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Band V (1993)Spalten 923-926 Autor: Dieter Berg

MARTIN von Troppau OP, * unbekannt, † nach 22.6. 1278 in Bolgna. - Die spärlichen biographischen Informationen über einen der meistbeachteten Chronisten des Mittelalters entstammen sämtlich seinen eigenen Schriften. »Frater Martinus Ordinis Praedicatorum« wurde in einigen Handschriften des 14. Jh.s als »de regno Boemie«, insbesondere «patria Oppaviensis« entstammend bezeichnet. Hiervon leiten sich die verschiedenen Beinamen M.s ab, u.a. »von Troppau« (zum Kgr. Böhmen gehörig) oder »Polonus« (mit Betonung der Zugehörigkeit seines Heimatkonventes zur polnischen Dominikanerprovinz). Nach Angaben des Prager Dominikaners Hyacinth erhielt M. im dortigen Predigerkonvent nach gründlicher theologischer Ausbildung die Priesterweihe, später bemühte sich M. erfolgreich um die Förderung seines Heimatkonventes am päpstlichen Hofe. Urkundlich nachweisbar ist M. dort als Poenitentiarius minor während des Pontifikates von Alexander IV. (1261-1278). Von Papst Nikolaus III. am 22.6. 1278 zum Erzbischof von Gnesen ernannt, starb M. jedoch auf der Reise in seine Kirchenprovinz in Bolgna, wo er im Dominikanerkloster beigesetzt wurde. - Das gesamte schriftstellerische Werk M.s ist ausschließlich im Bezug zu den konkreten Aufgaben zu sehen, die er als Angehöriger des Predigerordens und Mitglied der päpstlichen Verwaltung zu bewältigen hatte. Zu seinen Schriften gehört u.a. die »Margarita Decreti«, die eine kurze Realkonkordanz zum Decretum Gratiani mit alphabetischer Ordnung von über 700 Begriffen und Namen darstellt. Ursprünglich wahrscheinlich nur für den privaten Gebrauch M.s bestimmt, wurde in der »Tabula Martiniana Decreti« erstmalig das umfangreiche kirchenrechtliche Material nach rein formalen Gesichtspunkten gegliedert, wobei sich die kurialen Interessen des Verf.s bei der Auswahl der Begriffe deutlich manifestierten. Die große Nützlichkeit und Beliebtheit dieses kanonistischen Hilfsmittels für die dominikanischen Mitbrüder wie für Ordensfremde verdeutlicht die große Zahl der überlieferten Hss. (über 120!), so daß diese Konkordanz zu einem der wichtigsten kanonischen Hilfsmittel des MA.s wurde. - Einen ähnlich praktischen Bezug besitzen M.s »Sermones de tempore, de sanctis«, deren Entstehungszeit ebenfalls unbekannt ist. Hierbei handelt es sich um eine Smlg. von homiletischen Musterstücken, d.h. Exempla und Predigten. Diese sind stark typisiert und dienten den Benutzern als Lehrstücke gemäß den zeitgenössischen scholastischen Normen. - Die wichtigste und einflußreichste Schrift M.s stellt sein »Chronicon pontificum et imperatorum« dar, dessen hs. Überlieferung so reich wie bei kaum einer anderen ma. Chronik ist. Auch das Chronicon war als praktisches Hilfsmittel für Theologen und Kanonisten, insbesondere für die korrekte historische Einordnung der Kirchenrechtssätze, von M. geschaffen worden. Der Dominikaner verfaßte seit dem Pontifikat von Clemens IV. verschiedene Chronik-Redaktionen, deren letzte mit dem Pontifikat von Nikolaus III. um 1277 endet. In der Tradition der frühma. Papst-Kaiser-Chroniken stehend, beabsichtigte M., in Fortsetzung der »Historia Scholastica« das Petrus Comestor eine systematische Darstellung der Weltgeschichte in Form von Tabellen zu geben, die u.a. dem Decretum Gratiani beigeheftet werden sollten. In universalgeschichtlichem Zugriff wurde die Historie der Menschheit in einer strengen Papst-Kaiser-Systematik zusammengefaßt, wobei annalistisch jeweils auf der linken Seite die Päpste, auf der rechten Seite die Kaiser in Kolumnen aufgeführt wurden. Für jeden papalen wie imperialen Herrscher erfuhren wichtige gleichzeitige Ereignisse Erwähnung, wobei zusätzlich ein strenges tafelartiges Schema mit der parallelen Darstellung von jeweils 50 Jahren auf je zwei Ms.-Doppelseiten beachtet und hierdurch das Werk noch weiter inhaltlich gestrafft wurde. Trotz der Vielzahl an Quellen, die M. für sein Werk wenig kritisch kompilierte, blieb sein Berichtshorizont auf den Bereich der lat. Christenheit beschränkt. Während der vielfach erhobene Vorwurf einer kritiklosen Verherrlichung des Papsttums durch M. sicherlich nicht haltbar ist, stieß andererseits seine Wertschätzung von Papstfabeln u.ä. schon seit der Frühen Neuzeit zu Recht auf Kritik. Ungeachtet dieser Schwächen blieb das Chronocon mit seiner systematischen Bewältigung des historischen Stoffes, der exakten zeitlichen Zuordnung von Geschehnissen zu bestimmten Herrschaftsepochen und der guten Übersichtlichkeit der Herrscher- und Papst-Tabellen ein überaus geschätztes Hilfsmittel für die Zeitgenossen. Bis zum Ende des MA.s erfreute sich das Werk stetiger Beliebtheit, so daß das Chronicon in fast jeder wichtigeren Bibliothek des Abendlandes zu finden war. Seit dem beginnenden 14. Jahrhundert wurde schließlich die gesamte Gattung der Papst-Kaiser-Chroniken nach M.s Werk als »Martins-Chroniken« (»Chronicae Martinianae«) benannt.

