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Verlag Traugott Bautz
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LOMBARDUS, Petrus. Petrus Lombardus wurde zu Beginn des 12. Jh.s in ärmlichen Verhältnissen in Lumellogno bei Novara (Ital.) geboren. Die aus Langobardinus wohl in Franzien kontrahierte Bezeichnung Lombardus betrifft nicht seine Herkunft, sondern die Rechtszugehörigkeit seiner Heimat. Seine erste Schulbildung - wohl auch in den artes liberales - empfing er wahrscheinlich bei den Kanonikern in Novara, bzw. in Lucca, wo er den Magister Otto (Odo) hören konnte, der als Autor der auch von ihm später vielbenutzten Summa Sententiarum gilt. Der Bischof von Lucca bemühte sich für Petrus bei Bernhard von Clairvaux um einen Studienaufenthalt in Franzien. Bernhard empfahl ihn in einem Brief - Ep. 410, Opera omnia 8,391 - den Kanonikern von St. Viktor in Paris. Aus diesem Schreiben erfahren wir, daß Petrus auch in Reims studiert hatte, wo die Magister Alberich und Lutolph von Novara lehrten. Als er studienhalber um 1134 nach Paris kam, unterrichteten bei den Kanonikern von St. Viktor der Magister Hugo und auf dem Berg der Hl. Genoveva Peter Abälard. Nach 10 Jahren zählte Petrus als Lehrer der Kathedralschule »Nostrae Dominae« (Notre Dâme) mit Hugo, Abälard und Gilbert von Poitiers zu den bekannten Magistern Franziens. Zwischen 1147 und 1156 empfing er die Priesterweihe. Auf der Synode von Reims 1148 hat er die Aktenstücke samt den gegen Gilbert gerichteten Capitula (vgl. Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion. nr. 745) mitunterzeichnet. 1159 wurde er zum Bischof von Paris gewählt und am Fest Peter und Paul ordiniert. Seine Wahl wurde später gerüchtweise der Simonie verdächtigt und Walter von St. Viktor, dem in seiner Kampfschrift »Contra quatuor labyrinthos Franciae« II c.4 (ed. Arch. Hist. doctr. Litt. 19, 1952, 231) jedes Mittel der Polemik recht war, hat dieses Gerücht verbreitet. Es entbehrt jeder Grundlage. Aus seiner kurzen bischöflichen Amtszeit sind nur spärliche Nachrichten überliefert. Er starb bereits am 20. Juli 1160. Durch ungenaue Berichterstattung über eine »fast 3jährige Amtszeit« in der Weltchronik des Alberich von Trois-Fontaines (MGH ss XXIII, 843) wurde das feststehende Todesjahr variiert. - In seiner Schule erklärte der Magister die Hl. Schriften entsprechend den Glossen, die in den frühen Schulen (vor allem der des Anselm von Laon) überliefert wurden; er diskutierte mit den Schülern die aus dem Text und der Vätererklärung resultierenden Fragen und gab Gegenstand und Methode der Lehre ihre literarische Form in den Sentenzenbüchern. Die Psalmenerklärung hatte der Magister ursprünglich nicht für die Schule sondern für seinen eigenen Gebrauch geschrieben (vor 1148); später las er sie aber auch in der Schule und veröffentlichte sie gegen Ende seines Lehramtes (c. 1158/59). Die Erklärung der sämtlichen Paulusbriefe (einschließlich des Hebräerbriefes) ist in einer zweifachen Version überliefert. Erstere lag bei der Abfassung des Sentenzenwerkes vor, letztere hat er wahrscheinlich erst nach der Herausgabe der Sentenzenbücher veröffentlicht. Bei seiner Auslegung benutzte er die Sentenzen des Florus v. Lyon, den Ambrosiaster, die Kommentare des Haimo von Auxerre, Anselm von Laon, Gilbert von Poitiers und die Schriften des Hugo von St. Viktor, Walter von Mortagne und die Summa Sententiarum. Neben den beiden Glossen zu den Psalmen und den Paulusbriefen hat der Magister auch andere Bücher des Alten und des Neuen Testaments erklärt, wie wir aus den Schriften des Petrus Mandukator und des Stephan Langton wissen. Die 4 Sentenzenbücher waren das Lehrbuch seiner Schule, das er zw. 1150-1158 abfaßte und bei einer 2. Erklärung 1157/58 ergänzte. Er gliedert den Lehrstoff in 4 Bücher (möglicherweise in Anlehnung an das theol. Werk des Johannes v. Damaskus »De fide orthodoxa«, das er in vollständiger lat. Übersetzung 1153/54 auf einer Romreise kennenlernte). Die Liste der Kapitel stellte er dem 1. Buch voran. Die Einteilung in Distinktionen