MEISTERMANN, Georg, Künstler, Lehrer, Kulturphilosoph, Kulturpolitiker,
* 16.6. 1911 Solingen, + 12.6. 1990. - 1928-1933 Studium an der Kunstakademie
Düsseldorf bei Heinrich Nauen und Ewald Matare. 1933 zwangsweiser
Abbruch des Studiums und Ausstellungsverbot, 1933-1940 Freie Arbeiten
in Solingen, 1937-1939 Reisen anch Holland, Frankreich und England.
1938 Erste Glasfenster für St. Engelbert, Solingen-Mangenberg (im
Kriege zerstört), 1944 Zerstörung fast aller frühen Bilder durch Kriegseinwirkung,
1945 erste Ausstellung im Studio des Städtischen Museums in Wuppertal,
1943 Gastdozent an der Landeskunstschule in Hamburg, 1953 Berufung
an die Städelschule in Frankfurt (Klasse für freie Grafik), 1954 erstes
Wandbild für St. Alphons in Würzburg, 1955 Professor an der Kunstakademie
Düsseldorf (Freie und monumentale Malerei), 1960-1976 Professor an
der Kunstakademie Karlsruhe, 1964-1967 Lehrauftrag an der Akademie
der Bildenden Künste in München, 1967-1972 Präsident des Deutschen
Künstlerbundes, 1976 nach der Pensionierung als freischaffender Künstler
in Köln. - Eines seiner fast schon geflügelten Worte lautet: »Ich
will die Ikonen unseres heutigen Bewußtseinszustandes schaffen«. Hier
zeigt sich, was der Meister an anderer Stelle sagte: »Kunst bricht
immer aus der Geschichte aus - niemand möge sich vermessen, Vergangenes
aufwecken zu wollen: Dies können nur Totengräber der Gegenwart oder
der Zukunft tun«. Schließlich seine Formulierung vom »Nach vorne hin
bewahren«, was Karl Ruhrberg zu M.s treffender Kennzeichnung geführt
hat: »Georg M. war und ist als Künstler, als redender und handelnder
Kulturpolitiker eine der unabhängigsten Gestalten auf der Bühne der
Zeit. Auch im Umgang mit den Mächtigen hat er sich nicht irritieren
lassen. Er blieb immer er selbst, im Leben wie in der Kunst. Er hat
niemanden nachgeahmt, aber er war auch ... nie Avantgardist«. Immer
wieder wird mit Recht die Freiheit eines Christenmenschen, gepaart
mit einer »beneidenswerten Glaubensgewißheit« (K. Ruhrberg) an ihm
gerühnmt. Als Maler und Zeichner wie als Lehrer hat er stets bei sich
und seinen Schülern das Recht auf freie Entfaltung hochgehalten und
von der »Kostbarkeit des Einzelnen« gesprochen. Als Meister »von der
Expression zur Meditation« hat er sich auch einen Ruf verschafft als
Porträtist (Carlo Schmid, Walter Scheel, Willy Brandt). Den zentralen
Platz in seinem Wirken nimmt aber die Glasmalerei ein, vorab im sakralen
Raum. Aufbauend auf den Arbeiten von Jan Thorn-Prikker am Anfang des
20. Jahrhunderts hat er »Wege beschritten und Zeichen gesetzt, die
von St. Engelbert in Solingen-Mangenberg (1938) bis nach St. Gereon
in Köln (1986) führen« (Friedhelm Hofmann). Vor allem in den Fenstern
von St. Gereon zu Köln wird der Höhepunkt seines Schaffens offenbar.
