MARR, Wilhelm, Agitator, Publizist und Schriftsteller, * 16.11. 1819
Magdeburg, + 17.7. 1904 Hamburg. Nach Abschluß einer Kaufmannslehre
in Hamburg bzw. Bremen zog M. 1839 nach Wien zu seinem am Burgtheater
tätigen Vater, dem bedeutenden Schauspieler und Regisseur Heinrich
M.; 1841 übersiedelte M. zur Fortsetzung seiner kaufmännischen Karriere
nach Zürich. Die Bekanntschaft mit Julius Fröbel, August Adolf Follen
und Georg Herwegh und anderen im Schweizer Exil lebenden deutschen
Oppositionellen brachte die Wende in M.s Leben, die sich zunächst
in den beiden 1843 erschienenen Erstlingswerken, dem Gedichtband »Freie
Trabanten« und der staatliche, kirchliche und gesellschaftliche Mißstände
kritisierenden Kampfschrift »Gegenwart und Zukunft« abzeichnete. Die
Verbindung zu Wilhelm Weitling und M.s Bekenntnis zum Kommunismus
führten 1843 zu seiner Ausweisung aus Zürich. In Lausanne, wo er bis
1845 lebte, trat M. in engen Kontakt zu den jungdeutschen Führern
Hermann Döleke und Julius Standau. M. verstand es, den von den beiden
1843 gegründeten Léman-Bund, einen jungdeutschen Geheimbund, in kurzer
Zeit als sein persönliches Machtinstrument aufzubauen. 1844 gründete
M., der sich mittlerweile zum Anarchisten und Atheisten gewandelt
hatte, den im geheimen wirkenden Schweizerischen Arbeiterbund; als
dessen Organ fungierten die von M. maßgeblich getragenen und herausgegebenen
junghegelianisch-atheistisch ausgerichteten »Blätter der Gegenwart
für sociales Leben« (1844/45). Nach einer mehrmonatigen Deutschlandreise
gründete M. 1845 in Lausanne den ambitionierten, aber erfolglosen
»Verlag der deutschen Buchhandlung«. Im Juli 1845 führten die gewandelten
innenpolitischen Verhältnisse im Kanton Waadt zu M.s Ausweisung aus
Lausanne; 1846 erschien seine - vor allem die eigenen Verdienste übertreibenden
- propagandistische Rechtfertigungsschrift »Das junge Deutschland
in der Schweiz«. Nachdem M.auch aus verschiedenen deutschen Städten
ausgewiesen worden war, ließ er sich noch 1845 in seiner Vaterstadt
Hamburg nieder, wo er als politischer Journalist - namentlich mit
dem satirischen Witzblatt »Mephistopheles« (1847/48-1852) - die Rolle
eines »enfant terrible« in der publizistischen Szene inne hatte. Als
extrem linkes Mitglied der radikal-demokratischen Partei wurde M.
