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Band XX (2002)Spalten 937-943 Renate Zitt

LOHMANN, Theodor Christian * 18.10. 1831 Winsen a. d. Aller, † 31.8. 1905 Tabarz/Thüringen, Jurist, Verwaltungsbeamter und wichtiger protestantischer Sozialreformer in der staatlichen Sozialpolitik und der Inneren Mission in Deutschland seit 1870, theologisch und gesellschaftstheoretisch profilierter Vordenker und Akteur einer Verbindung von Diakonie und Sozialpolitik. - L. wurde als zweitjüngstes von acht Kindern in zweiter Ehe des Kaufmanns und Ziegeleibesitzers Ernst Heinrich Lohmann (1797-1856) mit Johanna Juliana, geb. Hardegen, am 18.10. 1831 in Winsen/Aller geboren. L., der seine Mutter früh verlor, wuchs in ländlichen, bäuerlich-patriarchalisch geprägten Verhältnissen im damaligen Königreich Hannover auf und wurde stark durch die Frömmigkeit der lutherisch-konfessionell bestimmten Erweckungsbewegung (Ludwig Harms) mit ihrer Betonung der Bekehrung und Heiligung des Lebens geprägt. - Nach Unterricht durch Hauslehrer und Besuch des Gymnasiums in Celle studierte L. seit 1850 Rechts- und Staatswissenschaften an der hannoverschen Landesuniversität Göttingen und beschäftigte sich auch mit Fragen der Kirchentheorie (Friedrich Julius Stahl, später mit Theodosius Harnack). 1851 gründete L. mit anderen Studenten die christliche Burschenschaft "Germania" (Wahlspruch: Gott, Freiheit, Vaterland). Er beschäftigte sich außerdem in einem Studentenverein bei dem Theologieprofessor Friedrich Ehrenfeuchter mit der 1848 von Johann Hinrich Wichern gegründeten "inneren Mission" und der sozialen Frage und hielt dort einen stark von der Lektüre des Staatswissenschaftlers Lorenz von Stein geprägten Vortrag über "Communismus, Socialismus, Christenthum". Friedrich Lücke lobte den Vortrag des Laientheologen Lohmann, der 1853 in der Vierteljahrsschrift für Theologie und Kirche veröffentlicht wurde, als das Beste, was zu diesem Thema aus theologischer Feder geflossen sei. Lohmann plädierte hier in kundiger Auseinandersetzung mit sozialistischen und kommunistischen Theorien für eine umfassende Gesellschaftsreform. - 1854 trat L. als Jurist in die Verwaltungslaufbahn des königlich-hannoverschen Verwaltungsdienstes ein und bestand nach der Auditorenzeit 1858 sein zweites Examen mit Auszeichnung. 1862 heirateten Theodor Lohmann und Louise Wyneken (1839-1879), mit der er drei Kinder hatte. Im Kultusministerium Hannover wurde L. 1863 Regierungsassessor und beschäftigte sich vor allem mit der Neuordnung der Hannoverschen Kirchenverfassung. 1866 wurde er Referent in der Kultusabteilung des neugegründeteten Hannoverschen Landeskonsistoriums und nahm als Generalsekretär an der ersten Landessynode der evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers 1869 teil. - L. machte sich in den 1860er Jahren um die Neuordnung der Verfassung der Hannoverschen Landeskirche und gemeinsam mit Gerhard Uhlhorn um die Gründung der Inneren Mission in Hannover verdient. Ehrenamtlich war er für die Innere Mission im Rahmen der Gründung des Evangelischen Vereins (1865) und der Diakonenanstalt Stephansstift (1869) Hannover sowie durch Vorträge engagiert. - Infolge der Annexion Hannovers durch Preußen (1866) wurde L. 1870 zunächst nach Minden/Westfalen, 1871 dann als Referent für die gewerbliche Arbeiterfrage in das preußische Handelsministerium nach Berlin (zwangs-)versetzt. Hier erarbeitete er mit großem christlich motivierten gesellschaftsreformerischem Engagement Gesetzesvorlagen, internationale Gesetzesvergleiche und