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Band XIV. (1998) Spalten 1283-1285 Autor: Paul Gerhard Aring

MONTEFIORE, Claude Joseph Goldsmid (1858-1938) gehörte im Reformjudentum wie auch in den Anfängen eines christlich-jüdischen Dialogs im frühen zwanzigsten Jahrhundert zu den führenden, im deutschsprachigen Raum leider viel zu wenig bekannten Persönlichkeiten, Gelehrten und Gesprächspartnern. Darin war er keineswegs unumstritten; eine der schärfsten Attacken gegen ihn führte der aus Litauen stammende Schriftsteller Achad-Ha-Am (vgl. dazu »Al-Paraschat-Derachim«, 4/1921, S. 38ff); danach seien jüdische und christliche Ethik unvereinbar miteinander so wie der »absolute« Gegensatz zwischen Gerechtigkeit (»Gesetz«) und Liebe; kein Mensch könne diesen Antagonismus aushalten! M. war ein Großneffe des bekannten Sir Moses Montefiore und Enkel von Isaac Lyon (Lion) Goldsmid (1778-1859), der im Eisenbahnbau zu Vermögen gekommen war; jener Isaac war einer unter den in England lebenden Juden, dem als erstem der erbliche Titel »Baronet« verliehen wurde; er gehörte zu den Vorkämpfern jüdischer Emanzipierung in England, war einer der Gründer und Finanzierer des Londoner University College und maßgeblich an der späteren Etablierung der Londoner Reformsynagoge beteiligt. Während seines Studiums lernte M. den christlichen Gelehrten Benjamin Jowett kennen, einen liberalen christlichen Theologen seiner Zeit; unter seinem Einfluß reiste er nach Berlin und studierte dort an der neuen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (unter Salomon Schechter). Bekannt wurde er durch seine hervorragenden Ansprachen, Vorträge und Predigten, obwohl er nie irgendein »Amt« in einer jüdischen Gemeinde anstrebte. 1888 gründete er in England die Zeitschrift »Jewish Quarterly Review«, 1902 die »Jewish Religious Union« und 1911 eine »Liberal Jewish Synagogue« in London, zu deren Präsident er gewählt wurde. Von 1926 an bis zu seinem Tode war M. der allgemein respektierte (und umstrittene) Vorsitzende der »World Union for Progressive Judaism«. Gemeinsam mit dem katholischen Theologen Baron von Hügel leitete er eine Arbeitsgemeinschaft von jüdischen und christlichen Gelehrten, in der miteinander religiöse und philosophische Texte beider Traditionen studiert wurden. Zielvorstellungen und Motivationen des damals virulenten »Zionismus« lehnte er strikt ab, weil »Israel« und »Judentum« für ihn andere geistige Qualifikationen hatten als jene Komplikationen, die sich aus der Bewegung des Zionismus aus jenen Jahrzehnten abzuzeichen schienen.

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Werke: Aspects of Judaism, 2.Aufl. 1895; Bible for Home Reading, 2 Bde, 1897/99; The Synoptc Gospels, 2 Bde, 1909, 2.Aufl. 1927, 3.Aufl. 1968; Liberal Judaism, 1903; Some Elements of the Religious Teaching of Jesus, 1910; Outlines of Liberal Judaism, 1912, 2. Aufl. 1923; Judaism and St.Paul, 1914; Liberal Judaism and Hellenism, 1918; The Old Testament and limes After, 1923; Rabbimc Literature and Gospel Teaching, 1930; A Short Devotional Introduction to the Hebrew Bible for the Use of Jews and Jewesses, 1936; gemeinsam mit seinem orthodoxen Kollegen Herbert Löwe veröffentlichte er 1938 »A Rabbinic Anthology« (Neudrucke 1960 und 1963).

Lit.: W.R. Matthews, Claude Montefiore, the Man and bis Though, 1956; - N. Bentwich, Claude Montefiore and bis Turor in Rabbinics, 1966 (Lit.); - A.J. Prijs, Pedigree of the Family Goldsmid-Cassel of Amsterdam 1650-1750, 1937; - D. Marks/A. Loewy (Hrsg.), Memoir of Sir Francis Henry Goldsmid, 1882.

Paul Gerhard Aring

Literaturergänzung:

Victor DeWaal, The centenary of the London Society for the Study of Religion. Friedrich von Hügel, Claude Montefiore and their friends, in: Theology 110.2007, S. 251-259.

Letzte Änderung: 09.04.2011