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Verlag Traugott Bautz
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MARLOWE, Christopher (1564-1593), englischer Dramatiker und Dichter
ist neben Shakespeare der bedeutendste Autor des elisabethanischen
Zeitalters. Er wurde zwei Monate vor Shakespeare in Canterbury als
Sohn eines Schuhmachers geboren, und besuchte 1580-1586 das Corpus
Christi College in Cambridge, wo er 1587 den Grad eines Magister Artium
erhielt. Davor hielt sich M. für kurze Zeit wohl in geheimem Regierungsauftrag
im politischen Umkreise des Kampfes mit Spanien in Frankreich auf,
was seine Universität ungern sah, da er nur auf Fürsprache des königlichen
geheimen Rates seinen Magistergrad erhielt. nach 1587 lebte er in
London, wo er im Kreise freisinniger Schriftsteller und Intellektueller,
der sogenannten »University wits«, verkehrte. Zwischen 1586 und seinem
Tode verfaßte M. alle seine sehr erfolgreichen Stücke, er hatte jedoch
wegen seiner scharfen Zunge, seiner Streitlust und seinen oft freimütig
geäußerten unorthodoxen Ansichten über religiöse Fragen viele Feinde.
Schon 1591 wurde M. in Zusammenhang mit einem Duell, in dem sein Freund
Thomas Watson seinen Gegner William Bradley getötet hatte, verhaftet
und wieder freigelassen, und 1593 des Landesverrates und des Atheismus
bezichtigt. Im selben Jahr wurde er in einem Wirtshaus in Deptford
bei London unter ungeklärten Umständen (vermutlich spielten seine
Verbindungen zum königlichen Geheimdienst eine Rolle) erdolcht. -
Von M. sind außer dem Theaterwerk zwei lyrische Texte zu erwähnen,
das bekannte, oft (u.a. auch von Shakespeare) zitierte und später
gern parodierte Gedicht »The Passionate Shepherd to His Love« (der
verliebte Schäfer an seine Geliebte) (»Come live with me and be my
love/and we will all the pleasures prove« - Komm leb' mit mir und
sei meine Liebste/ und an allen Freuden werden wir kosten), sowie
das (vermutlich unvollendete) Versepos» Hero and Leander«, das auf
der Vorlage des alexandrinischen Dichters und Grammatikers Musaios
(5. Jhd. n. Chr.) beruht. Seine von antiken Anspielungen gespickte
Sprache ist prunkvoll und bilderreich (»About her neck hung chains
of pebble-stone/ Which, lightened by her neck, like diamonds shone./
She ware no gloves, for neither sun nor wind/ would burn or parch
her hands, but to her mind/ Or warm or cool them, for they tool delight/
To play upon those hands, they were so white...« - Um ihren Hals hingen
Ketten von Kieselstein/ die, beleuchtet von ihrem Hals, wie Diamanten
erstrahlten./ Sie trug keine Handschuhe, denn weder Sonne noch Wind/
Wollten ihre Hände verbrennen oder austrocknen, sondern, ganz wie
es ihr beliebte/ Wärmten oder kühlten sie sie, denn es gefiel ihnen/
Auf diesen Händen zu spielen, so weiß waren sie...). Durch den Schwung
seiner Verse und durch die von Leidenschaft, subtiler Erotik und tragischer
Grundstimmung beherrschte Atmospäre gehört »Hero and Leander« zu den
schönsten Blüten englischer Renaissancedichtung. - M. hinterließ
nur sechs Dramen: »Dido, Queen of Carthage« (Dido, Königin von Karthago,
1586), »Tamburlaine the Great« (Tamerlan der Große, 1586/87, in zwei
Teilen), »The Tragical History of Doctor Faustus« (Die tragische Geschichte
des Doktor Faustus, 1588 oder 1592), »The Jew of Malta« (Der Jude
von Malta, um 1589), »The Massacre at Paris« (Das Massaker von Paris,
um 1592) und »Edward II.« (König Eduard II., 1593, in zwei Teilen).
