MATTHIJS, Jan, * um 1500 in Haarlem (?), † 5.4. 1534 in Münster. Täufer, Apokalyptiker, Prophet, Fanatiker. - Über das frühe Leben des Jan Matthijs (auch Jan von Haarlem, Jan (Johann) Mathys, Mathijz, Matthyssen oder Mathyszoon) ist aus zuverlässigen Quellen wenig bekannt. Er wurde um 1500 in den Niederlanden geboren und soll als Bäcker in Haarlem sein Auskommen gehabt haben. Matthijs schloß sich der Täuferbewegung an und wurde bald verhaltensauffällig. Mit David Joris (auch Jorris, 1501/02-1556), einem weiteren radikalen Täufer, störte er katholische Predigten und Prozessionen. Gemeinsam mit diesem wurde ihm 1528 auf Grund angeblicher Lästerung des "Corpus Christi" die Zunge durchbohrt. Jan Matthijs behauptete, die von dem Täufer Melchior Hoffman (1495-1543) prophezeite Pfingsttaufe selbst empfangen zu haben und berief sich auf göttliche Visionen. 1531 erhielt er von Hoffmann die Anweisung, mit dem Taufen für zwei Jahre auszusetzen. Nach dieser Frist taufte er im November 1533 Johann Bockelson (Jan van Leiden, 1509-1536), den späteren "König" der Täufer zu Münster. Er begann, umherzuziehen, predigte und taufte in Den Briel und Rotterdam. In Amsterdam, wo Matthijs sich spätestens seit November 1533 längerfristig aufhielt, wurde er nach anfänglichem Widerstand der örtlichen Täufer ein Führer der Melchioriten, einer radikalen fanatischen Täufergruppierung. Hier war es auch, wo Matthijs seine Geliebte namens Diewer (auch Diever) vor ihren Eltern, die eine Brauerei betrieben, versteckt hielt und sie als seine neue Ehefrau und "geistliche Eheschwester" annahm. Seine erste, ältere Ehefrau, hatte er verstoßen. Dieses Vorgehen wird von einigen Wissenschaftlern als ein Initial für die später in Münster praktizierte Polygynie betrachtet. - Von Amsterdam aus schickte Matthijs je zwei Apostel in die niederländischen Provinzen und deren Nachbargebiete, wo sie täuferische Lehren verbreiteten. Zusammen mit Matthijs sind drei solche Apostelpaare bekannt. Zwei von diesen Sendboten, Matthys Gerrit und Johann Bockelson, kamen am 13.1. 1534 bis nach Münster und verkündeten unter der sich dort bereits eingefundenen großen Täufergemeinde eschatologisches Gedankengut. Ab dem 2. März 1534 (nach einer anderen Quelle bereits seit Mitte Februar 1534) hielt Matthijs sich gemeinsam mit seiner schwangeren Frau Diewer in Münster auf, nachdem ihn Jan van Leiden brieflich in die Stadt eingeladen hatte. In Münster verkündete er sein "apokalyptisches Programm" (Deppermann, Melchior Hoffman, 1979, 343): 1. Die Gottlosen seien vor dem Jüngsten Tag zu vernichten, 2. Die Parusie Christi werde einhergehen mit einer weltumspannenden Theokratie und 3. die "apostolischen Sendboten" seien unbesiegbar und hätten vor der Endzeit zu warnen. In der jüngeren Forschung wird jedoch weniger von einer Systematik oder einem planmäßigen Vorgehen ausgegangen, sondern mehr die Spontaneität und Intuition des Propheten hervorgehoben. Dennoch darf Matthijs als eine treibende Kraft der Einführung der Gütergemeinschaft gelten, die er biblisch legitimiert sah. Gemeinsam mit Jan van Leiden berief er mehrere Diakone in der Stadt, die organisatorische Aufgaben durchzuführen hatten. Er setzte sich dafür ein, die Rechtsdokumente und alle Bücher der Stadt (bis auf die Bibel) zu vernichten, was auch tatsächlich geschah. Der Schmied Hubert Ruescher, der sich gegen diese Herrschaft empörte und Kritik an Matthijs' Prophetenamt geübt hatte, wurde von diesem im März 1534 durch eine Schußwaffe tödlich