umfassende Regierungsenqueten zur Situation von jugendlichen Fabrikarbeitern und Arbeiterinnen und gestaltete die obligatorische Gewerbeaufsicht in der Gewerbeordnungsnovelle von 1878 aus. - Die Kaiserliche Novemberbotschaft von 1881 kündigte eine Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung an. Seit 1880 im Reichsamt des Inneren, wurde L. Bismarcks wichtigster Mitarbeiter in der Ausarbeitung der Sozialversicherungsgesetzgebung, jedoch auch sein (zunächst verdeckt agierender) konzeptioneller Widersacher, da L. die Stärkung der Selbstverantwortung und Interessensvertretung der Arbeiter sowie der Arbeiterschutz wichtiger erschienen, als Bismarcks Intention, die Arbeiter zu "Staatsrentnern" zu machen. 1883 konnte L. einen Teil seiner Anliegen und Ideen in der Ausarbeitung der Krankenversicherung durchsetzen. Die Kassen wurden als Selbstverwaltungskörperschaften organisiert und umfassten Beitrags- und Verwaltungsbeteiligung der Arbeiter. - Über die Unfallversicherung, besonders die Frage des Umlageverfahrens, des Reichszuschusses und die nach L.'s Ansicht sozialpolitisch fatalen "Zwangsberufsgenossenschaften", kam es 1883 jedoch zum Konflikt und legendären "Bruch" zwischen L. und Bismarck. In dessen Folge wurde L. sozialpolitisch weit gehend kalt gestellt. Allerdings versuchte er, seine Ideen weiterhin in anonymen Veröffentlichungen oder der Zentrums-Partei zugespielten Gesetzesvorlagen (z.B. an Georg Freiherr von Hertling) in die gesellschaftliche Öffentlichkeit zu lancieren. In verstärktem Maß wandte er sich in dieser Zeit auch seinen Ehrenämtern als Präsident der Berliner "Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden" (1876-1898) und als Mitglied der "Gesellschaft zur Beförderung der evangelischen Missionen unter den Heiden" (1878-1898) zu. - Vor allem aber war L. von 1880-1905 in dem 1848 von Wichern gegründeten "Central-Ausschuß für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" aktiv. In der maßgeblich von ihm ausgearbeiteten Denkschrift "Die Aufgabe der Kirche und ihrer inneren Mission gegenüber den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kämpfen der Gegenwart. Eine Denkschrift des Central-Ausschusses für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" (1884) analysierte er die gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen im Lichte der biblischen Botschaft und entwickelte christlich-sittlich begründete Handlungsrichtlinien sowie konkrete Handlungsanweisungen für verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen (Arbeitgeber, Arbeiter, Kirche, Innere Mission) und für den Staat. - L. forderte in der Denkschrift von 1884 als Ziel für die Gestaltung der Wirtschaftsordnung, dass diese "auch den untersten Klassen die Erreichung desjenigen Maßes irdischen Gutes ermöglicht, welches nach dem jeweiligen Stande der Kultur die Voraussetzung der Bewahrung vor wirtschaftlicher Not und der Erhaltung und Pflege der sittlichen Grundordnungen bildet". Kirche und Innere Mission müssten sich einsetzen für die hierfür notwendigen strukturellen Reformforderungen, da erst durch diese die notwendigen Voraussetzungen für ihre Arbeit geschaffen würden. - Mit seinem Konzept der Sozialreform kam L. in der staatlichen Sozialpolitik erst im Rahmen des sozialpolitischen Frühlings der Februarerlasse Kaiser Wilhelms II. von 1890 und, nach Bismarcks Abschied, in der Ära des preußischen Handelsministers Freiherr von Berlepsch wieder zum Zug. Im März 1890 war er Delegierter Preußens bei der weit gehend von ihm vorbereiteten Internationalen Arbeiterschutzkonferenz in Berlin. Die Gewerbeordnungsnovelle vom 1.6. 