Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band V (1993)Spalten 1033-1037 Autor: Peter-Johannes Schuler

MATTHÄUS von Krakau, * um 1335/40 in Krakau als Sohn eines deutschen Stadtschreibers, † 5. März 1410 in Heidelberg. - 1365 erwarb er an der Universität Prag das Bakkalaureat und 1367 das Magisterium, 1378 war er Dekan der Artistenfakultät (1378, 1381), an der er bis 1380 lehrte. 1380 war er baccalaurius sacre theologiae formatus und lehrte seither an der theologischen Fakultät; 1381 Licenciatus und Magister, 1384 promovierte er zum Dr. theol. Als Delegierter der Universität unternahm er 1379 eine Reise zu Papst Urban VI. an die römische Kurie, wo er vor dem Papst eine programmatische Reformrede hielt. 1385 reiste er wieder im Auftrag der Universität nach Genua. - In Prag war er Priester an der Kirche der hl. Jungfrau auf dem Teym und wirkte er über die Stadtgrenze hinaus als Stadtprediger, der in Latein wie in den Volkssprachen für eine religiöse und kirchliche Reform eintrat. Erzbischof Johann von Jestetten, mit dem er befreundet war, beauftragte ihn mehrfach mit Predigten auf Provinzialsynoden. Damals beteiligte er sich auch an den Vorbereitungen zur Kanonisierung der Brigitta von Schweden. 1390 verließ er wie viele seiner Kollegen die Universität Prag und ging von 1390-1394 auf Einladung der Stadt nach Krakau, möglicherweise als Ratgeber für die Reorganisation der Universität. Die Gründe warum er Prag verließ sind nicht bekannt. Möglicherweise haben ihn die zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen der böhmischen und den anderen Nationen zu diesem Schritt veranlaßt. - 1394 wurde er auf eine gut dotierte theologische Professur an die Universität Heidelberg berufen, 1395 war er bereits Dekan der theologischen Fakultät, 1396-1397 Rektor und für ein Jahrzehnt einer der bedeutendsten Köpfe der Universität. 1396 erhielt er als Prediger das Recht der freien Kanzelwahl. 1397 weilte er wieder für einige Monate in Krakau, um dort den Aufbau des theologischen Studiums zu fördern. - Theologisch und kirchenpolitisch wurde er in der Frage des Papstschismas zu einer der führenden Personen und übte spätestens seit 1396 großen Einfluß auf den pfalzgräflichen Hof in Heidelberg aus, dem Zentrum der römischen Öbödienz in Deutschland. Bereits 1395 hatte ihn Kurfürst Ruprecht II. zum geheimen Rat und Beichtvater ernannt. - Ausgestattet mit einem Kanonikat in Speyer und als geheimer Rat (1396-1410) Kurfürst Ruprecht II. bei Rhein. Seine eigentliche politische Tätigkeit beginnt mit der Wahl des Kurfürsten Ruprechts III. bei Rhein zum deutschen König. Als dieser 1401 nach Nürnberg reiste, um dort ein Regierungszentrum aufzubauen, begleitete ihn M.v.K. Zusammen mit dem Hofjuristen Job Vener, mit dem er befreundet war, gehörte er zu den führenden Persönlichkeiten am königlichen Hof. 1401 ist er als Gesandter in Frankreich bezeugt. Zusammen mit Bischof Raban von Speyer führte er für König Ruprecht mit der römischen Kurie die langwierigen und zähen Verhandlungen um die Approbation, die erst am 1. Okt. 1403 erfolgreich abgeschlossen werden konnten. 1409 weilte er wieder für den deutschen König in Pisa. - Aufgrund eines Vorschlags Königs Ruprecht ernannte ihn Papst Innozenz VII. am 19. Juni 1405 zum Bischof von Worms. Im Oktober 1408 lehnte er die für einen Deutschen seltene Kardinalswürde (presbyter tituli S. Cyriaci in Termis) ab. Während die päpstlichen Quellen an der Kardinalserhebung festhalten, ist diese in deutschen Quellen nicht nachzuweisen. 