stammt nicht von ihm sondern von Alexander von Hales. Als Quellen benutzte er die vorliegenden Sentenzensammlungen der Schulen, die Summa Sententiarum des Odo von Lucca, die kanonistischen Werke des Ivo von Chartres und Magister Gratianus, die Schriften des Hugo von St. Viktor und Abälard. Er las auch in den Väterschriften und stützte sich auf die in den Bibelglossen zitierten Sentenzen. Als Magister und Bischof hat Petrus auch gepredigt. - In den beiden ersten Büchern der Sententiae handelt er vom einen und dreieinen Gott, dem Schöpfer und von der Schöpfung. Die Aufteilung der Theologie in eine heilsgeschichtliche »sacra pagina« (im Sinne des Anselm von Laon) und eine essentielle »theologia« (im Sinne Abälards) vermied er ebenso, wie die Ablösung der Gotteslehre von der Trinitätstheologie. Diese erörterte er nicht (wie Gilbert) sprachlogisch und auch nicht (wie Abälard) in dialektischen Begriffen, sondern in der augustinischen Acht und Aufmerksamkeit auf das inwendige dreieine göttliche Leben und dessen Offenbarung nach außen. Weil der Magister in der Gotteslehre keinen »substanzialistischen« Personbegriff verwendete, konnte er die doppelte (nicht zweifache) Sendung des Wortes in der Menschwerdung und des Geistes im Gnadengeschehen sehr dynamisch interpretieren. Der Sohn Gottes ist in der Inkarnation nicht »etwas«, ein »aliquid« geworden, denn Gott kann nichts werden. In der Annahme der Geistseele-Leib-Natur des Menschen hat der Ewige Logos diese zur Dignität seines personalen Selbstseins erhoben und sich selbst in deren Befindlichkeit (habitus) herabgelassen. Dieser sog. Habitustheorie (zur Erklärung der hypostatischen Union) wurde später zu Unrecht der Vorwurf des christologischen »Nihilianismus« gemacht (vgl. Brief Alexanders III vom 28. Mai 1170 an den EB von Sens, Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion nr. 749). Die nach Röm. 5,5 in die Herzen der an Christus Glaubenden ausgegossene Liebe Gottes ist für den Magister nichts anderes als der Hl. Geist (Sent. I d. 17 c. 1-3; III d. 43 c. 1), nicht im Sinne einer »enhypostatischen« Gegenwart, sondern im Sinne der Entäußerungsbewegung des Geistes. Die Spiritualen des Mittelalters (z.B. Bonaventura) haben diese These sehr wohl verstanden; der Magister wußte zwischen innergöttlicher Bewegung und heilsgeschichtlicher Sendung des Geistes zu unterscheiden. - Getreu der Überlieferung legte er im 2. Sentenzenbuch des »6-Tage-Werk« der Schöpfung zielstrebig hin auf die Erschaffung des Menschen aus, der in seiner ursprünglichen Gottebenbildlichkeit, in der Freiheit und Rechtheit zu Fall kam. Das ursündige Verderben greift tief in unser Leben ein, denn was den Ursprung betrifft und verdirbt, trifft immer auch das von diesem Herkommende. Der Mensch ist erlösungsbedürftig, weil er die Freiheit der Entscheidung verloren hat, er ist erlösungsfähig, weil er die Urteilskraft behalten hat, wie der Magister im 3. Buch ausführt. Der Glaube an die rechtfertigende Kraft des Leidens Christi ist die das böse Begehren befreiende und erlösende Liebe; diese ist die Vollendung der Tugend. Unter der Leitidee des barmherzigen Samariters (Lk 10,33 f.) stellte er im 4. Buch die 7 Sakramente der Kirche vor, die er unter den augustin. Zeichenbegriff stellte. Ohne besondere Überleitung kommt er dann auf die Letzten Dinge zu sprechen: Totenerweckung, Zwischenzustand, Gericht, Seligkeit und Verdammung. »Magister noster in Sententiis« wurde ein stehender Ausdruck in der Schule - kurz: Magister Sententiarum. Seine Schüler, bes. Petrus Madukator überlieferten auch im mündlichen Lehrvortrag die Sentenzen ihres Lehrers und verteidigten sie gegen Angriffe (z.B. des Odo von Ourscamp). So entstanden in der 2. Hälfte des 12. Jh.s die Glossensammlungen (z.B. Ps.