MARBOD von Rennes (MARBODUS, MERBOLDUS), Benediktiner, Theologe (ca. 1035 - 11.9. 1123). - Geboren in Anjou als Sproß einer angesehenen Familie, besuchte er die Schule von Angers. Nach Abschluß seiner Studien fungierte er in den Jahren 1067-1081 als Vorsteher der genannten Schule and Nachfolger seines Lehrers Rainald. Unter seiner Führung erreichte die Schule von Angers großes Ansehen. Im Jahr 1081 gab er diese Stelle auf und betätigte sich fürderhin als Archidiakon der Kirche von Angers. 1096 wurde M. zum Bischof von Rennes erhoben. Unter dieser Eigenschaft hatte er gegen dogmatische Neuerungen zu kämpfen. Seine Hauptgegner waren Robert von Arbrisselle, der Stifter des Ordens von Fontévraud, und Rainald von Martigné, der Bischof von Angers. Im Jahr 1120 hielt sich M. in Le Mans auf. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in der Benediktinerabtei S.Albin.
Werke: 1) Heiligenvitae; M. hat die Biographien folgender Heiligen abgefaßt: a) Licinius, Bischof von Angers; b) Gualterius, Abt von Limoges; c) Robert, Abt von La-Chaise-Dieu; d) Magnobod, Bischof von Angers; e) Florentius von Glonne. - Edition: A. Beaugendre, Venerabilis Hildeberti primo Cenomanensis Episcopi, deinde Turonensis Archiepiscopi Opera.... Accesserunt Marbodi Rhedonensis Episcopi ipsius Hildeberti supparis Opuscula &c., Paris 1708, 1417-1506, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1493-1592 (zum Herausgeber vgl. BBKL XV 105). 2) Religiöse Dichtung: Gedichte mit Themen aus dem Alten Testament, ed. A. Beaugendre, ebenda 1579-1581; 1517-1520, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1675-1684; 1603-1608. 3) Historia Theophili, ein Gedicht von 559 Hexametern über den Abfall und die Reue eines Christen, ed. A. Beaugendre, ebenda, 1507-1516, nachgedruckt in: Migne PL. 171, 1593-1604. 4) Passio S.Laurentii, ein Gedicht von 235 Hexametern, ed. A. Beaugendre, ebenda 1519-1526, nachgedruckt in: Migne, PL. 171, 1607-1614. 5) Passio S. Victoris Andegavensis, ein fragmentarisch überliefertes Gedicht von 482 Versen, ed. A. Beaugendre, ebenda 1527-1536, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1615-1625. 6) Passio S.Mauritii et sociorum eius; das aus 219 Hexametern bestehende Gedicht erzählt die Geschichte des Martyriums der thebäischen Legion zu Agaunum an der Rhone unter Maximian; der Anführer der Legion Mauritius und seine Männer werden als Christen getötet. Edition: A. Beaugendre a.a.O. 1535-1540, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1625-1630; H. Hagen, Carmina medii aevi, Bern 1877, 152-160; J. B. de Montmélion, St. Maurice et la légion Thebéenne, II. Paris 1888, 345-350. 7) Vita S. Thaisidis (Thaidos); das Gedicht behandelt die Bekehrung zum christlichen Glauben der ägyptischen Hetaire Thais. Edition: A. Beaugendre a.a.O., 1541-1544, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1629-1634. 8) Passio SS. martyrum Felicis et Adaucti; das Gedicht, aus 136 Fünfzehnsilbern bestehend, erzählt das Martyrium der beiden Christen in der Zeit Diokletians. Edition: A. Beaugendre a.a.O. 1543-1546, nachgedruckt in: Migne,PL 171, 1633-1636. 9) De ornamentis verborum; es handelt sich um ein Lehrgedicht von 127 Hexametern, das als Anleitung zum grammatischen Unterricht des Verfassers diente und das wegen seiner Nützlichkeit in sehr vielen Handschriften überliefert worden ist. Edition: A. Beaugendre a.a.O. 1587-1596, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1687-1692. 10) Liber lapidum seu de Gemmis; es handelt sich um ein Gedicht von 743 Hexametern, das in 60 Paragraphen eingeteilt ist und die Edel- und Halbedelsteine behandelt. Es war während des Mittelalters unter dem Namen »Lapidarius« oder »Liliarium« (wohl aus »Lithiarium«) sehr beliebt und wurde daher in mehreren Sprachen übersetzt: In das Altfranzösische (bereits im 12. Jahrhundert), das Englische (Mus.Brit.Cotton Tib. A 3), das Italienische (von Eucherius Bencivennius), das Hebräische und das Dänische (vom dänischen Arzt Henrik Harpenstreng [† 1244]). Auch am Anfang der Neuzeit war das Buch besonders geschätzt, um von den vielen Auflagen (es erschien zwischen 1511 und 1799 im ganzen 14mal) zu urteilen. Editio princeps von Cuspinian, Wien 1511, weitere Editionen: J. Beckmann, Göttingen 1799; A. Beaugendre a.a.O. 1637-1678, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1737-1770. Einiges über die Steine hat M. aus der »Naturalis historia« des C. Plinius Secundus (vgl. u.a. BBKL VII 741 f.) übernommen (z.B. über den Smaragd, den Diamant u.a.). 11) Carmina varia; verschiedene Gelegenheitsgedichte. 12) Epigramme und Epitaphien, darunter auf Karl d. Gr., den Erzbischof Lanfranc von Canterbury, Anselm von Laon u.a. 16 kurze Gedichte des M. sind von G. M. Dreves, Lateinische Hymnendichter des Mittelalters, in: Analecta Hymnica Medii Aevi, Bd. 50 (1907, Nachdruck 1961) herausgegeben worden. 13) Liber decem capitulorum; es handelt sich um eine Sammlung von zehn größeren Gedichten, die historisch sehr wertvoll sind, da sie vieles über die Person des Autors aussagen. Die einzelnen Titel: i) De apto genere dicendi; ii) De tempore et aevo; iii) De meretrice; iv) De matrona; v) De senectute; vi) De fato et genesi; vii) De voluptate; viii) De vera amicitia; ix) De bono mortis; x) De resurrectione corporum. 14) Briefe; die sechs erhaltenen Briefe des M. sind uninteressant, da sie nichts persönliches enthalten, sondern Amtsschreiben darstellen; zwei davon sind an die oben genannten Robert von Arbrisselle und Rainald von Martigné gerichtet. Edition: A. Beaugendre a.a.O. 1387-1414, nachgedruckt in: Migne, PL 171, 1465-1486.
Lit.: C. Ferry, De Marbodi Rhedonensis Episcopi vita et carminibus, Nimes 1877; - L. Ernault, Marbode évêque de Rennes, Rennes 1890; - M. Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters (Handbuch der Altertumswissenschaften IX 2, 3), III. München 1931, 719-728; - R. Creutz, Hildegard von Bingen und Marbodus von Rennes (1035-1123) über die Heilkraft der Edelsteine, in: StMBO 49 (1931) 292-298.
Georgios Fatouros
Letzte Änderung: 09.04.2011