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Band V (1993)Spalten 1037-1039 Autor: Christof Dahm

MATTHIAS (Kurzform des gräzisierten Namens Mattathias, abgeleitet vom hebr. Mattitjah, d.h. »von Jahwe gegeben«), Apostel, Heiliger, Lebensdaten unbekannt. - Zu den am Beginn der Apostelgeschichte berichteten Ereignissen gehört die Ergänzung des Zwölferkreises (Apg 1, 15-26). Im Anschluß an eine ausführliche Rede des Petrus vor der versammelten Gemeinde, in der er das Ende des Verräters Judas Iskarioth schildert und die Notwendigkeit der Vervollständigung des Apostelkollegiums auf die Zwölferzahl heraushebt (Apg 1,20), findet eine Wahl zwischen »Joseph, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias« (Apg 1,23) statt. Nach Apg 1,26 fällt das Los auf M., der »den elf Aposteln zugerechnet wurde«. Abgesehen von Apg 1,21 f., wonach der zu Wählende zu den ersten Jüngern Jesu zählt, enthält das übrige Neue Testament keinen weiteren Hinweis auf Person oder Wirken des M. Wegen der großen Bedeutung des Zwölferkreises für die früheste Geschichte der Jerusalemer Urgemeinde ist jedoch an der Historizität des in Apg 1,23-26 geschilderten Vorgangs nicht zu zweifeln. Allerdings hat sich aufgrund der fehlenden biographischen Angaben schon früh die Legende des M. bemächtigt, wobei die vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Überlieferungen einerseits an das dürftige Zeugnis der Apostelgeschichte anknüpfen und dieses ausgestalten, andererseits Nachrichten und Geschehnisse, die mit anderen Personen verbunden sind, auf M. übertragen, z.B. von Paulus und (infolge Namensverwechslung) von Matthäus. Einer sehr vagen Tradition zufolge stammte M. aus einer wohlhabenden Familie in Bethlehem, habe Jesus in jungen Jahren kennengelernt und zu den 70 Jüngern gehört, die er zur Verkündigung des Reiches Gottes aussandte (vgl. Lk 10,1). Nach seiner Wahl wirkte M. in Judäa, nach anderen Quellen in Äthiopien, Griechenland oder sogar im Kaukasusgebiet. Schon im 2. Jh. kursierte eine nur bruchstückhaft erhaltene (gnostische?) Evangelienschrift unter seinem Namen. Über den Tod des M. differieren die Zeugnisse beträchtlich. Einer Überlieferung zufolge soll ihn nach vorübergehender Blendung und wunderbarer Wiedererlangung des Augenlichts der Apostel Andreas aus den Händen von Menschenfressern gerettet haben, so daß er eines friedlichen Todes starb. Andere Quellen berichten von einem Martyrium durch Kreuzigung, Steinigung oder (so die Mehrzahl) durch Enthauptung. Seine Gebeine wurden angeblich im 4. Jh. im Auftrag der hl. Kaiserin Helena nach Trier überführt, doch liegen schriftliche Zeugnisse darüber erst aus dem 9. Jh. vor. Ein M.-Kult entfaltete sich in Trier seit der Wiederauffindung der zeitweise verschollenen Reliquien und ihrer Übertragung in das Euchariusstift, das seither den Namen des Apostels trägt (1127). Außerdem werden M.-Reliquien auch in S. Maria Maggiore in Rom und in S. Giustina in Pavia aufbewahrt. - In der Ikonographie erscheint M. seit dem 13. Jh. mit den Attributen Schwert, Beil oder Hellebarde (Hinweis auf sein Martyrium). Er ist (mit lokalen Abweichungen) Patron der Metzger, Zimmerleute, Schneider, Schmiede, Zuckerbäcker und Schulkinder. Angerufen wird er bei Blattern, Keuchhusten und Unfruchtbarkeit. Besondere Bräuche (Liebes- und Todesorakel in der M.-Nacht in bezug auf die Wahl des Apostels durch Los) sind seit dem 16. Jh. im Rheinland nachweisbar. Neben der Diözese Trier, die M. als Diözesanpatron verehrt, und wo Wallfahrten zu seinem Grab sowie M.-Bruderschaften von seinem hohen Ansehen zeugen, bilden die Städte Aachen, Goslar, Hannover und Hildesheim Zentren des M.-Kults. Als Gedenktag verzeichnet die römisch-katholische Kirche den 24. Februar (in Schaltjahren 25. Februar), dazu im Lokalkalender des Bistums Trier den 18. Juli als Tag der Überführung der Gebeine; die griechisch-orthodoxe Kirche ehrt M. am 9. August, die äthiopische Kirche am 4. März.

Quellen: AS VI, 436-460; Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine. Aus d. Lat. übers. v. Richard Benz, Heidelberg 19799, 213 f., 217-219; Hennecke I, 19875, 306-309; II, 19895, 12, 22, 24.

Lit.: Nikolaus Irsch, Die Trierer Abteikirche St. M. und die trierisch-lothringische Bautengruppe, 1927; - Ernst Nellessen, Zeugnis für Jesus und das Wort, 1976, 153-159; - Ernst Haenchen, Die Apostelgeschichte 197716, 165-167; - Alfons Weiser, Die Nachwahl des M. (Apg 1,15-26). Zur Rezeption und Deutung urchristlicher Geschichte durch Lukas, in: Gerhard Dautzenberg u.a. (Hrsg.), Zur Geschichte des Urchristentums. Festschr. Rudolf Schnackenburg, 1979, 97-110; - Ders., Die Apostelgeschichte I, 1981, 71 f.; - Gerhard Schneider, Die Apostelgeschichte I, 1980, 211-221; - Rudolf Pesch, Die Apostelgeschichte I, 1986, 82-92; - Doyé II, 6; - EC VIII, 500 f.; - RGG IV, 810 f.; - LThK VII, 179 f.; - Dict. Historique des Saints, 271 f.; - Die Heiligen. Alle Biographien zum Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet, hrsg. v. Peter Manns, 19794, 38, 595; - Exegetisches Wörterbuch zum NT II, 923 f.; - Histoire des Saints et de la Sainteté Chrétienne, sous la direction de Francesco Chiovaro I, 242 f.; - Bauer6, 986; - Lexikon der christlichen Ikonographie VII, 602-607; - Das Große Bibellexikon II, 943.

Christof Dahm

Literaturergänzung:

2006

Mühlek, M. - e. Ersatzmann? - 24. Februar, in: PrV 111.2006, S. 102-104; - Hl. M., Apostel, in: Dirspir 2006, Februar, S. 39f.; -

2008

Lothar Wehr, Das Verhältnis von Leitungs- u. Gemeindeautorität in d. heidenchristl. Gemeinden d. Paulus u. in d. judenchristl. geprägten Gemeinde d. Matthäus-Evangelisten, in: Autorität und Synodalität. Frankfurt/M. 2008, S. 169-187; - Jeffrey A. Gibbs, The Son of God and the Father's wrath. Atonement and salvation in M.'s Gospel, in: CTQ 72.2008, S. 211-225; - Andrej Vinogradov, Le début authentique du "Martyre de Matthieu"? Remarques sur le codex Froehner et les "Actes d'André et de Matthias", in: Apocrypha 19.2008, S. 202-216.

Letzte Änderung: 14.03.2010