-Poitiers-Glosse). Alexander von Hales machte noch vor seinem Eintritt in den Franziskanerorden (1236/37) die Sentenzenbücher des Petrus zum Schulbuch und schrieb dazu seine umfangreichen »Glossae in IV libros Sententiarum« (ed. Spic. Bon. IV-V). Andere große Glossenwerke schrieben die Dominikanertheologen Hugo a. S. Charo und Richard Fishacre (1. Hälfte 13. Jh.). Nach der Pariser Studienordnung oblag die zweijährige Sentenzenerklärung (nach der Schrifterklärung) dem Baccalarius Sententiarum. Von der Mitte des 13. Jh.s an entstanden die umfangreichen Sentenzenkommentare (z.B. des Albertus M. 1246/49, des Bonaventura 1250/52, des Thomas v. Aquin 1254/56, des Duns Scotus 1302/04 u.a). Diese Kommentare sind heute noch das wichtigste Zeugnis der »scholastischen« Theologie. Obwohl seit dem 14. Jh. das Lehrbuch nicht mehr als ganzes erklärt wurde - die Fragen der Gottes- und der Schöpfungslehre erlangten im Unterricht ein Übergewicht -, blieb es das Schulbuch der Theologie bis zur Reformation, und auch Martin Luther hat es als Sentenziarier in Erfurt 1509/11 erklärt. An dieser Überbewertung eines Lehrbuches (gegenüber dem Textbuch der Hl. Schrift) übte im XIII. Jh. der Franziskaner Roger Bacon Kritik. Dem Sentenzenmeister ist aber durch das 4. Laterankonzil 1215 eine einzigartige Anerkennung zuteil geworden (vgl. Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion. 804). Auszüge aus den Sentenzen des Lombarden über die Liebe und eine Abbreviatio der Bücher (von Johannes de Fonte OM) wurden auch ins Mittelhochdeutsche übertragen.
Werke: Glossa in Psalmos, Erstausgabe Nürnberg (c. 1475, 1478), unkritische Ed. PL 191, 55-1296; Glossa in Epistolas b. Pauli Erstausgabe Eslingen 1473, unkrit. Ed. PL 191, 1297-1696, 192, 9-520. Sententiae in IV libris distinctae, Erstausgabe Straßburg 1471, Venedig 1477, krit. Ed. Spicil. Bonav. IV-V, Rom 1971-1981. (Tom. I pars 1 Prolegomena: Biographie u. Bibliographie). Glossen u. Kommentare verzeichnet F. Stegmüller, Repertorium Commentariorum in Sententias Petri Lombardi I-II, Würzburg 1947, Ergänzung: V. Doucet, Commentaires sur les Sentences, Quaracchi 1954, andere Ergänzungen in den mediävist. Zeitschr. (z.B. Med. phil. Pol. 1, 2, 5, 8, 13, 1958-1968. Sermones 33 teils unediert, teils unter dem Namen des Hildebert v. Lavardin unvollständig und unkrit. ediert PL 171, 339-964. Vgl. Spicil. Bonav. IV, 1971, 99*-112* , V, 1981, 33*-35*.
Bibliographie: Bibliografia Lombardiana, in: Pier Lombardo 4, 1960, 149-53 (period. Zeitschr. in Novara).
Lit.: J. Espenberger, Die Philosophie des P.L., Münster 1901; - O. Baltzer, Die Sentenzen des P.L., Leipzig 1902 (Repr. 1972); - M. Grabmann, Geschichte der scholast. Methode, Bd. 2, Freiburg 1911, 359-407; - J. Schupp, Die Gnadenlehre des P.L., Freiburg 1932; - A.M. Landgraf, Zwei Gelehrte aus der Umgebung des P.L., in: Div. Thom. (Piac.) 11, 1933, 157-182; - A.M. Landgraf, Einführung in die Geschichte der theol. Literatur der Frühscholastik, Regensburg 1948, span. Über. Barcelona 1956, franz. Übers. PIEM 22, Paris 1973); - J. de Ghellinck, Le mouvement théologique du XIIe siècle. ML 10 Brüssel 21948; - D.O. Lottin, Psychologie et Morale au XIIe et XIIIe siècles. tom. 3, Gembloux 1949 (Repr. 1960); - A.M. Landgraf, Dogmengeschichte der Frühscholastik I-IV, Regensburg 1952-1956; - N.M. Häring, Petrus Lombardus und die Sprachlogik in der Trinitätslehre der Porretanerschule, in: Misc. Lomb. 1956, Novara 113-127; - L. Hödl, Die theol. Auseinandersetzung zwischen P.L. und Odo von Ourscamp nach dem Zeugnis der frühen Quästionen- und Glossenliteratur, in: Schol. 33, 1958, 62-80; - Ph. Delhaye, Pierre Lombard. Sa vie et ses œuvres, sa moral, Montreal 1961; - J. Schneider, Die Lehre vom Dreieinigen Gott in der Schule des P.L. MThSt. 22, München 1961; - I. Brady, Peter Lombard, Canon of Notre Dame, in: RThAM 32, 1965, 277-295; - I. Brady, Peter Manducator and the Oral Teachings of Peter Lombard, in: Ant. 41, 1966, 454-490; - J. Rief, Die moraltheol. Konzeption in den Sentenzen des P.L., in: ThQ 144, 1964, 290-315; - B. Smalley, The Study of the Bible in the Middle Ages, University of Notre-Dame Presse 1970; - L.O. Nielsen, Theology and Philosophy in the Twelfth Century. AThD XV, Leiden 1982, 243-361; - W. Knoch, Die Einsetzung der Sakramente durch Christus. BGPhThMA NF 24, Münster 1983.
