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Band V (1993)Spalten 505-510 Autor: Peter Noss

MAAS, Hermann, Pfarrer, * 5.8. 1877 in Gengenbach/Schwarzwald, + 27.9. 1970 in Heidelberg. - M. wuchs als Sohn des Pfarrers Philipp Maas in Gernsbach/Murgtal auf, hier besuchte er Volksschule und Bürgerschule, die von seinem Vater geleitet wurde. Nach dem Abitur, das er 1896 auf einem Mannheimer Gymnasium ablegte, studierte er von 1896-1900 evang. Theol. in Halle, Straßburg und Heidelberg. Besondere Prägung erhielt er durch den Philosophen Wolfgang Windelband und die Theologen Ernst Troeltsch, Adolf Deißmann und Heinrich Bassermann. Nach der Ordination durch L. Schmidthenner 1900 in Freiburg trat er eine Stelle als Vikar in Rheinsbischofsheim und Weingarten an, von dort wechselte er nach einer halbjährigen Unterbrechung in Davos/Schweiz, wo er eine schwere Lungenkrankheit auskurieren mußte, als Stadtvikar nach Pforzheim, später nach Lörrach. - Von 1903 bis 1915 war er zunächst Pfarrverwalter, dann ordentlicher Pfarrer in Laufen/Sulzburg im Schwarzwald, 1904 heiratete er Cornelie Hesselbacher; aus der Ehe mit ihr erwuchsen drei Töchter. In diese Zeit fällt seine Teilnahme am 6. Zionistenkongreß 1903 in Basel, bei dem er Theodor Herzl, Chaim Waizmann und Martin Buber zum erstenmal begegnet. Es ist dies der Anfangspunkt für eine lebenslange Beschäftigung mit dem Judentum und dessen Verhältnis zum Christentum. 1913 übernimmt er die Schriftleitung der liberalen Zeitung »Süddeutsche Blätter für Kirche und freies Christentum«, die er bis 1922 innehat, im Juli 1913 nimmt er am »Weltkongreß für religiösen Fortschritt« teil. Beides ist Ausdruck seiner vom Studium her geprägten liberalen Haltung, ebenso wie die Teilnahme an der Gründungsversammlung des »Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen«, eine der Vorgängerorganisationen des 1948 gegründeten ÖRK. - Wie viele seiner Zeitgenossen ist M. in den ersten Jahren des 1. Weltkrieges zunächst von Kriegsbegeisterung und nationaler Identifikation getragen, vor allem, weil in dieser Zeit die Kirchen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung gewinnen konnten. Mit dem Fortschreiten des Krieges wandelt sich diese Haltung zur Einsicht in die Schrecken und Folgen des Krieges. In diesen Jahren bis 1918 gilt seine seelsorgerliche Arbeit sowohl den Soldaten im Feld als auch der Gemeinde in der Heidelberger Altstadt. 1921 gründet er den »Gemeindeboten«. - Von 1914 bis 1919 ist er als Vertreter der »Kirchlich-liberalen Vereinigung« außerdem Angehöriger der Badischen Generalsynode. Ab 1918 ist M. Mitglied der DDP, für die er nach seinem Wechsel in das 1. Pfarramt an der Heiliggeistkirche in Heidelberg (1915) für zwei Wahlperioden im Stadtrat arbeitet. In der Weimarer Republik tritt er 1919 der Freimaurerloge »Zur Wahrheit und Treue« bei, ebenfalls Ausdruck seiner liberalen Grundhaltung. Im gleichen Jahr wird er zum Mitglied der verfassunggebenden Generalsynode in Baden gewählt. Als Delegierter der Tagungen des »Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen« in Stockholm 1925 und der deutschen Sektion vom 26.