MEINRAD (Meginratus) von Einsiedeln, Mönch OSB, Eremit, * um 797, bei Rottenburg (Württemberg), † 21.1. 861, Einsiedeln; Fest 21.1. (beschränkt auf den süddeutschen und schweizerischen Raum: Chur, Einsiedeln, Freiburg im Breisgau, Rottenburg, St. Gallen, Konstanz), Translatio 6.10. (13.10. Kirchweihe vom Jahr 1039, Feier am 2. Oktobersonntag). - Hauptquelle ist die vermutlich von Mönchen des Klosters Reichenau Ende des 9. Jhs. verfaßte Vita, während die Vita des Dominikaners Georg von Gengenbach von 1378 um zahlreiche Wunder und legendäre Züge erweitert ist. M. stammte wohl nicht aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen, wie die Legende seit dem 16. Jh. berichtet, noch überhaupt aus dem Adel (anders Ringholz). Die "edel gesinnten, weniger mit vergänglichen Reichtümern gesegneten" Eltern (so die erste Vita) lebten im Sülichgau am oberen Neckar zwischen Tübingen und Rottenburg. Um 800 wurde M. Schüler im Benediktinerkloster auf der Bodenseeinsel Reichenau; hier wurde er 822 unter Abt Hatto I. (oder Heito, 806-823), mit dem er verwandt war, mit 25 Jahren zum Diakon und wenig später zum Priester geweiht. Unter Hattos Nachfolger Erlebald (823-838), auch ein Verwandter M.s, legte er die Mönchsprofeß ab. 824 übernahm er auf Anregung Erlebalds die Leitung der Klosterschule im Reichenauer Filialkloster Benken (cella Babinchova; nicht Jona, Bollingen u.ä.: Zweifel ausgeräumt durch Schnyder) oberhalb des Zürichsees. 828 zog er sich als Eremit auf den Etzelpaß zurück, und 835, als er großen Zulauf von Gläubigen hatte, in den Finstern Wald (Silva Nigra). Die Äbtissin Heilwiga von Schänis (oder Säckingen? nicht Hildegard von Zürich) ließ ihm eine wundertätige Marienstatue (Vorläuferin des heutigen spätgotischen Gnadenbildes, das ältere 1465 verbrannt) und Reliquien zukommen und eine Kapelle für ihn erbauen. Nachdem er hier über 25 Jahre als Eremit gelebt hatte, überfielen ihn 861zwei Räuber, der Alemanne Richard und der Räter Petrus, schlugen auf ihn ein und erwürgten ihn. Zwei Raben (daher im Wappenbild des Klosters), die von M. jeweils gefüttert worden waren, verfolgten die Mörder (Motiv der Kraniche des Ibykus) und bewirkten ihre Festnahme; Graf Adalbert von Thurgau verurteilte sie in Zürich und ließ sie lebendig verbrennen. Abt Walther von Reichenau (848-864) veranlaßte die Überführung der Leiche M.s in sein Kloster, wobei die Eingeweide auf dem Etzelpaß bestattet wurden. 934 errichtete der Straßburger Domprobst Eberhard an der Stelle der Mönchszelle ein Kloster, das spätere Einsiedeln, und stellte die dort lebenden Eremiten unter die Benediktsregel. Herzog Hermann I. von Schwaben schenkte dazu das Land, Otto I. verlieh dem Kloster 947 weitgehende Privilegien. 14.9. 948 weihte Bischof Konrad von Konstanz die Klosterkirche auf Maria und Mauritius (die sog. Engelweihe an diesem Tag, die wunderbare Weihe der an der Stelle der Meinradszelle befindlichen Salvator- oder Gnadenkapelle durch Christus und die Engel, Anlaß für die Pilgerfahrten nach Einsiedeln, ist erst um 1150 bezeugt). Das Kloster wurde zuerst als Meginratescella oder Eberhartescella bezeichnet; der Name "Einsidelen" erscheint erst in einer Urkunde Heinrichs IV. von 1073. 1039 verfügte Abt Berno von Reichenau die Erhebung der Gebeine in Reichenau und ihre teilweise Rückführung nach Einsiedeln, weihte die durch einen Brand 1029 zerstörte und wieder aufgebaute Kirche neu (13.10.) und verfaßte zu M.s Ehren ein Offizium in Reimprosa, das heute noch gebräuchlich ist. Die Verbreitung von Reliquien M.s ist früh bezeugt (Schenkung Kaiser Heinrichs II. an das Basler Münster 1019, im 12. Jh. in den Klöstern Zwiefalten, Salem, Murbach, Marmoutier, Mariental, Weissenau, 1343 Schenkung Reichenaus an die Kirche des Deutschen Ordens in Bern). In Einsiedeln wird das Haupt M.s seit 1984 in einem Kopfreliquiar im Hochaltar verwahrt (weitere Reliquien auf verschiedene Altäre verteilt).
Quellen: Vita sive passio Meginrati (BHL 5878; 10. Jh.): AASS Jan. II, 382-385; Migne, PL 142, 1177-1184 ("Berno von Reichenau"); MGH SS XV/1, 445-448; Ringholz (s.u.) 648-651; L. Helbing, in: Zentenarium 1961 (s.u.), 25-41 (lat.-deutsch); Georg von Gengenbach, Vita Meinradi (BHL 5878b): Ringholz (s.u.) 653-657; L. Helbing, in: Zentenarium 1961 (s.u.), 42-52 (lat.-deutsch); Hermann von Reichenau (Hermannus Contractus), Chronicon: Migne, PL 143, 219; MGH SS V, 115.
Lit.: O. Ringholz, Geschichte des fürstlichen Benediktinerstiftes U. L. F. von Einsiedeln, Einsiedeln 1904, 25-58. 220; - A. M. Zimmermann, Kalendarium Benedictinum, 1, Metten 1933, 109-112; - Sankt Meinrad: zum 11. Zentenarium seines Todes 861-1961, hrsg. von Benediktinern des Klosters Maria Einsiedeln, Einsiedeln 1961; - H. Keller, Kloster Einsiedeln im ottonischen Schwaben (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 13), Freiburg 1964, 13-37; - Th. Klüppel, Reichenauer Hagiographie zwischen Walahfrid und Berno, Sigmaringen 1980, 45-56; - H. Schnyder, Benken, in: Helvetia Sacra III/1/1 (1986), 239-247; - J. Salzgeber, Einsiedeln, in: Helvetia Sacra III/1/1 (1986), 517-521; - H. Böck, Einsiedeln: das Kloster und seine Geschichte, Zürich 1989; - O. Lang (Hrsg.), Sankt Meginrat. Festschrift zur 12. Zentenarfeier seiner Geburt, St. Ottilien 2000 (= Separatdruck aus: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 111, 2000, 1-295); - O. Lang, Meginrat: zur zwölften Zentenarfeier seiner Geburt 800-2000, Einsiedeln 2001; - ADB 21, 238f (Meyer von Knonau); - ECatt VIII, 624f (L. Spätling); - Bibl SS IX, 273-277 (R. Henggeler); - LCI 7, 625-627 (S. Kimpel); - NDB 16, 680f (F. X. Bischof); - LThK3 7, 69f (Th. Zotz); - LThK3 3, 556f (J. Salzgeber, s.v. Einsiedeln).