Ludwig Hödl
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Peter Iver Kaufman, "Charitas non est nisi a Spiritu Sancto". Augustine and P.L. on grace and personal righteousness, in: Augustiniana 30.1980, S. 209-220; -
1994
Marcia L. Colish, Peter Lombard (Leiden: Brill, 1994), 2 Bde; -
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1998
Pierre M. Gy, Douleur des péchés et pénitence dans la théologie du XII siècle, in: ASR 3.1998, S. 125-132; - Barbara Faes de Mottoni, La conoscenza di Dio di Adamo innocente nell'"In II Sententiarum" d. 23, a.2, q. 3 di Bonaventura, in: AFrH 91.1998, S. 3-32;-
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Francisco A. Chavero Blanco, La "Quaestio de imagine recreationis" del MS Assisi, Comunale, 186. Un escrito Bonaventuriano?, in: AFrH 92.1999, S. 3-58;- Andrew G. Traver, The "reportatio" of St. B.'s disputed question "De mendicitate", in: ebd. S. 287-298;-
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Stephen E. Wessley, A footnote on a manuscript fragment of B.'s "Legenda minor S. Francisci", in: AFrH 94.2001, S. 437-438; -
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Philipp W. Rosemann, Peter Lombard (New York: Oxford University Press, 2004); -
2005
Mark Clark, Peter Comestor and Peter Lombard: brothers in deed, in: Traditio 60.2005, S. 85-142; -
2006
John Wei, Divine simplicity and predestination in the second half of the twelfth century, in: RThAM 73.2006, S. 37-68; -
2007
J.L.A. West, Aquinas on Petrus Lombardus and the metaphysical status of Christ's human nature, in: Gregorianum 88.2007, S. 557-586; - Stephen F. Brown, Aristotle's view on the eternity of the world according to Peter of Candia, in: Divine creation in ancient, medieval, and early modern world. Leiden [u.a.] 2007, S. 371-404; - Pietro Lombardo. Atti del XLIII Convegno Storico Internazionale, Todi, 8-10 ottobre 2006. Spoleto 2007; -
2008
Thomas M. Finn, The sacramental world in the "Sentences" of P.L., in: ThSt 69.2008, S. 557-582; - Franklin T. Harkins, "Homo assumptus" at St. Victor. Reconsidering the relationship between Victorine christology and Peter Lombard's first opinion, in: Thomist 72.2008, S. 595-624; -
2009
Cédric Giraud, Le recueil de sentences de l'école de Laon "Principium et causa". Un cas de pluri-attribution, in: Parva pro magnis munera. Turnhout 2009, S. 245-269; - Ursula Nilgen, Die frühen illuminierten L.-Kommentare zum Psalter u. zu d. Paulusbriefen, in: Bibel u. Exegese in d. Abtei Saint-Victor zu Paris. Münster 2009, S. 391-419; - William J. Courtenay, The "Sentences" commentary of Gerard of Siena, O.E.S.A. Manuscripts and questions, in: Augustiniana 59.2009, S. 247-300;- Mikolaj Olszewski, Der Prolog zum Sentenzenkommentar d. Augustinus Triumphus, in: ebd. S. 301-322; - Severin Valentinov Kitanov, Peter of Candia on demonstrating that God is the sole object of beatific enjoyment, in: FrSt 67.2009, S. 427-489.
Letzte Änderung: 03.03.2010