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Band XX (2002)Spalten 897-899Wilhelm Baum

LEBNA DENGEL (Dawid II.) (1508-1540, Kaiser von Äthiopien. - Der 1497 geborene Sohn des Negus Naod (1494-1508) stand zunächst unter der Vormundschaft seiner Stiefurgroßmutter, der Kaiserin Elleni (+ 1522), die 1509/10 den Armenier Mathäus nach Portugal geschickt hatte, um Hilfe gegen die Muslime in Ägypten zu erbitten. König Manuel I. (1494-1525) schickte 1515 eine Flotte nach Äthiopien, die sich nach einer kurzen Landung an der Küste jedoch nach Indien zurückzog. Als die Flotte unter dem Kommando von Rodrigo de Lima im April 1520 Massaua erreichte, war die Kaiserin Elleni bereits entmachtet. Der Negus empfing die Portugiesen Ende Oktober 1520 unfreundlich und erklärte, er habe sie nicht zu Hilfe gerufen. Francisco Alvarez liefert in seinem 1540 gedruckten Reisebericht eine genaue Schilderung der Lage; der Negus befragte ihn systematisch über Europa sowie über die portugiesische Kriegstechnik aus. Nachdem Lebna Dengel 1516 einen Angriff der Muslime von Adal zurückgeschlagen hatte, glaubte er, auf die Hilfe der Portugiesen verzichten zu können, die 1526 das Land ohne den Abschluß eines Bündnisses mit dem äthiopischen Priester Zagazabo wieder verließen. Dies sollte sich als ein verhängnisvoller Irrtum erweisen, denn der Imam Ahmad ben Ibrahim al-Gazi "Granj" ("der Linkshänder") hatte in Adal die Macht an sich gerissen und eröffnete 1526 den Dschihad gegen Äthiopien, der zu einem Siegeszug ohnegleichen wurde und in dem ein großer Teil des christlichen Äthiopien und seiner Klöster in Schutt und Asche gelegt wurde; dabei wurden zahllose wertvolle Handschriften vernichtet. Das um 1543 von Sihab ad-Din verfaßte Werk "Futuh al-Habasha" ("Eroberung von Abessinien") schildert den Siegeszug des Imam, der offensichtlich von den jüdischen Falascha unterstützt wurde. 1527/28 überrannte Granj die Grenzprovinzen Fetegar, Dawaro und Ifat und drang tief ins christliche Gebiet ein. Seit seinem Sieg bei Shimba-Kure (1529) blieben die Christen in der Defensive Das christliche Werk "Mashafa seddatomu" ("Buch der Vertreibung") schildert die Zerstörungen, denen z.B. 1529 das Kloster Debre Libanos, 1531 Atronse Maryam und das Kloster Haik, 1533 Lalibela, 1535 die alte Reichshauptstadt Aksum und 1540 das Prinzengefängnis Amba Gesen zum Opfer fiel. Minas, der Sohn des Negus, wurde gefangen und trat zum Islam über. Lebna Dengel flüchtete durch das Land; nur die Regenzeiten unterbrachen den Siegeszug des Imam. Der Negus flüchtete zunächst nach Gojam und Begemder und schließlich in das Felsenkloster Debre Damo in Tigre, wo er 1540 starb und begraben wurde. Auf einer von ihm für das Antoniuskloster in Ägypten gestifteten Ikone ist er mit seiner Frau Sabla Wangel zu sehen. 1535 schickte der Negus den portugiesischen Abenteurer Joao Bermudez, der 1526 als einziger Portugiese im Lande verblieben war und den er 1535 zum Abuna erhoben hatte, nach Rom und Portugal, um Hilfe zu holen. Papst Paul III. kündigte Lebna Dengel 1540 die Entsendung von Missionaren an. Hilfe brachte jedoch erst die mit Kanonen ausgestattete portugiesische Flotte unter dem Kommando von Stefan da Gama, die im Februar 1541 in Massaua landete, als Ahmad Granj die Kaiserinwitwe in Debre Damo belagerte. Der Portugiese Miguel de Castanhoso beschrieb den Feldzug, der im Februar 1543 mit dem Tod des Imam endete - die portugiesischen Kanonen hatten über die der Türken gesiegt, die nach der Eroberung Ägyptens und Arabiens dem Imam zu Hilfe gekommen waren. Lebna Dengel erwies sich als schwacher Regent, der sich zu keinem Gegenschlag gegen die Muslime aufraffen konnte, politisch ungeschickt agierte und sein Reich in einem desaströsen Zustand einem minderjährigen Thronfolger hinterließ.

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Quellen: Francisco Alvarez: Die reiß zu deß ...Königs in hohen Ethiopien, den wir Priester Johan nennen, Frankfurt 1576; Miguel de Castanhoso: Die Heldentaten des Dom Christoph da Gama in Abessinien, hg. v. E. Littmann, Berlin 1907; Die Geschichte des Lebna-Dengel, Claudius und Minas, hrsg. v. Manfred Kropp, (= CSCO 504, Ae. 84), Louvain 1988.

Lit.:The Prester John of the Indies, ed. by C. F. Beckingham a. G.W. Huntingford, (= The Haklut Society 114), Cambridge 1961; - L.: Tadesse Tamrat: Church and State in Ethiopia 1270-1527, Oxford 1972; - Robert Silverberg: The Realm of Prester John, Athens 1972; - The Cambridge History of Africa, vol. 3: from c. 1050 to c. 1600, ed. by Roland Oliver, Cambridge 1977; - General History of Africa, vol. 4: Africa from the Twelfth to the Sixteenth Century, ed. by D. T. Niane, Berkeley 1984; - Charles Verlinden u. Eberhard Schmitt (Hrsg.): Die mittelalterlichen Ursprünge der europäischen Expansion, (= Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion 1), München 1986; - Edward Ullendorff: The Ethiopians, ND d. 3. Aufl., Wiesbaden 1990; - Wilhelm Baum: Die Verwandlungen des Mythos vom Reich des Priesterkönigs Johannes, Klagenfurt 1999; - Uhlig Siegbert/Bühring Gernot: Damian de Góis' Schrift über Glaube und Sitten der Äthiopier, (= Äthiopistische Forschungen 39), Wiesbaden 1999; - Wilhelm Baum: Äthiopien und der Westen im Mittelalter, Klagenfurt 2001.

Wilhelm Baum

Letzte Änderung: 09.04.2011