-29.4.1928 in Heidelberg zum Thema »Die Abrüstungsfrage« setzt er seine ökumenische Arbeit fort. In Stockholm begegnet er dem schwedischen Erzbischof Nathan Söderblom. Die 20er Jahre sind zudem geprägt von verschiedenen Reisen, u.a. nach England und Österreich. - Als M. am Grabe des verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) am 5. März 1925 eine Traueransprache hält, erhebt sich eine Welle des Protestes, die in dem Vorwurf der Blasphemie gipfelt. Auch der Evangelische Oberkirchenrat schließt sich an. In diesem Zusammenhang entwickelt sich ein erster scharfer Konflikt mit den Nationalsozialisten. Unterstützung erfährt er indes von Martin Rade in der »Christlichen Welt«, in der M. schließlich selbst Stellung nimmt. Als der Antisemitismus am Ende der Weimarer Republik immer höhrere Wellen schlägt, tritt M. 1932 dem »Verein zur Abwehr des Antisemitismus« bei. 1933 unternimmt er eine mehrmonatige Studienreise nach Palästina, während bereits die erste große Emigrationswelle von Juden aus Deutschland dorthin einsetzt. 1933/34 wird er Mitglied des Pfarrernotbundes und der badischen Bekenntnisgemeinschaft. - Während der Jahre des nationalsozialistischen Regimes und des Kirchenkampfes 1933-45 gilt sein Augenmerk sowohl der Bekennenden Gemeinde, als auch im besonderen den verfolgten Juden und Judenchristen. Seine ökumenischen Kontakte, u.a. mit dem inzwischen in die Schweiz emigrierten Mitbegründers des Weltbundes, Friedrich Siegmund-Schultze, mit Bischof Bell von Chichester in England und Bischof Amundson von Haderslev in Schweden nutzte er beim Aufbau einer Hilfsstelle für »rassisch« Verfolgte in Heidelberg. An der Arbeit des »Büro Grüber«, das in Berlin gegründet wird, ist M. direkt beteiligt. - Sein Engagement führt zu vielfältigen Maßregelungen durch die Gestapo, er wird mit Rede-, Schreib-, Aufenthalts- und schließlich mit Berufsverbot belegt. Trotzdem äußert er sich auch in seinen Predigten immer wieder zu dem geschehenen Unrecht. Nach seinem zwangsweise vom EOK verfügten Amtsrücktritt 1943, der auch für den Schuldienst gilt, wird er schließlich im September zur Teilnahme an einer Zwangsarbeit nach Frankreich (»Kriegseinsatz für politisch Mißliebige«) gebracht. - Nach seiner Rückkehr nach Heidelberg 1945 ist Bischof Bell von Chichester einer der ersten Besucher bei M., der seine Pfarrtätigkeit wiederaufnimmt. 1946 beteiligt er sich an den Beratungen der ökumenischen Flüchtlingskommission in der Schweiz, im gleichen Jahr an einer ersten Konferenz von Juden und Christen nach dem Krieg in England. Er begegnet Viktor Gollancz. - 1946 wird er Kreisdekan für den Kirchenkreis Nordbaden, ab 1956 unter dem Titel »Prälat«. Am 5.8. 1947 wird ihm anläßlich seines 70. Geburtstages der Ehrendoktor der Heidelberger Theologischen Fakultät verliehen. Bei der Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948 ist er Mitglied der deutschen Delegation. - 1949 folgt M. als erster Deutscher und Nichtjude einer Einladung nach Israel, Zeichen seiner engen Verbindung mit dem jüdischen Volk. Auf Einladung des Bundespräsidenten Theodor Heuß hält er am 22.1. 1952 einen Vortrag mit dem Titel »Probleme des Staates Israel«; in dieser Zeit beginnen auch die Wiedergutmachungsgespräche zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel. In den folgenden Jahrzehnten widmet er sich neben seiner Arbeit in Kirchenkreis und Gemeinde vor allem der Verständigungsarbeit zwischen Juden, Deutschen und Christen, womit eine rege Reise- und Vortragstätigkeit verbunden ist. - Aufgrund seiner Verdienste um Völkerverständigung und sein Wirken für die Bürger der Stadt Heidelberg verleiht ihm die Stadt Heidelberg 1952 die Ehrenbürgerschaft, 1953 wird im Gilboatal in Israel zu seinen Ehren der Hermann-Maas-Hain gepflanzt, 1954 erhält er das Bundesverdienstkreuz. Nach Eintritt in den Ruhestand am 10.1. 1965 erhält er am 25.3. 1966 die Yad-Vaschem-Medaille vom Staat Israel, vier Jahre später stirbt M. in Heidelberg. - M. hat sich als Theologe der liberalen Schule nicht nur als Prediger, sondern vor allem als Förderer der Ökumene und Vermittler zwischen Juden, Christen und Deutschen verdient gemacht.

