MENSCHING, Wilhelm, * 5. Oktober 1887 (Lauenhagen/Schaumburg-Lippe),
+ 25. August 1964 (Stadthagen), Evangelischer Pfarrer. - Als
Missionar in Ruanda (1912-1916) erkannte M. die Schuld des Kolonialismus
und arbeitete gegen rassistische, nationalistische und kirchliche
Überheblichkeit mancher Missionare. 1916-1920 geriet er in belgische
bzw. englische Gefangenschaft und wurde nach Indien verschleppt, wo
er Gandhis Freiheitskampf aktiv verfolgte. 1920-1952 Pfr. in Petzen
bei Bückeburg. Seit 1922 Mitglied im Internationalen Versöhnungsbund,
der größten internationalen christlichen Friedensorganisation, seit
1932 Geschäftsführer und Reisesekretär dessen dt. Zweiges, 1927 Teilnahme
am Panafrikanischen Kongreß in Harlem/USA. M. war entschiedener Gegner
des Nationalsozialismus. Er verfasste gegen den Antisemitismus Lebensbilder
bedeutender Juden aus dem AT (u.a. Ein Beduinenfürst: Abraham) sowie
die von den Quäkern verlegten »Erbguthefte«, in denen antirassistische
und pazifistische Traditionen dt. Denkens (u.a. bei Albert Schweitzer,
Christoph Blumhardt) der nationalsozialistischen Rasseideologie entgegengestellt
wurden. 1948 gründete er das »Internationale Freundschaftsheim Bückeburg«,
ein ökumenisches Begegnungs- und Bildungszentrum zur Ausbildung von
»Friedensarbeitern«. M. Bedeutung als ein Wegbahner ökumenischer und
interreligiöser Verständigung lohnt einer bisher ausstehenden eingehenden
Untersuchung und ist nicht zuletzt für heutige Missionswissenschaft
von Bedeutung. Auch seine von Realismus und Idealismus zugleich getragenen
Abhandlungen zu Pazifismus, Gewissen oder der theologischen Ethik
des Politischen sind impulsgebend und verdienen in Theologie und Friedensforschung
Beachtung.
Werke: Im vierten Erdteil. Kulturfragen Amerikas, Wernigerode
1929; Religion, Rasse, Kolonien, Berlin 1929; Farbig und Weiß. Rassen-,
Kolonial- und Kulturfragen, Wernigerode 1929; Arteigen und heilig.
Zum Gespräch Hauer-Leese, in: Neuwerk 16/1934, 162-168; Los von Paulus!
Zurück zu Jesus! (Zum »Mythus« des 20. Jahrhunderts), in: Neuwerk
16/1934, 342-363; Wir in der Weltkrise, o.O., o.J.; Biblische Lebensbilder,
o.O. 1934 ff.; Jüdisches Vermächtnis, o.O. 1946; Jesus der Neger,
o.O., o.J.; Jesus im politischen Zeitgeschehen, Bückeburg 1952; (Hrsg.)
Gute Waffen gegen Feindschaft, Frechheit, Furcht und andere Fehler,
Bückeburg o.J. (1953); Europäische Provinz Deutschland, o.O., o.J.;
Obrigkeit von Gott?, o.O., o.J.; Vom Gewissen - seinem Wesen und seinem
Wirken heute, o.O., o.J.; Was bedeutet uns Paulus?, Bad Pyrmont 1955;
Die beiden Deutschländer und die Aufgabe der Christen, in: Stimme
der Gemeinde 1961; Gefahrvoll leben! Der deutsche Versöhnungsbund
im Dritten Reich, in: Versöhnung und Friede. 50 Jahre Internationaler
Versöhnungsbund, Minden 1964, 24-28.
Lit.: Hans Gressel, Wilhelm Mensching, Der Gründer des
Freundschaftsheimes, in: Fünfundzwanzig Jahre Internationales Freundschaftsheim
Bückeburg, Minden 1973, 5-18; - Ders., Der realistische Pazifist
Wilhelm Mensching in: General Anzeiger (Bückeburg), 15.10.1987; -
Anna Sabine Halle, »Alle Menschen sind unsere Brüder...«. Über Quäkerhaltung
und Quäkerarbeit 1933-1941, in: Die Tribüne 1984, 163-168; - Hermes
Handlexikon: Die Friedensbewegung, 270.
Matthias Schreiber
Textanmerkungen:
Auf Antrag der Herderschule Bückeburg ist Wilhelm Mensching mit Datum vom 16. Mai 2001 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem posthum der Titel 'Gerechter unter den Völkern' verliehen worden. Die Verleihung der Urkunde und Medaille erfolgte im beisein seiner Tochter Johanna am 29. November 2001 in Menschings ehemaliger Kirchengemeinde in Bückeburg-Petzen statt. Mensching hatte seinerzeit die verfolgte Berliner Jüdin Ruth Lilienthal vor dem Zugriff der Nazis bewahrt, indem er sie von Oktober 1943 bis März 1944 in seinem Petzer Pfarrhaus versteckte. Im Geburtsort von Pastor Mensching, in Lauenhagen, wird demnächst eine Daueraustellung über Wilhelm Mensching eingerichtet.
Letzte Änderung: 09.04.2011