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Band V (1993)Spalten 658-659 Autor: Birthe Koch

MANDEVILLE, Sir John (auch Jean de Mandeville) war wahrscheinlich Engländer und lebte im 14. Jh. Sein einziges uns überliefertes Werk sind seine »Voyages«, eine Reisebeschreibung von etwa 1357, die unter anderem als Reiseführer ins Heilige Land dienen sollte. In seinem Prolog, Teil einer autobiographischen Rahmenhandlung, gibt er seinen Geburtsort als St. Albans an, wobei nicht sicher ist, ob dieser Prolog und vielleicht sogar der Name »Mandeville« ebenso fiktiv und entliehen ist wie die übrige Erzählung. So ist unter Umständen von einem anonymen Autor auszugehen, der einen fiktiven John Mandeville eine fiktive Reise unternehmen und beschreiben läßt. Es ist anzunehmen, daß er seine Reisebeschreibung auf dem Kontinent in Lüttich schrieb, ursprünglich in französischer Sprache (Anglonormannisch). Jean d'Outremeuse, ein Chronist und Romancier aus Lüttich, berichtet, M. habe, nachdem er aus seinem eigenen Land habe flüchten müssen, sich um 1343 in Lüttich niedergelassen, wo er unter dem Namen Jean de Bourgogne dit à la Barbe als Naturforscher und Arzt gelebt habe. Im Jahre 1372 starb er in Lüttich. - M.s Reisebeschreibung ist eine fantastische Beschreibung der ausgedehnten Fahrten ins gelobte Land und bis nach Indien und China, die er allerdings nicht selbst unternommen hat. Als Quellen für seine detaillierten Darstellungen dienten ihm wahrscheinlich andere fiktive wie tatsächliche Reiseberichte, wie sie z.B. in einer Sammlung von Reiseliteratur zusammengestellt waren, die 1351 von dem Mönch Jean le Long in französischer Übersetzung erschien. Dabei bemüht sich M. sehr, seine Beschreibung realistisch erscheinen zu lassen, übernimmt aber solche Absurditäten wie hundeköpfige Menschen aus seinen Quellen, ohne deren Autentizität anzuzweifeln. Übersetzungen ins Englische, Lateinische, Spanische, Italienische, Hoch- und Niederdeutsche, Tschechische, Dänische und Irische, sowie etwa 300 erhaltene Handschriften und ab 1470 auch zahlreiche Drucke in verschiedenen Sprachen machen deutlich, daß das Buch sehr erfolgreich gewesen sein muß. Diese ungewöhnliche Popularität erklärt sich durch die lebensnahen Schilderungen und die religiöse Verherrlichung der Schöpfung Gottes, besonders des gelobten Landes, sowie auch durch den Wert der Beschreibung als nützlichen Führer durch das gelobte Land. Die Beschreibung der Erde als Kugel wie die wunderbaren Berichte aus dem Osten und deren Beliebtheit spiegeln den sich entwickelnden Forscherdrang wider, der in den großen Entdeckerfahrten des 15. Jh. gipfelt.

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Werke: Letts, M. (ed.), M.'s Travels. Text and Translation, 1953; Moseley, C.W.R.D. (ed.), The Travels of Sir J.M., 1983; Seymour, M.C. (ed.), M.'s Travels, 1967; deutsch v. Stemmler, T. (ed.), Die Reisen des Ritters J.M. durch das gelobte Land, 1966.

Lit.: Bennett, J.W., The rediscovery of Sir J.M., 1954; - dies., Chaucer and M.'s »Travels«, MLN Dec. 68 (1953); - Howard, D.R., The World of M.'s »Travels«, YES 1 (1971); - Jackson, I., Who was Sir J.M.? A Fresh Clue, MLR Oct. 23 (1928); - Lengeler, R., Reisender in Sachen Universalismus. Das Zeugnis von Mandevilles Bibelzitaten, in W.-D. Lange (ed.), Diesseits- und Jenseitsreisen im Mittelalter, 1992; - Letts, M., Sir J.M., 1949; - Morall, E.J., Sir J.M. Reisebeschreibung in deutscher Übersetzung von Michael Velser, 1974; - Moss, F., Du Nouveau sur le chevalier J. de M., Etudes Anglaises 8 (1955).

Birthe Koch

Werkeergänzung:

J. de M. in Europa. Ernst Bremer ; Susanne Röhl (Hg.). Paderborn 2007.

Literaturergänzung:

1992

Mielke, Andreas: Nigra Sum Et Formosa: Afrikanerinnen in der deutschen Literatur des Mittelalters. Texte und Kontexte zum Bild des Afrikaners in der literarischen Imagologie. Stuttgart: helfant, 1992 [=Helfant Texte T 11].

Letzte Änderung: 09.04.2011