1409 nahm er jedoch den Titel eines Legaten für Deutschland an. Auch als Bischof blieb er der Universität und Stadt Heidelberg sowie König Ruprecht eng verbunden. In seiner Bischofsstadt Worms, die überdies gebannt war, hielt er sich bis zu seinem Tode 1410 kaum auf, zumal die politischen Spannungen mit der Stadt auch durch den Ausgleich von 1407. - Auf dem Konzil von Pisa (1409) vertrat er als Gesandter König Ruprechts in aussichtsloser Lage die römische Partei, konnte die Dreispaltung der Kirche verhindern. Im gleichen Jahr ernannte ihn Papst Gregor XII. mit dem Schreiben Ad fidem unitatem propagandam mit umfassenden Vollmachten zum Legaten für die fünf deutschen Kirchenprovinzen. Seinem Freund Vener vermachte er Haus und Hof, der Universität Heidelberg seine Bibliothek von 91 Bänden, die vorwiegend theologisch geprägt war. - Sein literarisches Werk umfaßt ein umfängliches Predigtwerk (Sermones), aber auch Einzelpredigten zu besonderen Anlässen, vor Prager Provinzialsynoden 1384-1389) oder die 1385 vor dem Papst gehaltene Adventspredigt (Quomodo facta est meretrix civitatis fidelis). Seine Predigten begründeten seinen Ruf als einer der namhaftesten Reformprediger seiner Zeit. Sehr pointiert geißelte er als eines der Grundübel der Zeit das unwürdige Verhalten vornehmlich des Weltklerus, insbesonders die lasche Bußpraxis, die pastorale Gleichgültigkeit, die theologische Unbildung, dessen Habsucht und Streben nach privatem Lebensgenuß und die simonistischen Entartungen. Dieser moralische Niedergang der Geistlichkeit setze zwangsläufig den ganzen Klerus der Verachtung der Laien aus, wodurch die Bindung des Volkes an die Kirche immer mehr gelockert würden. Im Gegensatz zu anderen Reformpredigern ging er trotz seiner nachhaltigen Kritik nie so weit, daß die Möglichkeiten eines Gespräches mit der Amtskirche abbrachen. - Seine theologischen Schriften beschäftigten sich vor allem mit der christlichen Lebenspraxis und der Seelsorge. Für die Laienreligiosität des späten Mittelalters wirkungsvollste Werk ist das Traktat De puritate conscientiae (1390), das sich für die Laienkommunion einsetzte. Es ist im 15. Jahrhundert in 250 Hss. verbreitet, das später auch gedruckt und in die Volkssprache übertragen wurde. - Als Redner und Schriftsteller setzte er sich für eine Reform der Kirche und besonders der römischen Kurie ein, z.B. durch De squaloribus curiae Romanae (1403/04). Das schriftstellerische Werk des M.v.K. besteht vor allem aus exegetischen Schriften, Sermones, Predigten, Reden und Erbauungsschriften, die in vielen Abschriften erhalten sind. Kurz nach seinem Romaufenthalt und unter Mitwirkung kurialer Gewährsleute verfaßte er den Reformtraktat De squaloribus curiae Romanae (gedruckt 1551 Basel), worin er die Summe seiner theologischen Lehre zog. Er kritisierte das simonistische Treiben an der Kurie, das religiöse und moralische Leben des Klerus und setzte sich unter Hinweis auf die Ordnung der patres sancti für eine Reform von Klerus, Papsttum und Kirche ein. Statt im Konflikt um Primat und Konzil sich einseitig festzulegen, ordnete er beide als wesentliche Elemente er Kirche einander zu. Dies entsprach seiner Grundhaltung, die eine Kirchenreform nicht durch Veränderung der überkommenen Verfassung anstrebte, sondern danach strebte mit Hilfe von Konzilien, die Kirche von innen zu erneuern und das Schisma zu beenden. Seine mönchische Kritik an den kurialen Praktiken gab der konziliaren Reformbewegung Anstöße, die auf die Konzilien des 15. Jahrhunderts bis hin zur Reformation fortwirkten. Nicht weniger verbreitet war sein für Geistliche und Laien zugedachtes Beichttraktat De puritate conscientiae (1390).

