ausbrach, fand Salcia auf dem Landgut ihrer Großeltern Zuflucht. Die Eltern machten sich unverzüglich auf den Weg nach St. Gallen in die Schweiz, wo der Vater Geschäftsfreunde hatte. Die Ahnung, daß Alt-Österreich in den Wirren des Ersten Weltkrieges untergehen und somit das osteuropäische Judentum existentiell bedroht sein wird, veranlaßten die Eltern, noch während des Krieges in St. Gallen auf Dauer Wohnsitz zu nehmen. - Die Schweiz sollte sich als jener sichere Hafen erweisen, in dem Salcia Landmann nicht nur den Zusammenbruch Alt-Österreichs heil überstand, sondern auch dem großen Morden des Zweiten Weltkriegs entging. Gleichwohl trauerte sie bis zu ihrem Tod der versunkenen Welt der k.u.k. Monarchie nach, und ein Leben lang hing ein Porträt von Kaiser Franz Josef über ihrem Sofa. "Die Habsburgermonarchie - sagte sie - war zwar ein Paradies mit vielen Fehlern, aber doch ein Vereintes Europa, wie man es heute vergeblich anstrebt. Es bot allen Einwohnern, den zahlreichen völkischen und religiösen Minoritäten und damit auch den Juden, Freiheit und Rechtsgleichheit. Hier ging es meiner jüdischen Familie (Rabbiner, Kaufleute, Landjunker) seit Jahrhunderten gut. Niemand dachte je an Auswandern." - Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr blieb Salcia bei ihren Großeltern in Ostgalizien, wo sie noch ein Jahr lang eine polnische Nonnenschule besuchte. (Noch im Sterben murmelte sie die polnischen Gebete, die sie als fünfjähriges Kind bei den Nonnen gelernt hatte.) Als sich der Untergang der Donaumonarchie endgültig abzeichnete, wurde sie von den Eltern in die Schweiz geholt. - In St. Gallen absolvierte sie die "Bubenschul", sprich: das humanistische Gymnasium. Sie lernte nicht nur Latein und Griechisch, sondern auch Hebräisch und Aramäisch. Nach der Matura ging sie zum Studium nach Berlin. Zunächst studierte sie - dem Wunsch des Vaters gehorchend - Jurisprudenz, wechselte aber bald das Fach. Sie beschloß, beim berühmten Philosophen Nikolai Hartmann Philosophie zu studieren, begleitet vom Studium der Psychologie und der Kunstgeschichte. Da sie die Philosophie als brotlose Kunst erachtete, erlernte sie zudem an der Kunstakademie den Beruf der Modegrafikerin. Die erhaltenen Modezeichnungen, die sie in jener Zeit kreierte, bezeugen eine herausragende künstlerische Begabung. Doch nicht das Zeichnen und Malen, sondern das Schreiben sollte ihre wahre Berufung werden. - In Berlin wurde die Studentin, inzwischen Schweizer Staatsbürgerin, mit den Schrecken der Hitlerjahre konfrontiert. (Die gesamte Verwandtschaft, die in Osteuropa geblieben war, sollte nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dem Holocaust zum Opfer fallen.) Sie verließ Berlin und setzte ihre philosophischen Studien in Basel bei Professor Hermann Schmalenbach fort. Ein Abstecher nach Paris perfektionierte ihr kunsthandwerkliches Geschick. Ihre Studien beendete sie einerseits als Magistra artis und zum anderen als Doctor philosophiae mit einer Dissertation über Phänomenologie und Ontologie. In Basel war es auch, wo sie im Umfeld des George-Kreises den Philosophen Michael Landmann, den Sohn des berühmten Natinalökonomen Julius Landmann, kennen und lieben lernte. 