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Verlag Traugott Bautz
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LORENZ, Hermann, Begründer der auf Sachsen begrenzten chiliastischen Bewegung »Gemeinschaft in Christo Jesu«, nach ihm auch »Lorenzianer« genannt; * 11.6. 1864 in Oberlochmühle bei Deutschneudorf als Sohn der Christine Lorenz und ihres Mannes, des Drechslers Karl-August Lorenz, + 17.7. 1929 in Marterbüschel bei Lengefeld. - L.s Wirken wäre nicht zu verstehen ohne die frommen Hauskreise um Gottlieb Heinrich Reichelt und dessen Nachfolger Oswald Ferdinand Schneider, deren Versammlungen vom Bewußtsein der Auserwähltheit der Teilnehmenden geprägt waren. Reichelt wie Schneider hatten »Offenbarungen«, die meist Ergänzungen zu den biblischen Erzählungsstoffen darstellen bzw. kosmologische und metaphysische Spekulationen beinhalten. Schneider gab zudem eine Reihe erbaulicher Traktate sowie von ihm empfangener »Visionen« heraus. Noch durch Reichelt wurde L., dessen Eltern zu Reichelts Kreis gehörten, zum »Werkzeug Gottes« bestimmt. L.s Mutter trat nach dem Tode des Reichelt-Nachfolgers Schneider dessen Stelle als »Prophetin« an. - L. selbst lebte seit 1908 mit seiner Familie in Marterbüschel, wo er eine alte Ölmühle erworben und zu einer Tintenlöscherfabrik umgebaut hatte. 1912 starb seine Mutter, was zu einem Einbruch innerhalb der Schneiderschen Bewegung führte. 1914, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs, hatte L. als Schwerkranker vor seiner Familie die erste große »Offenbarung«. Es folgten mehrere »Prophezeiungen« vor einem kleinen Freundeskreis, für den L. regelmäßig Andachten hielt und der rasch wuchs. Bald wurden die noch verbliebenen Anhänger Schneiders auf L. aufmerksam und identifizierten ihn als den Nachfolger Schneiders und dritten »Boten Gottes«. Die Bewegung wuchs unter L.s Leitung rasch; außer Schneiders Gemeinde sammelten sich bald auch Mitglieder aus der landeskirchlichen Gemeinschaft sowie aus spiritistischen Zirkeln um L., der über mediale Fähigkeiten verfügte, selbst aber den Spiritismus ablehnte, da dieser nur mit Geistern in Kontakt trete, aber keine göttlichen Offenbarungen mitteile. Allerdings gab es deutliche Übereinstimmungen in Vokabular und Praxis beider Gruppen, so daß bei L.s Ablehnung von einer apologetischen Abgrenzung auszugehen ist. 1922 konstituierte sich die »Gemeinschaft in Christo Jesu« als Verein, im selben Jahr gaben ihre Ortsgruppen die Abendmahlsgemeinschaft mit der evangelisch-lutherischen Kirche Sachsens auf. 1923 war die für Sachsen vorgesehene »Vollzahl« von 5000 Mitgliedern erreicht, die zu den 144000 »Auserwählten« gehören sollten, deren Aufgabe die Überwindung des leiblichen Todes durch ein sündloses Leben war. Konsequenterweise unterblieb fortan jegliche Mission. Im selben Jahr wurde in Marterbüschel ein Zentralheiligtum, die »Eliasburg«, eingeweiht, in dem L. lehrte bzw. seine Offenbarungen vortrug und das in weitem Umkreis von kleinen lokalen Heiligtümern, meist in Hausgemeinden, umgeben ist, in denen sich das rege geistliche Gemeindeleben abspielt. Die Offenbarungen L.s, der ein zurückgezogenes Leben führte, wurden sorgsam notiert und die Niederschriften als »Pergamente« im Zentralheiligtum deponiert, wo sie seither jeder profanen Einsichtnahme entzogen sind. Nach L.s Tod wurde es stiller um die Gemeinschaft, die aber durch den engen Zusammenhalt ihrer Mitglieder sowie durch eine straffe Organisation mit Ämterhierarchie vor dem Zerfall bewahrt wurde. Die Zahl von 5000 Mitgliedern ist bis in die jüngste Zeit konstant geblieben. Nach 1945 entstand in Hiddenhausen bei Herford ein westdeutsches Zentrum der L.ianer, deren Mitgliederzahl dort aber nur gering ist. - L.s Lehre ist chiliastisch und von metaphysischem Dualismus geprägt. Die Erlösung der Welt erfolgt in drei Stufen: die Überwindung der Sündenknechtschaft durch Christus, die Überwindung des leiblichen Todes durch die »Auserwählten« und die Aufrichtung eines Friedensreichs, nach dessen Ende das satanische Urprinzip endgültig gebunden wird. Die Lehre ist mit einer antikatholischen und antikommunistischen Haltung verbunden; Frömmigkeit, großer ethischer Ernst im Alltag und strenge Absonderung von der »Welt«, unterstützt durch viele apotropäische Riten zur Sündenabwehr, kennzeichnen das Leben der Gemeinschaft.
Werke: Die »Pergamente«, Aufzeichnungen der Predigten L.s, auf Grund von Arkandisziplin nicht zugänglich, Auszüge bei Samuel Kleemann, Die L.ianer (s.u.), 118-130; Satzung der »Gemeinschaft in Christo Jesu«, Lengefeld 1922; o.N., Licht ins Dunkel, ein Echo auf die Broschüre von Samuel Kleemann, Lengefeld 1927; Kommentar für die Gottesdienst-Ordnung zu Heiligen Handlungen, Pockau 1962; Abschnitt »Das Heilige Abendmahl«, Pockau 1962.
Lit.: Samuel Kleemann, Die L.ianer. Ein Beitrag zur Geschichte und Psychologie des Sektenwesens, 1926; - Ders., Die »L.ianer«, in: AELKZ 59 (1926), 879 ff; - Paul Scheurlen, Die Sekten der Gegenwart, 19304, 296-304; - Ernst Benz, Christliche Gemeinschaftsbewegungen und Sekten außerhalb der Landeskirchen, in: Neue Wege im alten Europa, hrsg. v. W.F. Mueller, 1961, 63; - Konrad Algermissen, Das Sektenwesen der Gegenwart, 19663, 62 f.; - Religiöse Sondergemeinschaften, eine Handreichung, hrsg. v. Konfessionskundlichen Arbeits- und Forschungswerk, 1976, 104-118; - Oswald Eggenberger, Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen, 19782, 161; - Handbuch Religiöse Gemeinschaften, hrsg. v. Horst Reller, 1978, 216-227; - Algermissen (19698), 727; - EKL II, 1154; Hutten 19544, 593; LThK IV, 653; - RGG IV, 449 f.
Peter Barden
Literaturergänzung:
Schicker, Gotthard: Ein Erzgebirgsmythos. DIE LORENZIANER http://www.erzgebirgs-treff.de/Dicknischl/Lorenzianer/lorenzianer.html (2.6.2004).
Letzte Änderung: 02.06.2004