MARCELLINUS, Papst
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Band V (1993)Spalten 771-775 Autor: Helmut Feld

MARCELLUS II., Papst (9.4.-1.5. 1555), * 6.5. 1501 in Montefano bei Macerata in der Mark Ancona, † 1.5. 1555 in Rom. - Marcello Cervini entstammte einer Familie aus Montepulciano bei Siena. Der Vater, Ricciardo Cervini, war als Beamter in päpstlichen Diensten: unter Innocenz VIII. Skriptor der Apostolischen Pönitentiarie, unter Alexander VI. Vize-Schatzmeister der Mark Ancona. Leo X. zog ihn zur Korrektur des Kalenders heran. M. war sein Sohn aus erster Ehe mit Cassandra geb. Benci. Durch seinen Vater erhielt M. den ersten Unterricht in Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie auf dem Landgut Castiglione d'Orcia bei Montepulciano. Während seines anschließenden Studiums in Siena widmete er sich vor allem der Dialektik, Mathematik, Astronomie, Architektur, aber auch der antiken und humanistischen Literatur und der Altertumskunde. Vor allem unter dem Einfluß seines Vaters entwickelte er sich zum universal gebildeten Gelehrten und Bücherfreund, um nicht zu sagen: Büchernarren. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, der geistige Verkehr mit den Toten (d.h. den Büchern) sei die nützlichste und sicherste Beschäftigung. Unter Clemens VII. war er zusammen mit seinem Vater an der Verbesserung des Kalenders beschäftigt. Ab 1525 hielt er sich in Rom zu wissenschaftlichen Studien auf und trat in enge Beziehung zu zahlreichen Gelehrten und Literaten. Im Mai 1526 zwang ihn die in Rom ausgebrochene Pest zur Rückkehr nach Montepulciano. Dort half er seinem Vater in der Landwirtschaft und der Verwaltung der Güter. In dieser Zeit beschäftigte er sich aber auch mit Übersetzungsarbeiten; so übertrug er Ciceros »De amicitia« ins Italienische. 1531 kehrte er, mit einer neuen Arbeit über die Kalenderreform, nach Rom zurück, wo er freundliche Aufnahme bei dem Kardinal Alessandro Farnese, einem Studienfreund seines Vaters, fand. Hierauf folgte wiederum ein längerer Aufenthalt zu Hause. Nach dem Tod des Vaters (2.4. 1534) fiel M. die Sorge für die hinterbliebene große Familie zu: von seiner zweiten Frau Leonora Egidi Cacciaconti hatte Ricciardo noch zwei Söhne und fünf Töchter bekommen (eine davon, Cintia, wurde die Mutter des bedeutenden Jesuiten-Theologen und Kardinals Robert Bellarmin). Nach Ordnung der häuslichen Verhältnisse begab sich M. Cervini erneut nach Rom, wo inzwischen (Oktober 1534) sein Gönner A. Farnese als Paul III. den Apostolischen Stuhl bestiegen hatte. Der Papst nahm ihn in den Kreis seiner Familiaren auf und übertrug ihm die Erziehung seines Enkels, des jugendlichen Kardinals Alessandro Farnese (ältester Sohn des Papstsohnes Pier Luigi Farnese). Als dem Kardinal-Nepoten 1538 die Leitung der Staatsgeschäfte übertragen wurde, erlangte Cervini als dessen Sekretär eine der einflußreichsten Stellen an der Römischen Kurie. Zugleich war er der engste Vertraute des Papstes, neben dessen Privatgemächern er eine Wohnung erhielt. 1539 wurde Cervini Bischof von Nicastro; am 10.12. des gleichen Jahres erhob ihn Paul III. zum Kardinal mit der Titelkirche S. Croce in Gerusalemme. 1540 erhielt er das Bistum Reggio-Emilia. Er begleitete Alessandro Farnese bei dessen Legationen zu König Franz I. von Frankreich und Kaiser Karl V. Bemerkenswert ist sein abschließender Bericht an den Papst über die desolate Lage des Katholizismus in Deutschland, vor allem den Verfall des deutschen Episkopats, und deren Ursachen (Nuntiaturber. V, Nr. 196, 405-409). 1544 wurde Cervini Bischof von Gubbio. In diesem, wie in den beiden anderen Bistümern, die er nacheinander innehatte, war er um die kirchliche Reform bemüht. Doch weigerte er sich beharrlich, die Bischofsweihe zu empfangen. Im Herbst 1541 begleitete er den Papst bei dessen Zusammentreffen mit Karl V. in Lucca. 