Gemeinsam ist ihnen neben der hohen sprachlichen Virtuosität der von
Prosa unterbrochenen Blankverse und der an Überraschungen und kunstvollen
Effekten reichen Komposition der Aufbau um eine zentrale Heldenfigur,
in der sich positive und negative Züge mischen oder durch eine subtile
Sympathielenkung aufeinander folgen. M.s Helden sind kraftvolle, von
Leidenschaften getragene und geschüttelte Renaissanceindividuen, die
ihre »virtù« im Machiavellischen Sinne ausschöpfen, um Ziele, die
letztlich unerreichbar sind, zu verfolgen, ihr Hauptlaster ist die
Hybris. Die unerfüllbare Liebe Didos, das Herrschaftsstreben Tamburlaines,
der unstillbare Wissens- und Erkenntnisdurst des Doktor Faustus, die
durch die Zwangskonversion seiner über alles geliebten Tochter geweckte
Rachgier des Juden Barnabas, der Machtdurst des Herzogs von Guise
in dem das Hugenottenmassaker der »Bartholomäusnacht« 1572 behandelnden
Stück »The Massacre at Paris«, oder die homoerotische Liebe des Königs
Edward zu dem Emporkömmling Gaveston sind die Leitmotive, die das
Handeln der Helden bestimmen und sie anspornen, die Grenzen ihrer
Möglichkeiten auszuloten. Hierbei kollidieren sie früher oder später
mit den Gesetzen und Konventionen des Staates oder der Gesellschaft,
zerschellen an der Macht der »Fortuna«, des blinden Glückes, oder
stoßen an die Grenzen der »conditio humana«, der Grundbedingtheiten
menschlichen Daseins. Sie weigern sich, die Gültigkeit dieser Grenzen
anzuerkennen, spannen alle ihre Kräfte an, stellen sich, quasi jenseits
von Gut und Böse, außerhalb aller Normen und kämpfen einen aussichtslosen
Kampf, in dem sie im Scheitern dann oft die Sympathie des Publikums,
das sie vorher durch ihre Grausamkeit oder Arglist gegen sich eingenommen hatten, erlangen, wie
z.B. Tamburlaine, der mordend, raubend und brennend durch die Welt
zieht, gefangene Fürsten in Käfigen hinter sich herziehend, dann aber,
als Zenocrate, seine über alles geliebte Frau stirbt, den Kräften
der Natur selbst den Krieg erklärt, oder aber wie König Edward, der
gegen alle Vorhaltungen seines Hofes und der Mächtigen im Staate an
seinem prunkliebenden, kapriziösen Günstling (und homosexuellen Partner)
Gaveston festhält (»Oh, give me but a nook and corner of my realm,
to frolic with my Gaveston!« - O gebt mir doch nur einen Winkel, ein
Eckchen meines Reiches, um dort mit meinem Gaveston zu tändeln!),
dann aber, nach der Ermordung Gavestons, gejagt, landlos und in düstere
Melancholie verfallen, seinem grausamen Ende durch Afterpfählung entgegengeht.
- M.s Helden sind durch ihr Beherrschtsein von einer tragenden
Leidenschaft weniger kompliziert, seine Handlungen durch die innere
Logik der Entfaltung des Verhängnisses weniger verwoben und verschränkt
als diejenigen Shakespeares, der jedoch besonders in seiner Frühzeit
eindeutig von M. beeinflußt ist. M.s Gelehrsamkeit und antike Belesenheit
(die er Shakespeare voraus hatte) machen seine Dramen zu einem deutlichen
Widerhall des kontinentaleuropäischen Humanismus auf der elisabethanischen
Bühne, dessen anthropozentrisches Menschenbild hier zu einer kraftvollen,
harmonischen Einheit mit dem energiegeladenen Menschentyp des elisabethanischen
Zeitalters verschmilzt, wie es der folgende Monolog Tamburlaines,
früher Vorbote der großen kontemplativen Monologe Shakespeares, so
schön verdeutlicht:
»Nature, that framed us of four elements
Waring within our breasts for regiment,
Doth teach us all to have aspiring minds;
Our Souls, whose faculties can comprehend
The wondrous architecture of the world
And measure every planet's wandring course,
Still climbing after after knowledge infinite,
And always moving as the restless spheres,
Wills us to wear ourselves and never rest
Until we reach the ripest fruit of all,
That perfect bliss and sole felicity
The sweet fruition of an earthly crown«.
