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Band V (1993)Spalten 144-148 Autor: Rainer Lahme

LIVINGSTONE, David, schottischer Entdeckungsreisender und Missionar, * 19. März 1813 in Blantyre bei Glasgow, + 1. Mai 1873 in der Nähe des Bangweolo-Sees in Sambia. - L.s Kindheit war durch Armut, harte Arbeit, Entbehrungen und dem unbändigen Verlangen nach Wissen geprägt. Seit dem 10. Lebensjahr in einer Spinnerei beschäftigt, besuchte er noch eine Abendschule, um Lesen und Schreiben zu lernen. Durch die strenge calvinistische Erziehung des Elternhauses lebte der junge L. zunächst in beständiger religiöser Furcht, bevor sich der Vater einer religiösen Reformbewegung anschloß, deren missionarischen Eifer L. teilte. 1836 erfolgte die Aufnahme eines medizinischen Studiums in Glasgow in Verbindung mit dem Besuch theologischer Seminare und griechischer Sprachkurse. Nach der Aufnahme in die London Missionary Society 1838 erhielt L. eine gezielte Ausbildung für die beabsichtigte Tätigkeit als Missionar. Nach bestandenem Examen brach L. am 8. Dezember 1840 nach Südafrika auf, wo er im März 1841 eintraf und sich auf den Weg nach der im Norden gelegenen Missionsstation von Kuruman begab, die er am 31. Juli 1841 erreichte. Die Eintönigkeit des Alltagslebens in Kuruman, die Mühsal und Ergebnislosigkeit der missionarischen Bemühungen und die wenig verlockende Aussicht, möglicherweise viele Jahre in dem abgelegenen Ort verbringen zu müssen, führten zu Enttäuschungen, gleichzeitig aber zu ausgedehnten Reisen in den Norden und zur Errichtung einer neuen Missionsstation in Mabotsa im August 1843. L.s missionarische Anläufe zeitigten weiterhin kaum Erfolg; zugleich wuchsen sein Verständnis der einheimischen Stammestradition und der sozialen Grundlagen des Stammeslebens. Am 2. Januar 1845 heiratete L. die Missionarstochter Mary Moffat; bald danach errichtete er die Station Chonuane. Im Juni 1849 unternahm L. einen ersten Vorstoß zum Ngami-See, den er am 1. August 1849 erreichte. Am 4. August 1851 stand er am Ufer des Sambesi. In den folgenden Jahren beherrschte der Sambesi Denken und Handeln L.s. Gelang es ihm, die Schiffbarkeit des Flusses nachzuweisen, so gab es eine ideale Wasserverbindung, um Christentum, Handel und Zivilisation ins Innere Afrikas zu bringen. Die Erschließung des Sambesi wurde zur fixen Idee, die Gefahren durch Sklavenhandel und Malaria wurden von L. verdrängt. In den Jahren von 1853 bis 1856 durchquerte L. den afrikanischen Kontinent. Der Etappe von Linyanti am Mittellauf des Sambesi nach Louanda in Angola (11. November 1853-31. Mai 1854) folgten der Rückweg und die anschließende Erkundung des östlichen Zugangsweges ins Landesinnere (September 1854-Mai 1856). L.s Hoffnungen über die Schiffbarkeit des Flusses erhielten dabei - nicht zuletzt durch die Entdeckung der Victoria-Fälle im November 1855 - einen herben Rückschlag. Am 9. Dezember 1856 betrat L., nachdem er sich in Quilimane (Moçambique) eingeschifft hatte, erstmals wieder englischen Boden, wo ihm als »national hero« ein begeisterter Empfang bereitet wurde. Im Oktober 1857 verließ L. die Missionary Society und trat in den Dienst der Regierung ein, die er zuvor durch seine optimistischen Berichte über die Entwicklungschancen Afrikas zur Finanzierung einer weiteren Sambesi-Mission bewogen hatte. Die Expedition, die im Mai 1858 an der Mündung des Sambesi in Moçambique eintraf, stand jedoch von vornherein unter einem ungünstigen Stern. Schon bald brach Streit unter den Teilnehmern aus, der durch L.s Führungsmethoden noch verstärkt wurde. Für die Probleme seiner Mitmenschen zeigte L. keinerlei Verständnis; vielmehr erwartete er, daß sie im gleichen Maße wie er selbst die mitunter unmenschlichen Entbehrungen des Reisens in Afrika zu erdulden hätten. Die Entdeckung, daß die Kebrabasa-Wasserfälle unpassierbar und der Sambesi damit nicht schiffbar war, bedeutete eigentlich schon das Fehlschlagen der Mission. L. konzentrierte sich danach auf die Erkundung des Shire, erreichte im September 1859 den Njassa-See und verfolgte nun den Plan, im Shire-Hochland dereinst eine blühende Kolonie zu errichten. Der Tod Mary L.s am 27. April 1862 verstärkte seine Einsamkeit und die Abneigung, mit Europäern überhaupt Kontakt zu pflegen. Vom September bis November 1862 erkundete L. den Rovuma-Fluß. Die Nachricht aus London, die den Rückzug der Expedition anordnete, erreichte ihn am 2. Juli 1863 im Gebiet des Shire. Von dort an die Küste zurückgekehrt, brach er mit einem kleinen Schiff nach Sansibar auf, überquerte den Indischen Ozean nach Bombay und schiffte sich von dort nach England ein, das er im Juli 1864 wieder erreichte. Der Aufenthalt in der Heimat, wo ihm diesmal kein überschwenglicher Empfang bereitet wurde, ließ L. seine Einsamkeit und Verbitterung eher noch stärker empfinden und nährten den Wunsch, möglichst rasch nach Afrika zurückzukehren. L. akzeptierte daher die Einladung der Royal Geographical Society, den Ursprung der Nilquellen zu erforschen, und im März1866 verließ er bereits Sansibar zu seiner letzten großen Mission. Da er die Ursprünge des Nils irrtümlicherweise südlich des Tanganjika-Sees vermutete, durchreiste L. zunächst die Gebiete zwischen Njassa- und Tanganjika-See und erreichte am 18. Juli 1868 erstmals den Bangweolo-See. Versorgungsprobleme zwangen den bereits kranken L. zur Rückkehr nach Ujiji am Tanganjika-See, von wo aus er im Juli 1869 in das Territorium westlich des Sees aufbrach, um den Lualaba-Fluß zu erkunden, den er für einen Quellfluß des Nils ansah. Am 23. Oktober 1871 wieder nach Ujiji zurückgekehrt, fand dort wenig später das denkwürdige Treffen mit Henry M. Stanley statt, der den allmählich zum Mythos werdenden alten Mann allerdings nicht davon abhalten konnte, sich am 25. August 1872 von Unyanyembe erneut in das südlich des Tanganyika-Sees gelegene Gebiet aufzumachen. Krankheit und einsetzende Phantasien trugen dazu bei, daß L. mehr und mehr die geographische Orientierung verlor und zunehmend ziellos im Gebiet des Bangweolo-Sees umherzog, wo ihn am 1. Mai 1873 der Tod von seinen Leiden erlöste. - L. gehört zweifellos zu den großen Persönlichkeiten, die das Bild, das sich die Europäer von Afrika machten, maßgeblich prägten und somit zur Erschließung des Kontinents beitrugen. Daß die vor allem durch die letzte Mission L.s entstandene Legende um seine Person nicht immer mit der Realität übereinstimmte, erscheint geradezu unbedeutend im Vergleich zur Wirkung, die davon ausging und die mit dazu beitrug, daß in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts die von L. angeregten Siedlungskolonien Wirklichkeit wurden und das Gesicht Afrikas in entscheidender Weise veränderten. L.s Reisebeschreibungen, seine geographischen Aufzeichnungen, seine detaillierten Notizen über die sozialen Strukturen des Stammeslebens sowie über die Tier- und Pflanzenwelt Afrikas hatten zuvor das Wissen über den bis dahin nahezu unbekannten Erdteil erweitert und die Phantasie seiner Landsleute angeregt. Paradoxerweise hatte L. allerdings zu seinen Lebzeiten kaum eines seiner ehrgeizigen Ziele erreicht. Seine missionarischen Erfolge waren bescheiden, die weitreichenden Hoffnungen, die sich mit dem Sambesi verbanden, hatten sich als Illusionen erwiesen und die Suche nach den Nilquellen war von Anfang an von Irrtümern begleitet. Die Besessenheit, mit der er seine Absichten zuweilen verfolgte, gab ihm jedoch zugleich die Kraft, Körper und Geist immer wieder zu nahezu übermenschlichen Anstrengungen zu zwingen und beispielsweise als erster Europäer den Kontinent zu durchqueren.

