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Band XVI (1999)Spalten 1001-1002 Autor: Johannes Madey

MASARYK, TomᚠGarrigue, * 7. März 1850 in Göding, † 14. September 1937 in Schloß Lány bei Prag, tschechischer Philosoph, Soziologe und Staatsmann. Er stammte aus einer kath. böhmischen Familie, doch schon in jungen Jahren entfremdete er sich von der Kirche und dem christlichen Glauben. Nach Beendigung seiner Studien in Wien, wo er von F. Brentano stark beeinflußt wurde, und Leipzig erhielt er 1882 einen Lehrstuhl für Philosophie in Prag. Dort gewann er rasch einen großen Einfluß bei der tschechischen Intelligenz. In seinem Denken verband er deutschen Idealismus und westeuropäischen Positivismus; kritisch setzte er sich mit der tschechischen politischen Romantik auseinander, da er jede Mystifizierung der Geschichte ablehnte. Während seiner Lehr- und Forschungstätigkeit gelang es M., die Unechtheit der »Königinhofer Handschrift« nachzuweisen. 1883 gründete er die Zeitschrift »Athenaeum«. Publizistisch bekämpfte er die Legende vom jüdischen Ritualmord. Als liberaler Humanist glaubte er, die kath. Kirche stände außerhalb der modernen Zeitströmungen und politisch auf der äußersten Rechten. Deshalb stand er auch dem Papsttum kritisch gegenüber. In politischer Hinsicht war er mit der Vorherrschaft der Deutschen und Ungarn in der Habsburger Monarchie nicht einverstanden. So trat er ins politische Leben, von 1891 bis 1893 als Vertreter der Jungtschechen im österreichischen Reichsrat. Nachdem er die Realistenpartei gegründet hatte, ging er als Abgeordneter dieser Partei von 1907 bis 1914 in den Reichsrat. Während des ersten Weltkrieges stellte er sich auf die Seite der Entente und ging nach England in die Emigration. Von dort aus forderte er die Gründung eines tschechischen Staates. 1916 gründete M. zusammen mit E. Beneš einen tschechoslowakischen Nationalrat. Auch gehörte er zu den Organisatoren der »Tschechischen Legion« in Rußland. 1918 schloß M. mit Organisationen der in den Vereinigten Staaten lebenden Slowaken den Pittsburger Vertrag, der den staatlichen Zusammenschluß von Tschechen und Slowaken zum Thema hatte. Nach dem ersten Weltkrieg, als die Tschechoslowakei (CSR) als Staat ins Leben trat, wurde M. ihr erster Staatspräsident (1918). Er wurde mehrmals wiedergewählt (1920, 1927, 1934), trat aber 1935 zurück, da er vor allem die mit der Forderung des Selbstbestimmungsrechtes seitens der in der CSR lebenden Sudetendeutschen, Ungarn und autonomistisch gesinnten Slowaken zusammenhängenden Probleme nicht lösen konnte. Seine humanistisch-demokratische Gesinnung und seine persönliche Integrität verschafften ihm national und international Ansehen.

Werke: Otazka socialni (Die philosophischen und socialen Grundlagen des Marxismus), 1881 Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation (1881, 1982); Zakladove konkretui logiky (Versuch einer konkreten Logik), 1887; Ideály humanitni (Ideale der Humanität), 1901; Zur russischen Geschichts- und Religionsphilosophie, 2 Bde (Rusko a Europa), 1913, 1965; Nova Evropa (Das neue Europa), 1918); Svetova revoluce za války a ve válce 1914-1918 (Die Weltrovolution. Erinnerungen und Betrachtungen 1914-1918), 1925.

Lit.: Gespräche mit M., Amsterdam 1935; - K. Čapek, President Marsaryk Tells His Story, 1934, 21970; - P. P. Salver, Masaryk. A Biography, 1940, 21970; - Z. Nejedlý, TomᚠGarrigue Masaryk, 2 Bde, Prag 21949-1950; - K. Čapek, Gespräche mit T. G. M., 1969; - M. Machovec, T. G. M., Graz 1969; - A. van den Beld, Humanity. The political and social philosophy of T. G. M., Den Haag 1976; - E. Schmidt-Hartmann, T. G. Masaryk's realism..., München 1984; - Encyclopedic Dictionary of Religion, Philadelphia-Washington, D.C., 1979, 2287; - Brockhaus19 XIV, 270f.

Johannes Madey

Literaturergänzung:

2006

Ian M. Randall, T.G.M. (1850-1937). European politician and Christian philosopher, in: PoTh 7.2006, S. 441-459; -

2007

Miroslav Danys, Einige Gedanken zum Thema d. Untergangs d. Donaumonarchie u. zur Entstehung d. Tschechoslowakei, in: BOK 8.2007, S. 33-45.

Letzte Änderung: 23.12.2009