verwundet. Im Gegensatz zu Hoffmann, der sich auf die Prophetien seiner Jünger und auf die Heilige Schrift berief, gab Matthijs vor, unmittelbar auf Grund göttlicher Eingaben, Visionen und Gesichte zu handeln. Der Prophet soll ein Meister der Rhetorik gewesen sein, wobei er das Schwanken zwischen Strafandrohung und Versöhnung gekonnt einsetzte, um bei seinen Zuhörern gewünschte Reaktionen hervorzurufen. Auch neigte er zur Ekstase, dann wieder zu mehrtägigen melancholischen Verstimmungen. Am fünften April 1534, dem Osterfest, hielt er auf dem Marktplatz zu Münster eine Predigt, in der er behauptete, der neue Gideon zu sein. Schon zuvor hatte er sich bereits in Amsterdam mit einer alttestamentlichen Gestalt gleichgesetzt: Er sei ein neuer Henoch, der zweite Zeuge aus der Apokalypse. Nachdem die sehnsuchtsvoll erwartete Parusie zum Osterfest nicht eintraf, wurde ein Ausfall aus der belagerten Stadt gewagt. Mit langen Lanzen völlig unzureichend bewaffnet, aber lauthals predigend, singend und schreiend liefen zehn bis zwanzig Täufer unter Führung von Jan Matthijs als "novum Samsone" in die Reihen der Söldner. Fast alle Täufer wurden niedergemetzelt. Matthijs wurde von einem Landsknecht aus Meißen in Stücke gehauen, entmannt und seine Leichenteile an die Stadttore von Münster genagelt. Sein Kopf wurde zur weiteren Abschreckung auf einen Zaunpfahl gesteckt und vor die belagerte Stadt postiert. Zeitgenössische Portraits sind nicht überliefert. Ein posthum von Christoffel van Sichem (1546-1624) um 1605 gefertigter Kupferstich (Stadtmuseum Münster) zeigt Matthijs in Rüstung vor der belagerten Stadt.
Bibliographien: Matthyssen (Jan) of Matthysz. In: Aa, Abraham J. van der (Hrsg.): Biographisch Woordenboek der Nederlanden, bevattende Levensbeschrijvingen van zoodanige Personen, die zich op eenigerlei wijze in ons vaderland hebben vermaard gemaakt. Nieuwe Uitgaaf, XII, 2. Haarlem 1869, 406; Knipscher, Frederik Samuel: Matthijs, (Jan). In: Kossmann, Fr.; Molhuysen, Philip Christian (Hrsg.): Nieuw Nederlandsch Biographisch Woordenboek, IX. Leiden 1933, 655-656; Deppermann, Klaus: Melchior Hoffman. Soziale Unruhen und apokalyptische Visionen im Zeitalter der Reformation. Göttingen 1979, 345-365.
Lit. (Auswahl): Dorp, Heinrich: Wahrhafftige Historia wie das Evangelium zu Münster, dazu die gantze Handlung der selbigen Buben, vom anfang biß Ende, beides in geistlichen und weltlichen Stücken, flüssig beschriben. Straßburg 1536; - Der XLVIII. falsche Prophet und Messias. In: Müller, Johann Christoph: Greuel der falschen Messien, wie auch, Schatz-Kammer des Wahren Messiae Jesu Christi. Das ist: Eine ziemliche Lista der Jenigen falschen Messien, so von Anfang der Welt, biß auff diese ietzige Zeit haben können in Erfahrung gebracht werden. Dann LX. unbewegliche Gründe, dadurch bewiesen und dargethan wird, daß Jesus Christus der Rechte Messias und Erlöser menschliches Geschlechts sey. Denen Jüden zur Erkäntnis und Reue, allen rechtschaffenen Christen aber zum Trost ans Licht gegeben. O.O. 1702, 16; - Kerssenbroick, Hermann: Geschichte der Wiedertäufer zu Münster in Westphalen. Nebst einer Beschreibung der Hauptstadt dieses Landes. Franckfurt 1771. ND Münster 1929; - Niesert, Joseph: Urkunden zur Geschichte der Münsterischen Wiedertäufer. Coesfeld 1826 (Münsterische Urkundensammlung, I); - Cornelius, Carl Adolf (Hrsg.): Berichte der Augenzeugen über das münsterische Wiedertäuferreich. Münster 1853. ND Münster 19832 (Die Geschichtsquellen des