Werke: Missionary Travels and Researches in South Africa, New York 1858, repr. 1971; Dr. L's. Cambridge Lectures, ed. by William Monk, Cambridge 1858, repr. 1968; Narrative of an Expedition to the Zambesi and its Tributaries; and of the Discovery of Lakes Shirwa and Nyassa, 1858-1867, London 1865, repr. 1971; The Last Journals of D.L. in Central Africa, from 1865 to His Death, ed. by Horace Waller, New York 1875; D.L., South African Papers, 1849-1853, Cape Town 1975; David Chamberlin (Ed.), Some Letters from L. 1840-1872, London 1940, repr. New York 1969; R. Foskett, The Zambesi Doctors: D.L's. Letters to John Kirk, 1858-1872, Edinburgh 1964; Isaac Schapera (Ed.), D.L., Family Letters, 1841-1856, 2 Vols., London 1959; Ders. (Ed.), L.'s Private Journals, 1851-1853, London 1960; Ders., (Ed.), L.'s African Journal, 1853-1856, 2 Vols., London 1963; Ders. (Ed.), L.'s Missionary Correspondence, 1841-1856, London 1961; George Shepperson (Ed.), D.L. and the Rovuma, A Notebook, Edinburgh 1965; J.P.R. Wallis (Ed.), The Matabele Mission: A Selection from the Correspondence of John and Emily Moffat, D.L. and others 1858-1878, London 1945; Ders. (Ed.), The Zambezi Expedition of D.L. 1858-1863, 2 Vols., London 1956; Margaret E. Appleyard, Dr. D.L.: A Bibliography, Cape Town 1949, repr. 1970; James A. Casada, Dr. D.L. and Sir Henry Morton Stanley: An Annotated Bibliography, New York/London 1976; T.A. Simons, A Bibliography of Published Works by and about D.L. 1843-1975, University of Cape Town Libraries 1978.