1891 enthielt in Titel VII den Ausbau des Gewerbeaufsichtsdienstes und umfassende Verbesserungen des Arbeiterschutzes, für die sich L. schon in den 1870er und 1880er Jahren eingesetzt hatte: z. B. das Verbot der Arbeitsverpflichtung am Sonntag, das Verbot der Nachtarbeit von Frauen und Jugendlichen, das Arbeitsverbot für Kinder unter 13 Jahren und Maximalarbeitstage für Jugendliche und für Frauen. - 1891 wurde unter L.'s Beteiligung im preußischen Handelsministerium die Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen zur Koordinierung der Bestrebungen der freien Wohlfahrtspflege gegründet, die Vorläuferorganisation der späteren Zentralstelle für Volkswohlfahrt. - 1891 wurde L. zum Wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrat und Ministerialdirektor, 1892 zum Unterstaatssekretär, 1899 zum Wirklichen Geheimen Rat mit Prädikat Excellenz und 1900 zum Leiter der Handelsabteilung im preußischen Handelsministerium ernannt. Er wirkte als stellvertretender Vorsitzender in der neu gegründeten Kommission für Arbeiterstatistik und als Vorsitzender der Technischen Deputation für Gewerbe sowie ab 1898 in der Kommission zur Reform der Wohnungsfrage. Seit 1890 war er Mitglied und seit 1902 Vorsitzender des "Central-Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen". - Als besondere Auszeichnungen erhielt L. 1901 die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät Kiel und 1904, anlässlich seines 50-jährigen Dienstjubiläums, den Wilhelmsorden für besondere sozialpolitische Verdienste. - L. starb am 31.8. 1905 in Tabarz/Thüringen. - Das theoretische und praktische Engagement für die soziale Frage und für die Innere Mission bildet ein Leitmotiv in L.s Leben. L. wollte durch sein Konzept einer "versöhnenden Arbeiterpolitik" den Arbeiter als mündiges Subjekt in die Gesellschaft integrieren. Konkret forderte er vom Staat in diesem Zusammenhang, ähnlich wie die so genannten Kathedersozialisten, Arbeitervertretungsorgane, den Schutz des Schwächeren im Arbeitsvertragsverhältnis, umfassende Arbeiterschutzmaßnahmen (unter Einschluss eines Maximalarbeitstages) und Arbeiterversicherungsgesetze, die den Beitrag des Arbeiters zum festen Lohnbestandteil machen sollten. Seine sozialpolitische, juristische und nationalökonomische Kompetenz brachte L. in den "Central-Ausschuß für innere Mission" ein und sorgte dort für eine fundierte Behandlung der industriellen Arbeiterfrage. Mit seiner sachkundigen theologischen und gesellschaftstheoretischen Argumentation formulierte Lohmann Ansätze einer zukunftsfähigen Sozialethik für die protestantische Kirche, die in manchen Punkten Parallelen mit der Sozialenzyklika "Rerum Novarum" von Papst Leo XIII. von 1891 aufweist. - Mit seiner sozialpolitischen Konzeption gehört L. zu den Architekten des Systems sozialer Sicherung in Deutschland und zu den Vordenkern einer Sozialverfassung der Gesellschaft. L. verband Wohlfahrtspflege untrennbar mit der Forderung nach den nötigen rechtlichen und materiellen Grundlagen, um Selbst- und Mitverantwortung innerhalb der Gesellschaft wahrnehmen zu können.

Bibliographie bis 1997: Vgl. zu den unter seinem Namen und den anonym erschienenen Werken Theodor Lohmanns und zur Literatur über Lohmann: Renate Zitt, Zwischen Innerer Mission und staatlicher Sozialpolitik. Der protestantische Sozialreformer Theodor Lohmann (1831-1905). Eine Studie zum sozialen Protestantismus im 19. Jahrhundert, (VDWI, Bd. 10), Heidelberg 1997, 461ff.