Werke: Luther und Kalvin. in: Deutsches Christentum. Neue Folge der Bremer Beiträge, Vierteljahresschrift, 4 (1910), 146-159; Gottesgaben im deutschen Krieg. Ein Vortrag, Heidelberg 1915; Zur Erinnerung an die Konfirmation 1918 in der Heiliggeistkirche Heidelberg, Heidelberg, Evang. Verlag 1918; Berichte über Tagungen des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen, in: Die Eiche, Vierteljahresschrift für soziale und internationale Arbeitsgemeinschaft, hrsg. von F. Siegmund Schultze (1928: Heft 1, 342-346, 513-527. 1929: Heft 17, 431-440. 1931: Heft 19, 225-229, 448-461.); »Gründet ein Volkshaus!« in: Heidelberger Tageblatt 54, 5.3.1925; Zur Beerdigung des Reichspräsidenten. Mit einer Nachschrift von Martin Rade, in: Christliche Welt Nr. 14/15, 1925, 324-327; In England. Reisebriefe, Heidelberg, Evang. Verlag 1928; Karl Hesselbacher als Seelsorger, in: Kreuz und Lorbeer, Karl Hesselbacher zum 60. Geburtstag, Stuttgart 1931; Bericht über die Weltbundtagung von Fanö 1934. in: Ökumenisches Jahrbuch, Hg. F. Siegmund-Schultze 1934/35, Zürich 1936, 210-219; Bericht über die Weltbundtagung von Chamby (1935) in: Ökumenisches Jahrbuch, Hg. F. Siegmund-Schultze 1934/35, Zürich 1936, 210-219; Bilder aus der Geschichte der Heiliggeistkirche zu Heidelberg. Festschrift zum 24.6.1936, dem Tage der Entfernung der Scheidemauer, Heidelberg, Evang. Verlag 1936; Predigt am Sonntag Rogate (14.5.1939) in St. Peter in Heidelberg, Heidelberg, Evang. Verlag 1939; Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis (16.7.1939) in der Peterskirche zu Heidelberg, Heidelberg, Evang. Verlag 1939; Predigt am 10.9.1939 (14. Sonntag nach Trinitatis) in der Peterskirche zu Heidelberg, Heidelberg, Evang. Verlag 1939; Predigt am Sonntag den 12.11.1939 in der Peterskirche in Heidelberg, Heidelberg, Evang. Verlag 1939; Predigt am Sonntag, den 3. März 1940 in der Peterskirche zu Heidelberg, Heidelberg, Evang. Verlag 1940; Predigt am 2. Advent (8. Dezember 1940) in der Peterskirche zu Heidelberg, Heidelberg 1940; Predigt am Palmsonntag, den 6.4.1941 in der Peterskirche zu Heidelberg (Einsegnung der Konfirmanden von Heiliggeist 1), Evang. Verlag 1941; Rede am Sarge von Ricarda Huch. Gehalten am 24. November 1947 auf dem Hauptfriedhof von Frankfurt am Main. Willsbach und Heidelberg 1948; Das Amt der Vikarin, o.O. [Heidelberg] 1948; Ehrengedenken: Erinnerungen an Friedrich Ebert, Rhein-Neckar-Zeitung 13.9.1949, Nr. 188, 3; Skizzen von einer Fahrt nach Israel, Karlsruhe, Evang. Pressverband für Baden 1950; Der Staat Israel - Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft, Lichtwegverlag Essen 1950; Den Unvergessenen. Opfer des Wahns 1933-1945, Hgg. Hermann Maas u.a., Heidelberg 1952, darin: Vom Schicksal jüdischer Menschen 160-176; Chaim Waizmann - Staatspräsident von Israel, in: Die neue Furche, 6. Jg. März 1953, Heft 3, 195-201; Nathan Söderblom, in: Wegbereiter der Oekumene. Nathan Söderblom, John Mott, Marc Boegner, W.A. Visser't Hooft. Stuttgart 1954, 6-12; »...und will Rachels Kinder wiederbringen in das Land«. Reiseeindrücke aus dem heutigen Israel. Heilbronn 1955, 31958; Friedrich Siegmund-Schultze - Ein Bahnbrecher christlicher Solidarität, in: Ökumenische Profile, Bd. 1, Stuttgart 1961, 253-263; Die Heiliggeistkirche zu Heidelberg. Geschichtliches und Erlebtes, Karlsruhe 