1543 kam es, wegen der skrupellos betriebenen Familienpolitik der Farnese, zum Bruch zwischen Alessandro Farnese und Cervini. Gleichwohl ernannte Paul III. Cervini Ende 1545 zu einem der drei päpstlichen Legaten beim Konzil von Trient (neben G.M. del Monte, dem späteren Papst Julius III., und R. Pole). Als solcher war er einer der hauptsächlichen Förderer der theologischen und disziplinären Erneuerung der Katholischen Kirche nach der Reformation. Schon damals machten sich bei ihm Anzeichen eines schweren Nierenleidens bemerkbar. Das überaus strenge aszetische Leben, das er führte, wird ihm bei seiner ohnehin schwachen körperlichen Konstitution nicht bekommen sein. 1548 beauftragte Paul III. Cervini mit der Neuordnung der Vatikanischen Bibliothek. Ihr, die er für den größten Schatz des Apostolischen Stuhles hielt, widmete er sich vor allem unter dem Pontifikat Julius' III. (1550-1555), der ihn zum Bibliothekar auf Lebenszeit ernannte. Er ließ die lateinischen und griechischen Handschriften katalogisieren und vermehrte den Bestand an Büchern und Handschriften, zum Teil aus eigenen Mitteln, beträchtlich. Privat legte er eine große Sammlung antiker Inschriften und Münzen an. Nach dem Tode Pauls III. (10.11. 1549) hatte ihn der Einspruch Karls V. gegen seine Person aus der Zahl der möglichen Kandidaten für die Nachfolge ausgeschlossen. Von Julius III., der ihn persönlich hochschätzte, distanzierte er sich zunehmend wegen dessen mangelndem Reformeifer. In dem Konklave, das nach dem Tode Julius' III. zusammentrat, setzte sich nach viertägigen Diskussionen die Gruppe der reformgesinnten Kardinäle durch. Cervini wurde am Abend des 9.4. 1555 durch Akklamation zum Papst gewählt. Am darauf folgenden Morgen wurde die Wahl mittels Stimmzetteln wiederholt. Wie vor ihm Hadrian VI. (1522/23) behielt M. seinen Taufnamen bei. Der Kardinal Gian Pietro Carafa (der schon am 23.5. als Paul IV. sein Nachfolger werden sollte) weihte ihn noch am gleichen Tag zum Bischof. Am 11.4., dem Gründonnerstag, wusch er in St. Peter zwölf armen Männern die Füße; darauf wurde er ohne größere Feierlichkeit mit der Tiara gekrönt. Die Anhänger der katholischen Reform begrüßten in dem neuen Papst einen der ihren und setzten große Erwartungen in seine Regierung. In der Tat wandte er sich von Anfang an einem rigorosen Reformkurs zu. Er ging sofort gegen den Luxus und die Mißstände am päpstlichen Hof vor. Keiner von seinen Verwandten durfte in seiner Nähe erscheinen. M., der schon als Kardinal und Mitglied der Inquisition gegen die Häretiker große Härte gezeigt hatte, ergriff nunmehr unbarmherzige und diskriminierende Maßnahmen gegen die Außenseiter und Randexistenzen der kirchlichen Gesellschaft Roms: Juden, Homosexuelle (»Sodomiten«) und öffentliche Huren. Von dem »heiligen Papst« erwartete man durchgreifende Reformen auf allen Gebieten des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens, und er selbst schien entschlossen, dieselben in kürzester Zeit durchzuführen. Ein fiebriger Husten, der seinen durch Krankheit und unvernünftiges Fasten geschwächten Körper ergriff, setzte jedoch seinem Pontifikat nach nur drei Wochen ein jähes Ende. Giovanni Pierluigi da Palestrina, schon unter seinem Vorgänger Sänger der päpstlichen Kapelle, hat ihm wenige Jahre später mit der berühmten »Missa Papae Marcelli« ein würdiges Denkmal gesetzt. - M. vereinigte in seiner Person das seltene Ideal eines profunden Gelehrten, heiligmäßigen Christen und fähigen kirchlichen Amtsträgers - ein Ideal, das im Grunde schon nicht mehr zeitgemäß war. Seine Reformvorstellungen berücksichtigen kaum die Anliegen und die Kritik der Humanisten und Reformatoren. Die von ihm und seinen Gesinnungsgenossen geförderte tridentinische Reform zielte wohl eher auf eine Restauration des spätmittelalterlichen Kirchensystems. Die aus den Reformbestrebungen des 16. Jahrhunderts gestärkt hervorgegangene Katholische Kirche des barocken Zeitalters zeigt eine beachtliche religiöse und kulturelle Vitalität, jedoch sind auch die Mißstände zum Teil noch krasser geworden als in den vorausgegangenen Epochen des Spätmittelalters und der Renaissance. M., dessen Liebe zur Wissenschaft und hohe moralische Integrität von allen, die ihn näher kannten, gelobt wird, neigte, ähnlich wie sein jüngerer Zeitgenosse Karl Borromeo, zu einer mönchisch-düsteren Lebensauffassung, die auch harter und fanatischer Züge nicht entbehrt (nach dem Zeugnis des Kardinals Ercole Gonzaga hat er nie gelacht, die reisenden Mönche gehaßt und die der Häresie Verdächtigen verfolgt).