1848 in die Konstituante gewählt und als Deputierter nach Frankfurt
a.M. entsandt. Nach dem Scheitern seiner politischen Hoffnungen -
einer demokratischen Republik wie auch dann eines Hamburger Partikularismus
- wurde M. zum Verfechter eines deutschen Staates unter preußischer
Vorherrschaft. Politisch glücklos, verließ M. 1852 enttäuscht und
verbittert Hamburg, um mit einer kurzen Unterbrechung bis 1859 in
Costa Rica - auch hier ohne Erfolg - als Kaufmann tätig zu sein. Nach
der Rückkehr nahm M. in Hamburg wiederum seine journalistische Tätigkeit
auf. 1861/62 gehörte er der Hamburgischen Bürgerschaft an und war
im Vorstand des. »Demokratischen Vereins«; sein politischer Radikalismus
wie auch ein im Juni 1862 im »Courier an der Weser« abgedruckter »antisemitischer«
Artikel führten zum Verlust der politischen Ämter. M. wandte sich
nun ausschließlich der politischen Publizistik und dem Journalismus
zu: In Hamburg redigierte M. »Die Nessel« (1864), den »Beobachter
an der Elbe« (1865/66) und das Sonntagsblatt »Der Kosmopolit« (1866),
um anschließend als leitender Redakteur bei der »Berliner Post« (1869/71)
und bei der »Weimarischen Zeitung« (1874/75) tätig zu sein; nebenbei
schrieb er u.a. für die »Gartenlaube«. Als weitere Stationen folgten
Leipzig (1875/77), Berlin (1878) und wiederum Hamburg (1879). In Berlin
entstand 1878 M.s 1879 erschienene Hetzschrift »Der Sieg des Judenthums
über das Germanenthum«. Mit dieser wie in weiteren seit 1879 publizierten
Broschüren und zahlreichen in der antisemitischen Presse veröffentlichten
Artikeln wurde M. für kurze Zeit zu einem der Wortführer des politischen
Antisemitismus. Mit der von ihm 1879 gegründeten kurzlebigen und politisch
wenig wirksamen »Antisemitenliga«, deren Sprachrohr »Die deutsche
Wacht« er bis März 1880 herausgab, führte M. den Begriff »Antisemitismus«
in das politische Vokabular ein. M. hatte seine antisemitische Einstellung
jedoch bereits spätestens seit 1862 in der Auseinandersetzung mit
dem jüdischen Liberalen Gabriel Riesser wie auch in der in Hamburg
virulenten Frage der Judenemanzipation ausgebildet und in der 1862
erschienenen Schmähschrift »Der Judenspiegel« dokumentiert, in der
er rassenideologisch argumentiert, um soziale und ethnische Mängel
des Judentums nachzuweisen, die wiederum aus dessen Geschichte und
Tradition abgeleitet werden. Trotz zahlreicher Auflagen seiner antisemitischen
Pamphlete und ihrer vielfältigen Resonanz gelang es M. nicht, parteipolitische
Bedeutung zu erlangen. M., der sich um 1890 ins Privatleben zurückzog,
brach 1893 mit den Antisemiten um seinen Schüler Theodor Fritsch,
deren von ihm als »Geschäftsantisemitismus« bezeichnete Methoden und
personale Zusammensetzung er ablehnte. Der ehrgeizige und geltungssüchtige
M. vollzog eine wechselvolle ideologische Entwicklung: Anfangs liberaler
Demokrat, unter Weitlings Einfluß Kommunist, dann Anarchist wandelte
M. sich schließlich zum radikalen Demokraten und daraus resultierend
am Ende, als Reaktion auf den von ihm verhaßten, die gesetzlichen
Grundlagen der Judenemanzipation garantierenden Liberalismus, zum
Antisemiten.
Werke: Gegenwart und Zukunft. Oder: Ist Deutschland reif
zu einer Reorganisation? Ein offenes Wort an das deutsche Volk, 1843;
Glossen über die Petition der Kölner an den König von Preußen, 1843;
Georg Herwegh und die königlich-preußischen Hofpoeten. Herrn Fr.W.
Beniken gewidmet. Von Victor Herrmann (= W. M.), 1843; Das entdeckte
und das unentdeckte Christenthum in Zürich und ein Traum. Eine Bagatelle,
Auszüge aus der in Zürich confiscirten Bauer'schen Schrift enthaltend
und dem christlichen Dr. Bluntschli gewidmet vom Antichrist, 1843;
Freie Trabanten, 1843; Pillen. Eigens präparirt für deutsche und andere
Michel, 1844; Ruchlosigkeit der Schrift: »Dies Buch gehört dem König«.
