Verlag Traugott Bautz |
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MAINE de Biran, François-Pierre (eigentl. François-Pierre Gonthier de Biran, nach dem Landsitz La Maine genannt »Maine de Biran«), * 29. November 1766 in Bergerac, † 20. Juli 1824 in Paris. Französischer Philosoph und Psychologe. Nach dem Besuch des Kollegs von Périgueux trat er 1785 in die königliche Garde ein; im Jahre 1789 verteidigte er König Louis XVI. Um den Unruhen der französischen Revolution zu entgehen, zog er sich bereits 1793 auf sein Landgut in Grateloup zurück, wo er sich dem Studium der Philosophie, Psychologie und Mathematik zuwandte. Im Jahre 1797 wurde er Mitglied des Rats der Fünfhundert und 1809 Staatsrat. Im Jahre 1813 gehörte er der Opposition gegen die Herrschaft Napoleons an. Nach der Restauration wurde M. de B. zum Schatzmeister der Deputiertenkammer ernannt. - Kennzeichnend für seine Philosophie ist sein wahrnehmendes Interesse am Innenleben des Menschen. Anfangs identifizierte er sich mit den französischen Ideologen, die dem Empirismus von John Locke verpflichtet waren, doch nach und nach wandte er sich enttäuscht von ihnen ab. So kam er, der psychologischen Betrachtungsweise folgend, vom Atheismus und Sensualismus zu Augustinus und Paulus. Seine Schriften bezeugen eine ständig wachsende Wertschätzung des Vorranges des menschlichen Willens bei der Entfaltung des Denkens. Typisch dafür ist sein 1802 veröffentlichter Aufsatz über den Einfluß der Gewohnheit auf das Denken. Sein Werk »Die Analyse des Denkens« brachte ihm Ruhm und die Mitgliedschaft am Institut de France ein. In der Bewegung des menschlichen Leibes sieht M. de B. die Grundinstanz für die Begründung des menschlichen Bewußtseins, und darin sieht er auch die Begründung der menschlichen Handlungsfreiheit. Mit Nachdruck lehnt er daher sowohl den Dualismus, den Descartes vertritt, als auch alle für einen Determinismus sprechenden Argumente ab. Dagegen stellt er die These, der Wille sei fähig, jegliche Begierde und Motivierung zurückzuweisen. In seinen letzten Lebensjahren geht es ihm um das Verhältnis des Menschen zu Gott. Die Vernunft und das unmittelbare Schauen führen zu Gott. Durch Betrachtung und Gebet kommt es zu sittlicher Erneuerung. Die Religion ist die einzige große Quelle des Trostes und der moralischen Kraft. Seine innere Wandlung beschreibt vor allem sein »Journal intime« (1818-1824).
Lit.: G. Boas, French Philosophers of the Romanic Period, 1925; - H. Ody, in: PhJ 50 (1937), 347-357; - A. G. Sertillanges, Le Christianisme et les Philosophes, II, Paris 1941, 269-284, 583 (Reg.); - G. Funke, Bonn, 1947; - A. Forest, L'augustianisme de M., in: Mélanges Étienne Gilson, Toronto-Paris 1959, 249-259; - Ph. P. Hallie, Cambridge, Massachusetts, 1959; - F. C. Moore, Psychology of Maine de Biran, 1970; - LThK2 VI, 1300; - Encyclopedic Dictionary of Religion, Philadelphia-Washington, D.C., 1979, 2214f.
Johannes Madey
Werkeergänzung:
1834
Nouvelles Considérations sur les rapports Du Physique et Du Moral De L'Homme. Ouvrage Posthume de M. Maine de Biran, publié par M. Cousin Paris, 1834;
1988
Stanislaw Jarzyna, Philosophie et religion selon M. de B., in: AnCra 20.1988, S. 31-40;
2010
Die innere Offenbarung d. "geistigen Ich". Drei Kommentare zum Johannes-Evangelium. Aus d. Franz. übers. h. hrsg. von Rolf Kühn. Würzburg 2010.
Literaturergänzung:
1988
Stanislaw Jarzyna, Philosophie et religion selon M. de B., in: AnCra 20.1988, S. 31-40; -
2005
Rolf Kühn, Berührung u. Haut. D. Aktualität P.M. de B.s für d. phänomenolog. Rezeption, in: PhänFor 2005, S. 243-267; -
2006
Rolf Kühn, P.M. de B. - Ichgefühl u. Selbstapperzeption. E. Vordenker konkreter Transzendentalität in d. Phänomenologie. Hildesheim 2006; -
2008
Von d. unmittelbaren Apperzeption. (Berliner Preisschrift 1807). Aus d. Franz. übers., mit Einl. u. Komm. von Rolf Kühn. Freiburg/Br. 2008; -
2009
Luca Maria Possati, "Volontario" e "involontario" nella "Corrispondenza" tra M. de B. e Destutt de Tracy, in: Aquinas 52.2009, S. 83-106; - Luís António Umbelino, Imagens do corpo em Sao Paulo. A propósito de algumas referencias paulinas no "Journal" de M. de B., in: Itiner. 55.2009,193, S. 105-118.
Letzte Änderung: 09.04.2011