Werke: »Chronicon pontificum et imperatorum«, ed. L. Weiland, in: MG SS XXII, 377-475; »Margarita Decreti«, ed. Venetiis 1486 (vgl. unten Kaeppeli, Scriptores III, 117 f.); »Sermones de tempore, de sanctis. Promptuarium exemplorum«, ed. Argentorati 1488 (vgl. unten Kaeppeli, Scriptores III, 115).

Lit.: Ludwig Weiland, Zur Ausgabe der Chronik Martin von Troppaus, in: Arch. d. Ges. f. ält. dt. Gesch.kunde 12, 1858, 1-79; - Oswald Holder-Egger, Über eine Römische Papst- und Kaiser-Chronik, in: NA 28, 1903, 193-226; - E. Göller, Die päpstliche Pönitentiarie von ihrem Ursprung bis zu ihrer Umgestaltung unter Pius V., I/1, 1907, 86-88, 130-132; - P. Joachimsen, Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung unter dem Einfluß des Humanismus, 1910, 4-7; - Manitius III, 1130 (Reg.); - Angelus Walz, Compendium historiae Ordinis Praedicatorum, (2. Aufl.) 1948, 239; - Herbert Grundmann, Geschichtsschreibung im späteren MA, in: Geschichtsschreibung, ed. Jürgen Scheschkewitz, 1968, 91ff; - Ders., Geschichtsschreibung im MA, (3. Aufl.) 1978, 23, 69; - W. Mathews, Martinus Polonus and some later chroniclers, in: Medieval literature and civilization, 1969, 275-288; - William A. Hinnebusch, The history of the Dominican Order, II, 1973, 409-411, 468 (Reg.); - J.B. Schneyer, Repertorium der lateinischen Sermones des MAs, IV, 124-149; - Wilhelm Wattenbach, Franz-Josef Schmale, Deutschlands Geschichtsquellen im MA, I, 1976, 462 (Reg.); - Ders. (F.-J. Schmale), Funktion und Formen ma. Geschichtsschreibung, 1985, 221 (Reg.); - Denis Hay, Annalists and historians, 1977, 64ff; - Bernard Guenée, Histoire et culture historique dans l'Occident médieval, 1980, 427 (Reg.); - Thomas Kaeppeli, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, III, 1980, 114-123; - K. Grodziska-Ozóg, Martin le Polonais et sa chronique sur les papes et les empereurs, in: Zeszyty naukowe Uniwersytetu Jagiellonskiego 638, Prace Historyczne Z. 71, 1982, 7-14; - Anna-Dorothee von den Brincken, Zu Herkunft und Gestalt der Martins-Chroniken, in: DA 37, 1981, 694-735; - Dies., Studien zur Überlieferung der Chronik Martins von Troppau, in: DA 41, 1985, 460-531; 45, 1989, 551-591; - Dies., Inter spinas principum terrenorum. Annotazioni sulle summe e sui compendi storici dei Mendicanti, in: Aspetti della letteratura latina nel secolo XIII, ed. Claudio Leonardi, 1986, XX ff; - Dies., Anniversaristische und chronikalische Geschichtschreibung in den »Flores Temporum« (um 1292), in: Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im späten MA, ed. Hans Patze (Vorträge u. Forsch. 31) 1987, XX; - Dies., Martin von Troppau, ebd., 155-193; - Dies., In una pagina ponendo pontifices, in alia pagina imperatores. Das Kopieren der tabellarischen Papst-Kaiser-Chronik des Martin von Troppau OP (+ 1278), in: Revue d'Histoire des Textes 18, 1988, 109-136; - Dies., Geographisches Weltbild und Berichtshorizont, in: Festschr. Harald Zimmermann, 1991, 91-101; - DSp X, 694 f.; - LMA VI, 347 f.; - LThK (2. Aufl.) VII, 119; - NDB XVI, 279 f.; - NewCathEnc X, 304; - Verf.Lex. (2. Aufl.) VI, 158-166.

Dieter Berg

Literaturnachtrag:

1991

Arturo Bernal Palacios, Las obras canónicas de M. de T., in: AFP 61.1991, S. 89-126; -

2001

Wolfgang-Valentin Ikas: 'Martinus Polonus' Chronicle of the Popes and Emperors: a Medieval Bestseller and its Neglected Influence on Medieval English Chroniclers', in: The English Historical Review 116 (2001), 327-341.

Letzte Änderung: 12.11.2009