Ein unterthänigster Fingerzeig, gewagt von Leberecht Fromm (= W. M.),
1844; Die Religion der Zukunft von Friedrich Feuerbach. Für Leser
aus dem Volke bearbeitet von W. M., 1844 (21846); Petit mot
d'un étranger au peuple vaudois. Dédié aux aveugles dans le canton
de Vaud, 1845; Das junge Deutschland in der Schweiz. Ein Beitrag zur
Geschichte der geheimen Verbindungen unserer Tage, 1846; Auch eine
Adresse an Schleswig-Holsteins Männer der That, 1846; Die Jacobiner
in Hamburg, 1848; Der Mensch und die Ehe vor dem Richterstuhle der
Sittlichkeit. Nebst einem Anhange: Zur Charakteristik des deutschen
Liberalismus. I. Die Republik Karl Heinzens. II. In eigner Angelegenheit,
1848; Was ist geschehen? Was muß geschehen? Zwei Fragen, 1848; An
Hamburgs Wähler. Ein Wort zur rechten Zeit, o.J. (1849); Herr Dr.
Heckscher als Agitator, Volksvertreter und Staatsmann. Eine politische
Skizze, 1851; Anarchie oder Autorität?, 1852; Lichtbilder aus der
Hamburger Bürgerschaft, 1860; Travailler pour le Roi de Prusse. Ein
Beitrag zur deutschen Flotte, 1861; Der Judenspiegel, 1862; Israel
in Alarm. Über den Mahnruf der Zeit und den deutschen Bescheid der
Stimme aus dem »Judenspiegel«. Beleuchtet von A-Z, 1862; Reise nach
Central=Amerika, 2 Bde., 1862; Messias Lasalle und seine Hamburger
Jünger, 1863; Der Ausschluß Oesterreichs aus Deutschland ist eine
politische Widersinnigkeit. Eine Warnung, welche vielleicht zu spät
kommt, 1866; Selbständigkeit und Hoheitsrechte der freien Stadt Hamburg
sind ein Anachronismus geworden. Eine kurze Beleuchtung hamburgischer
Zustände, dem königlich preußischen Ministerium des Auswärtigen hochachtungsvoll
gewidmet, 1866; Es muß Alles Soldat werden! oder die Zukunft des Norddeutschen
Bundes. Ein Phantasiegemälde, 1867; Nach Jerusalem mit dem Papst!
Eine Bergpredigt, 1867; Des Weltuntergangs Posaunenstoß. Lieblich
begleitet und allen Gläubigen gewidmet, 1867; Die neue Dreieinigkeit,
1868; »Die Flagge deckt die Ladung!«. Die Leibnitzaffaire und die
Pflichten des Norddeutschen Bundes, 21868; Streifzüge durch
das Koncilium von Trient. Voltaire frei nacherzählt, 1868; Sieben
Briefe über den Stein der Weisen. Ein socialistischer Essai, 1872;
Ludmilla oder Geschiedene Frauen. Charakterbilder aus der Gesellschaft
in fünf Akten, 1875; Religiöse Streifzüge eines philosophischen Touristen,
1876; Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht
confessionellen Standpunkt aus betrachtet, 1879; Vom jüdischen Kriegsschauplatz.
Eine Streitschrift, 1879; Antisemitische Hefte, Nr. 1-3 (Der Judenkrieg,
seine Fehler und wie er zu organisieren ist. Zweiter Teil von: »Der
Sieg des Judenthums über das Germanenthum«; Goldene Ratten und rothe
Mäuse; Oeffnet die Augen, Ihr deutschen Zeitungsleser. Ein unentbehrliches
Büchlein für jeden deutschen Zeitungsleser), 1880; Wählet keinen Juden!
Ein Mahnwort an die deutschen Wähler, 1879; Zur Klärung der Colonialfrage,
1885; Lessing contra Sem. Allen »Rabinern« der Juden- und Christenheit,
allen Toleranz-Dusselheimern aller Parteien, allen »Pharisäern und
Schriftgelehrten« tolerantest gewidmet, 1885; Riekchen Blaustrumpf.
Dramatische Plaudereien in einem Akt, o. J.