1948 heirateten die beiden, und 1950 kam ihr Sohn Valentin zur Welt, der die Jurisprudenz studierte und ein angesehener Anwalt wurde. - Wie kam Salcia Landmann zum Schreiben? Hören wir ihre Antwort: "In einem Seminar behandelte Schmalenbach die Kant'schen Aporien ‚Zeit - Raum': sind sie endlich, sind sie unendlich? Beides kann man sich nicht vorstellen. Was sagt Kant? Zerbrecht euch nicht den Kopf! Sowieso ist beides nicht real, sondern nur eine subjektive Vorstellung! Da sagte ich zu Schmalenbach: Herr Professor, das kommt mir vor wie ein alter jüdischer Witz von einem Handelsreisenden, der erzählt: ‚Es war Winter. Ich mietete einen Kutscher mit vier Pferden und einem Schlitten, um in die Stadt zu fahren. Plötzlich - in einem Schneesturm - saßen wir fest, und Wölfe kamen von allen Seiten. Der Kutscher schnitt eines der Pferde vom Schlitten los und überließ es den Wölfen. Die fraßen es auf, ebenso das zweite Pferd und dann das dritte und das vierte. Ich spürte bereits den Atem einer Bestie im Nacken, aber was tut Gott? Die ganze Geschichte ist nicht wahr gewesen!' Schmalenbach lachte zwar nicht. Aber mir wurde in diesem Moment klar: Im jüdischen Witz ist eine Dimension, die sonst nirgends ist. Von jetzt an sah ich meine Aufgabe darin, die jüdische Welt auch in vielen anderen Dimensionen den Nichtjuden sichtbar zu machen!" - Diesem Vorsatz ist Salcia Landmann ein Leben lang treu geblieben, und von dieser ihrer Treue zeugt ihr beeindruckendes Werk. 1978 - sie war mittlerweile eine weltberühmte Autorin - gründete sie mit neunzehn Schriftstellerkollegen den PEN-Club Liechtenstein, dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 als eines seiner aktivsten Mitglieder angehörte. - Dem Aha-Erlebnis im Kant-Seminar von Professor Schmalenbach folgten Forschungen, die das Leben von Salcia Landmann bestimmten und ihren Ruhm als Schriftstellerin begründeten: die intensive Erforschung der jüdischen Geisteswelt, zumal der versunkenen Sprache und Kultur des Ostjudentums, dem sie selbst entstammte. Der literarische Durchbruch, der ihr auf diesem Forschungsgebiet gelang, stand im Zeichen des Humors. Unter dem Titel "Der jüdische Witz - Soziologie und Sammlung" schuf sie ein Werk, das dem Leser die leidvolle Geschichte, den Esprit und die Lebenskraft des jüdischen Volkes im Spiegel selbstironischer Intellektualität offenbart. Das Buch erreichte eine Gesamtauflage von einer Million Exemplaren und ging in mehreren Sprachen, darunter auf Japanisch, um die Welt. Der Witz als Waffe, mit der sich ein physisch Unterlegener einer mitleidlosen Übermacht zur Wehr setzt: diese ingenuin jüdische Geisteshaltung durchzieht wie ein roter Faden Salcia Landmanns Lebenswerk. Dem Bestseller "Der jüdische Witz" folgten im Laufe der Jahre etliche Ergänzungen: "Jüdische Witze", "Nachlese jüdischer Witze" "Die klassischen Witze der Juden", "Jüdische Anekdoten und Sprichwörter" oder "Als sie noch lachten - Das war der jüdische Witz". -
Der nämlichen Thematik verbunden blieb Salcia Landmann auch in ihrem Bemühen, die jiddische Sprache und Kultur, die der NS-Mordmaschinerie zum Opfer gefallen war, dem Orkus des Vergessens zu entreißen. Mit dem Buch "Jiddisch - Das Abenteuer einer Sprache", ein Werk, dem ebenfalls eine große Breitenwirkung beschieden war, räumte die Autorin mit dem bis dahin weit verbreiteten Vorurteil auf, wonach Jiddisch keine wirkliche Sprache, sondern allenfalls der Jargon einer verachteten Unterschicht gewesen sei. Den Hauptteil des Buches füllt ein profund angelegtes Glossar, in dem die "Abenteuer" dieser ausgestorbenen Sprachgemeinschaft zum Ausdruck kommen. Das Glossar ergänzen jiddische Redensarten und Anekdoten, in denen sich die Lebensweisheit der Ostjuden widerspiegelt. - Um einem breiten Leserpublikum eine Ahnung vom Witz und Esprit dieser untergegangenen Welt zu vermitteln, übersetzte und kommentierte Salcia Landmann erlesene Kostproben jiddischer Literatur, wie zum Beispiel: Die Erzählung "Der Didduk" von Anski, Itzig Mangers "Das Buch vom Paradies" und Scholem Alejchems "Neue Anatewka Geschichten" bzw. seine