Lit.: Hermann von Barth, D.L., der Afrikareisende. Ostafrika vom Limpopo bis zum Somalilande, Leipzig 1875; - Henry M. Stanley, How I Found L.; Travels, Adventures, and Discoveries in Central Africa; Including Four Month's Residence with Dr. L., 3 Vols., Hamburg 1878; - W. Garden Blaikie, The Personal Life of D.L., London 1880, repr. New York 1969; - Augusta Zelia Frazer, L. and Newstead, London 1913; - Elsie B. Walker, L., the pioneer, London 1925; - R.J. Campbell, L., Westport, Conn. 1929, repr. 1972; - James I. Macnair, L. the Liberator, London/Glasgow 1940; - Reginald Coupland, L.'s Last Journey, London 1945; - Frank Debenham, L.'s Africa and future development, in: Geography 36, 1951, 107-111; - Ders., New light on L.'s last journey, in: Geographical Journal 120, 1954, 1-14; - Ders., D. L. and the Zambesi, in: Geographical Magazine 28, 1955, 311-319; - Ders., The Way to Ilala, D.L.'s Pilgrimage, London/New York/Toronto 1955; - T. Price, Portuguese relations with D.L., in: Scottish Geographical Magazine 71, 1955, 138-146; - Jack Simmons, L. and Africa, London 1955; - Michael Gelfand, L. the Doctor, His Life and Travels, Oxford 1957; - Cecil Northcott, L. in Africa, New York 1957; - George Seaver, D.L.: His Life and Letters, London 1957; - John Stewart Dunlop, The influence of D.L. on subsequent political developments in Africa, in: Scottish Geographical Magazine 75, 1959, 144-152; - Vincent Harlow, D.L. and Central Africa To-day, in: Hibbert Journal 58, 1959/60, 329-337; - Isaac Schapera, L. and the Boers, in: African Affairs 59, 1960, 144-156; - George Shepperson, D.L. the Scot, in: The Scottish Historical Review 39, 1960, 113-121; - Ders., D.L. 1813-1873. A Centenary Assessment, in: The Geographical Journal 139, 1973, 205-219; - Gerald Bonner, Some letters of D.L., in: British Museum Quarterly 23, 1961, 38-43; - John Butt, D.L. and the Idea of African Evolution, in: History Today 13, 1963, 376-382; - Oliver Ransford, L.'s Lake, The Drama of Nyasa, African's Inland Sea, London 1966; - Ders., D.L.: The Dark Interior, London 1978; - R.C. Bridges, The Sponsorship and Financing of L.'s Last Journey, in: African Historical Studies 1, 1968, 79-104; - Norman Robert Bennett, D.L.: Exploration for Christianity, in: Robert I. Rotberg (Ed.), Africa and its Explorers, Cambridge 1970, 39-61; - George Martelli, L.'s River: A History of the Zambesi Expedition, 1858-1864, London 1970; - Philip Birkinshaw, The L. Touch, London 1973; - D.L. and Africa: Proceedings of a Seminar held on the Occasion of the Centenary of the Death of D.L. 4-5 May 1973, Edinburgh, The University 1973; - Tim Jeal, L., London 1973; - Brendan W. Lloyd (Ed.)., L., 1873-1973, Cape Town 1973; - Dorothy Middleton, The Doctor who loved Africa, in: Geographical Magazine 45, 1973, 592-600; - Bridglal Pachai (Ed.), L., Man of Africa, Memorial Essays, London 1973; - Herbert Wotte, D.L. Ein Forscherleben für Afrika, Leipzig 2. Auflage, 1973; - Elspeth Huxley, L. and his African Journeys, London 1974; - Judith Listowel, The other L., New York 1974; - D.I. Siddle, D.L.: A Mid-Victorian Field Scientist, in: The Geographical Journal 140, 1974, 72-79; - Gary Clendennen/James A. Casada, The L. Documentation Project, in: History in Africa 8, 1981, 309-317; - The New Encyclopaedia Britannica, VII, 415-417; - RGG, IV, 424; - DNB XI, 1263-1275.

Rainer Lahme

Letzte Änderung: 27.06.1998