(Die Natur, die uns aus vier Elementen schuf,
Die nun in unsrer Brust um Herrschaft ringen
Lehrt uns strebsamen Gemüts zu sein;
Unsere Geisteskräfte, deren Fähigkeiten mächtig sind
Der Welt wunderbaren Bau ganz zu begreifen
und aller Wandelsterne Pfade zu ermessen,
Immer weiter noch, nach unbegrenztem Wissen strebend,
Stets beweglich wie die ruhelosen Sphären,
Sie zwingen uns, uns ohn Unterlaß selbst zu verzehren
Bis wir die allerreifste Frucht erlange
Die höchste Seligkeit, das einz'ge Glück
Die süße Wonne einer Herrscherkron' auf Erden.)
Bibliograohien: Ausgaben: R.H. Case (Hrsg.), Works and Life of C.M. 6 Bde., London 1931; F. Bowers (Hrsg.), C.M., Complete Works. London, 1974; R. Gill (Hrsg.), The Complete Works of C.M., Oxford 1987ff.; S.A. und D.R. Tannenbaum, Elizabethan Bibliographies, John Lyly, Thomas Middleton, C.M., John Marston. Port Washington, NY, 1967; K. Friedenreich, C.M., An Annotated Bibliography of Criticism Since 1950. Metuchen NJ, 1979; Lois Mai Chan, Marlowe Criticism. A Bibliography, London/Boston 1978. - Biographie: F.S. Boas, C.M., A Biographical and Critical Study. Oxford, 1940, Nachdr. 1966; J. Bakeless, The Tragical History of C.M. 2 Bde., Cambridge/Mass., 1942, Nachdr. 1970; A.D. Rowse, C.M.: His Life and Works. New York, 1964.
Lit.: (Auswahl): H. Levin, The Overreacher. A Study of C.M. Cambridge/Mass. 1952; - W. Clemen, Die Tragödie vor Shakespeare. Heidelberg, 1955; - D. Cole, Suffering and Evil in the Plays of C.M. Princeton NJ, 1962; - J.B. Steane, M.: A Critical Study. Cambridge, 1964; - C.D. Masinton, C.M.'s Tragic Vision, A Study in Damnation. Athens, OH, 1972; - C.B. Kuriyama, Hammer or Anvil, Psychological Patterns in C.M's Plays. New Brunswick, NJ, 1980; - R.M. Cornelius, C.M's Use of the Bible. New York, 1984; - B.E. Brandt, C.M. and the Metaphysical Problem Play. Salzburg, 1985; - J.H. Birringer, Marlowe's Doctor Faustus and Tamburlaine. Theological and Theatrical Perspectives. New York, 1984; - Ch. Divakaruni, For Danger is in Words. Changing Attitudes to Language in the Plays of C.M. Berkeley CA, 1984; - H. Wurmbach, C.M.'s Tamburlaine-Dramen. Rezeptionslenkung und historische Bedeutung. Ein Beitrag zur Dramenanalyse. (Habilitationsschrift) Heidelberg, 1984; - K.W. Benston, The Shaping of the Marlowian Sublime. (unveröff. Dissertation) Yale, 1982; - G. Pinciss, C.M. New York/London, 1985.
Christoph Dröge
Literaturergänzung:
1979
Larry L. Bronson, St. Augustine and M.'s "Dr. Faustus", in: AuSt 10.1979, S. 19-26; -
1982
Larry L. Bronson, "My heart is harden'd". Marlowe's "dr. Faustus" and the Thomistic concepts of "desperatio" and "acedia", in: Aquinas 25.1982, S. 465-478; -
2005
Michael Szurawitzki, Contra d. "rex iustus/rex iniquus"? D. Einfluß von Machiavellis "Il Principe" auf Marlowes "Tamburlaine", Shakespeares "Heinrich V." u. Gryphius "Leo Armenius". Würzburg 2005; - Nils-Henje Redenius, Tragedies from the seams of modernity. Frankfurt a.M. 2005; - Lisa Hopkins, A C.M. chronology. New York 2005; -
2007
Laurent Berec, Un plaidoyer en faveur des huguenots dans l'Angleterre du début des années 1590. La falsification de l'histoire dans "The massacre at Paris" de C.M., in: BSHPF 153.2007, S. 325-342; -
2008
Birgit Oberger, Elfriede Jelinek als Übersetzerin. Eine Einf. Frankfurt/M. 2008; -
2009
Birte Sause, Zur Ambiguität d. weibl. Herrschers in d. Liebestragödie d. engl. Renaissance. Das Phänomen d. Wavering. Frankfurt/M. 2009.
Letzte Änderung: 22.12.2009