Lit.: Generalbericht an den Staatsrath von Neuchatel über
die geheime deutsche Propaganda, über die Klubbs des jungen Deutschlands
und über den Lemanbund, 1846; - Wilhelm Heyden, Die Mitglieder
der Hamburger Bürgerschaft 1859-1862 (= Festschrift zum 6. Dezember
1909), 1909; - Franz R. Bertheau, Das Zeitungswesen in Hamburg
1616 bis 1913, 1914; Eugenie Rammelmeyer, Bewegungen der radikal gesinnten
Deutschen in der Schweiz während der Jahre 1838 bis 1845. Ein Ausschnitt
aus dem politischen und persönlichen Leben dieser Kreise, (Diss. Frankfurt
a. M.) 1922; - Kurt Wawrzimek, Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien
(1873-1890), 1927; - Hans Gustav Keller, Die politischen Verlagsanstalten
und Druckereien in der Schweiz 1840-1848. Ihre Bedeutung für die Vorgeschichte
der Deutschen Revolution von 1848, 1935; - Fritz Zschaek, War
W.M. ein Jude?, in: Weltkampf 1944, H. 2, 94-98; - Paul W. Massing,
Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, 1959; - Peter G.J.
Pulzer, Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland
und Österreich 1867 bis 1914, 1 966; - Werner Kowalski (Bearb.),
Vom kleinbürgerlichen Demokratismus zum Kommunismus. Zeitschriften
aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung (1834-1847), 1967;
- Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup, Antisemitismus. Entstehung,
Funktion und Geschichte eines Begriffs, in: Geschichtliche Grundbegriffe.
Historisches Lexikon zur politischen Sprache, hrsg. v. Otto Brunner,
Werner Conze, Reinhard Koselleck, Bd. 1, 1972, 129-153; - Ernst
Schraepler, Handwerkerbünde und Arbeitervereine 1830-1853. Die politische
Tätigkeit deutscher Sozialisten von Wilhelm Weitling bis Karl Marx
(= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 34.),
1972; - Antje Gerlach, Deutsche Literatur im Schweizer Exil. Die
politische Propaganda der Vereine deutscher Flüchtlinge und Handwerksgesellen
in der Schweiz von 1833 bis 1845, 1975; - Moshe Zimmermann, Gabriel
Riesser und Wilhelm Marr im Meinungsstreit. Die Judenfrage als Gegenstand
der Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Radikalen in Hamburg
(1848-1862), in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte
61 (1975), 59-84; - Ders., Hamburgischer Patriotismus und deutscher
Nationalismus. Die Emanzipation der Juden in Hamburg 1830-1865, 1979;
- Ders., W.M. The Patriarch of Antisemitism, 1986; - Ders.,
From Radicalism to Antisemitism, in: Shmuel Almog (Hrsg.), Antisemitism
through the Ages (= Studies in Antisemitism), 1988, 241-254; -
Klaus Urner, Die Deutschen in der Schweiz. Von den Anfängen der Kolonienbildung
bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, 1976; - Werner Jochmann,
Struktur und Funktion des deutschen Antisemitismus, in: Werner E.
Mosse u. Arnold Paucker (Hrsg.) Juden im Wilhelminischen Deutschland
1890-1914 (= Schriftenreihe Wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts
33), 1976, 389-477; - Hans-Joachim Ruckhäberle (Hrsg.), Bildung
und Organisation in den deutschen Handwerksgesellen- und Arbeitervereinen
in der Schweiz. Texte und Dokumente zur Kultur der deutschen Handwerker
und Arbeiter 1834-1845 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der
Literatur, Bd. 4.), 1983; - NDB XVI; - H. Schröder, Lexikon
hamburgischer Schriftsteller der Gegenwart V, 1867, 33 ff.; -
RGG III (21929), 2023 f.; - Encyclopaedia Judaica XI,
1015; Kosch, LL 19863, 467; - Nachruf, in: Neue Züricher
Zeitung Nr. 209, 29.7. 1904, Beilage S. 2.