Werke: Exegetische Schriften: Lectura super Psalmum 118, Expositio passionis secundum quatuor evangelistas; Predigtwerk umfaßt Sermonesreihen, aber auch einzelne Predigten zu einzelnen Anlässen, z.B. Sermones de temporum et de sanctis, Sermones de sanctsi, Sermones de passione Christi; Theologische Schriften: De puritate conscientiae (1390), Rationale operum divinorum (1393/94), De praxi curiae Romanae (auch unter dem Titel: De squaloribus curiae Romanae) 1403.

Lit.: Matthäus von Krakau, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 7 (2. Aufl. Freiburg/Br. 1968) Sp. 174 f.; - Matthäus von Krakau, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 16 (Berlin 1990) 397 f.; - New Catholic Encyclopedia, Bd. 9 (San Francisco 1967) 491 f.; - Dictionaire de Theologie Cath., Bd. 10 (...) Sp. 389-39; - Verfasserlexikon, Bd. 6 (Berlin/New York 19872) Sp. 172-182; - Senko, W./A.L. Szafranski (hrsg.): Mateusza z Krakowa, Opuscula theologica (Warschau 1974), 15-45 u. 202-232 kritische Biographie und umfassende Bibliographie bis 1974; dort auch 46-56, 68-137 auch die unsichere und irrige Werkzuweisung; - Schannat, J.F.: Historia episcopatus Wormatiensis, Bd. 1 (1734) 407 f.; - Schaab, M.: Die Diözese Worms im Mittelalter, in: FDA, Bd. 86 (1966) 94-219, bes. 213; - Stamer, L.: Kirchengeschichte der Pfalz, Bd. 2 (Speyer 1949) pasim; - Potthast, L.A.: Bibliotheca historica medii aevi, Bd. 1 (Berlin 1896, ND: Aalen 1957) 777 f.; - Ullmann, C.: Reformatoren vor der Reformation vornehmlich in Deutschland und den Niederlanden, Bd. 1 (Hamburg 1841); - Krummel, L.: Geschichte der böhmischen Reformation im 15. Jahrhundert (Gotha 1866); - Sommerlad, Th.: Matthäus von Krakau (Diss. phil. Halle a.d.S. 1891); - Franke, F.: Matthäus von Krakau. Sein Leben, Charakter und seine Schriften zur Kirchenreform (Diss. phil. Greifswald 1910); - Ritter, G.: Die Heidelberger Universität im Mittelalter (1366-1508), Bd. 1 (Heidelberg 1936; - Vooght, P. de: Hussiana (Löwen 1960) 109 ff., 360 ff.; - Coing, H.: Repertorium und Bibliographie für die deutschen Universitäten bis 1500, in: Ius Romanum medii aevi, T. 2 (Mailand 1966) 3; - Moraw, P.: Beamtentum und Rat König Ruprechts, in: Zeitschrift f. Gesch. d. Oberrheins Bd. 116 (1968) 112-114; - Heimpel, H.: Der verketzerte Matthäus von Krakau, in: FS f. Walter Schlesinger, Bd. 2 (Köln/Wien 1974) 443-455; - Heimpel, H.: Zu zwei Kirchenreform-Traktaten des beginnenden 15. Jahrhunderts, SB d. Heidelberger Akad. d. Wiss. Abh. 1 (1974); - Heimpel, H.: Die Vener von Gmünd und Straßburg, 3 Bde (Göttingen 1982) passim.

Peter-Johannes Schuler

Literaturergänzung:

Matthias Nuding. M.v.K. Tübingen 2007.

Letzte Änderung: 04.09.2007