Er ist geprägt von Bild und Hoffnung auf den wiederkehrenden Christus
hin. Friedhelm Hofmann hat dazu bemerkt: »Der Sieg Christi in seinen
Heiligen, die Einheit von himmlischem und irdischem Jerusalem ist
in vier übereinandergelegten Kreisen angeordnet. Im untersten Kranz
der antiken Apsiden ist die Zone der Martyrer. Darüber erheben sich
die Chöre der Heiligen ... In der dritten Fächerfensterzone sind die
vier apokalyptischen Wesen mit alttestamentlichen Gestalten angelegt,
und in der obersten, frühgotischen Maßwerkfensterzone umschließt ein
der Apokalypse entnommener Zyklus mit dem Kranz der zwölf Apostel
als Verdichtung der vierundzwanzig Ältesten der Apokalypse das verherrlichte Lamm. Dem Lamm gegenüber
... vollenden drei Lanzettfenster den Kranz der Heiligen. In der Mitte:
Auferstehung und Himmelfahrt Christi, seitlich Fegefeuer und Hölle
sowie Aberntung und Himmel. Nach dem anagogischen Zugang ist der Aufbau
dieses Fensterzyklus ein nach oben führender Weg, der in den wahrnehmbaren
Scheiben das transzendente Licht, Christus selbst, aufruft. Das materielle
Leuchten des Werkes will den Betrachter zur geistlichen Erleuchtung
führen. M. ordnet sich somit dem geschichtsträchtigen Bauwerk ein
und folgt in seinen Fenster mittelalterlicher Lichtmetaphysik.« (in: J. M., Die Kirchenfenster ... S. 103). Zu einer Stadt bekam G.M. eine ganz besondere Beziehung: Wittlich. Hier entstanden seine berühmten Rathausfenster (1954), hier kann man die Glasgemälde mit Geburt und Anbetung Christi, Auferstehung und Himmelfahrt Christi, Pfingstausgießung und Mondsichelmadonna (1949) in der kath. Pfarrkirche St. Markus bestaunen. In Wittlich konstituierte sich auch am 17. Februar 1990 eine Meistermann-Gesellschaft. - Seine letzten Kirchenfenster, gewissermaßen das Credo und Testament des Künstlers und Christen zugleich, sind der von 1985-1990 entstandene Fensterzyklus im Dom zu Münster/W. Das Grundmotiv seiner Fenster in den vier Chorkapellen ist der Lobpreis Gottes gemäß dem 3. Kapitel des Danielbuches in der Bibel (Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen). Das Thema des Lobpreises wird in vier Sätzen entfaltet: Lobpreis aus dem Feuer, Lobgesang durch die Geschichte hindurch, Lobgesang durch Tag und Nacht hindurch, Lobpreis mit der ganzen Schöpfung. Dazu kommen noch drei Fenster im Chorumgang (Daniel in der Löwengrube sowie ein »Schlußakkord« in abstrakten Formen). G.M. hat die Vollendung dieses Werkes nicht mehr erlebt. Jüngst hat B. Lipps-Kant in der Zeitschrift »Das Münster« die klassischen Worte für G.M. gefunden: »Zusammen mit Künstlern wie Wilhelm Geyer, Dominikus Böhm, Egbert Lammers, Albert Birkle, Hans Gottfried von Stockhausen, Hans Buschulte oder Johannes Schreiter hat er das Medium in Deutschland revolutioniert, mit neuen Qualitäten versehen. Obgleich gegenüber den früheren Jahrhunderten in einen anderen Ausdrucksbereich gerückt, als neuer, differenzierter Formenkanon begriffen und frei von jeglichem Zwang, abbilden zu müssen, stehen die Farbfenster von G.M. in einer großen Tradition.« (S. 189).
Lit.: M. de LaMotte, G. M. Dokumentation zur Gegenwartskunst,
Galerie Hennemann, 1977; - Ders., G. M. »Die Fenster der Feldkirche«.
Œuvre-Verzeichnis der Glasfenster, Galerie Hennemann, 1979; -
Archiv für Bildende Kunst am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg,
G. M., Das Leben ist eingehüllt in Farbe, Ritter, Klagenfurt 1981;
- H. Orth, Die M.-Fenster im Wittlicher Rathaus, in: Kreis Bernkastel-Wittlich,
Jb. 1982, 181-183; - G. M., Die Kirchenfenster, Freiburg-Basel-Wien
1986; - E. Derix, Fenster von G. M. für das Ev. Gemeindezentrum
in Bonn-Tannenbusch, in: Das Münster 42 (1989), 1, 26; - W. Thissen, Einsichten in Unsichtbares - Die Fenster Georg Meistermanns im Dom zu Münster, Freiburg, Basel, Wien 1992; - J.M. Calleen (Hrsg.), Georg Meistermann-Druckgraphiken, Zeichnungen, Glasfenster/Kartons, Glasbilder, Ölgemälde. Wittlich 1992; - E. Göhner, D. Buttscheid, B. Lipps-Kant: Die Biberacher Friedenskirche mit ihrem Fensterzyklus von G.M., Kunstführer 1869, München u. Zürich 1991; - Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg. Der Landkreis Biberach. Bd. II, Sigmaringen 1990, 513 (B. Lipps-Kant); - B. Lipps-Kant, Georg Meistermann-Kirchenfenster aus dem Spätwerk im Kreis Biberach, in: Das Münster 45 (1992) 3, 181-189.
Ekkart Sauser
Literaturnachtrag
R. Schneck, Die Meistermannfenster der Wittlicher Markuskirche - Briefe 1949, in: Kreis Bernkastel-Wittlich, Jahrbuch 1994,116-119.