hinreißende Novelle "Marienbad". - Ihrem Ruf als führende Judaistin wurde Salcia Landmann nicht zuletzt mit dem Werk "Die Juden als Rasse" gerecht, ein Buch, das ihr zwar manche Feindschaft eintrug, das aber ein ähnlich großes Interesse weckte wie "Der Jüdische Witz". Diesem ihrem dritten Hauptwerk folgte einige Jahre später "Der ewige Jude", eine Sammlung von Aufsätzen, die wohl als ergänzende Studien zu den "Juden als Rasse" entstanden sind. - Eigene Kindheitserinnerungen verarbeitete Salcia Landmann im heiter-nostalgischen Buch "Erzählter Bilderbogen aus Ostgalizien". Mit anekdotischen Rosinen angereichert erschien dieser "Bilderbogen" als Neuauflage unter dem Titel "Erinnerungen an Galizien", ein Titel, unter dem der Autor dieser Zeilen ein 30minütiges TV-Porträt zum 80. Geburtstag der berühmten Judaistin gestaltete. Mit ihren Kindheitserinnerungen erweckte sie ein Stück Europa zu neuem Leben, das so manchem Zeitgenossen nicht einmal mehr vom Hörensagen bekannt ist oder das er allenfalls von Bildern des Malers Marc Chagall kennt, ohne zu wissen, daß Chagall Szenen und Motive jenes wundersamen Landesstriches hinter den Karpaten darstellte, den unsere Autorin auf ähnlich anschauliche Weise beschrieb: Auf den Strohdächern windschiefer Häuser krabbeln Kinder, picken Hühner, meckert ein Ziegenbock oder spielt ein Musikant zu einem Hochzeitsfest auf. Solche Idyllen bilden den Rahmen für Geschichten, die Wehmut atmen und zu einem Gobelin verwoben sind, der die Geschichte der eigenartigsten aller Provinzen der ehemaligen Donaumonarchie in einprägsamen Farben zum Leuchten bringt. - Ihr umfassendes Wissen ausgebreitet hat Salcia Landmann auch in der Spruchsammlung "Jüdische Weisheit aus drei Jahrtausenden". Die Sammlung enthält eine repräsentative Auswahl von Spruchweisheiten aus alttradierter wie aus jüngerer jüdischer Literatur. Wiewohl diese Sprüche nach Entstehungszeit und Ursprungsland weit auseinander liegen, fügen sie sich in ihrer Gesamtheit zu einem Mosaik aus Denk- und Gedenksteinen, das ein organisch gewachsenes Bild einer einzigartigen Kultur ergibt. Dieses kulturgeschichtliche Bild komplementieren zwei religionswissenschaftliche Bücher, die - jedes für sich - eine Fundgrube für Christologen sind: "Jesus und die Juden" und "Jesus starb nicht in Kaschmir". - Eine Kulturgeschichte sui generis schuf Salcia Landmann mit ihren Kochbüchern "Gepfeffert und gesalzen", "Bittermandel und Rosinen", "Die jüdische Küche" oder "Kulinarische Reminiszenzen". Diese Kochbücher vereinen in sich Küchen-Know-how und Philosophie, anekdotischen Witz und Geschichte, Eßkultur und Völkerkunde. Sie bescheren dem Leser eine vergnügliche und zugleich lehrreiche Lektüre und führen ihn auf unterhaltsame Weise in die Hintergründe und Geheimnisse kultivierter Tafelfreuden ein. - Doch diese charmante Autorin wußte auch andere Töne anzuschlagen. Spitz wurde ihre Feder, wann immer sie an den gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen teilnahm. Ohne Wenn und Aber trat sie in ihren gesellschaftskritischen Essais für die freie Marktwirtschaft und für eine offene Gesellschaft ein. Eine Sammlung solcher Essais erschien unter dem Titel "Marxismus und Sauerkirschen - Eine streitbare Zeitbetrachtung". Mit der Zeit wurden die Blitze, die sie gegen alle schleuderte, welche sie einer marxistischen Gesinnung verdächtigte, so grell, so daß die Zeitungen, die sie regelmäßig mit Beiträgen bedient hatte, ihre kämpferischen Zeitbetrachtungen nicht mehr abdrucken wollten. Doch das focht Salcia Landmann nicht an. Auch in dieser Hinsicht blieb sie unbeugsam und ihrer Haltung bis zu ihrem Tode treu.