1962; Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist, in: Dienende Kirche, Festschrift für Julius Bender, Karlsruhe 1963, 367-383; Friedrich Siegmund-Schultze und der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen, in: Lebendige Ökumene, Festschrift für Friedrich Siegmund-Schultze, Witten 1965, 31-45; Vorwort in: Max Ludwig, Aus dem Tagebuch des Hans O. Dokumente und Berichte über die Deportation und den Untergang der Heidelberger Juden, Heidelberg 1965, 7 f.; Israel im Kampf, in: Tribüne, Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 6. Jg. Heft 23, 1967, 2435; Friedrich Siegmund-Schultze - Ein Bahnbrecher christlicher Solidarität, in: Günter Gloede, Ökumenische Gestalten, Berlin 1970, 99-108; Friedrich Siegmund-Schultze, in: Aktiver Friede. Gedenkschrift für Friedrich Siegmund-Schultze. Hrsg. Hermann Delfs, Soest 1972, 249 f. - Herausgeber der Süddeutschen Blätter für Kirche und freies Christentum, herausgegeben im Auftrag der Kirchlich-liberalen Vereinigung in Baden. 1913-1922; Herausgeber des Evangelischen Gemeindeblatts Heiliggeist ab 1921.

Lit.: Prälat Hermann Maas, 85 Jahre am 5.8.1962, in: Deutsches Pfarrerblatt 62, 1962, 343 f.; - Manfred Wallach, Zum 90. Geburtstag von Prälat D. Hermann Maas, in: Aufbruch, Evangelische Kirchenzeitung für Baden 3, 1967, Nr. 31, 10 f.; - Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Stuttgart 1968; - Paul Sauer, Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs während der nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933-1945, Stuttgart 1969; - Wolfgang Gerlach, Zwischen Kreuz und Davidsstern. Die Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987; - Yad Vaschem. Die Judenretter aus Deutschland, hrsg. von Anton Maria Keim, Mainz/München 1983; - Eckart Marggraf, Hermann Maas - evangelischer Pfarrer und »stadtbekannter Judenfreund«, in: Widerstand im deutschen Südwesten 1933-1945, Hrsg. Michael Bosch/Wolfgang Niess, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 1984, 71-82; - Klaus Heidel, Hermann Maas, in: Heidelberger unter dem Nationalsozialismus. Studien zur Verfolgung, Widerstand und Anpassung. Im Auftrag der Stadt Heidelberg, herausgegeben von Jörg Schadt/Michale Caroli, Heidelberg, 1984, 117 f.; - Nathan Peter Levinson, Hermann Maas, in: Juden in Baden 1809-1984, 175 Jahre Oberrat der Israeliten Badens. Hrsg. vom Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe 1984; - Robert Raphael Geis, Leiden an der Unerlöstheit der Welt, Briefe, Reden und Aufsätze, Hrsg. Dietrich Goldschmidt, München 1984; - Werner Keller u.a., Redet mit Jerusalem freundlich, Zeugnisse von und über Hermann Maas, Karlsruhe 1984; - Eckart Marggraf, »Die Kirche muß ein schützender Zaun sein um das ganze leibliche Israel« - Der Einsatz von Hermann Maas für bedrängte Juden, in: Theodor Strohm/Jörg Thierfelder (Hrsg.) Diakonie im »Dritten Reich«, Heidelberg 1990, 305-318; - Hartmut Ludwig, »So gehe hin und tue desgleichen!« Zur Geschichte des »Büros Pfarrer Grüber« 1938-1940 in: Jörg Hildebrandt (Hrsg.), Bevollmächtigt zum Brückenbau, Heinrich Grüber. Berlin 1992, 11-40; - ders., Die Opfer unter dem Rad verbinden. Das Büro Grüber. Neukirchen 1993; - Eberhard Röhm/Jörg Thierfelder, Juden - Christen - Deutsche, Bd. 1, Stuttgart 1991. Bd. 2, I + II., Stuttgart 1992.

Peter Noss

Letzte Änderung: 22.05.2005