Bistums Münster, II, und Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, III, 2); - Cornelius, Carl Adolf: Die Niederländischen Wiedertäufer während der Belagerung Münsters 1534 bis 1535. In: Abhandlungen der Historischen Classe der königlichen bayerischen Akademie der Wissenschaften, 2. Abt., XI, 1869, 51-111; - Matthyssen (Jan) of Matthysz. In: Aa, Abraham J. van der (Hrsg.): Biographisch Woordenboek der Nederlanden, bevattende Levensbeschrijvingen van zoodanige Personen, die zich op eenigerlei wijze in ons vaderland hebben vermaard gemaakt. Nieuwe Uitgaaf. XII, 2. Haarlem 1869, 405-406; - Keller, Ludwig: Geschichte der Wiedertäufer und ihres Reichs zu Münster. Nebst ungedruckten Urkunden. Münster 1880. ND Osnabrück 1979; - Cornelius, Carl Adolf: Mathyszoon. In: ADB, XX, 1884, 660-602; - Cornelius, Carl Adolf: Historische Arbeiten vornehmlich zur Reformationszeit. Leipzig 1899; - Kerssenbroch, Hermann; Anababtistici Furoris Monasterium Inclinatam Westphaliae Metropolim Evertentis. Historica Narratio. Hrsg. von Heinrich Detmer. Bde. II. Münster 1899-1900. Kerssenbroch, Hermann; Anababtistici Furoris Monasterium Inclinatam Westphaliae Metropolim Evertentis. Historica Narratio. Hrsg. von Heinrich Detmer. Bde. II. Münster 1899-1900. - Kerssenbroch, Hermann; Anababtistici Furoris Monasterium Inclinatam Westphaliae Metropolim Evertentis. Historica Narratio. Hrsg. von Heinrich Detmer. Bde. II. Münster 1899-1900. Bekentenisse Obbe Philipsz 1584. Ghedruckt tot Amstelredam. In: Cramer, S.: Zestiende-eeuwsche schrijvers over de geschiedenis der oudste Doopsgezinden hier te lande. Leiden 1910, 89-138 (Bibliotheca Reformatoria Neerlandica, VII); - Knipscher, F. S.: Matthijs, (Jan). In: Kossmann, Fr.; Molhuysen, P. C. (Hrsg.): Nieuw Nederlandsch Biographisch Woordenboek, IX. Leiden 1933, 654-656; - Mellink, S. Albert F.: De Wederdopers in de Noordelijke Nederlanden. 1531-1544. Gronigen 1953; - Neff, Christian: Matthys (Mathyszoon), Jan von Haarlem. In: Hege, Christian; Neff, Christian (Begr.): Mennonitisches Lexikon, III. Karlsruhe 1958, 60; - Rammstedt, Ottheim: Sekte und soziale Bewegung. Soziologische Analyse der Täufer in Münster (1534/35). Köln 1966 (Dortmunder Schriften zur Sozialforschung, XXXIV); - Krahn, Cornelius: Dutch Anabaptism. Origin, spread, life and thought (1450-1600). The Hague 1968. Scottdale 19812; - Jansma, Lammert G.: Melchiorieten, Munstersen en Batenburgers. Een sociologische analyse van een millennistische beweging uit de 16e eeuw. Buitenpost 1977; - Deppermann, Klaus: Melchior Hoffman. Soziale Unruhen und apokalyptische Visionen im Zeitalter der Reformation. Göttingen 1979; - Galen, Hans (Hrsg.): Die Wiedertäufer in Münster. Stadtmuseum Münster. 1. Oktober 1982 bis 30. Januar 1983. Münster 1982; - Laubach, Ernst: Jan Matthys und die Austreibung der Taufunwilligen aus Münster Ende Februar 1534. In: Westfälische Forschung, XXXVI, 1986, 147-158; - Bakker, William John de: Civic Reformer in Anabaptist Münster. Bernhard Rothmann 1495 (?) - 1535 (?). Diss. Chicago 1987; - Dörner, Gerald: Mathys. In: NDB, XVI, 1990, 381-382; - Mathys, Jan van Haarlem (auch Mathyszoon, Matthyssen): DBE, VI, 1997, 656; - Williamson, Darren: For the Honor of God and to Fulfill his Will. The role of polygamy in Anabaptist Munster. In: Restoration Quarterly, XL, 1, 2000, 27-38; - Kauder-Steiniger, Rita: Jan Matthijs. In: Stadtmuseum Münster (Hrsg.): Reformation und Herrschaft der Täufer. Münster 2000, 96 (Das Königreich der Täufer, I).