Werke: Berichte: Nuntiaturberichte aus Deutschland 1533-1559, 1. Abt. 5. Bd., bearb. von L. Cardauns, Berlin 1909 (Nachdr. Frankfurt 1968); Briefe: Concilium Tridentinum, ed. Soc. Goerresiana, Bd. X. XI, ed. G. Buschbell, Freiburg Br. 1916. 1937.

Lit.: Wichtigste Quelle für das Wirken Cervinis auf dem Konzil von Trient: Concilium Tridentinum, ed. Soc. Goerres., Bd. I-VI, 1901-1974. - Die älteste Lebensbeschreibung Marcellus' II. stammt aus der Feder seines Halbbruders: Vita di Marcello II scritta di propria mano del sig. Alessandro Cervini suo fratello (das Original ist verloren; Abschrift in der Biblioteca Comunale zu Ferrara); auf ihr basiert die Biographie von P. Pollidorus: De vita, gestis et moribus Marcelli II Pontificis Maximi Commentarius, Romae 1744 (verfaßt auf Veranlassung Benedikts XIV.); - Odoricus Raynaldus, Annales Ecclesiastici XIV, 1755, 550-553; - G. B. Mannucci, Il Conclave di Papa Marcello, 1921; - Sebastian Merkle, Ein patristischer Gewährsmann des Tridentinums, in: A.M. Koeniger (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte des christlichen Altertums und der byzantinischen Literatur. Festgabe Albert Ehrhard z. 60. Geb., 1922, 342-358; - Ludwig Freiherr von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, V. VI., 1923. 1913; - A. Mercati, Prescrizioni pel culto divino nella diocesi di Reggio-Emilia del vescovo Card. M. Cervini, 1933; - G.M. Monti, Studi sulla Riforma Cattolica e sul Papato nei secoli XVI e XVII, 1941; - Giuseppe Alberigo, I vescovi italiani al Concilio di Trento, 1959; - Leopold von Ranke, Die römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten, Wien o. J., 172 f.; - Franz Xaver Seppelt, Geschichte der Päpste von den Anfängen bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, V, 21959, 68-70; - Hubert Jedin, Geschichte des Konzils von Trient, I-IV, 1949- 1975; - Georg Schreiber (Hrsg.), Das Weltkonzil von Trient, I. II, 1951; - Hans Kühner, Dictionnaire des Papes de Saint Pierre à Jean XXIII, 1958, 156 f.; - Leonhard von Matt, Hans Kühner, Die Päpste. Eine Papstgeschichte in Bild und Wort, 1963, 156 f.; - Anton Haidacher, Geschichte der Päpste in Bildern, 1965, 348; 390-393; - Joseph S. Brusher, Popes trough the Ages, 3 1980, 444 f.; - Rudolf Fischer-Wollpert, Lexikon der Päpste, 1985, 112; - RE XII (1903), 259; - DThC IX (1927), 1992 f.; - E. Catt. VIII (1952), 17- 19; - RGG3 IV (1960), 740; - LThK2 VII (1962), 3 f.; - NewCathEnc. IX (1967), 190 f.

Helmut Feld

Werkeergänzung:

Quatre lettres de Marcel Cervini, cardinal-légat auprès de Charles Quint en 1540, in: AHP 29.1991, S. 113ff.

Literaturergänzung:

1988

William V. Hudon, Papal, episcopal and secular authority in the work of Marcello Cervini, in: CrSt 9.1988, S. 493ff.; -

1991

Marc Dykmans, Quatre lettres de Marcel Cervini, cardinal-légat auprès de Charles Quint en 1549, in: AHP 29.1991, S. 113-171;-

1997

Roberto Spataro, Il cardinale Cervini e l'argomentazione patristica durante la quarta sessione del Concilio di Trento, in: Salesianum 59.1997, S. 33-49;-

1999

José I. Tellechea Idígoras, Marcelo II y su breve pontificado, según documentos de Simancas, in: Salmanticensis 46.1999, S. 411-429;-

2000

Giorgio Caravale, Cervini contro Vergerio, in: Pier Paolo Vergerio il giovane, un polemista attraverso l'Europa del Cinquecento. Udine 2000, S. 33-52;-

2003

Papa M. II Cervini e la chiesa della prima metà del '500. A cura di Carlo Prezzolini ... Montepulciano 2003.

Letzte Änderung: 10.06.2009