Werke: Communismus, Socialismus, Christenthum, in: Vierteljahrsschrift für Theologie und Kirche. III. Folge. 2. Jg., 1853, 1-33; Über bürgerliche und kirchliche Armenpflege mit Rücksicht auf hannoversche Verhältnisse, Hannover 1855; Kirchengesetze der evg.-luth. Kirche des vormaligen Königreichs Hannover nebst den zu deren Ausführungen erlassenen Verordnungen, Bekanntmachungen und Ausschreiben. 1. Tl., Hannover 1871; Theodor Lohmann (Hrsg.), Die Fabrikgesetzgebungen der Staaten des europäischen Kontinents, Berlin 1878; Der gegenwärtige Augenblick. Einleitende Worte zur Besprechung der Thesen über die Frage "Was fordert der gegenwärtige Augenblick von der inneren Mission?", in: Fliegende Blätter aus dem Rauhen Haus, 47. Jg. 1890, 165-173; und in: Hannoversche-Pastoral-Korrespondenz, 18. Jg. 1890, 133-137; ebenfalls veröffentlich in: Brakelmann, Günter, Zwischen Widerstand und Mitverantwortung, Bochum 1994, 147ff.; Mut zur Moral. Aus der privaten Korrespondenz des Gesellschaftsreformers Theodor Lohmann. Bd. 1 (1850-1883), hrsg. von Lothar Machtan, Bremen 1995.

Lit.: Central-Ausschuß für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche, Die Aufgabe der Kirche und ihrer inneren Mission gegenüber den wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Kämpfen der Gegenwart. Eine Denkschrift des Central-Ausschusses für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche, Berlin 1884; ebenfalls veröffentlicht in: Brakelmann, Günter/Jähnichen, Traugott (Hrsg.), Die protestantischen Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft. Ein Quellenband, Gütersloh 1994, 124-139; - Hans Rothfels, Theodor Lohmann und die Kampfjahre der staatlichen Sozialpolitik (1871-1905). Nach ungedruckten Quellen bearbeitet, Berlin 1927; - Günter Brakelmann, Theodor Lohmann - ein protestantischer Sozialpolitiker aus der Inneren Mission, in: ders., Zwischen Widerstand und Mitverantwortung, Bochum 1994, 85ff.; - Florian Tennstedt, Sozialreform als Mission. Anmerkungen zum politischen Handeln Theodor Lohmanns, in: Kocka, Jürgen/Puhle, Hans-Jürgen/Tenfelde, Klaus (Hrsg.), Von der Arbeiterbewegung zum modernen Sozialstaat. Festschrift für Gerhard A. Ritter zum 65. Geburtstag, München 1994, 538 - 559; - Renate Zitt, Theodor Lohmanns Bedeutung für die Positionsbestimmung der Inneren Mission gegenüber der sozialen Frage, in: Strohm, Theodor/Thierfelder, Jörg (Hrsg.), Diakonie im Deutschen Kaiserreich (1871-1918), Heidelberg 1995, 74-104; - Lothar Machtan, Der Gesellschaftsreformer Theodor Lohmann, in: Marßolek, Inge/Schelz-Brandenburg, Till (Hrsg.), Soziale Demokratie und sozialistische Theorie, Bremen 1995; - Renate Zitt, Zwischen Innerer Mission und staatlicher Sozialpolitik. Der protestantische Sozialreformer Theodor Lohmann (1831-1905). Eine Studie zum sozialen Protestantismus im 19. Jahrhundert, (VDWI, Bd. 10), Heidelberg 1997 (Vgl. hier die weitere Literatur); - Florian Tennstedt, Politikfähige Anstöße zu Sozialreform und Sozialstaat. Der Irvingianer Hermann Wagener und der Lutheraner Theodor Lohmann, in: Kaiser, Jochen-Christoph/Loth, Wilfried (Hrsg.), Soziale Reform im Kaiserreich. Protestantismus, Katholizismus und Sozialpolitik, Stuttgart 1997, 19-31; - Hans Otte, Den Ideen Gestalt geben. Der Sozialpolitiker Theodor Lohmann im Centralausschuß für die Innere Mission, in: Kaiser, Jochen-Christoph/Loth, Wilfried (Hrsg.), Soziale Reform im Kaiserreich. Protestantismus, Katholizismus und Sozialpolitik, Stuttgart 1997, 32-55; - Renate Zitt, Korporative Selbsthilfe oder Staatsfürsorge. Worüber kam es zum Bruch zwischen Bismarck und Lohmann?, in: Tanner, Klaus (Hrsg.), Gotteshilfe - Selbsthilfe - Staatshilfe - Bruderhilfe. Beiträge zum sozialen Protestantismus im 19. Jahrhundert, Leipzig 2000, 173-194.

Renate Zitt

Letzte Änderung: 21.05.2002