Werke (in chronologischer Reihenfolge): Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung, Olten/Freiburg 1960; Jiddisch - Das Abenteuer einer Sprache, Olten/Freiburg 1962, München 1979; Die Juden als Rasse, Olten/Freiburg 1967, München 1981; Jüdische Witze, München; Jüdische Anekdoten und Sprichwörter, München; Erzählte Bilderbogen aus Ostgalizien, München 1975; Marxismus und Sauerkirschen - Eine streitbare Zeitbetrachtung, München 1979; Nachlese jüdischer Witze, München; Gepfeffert und gesalzen - Ein streitbares Kochbuch, München 1980 (Ullstein Sachbuch 1982); Jugendunruhen - Ursachen und Folgen. Schweizerzeit Nr.1. Heerbrugg 1982; Jüdische Weisheit aus drei Jahrtausenden, München 1983; Erinnerungen an Galizien, München 1983; Bittermandel und Rosinen - Geschichten aus Osteuropa und dem Nahen Osten: Ein koscheres Kochbuch, München 1984; Frucht- und Blütensäfte - Mein Sirupbrevier, München 1985 (Ullstein Tb. 1987); Doch daheim fühle ich mich nirgends. Literatur-Extra der Schweizer Illustrierten. 1986; Jesus und die Juden, München 1987 (Ullstein Tb. 1989); Die klassischen Witze der Juden, München 1989 (Ullstein Tb.); Jüdische Küche, 1995; Jesus starb nicht in Kaschmir, München 1996; Mein Galizien, München 1996; Als sie noch lachten - Das war der jüdische Witz, München 1997; Koschere Kostproben, München 1997 (Ullstein Tb.); Kulinarische Reminiszenzen, München 1998 (Ullstein Tb.); Nein, nein, du bist keine Jüdin! - Henning von Vogelsang im Gespräch mit Salcia Landmann, Ulm 1998.
Übersetzungen aus der jiddischen Literatur: Scholem Alejchem: Marienbad, München 1977 (dtv 808); Scholem Alejchem: Neue Anatewka Geschichten, München 1978 (Knaur Tb. 717); Itzig Manger: Das Buch vom Paradies, München 1978; Anski: Der Didduk, München (dtv 1208).
CD: Jüdischer Witz - Jiddische Lieder. AM 1043-2, DDD; Gefilte Fisch - Gefielte Liebe. AM 1077-2, DDD.
TV-Dokumentation: Erinnerungen an Galizien - Salcia Landmann zum 80. Geburtstag. 30min. TV-Dokumentation von Manfred Schlapp. ORF 1991.
Manfred Schlapp
Werkeergänzung:
Salcia Passweg: Phänomenologie und Ontologie. Husserl-Scheler-Heidegger, Strassburg/Leipzig/Zürich 1939 (Sammlung Heitz).
Letzte Änderung: 18.05.2004