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Verlag Traugott Bautz
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MARIA MAGDALENA, d. h. Maria aus dem Dorfe Magdala (wohl westlich des Sees Genezareth), eine der rätselhaftesten Frauengestalten des NT, über die genauere Kunde zu besitzen uns vermutlich wesentliche Aspekte der Geschichte Jesu in hellerem Licht sehen ließe. Die Evangelien erwähnen sie als Zeugin der Kreuzigung Jesu (Mk. 15, 40 f. parr.), beim Begräbnis (Mk. 15, 47 par.) und am leeren Grab (Mk. 16, 1 parr., auch Petrus-Ev. 12, 50). Mk. 14, 41 nennt sie unter den Frauen, die Jesus auf seiner Wanderschaft »dienen«, d. h. u.a. mit ihrem Vermögen unterstützen; so auch ausführlicher Lk. 8, 1-3, doch ist dieses Stück wohl bis auf die Namen luk. Redaktion. Ebd. (V. 2) findet sich die merkwürdige Nachricht, J. habe sie von sieben bösen Geistern geheilt, so auch im sekundären Mk.-schluß (16, 9), wozu Mt. 12, 45 par. Lk. 11, 26 zu vergleichen ist. Joh. 20, 1-18 kennt sie sogar als erste Empfängerin einer österlichen Christophanie (dazu allerdings in Spannung der Plural V. 2b), was einigen Anspruch auf Historizität hat (danach Mk. 16, 9-11; vgl. Mt. 28, 9-11). In den Frauenlisten des NT steht sie gewöhnlich vornan. Darin und in ihrer eventuellen Protophanie hat sie eine Petrus analoge Bedeutung. Schon in den ältesten Auslegungstraditionen kündigen sich Vermischungen und Verwechslungen mit der »großen Sünderin« von Lk. 7, 36-50 und mit Maria von Bethanien (Joh. 12, 1-8), der Schwester der Martha und des Lazarus, an, wozu aber exegetisch kein Anhalt gegeben ist. Dieser Kontamination verdankt sich die westkirchliche Ikonographie der M. M., die namentlich die Motive der Büßerin und der Salbung Jesu auszugestalten wußte. Im Orient konnte sich diese Gleichsetzung nie durchsetzen; im Abendland wurde sie zuerst von Faber Stapulensis, De M. M. et triduo Christi disceptatio (Paris 1517) bestritten. In altchristl. Zeit dominieren Darstellungen im Kontext der Grabauffindung. Für die Gnosis bot sich die geheimnisvolle Frauengestalt als Offenbarungsträgerin an: so schon Thomas-Ev. 114 und gesteigert Pistis Sophia 96, wo sie gemeinsam mit dem Zebedaiden Johannes alle anderen Jünger überragt; sogar mit der gefallenen himmlischen Weisheit des Sophiamythos konnte sie identifiziert werden. Auch gnostische Offenbarungsschriften unter ihrem Namen liefen um, von denen einige Fragmente kenntlich sind (s. u. a. Epiphanius, Panarion 26, 8, 2 f.). Ein besonderes Nachleben war der gleichfalls zuerst in der Gnosis (z. B. Philippusevangelium 32. 55b.) ausgebeuteten Fantasie beschert, die in M. M. sozusagen die Freundin Jesu, gnostisch: seine »Gefährtin« (κοινωνός), sehen wollte. Es bedarf keiner Begründung, daß eine solche Überlieferung, ginge sie ins erste Jahrhundert zurück, schärfste antichristliche Polemik einerseits, christliche Apologetik andererseits hervorgebracht hätte (vgl. aber immerhin Lk. 23, 2 in der Fassung Markions); es ist insofern eine bedauerliche Verstellung des historischen Bildes Jesu, wenn sie immer wieder einmal auflebt (vgl. die Literarisierung bei Nikos Kazantzakis, Die letzte Versuchung Christi, dt. 1952, gr. erst 1955). - Die prominente Zeugenschaft von Frauen wurde von paganer Seite gegen die Christen ausgespielt (Origenes, c. Cels. II, 55), in ihr kommt mit Sicherheit ein wesentlicher Zug der urchristl. Botschaft zum Tragen. Bei den griechischen Vätern heißt sie ἰσαπόστολος (den Aposteln gleich); mit gutem Grund hat sich die feministische Exegese ihrer mit besonderem Interesse angenommen. Mittelalterliche Legende läßt sie mit Martha und Lazarus nach Gallien kommen, macht sie zur langjährigen Büßerin und sucht ihr Grab in Aix-en- Provence oder in St. Maximin (38 km öst. von Aix), auch in Vézelay. Ältere gr. Überlieferung lokalisierte ihr Grab in Ephesus, von wo Kaiser Leon VI. 899 ihre Reliquien nach Konstantinopel bringen ließ. Fest. im röm. Kalender: 22. Juli; katholischer Frömmigkeit gilt sie als Patronin der Büßerinnen und Befreierin von Gefangenen.
Quellen: Einige nicht mehr entwirrbare rabbinischen Nachrichten über eine Maria »die Frauenhaarflechterin« bei (Hermann Strack /) Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, I, München 1926 u.o., 1046 f.; s. auch Johann Maier, Jesus von Nazareth in der Talmudischen Überlieferung, EdF 82, Darmstadt 1978, 240-42. Zu den Varianten des Namens s. Walter Bauer, Wörterbuch zu den Schriften des NT und der frühchristlichen Literatur, hrsg. Kurt und Barbara Aland, Berlin/New York 61988, 997. Zum Ort Magdala: Gustav Dalman, Orte und Wege Jesu, Darmstadt 41967, 134-36; Clemens Kopp, Die Heiligen Stätten der Evangelien, Regensburg 1959, 246-51; Virgilio C. Corbo, Scavi Archeologici a Magdala (1971-73), Studii Biblici Franciscani liber anuus XXIV, 1974, 5-37; Stanislao Lofredda, Bibbia e Oriente XVIII, 1976, 133-35; Frédéric Manns, Magdala dans les sources littéraires, in: F. Manns / S. Lofreda / V. Corbo (Hrsg.), Studia Hierosolymitana in onore del Bellarmino Bagatti, I, Studium Biblicum Franciscanum 22, Jerusalem 1976, 307-37; Virgilio C. Corbo, Piazza e Villa Urbana a Magdala, Studii Biblici Franciscani liber anuus XXVIII, 1978, 232-40.
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Marco Frenschkowski
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Letzte Änderung: 15.07.2010