MERMILLOD, Gaspard, Bischof von Lausanne und Genf, Kardinal, * 22.
September 1824 in Carouge (Kanton Genf) als Sohn des Bäckers und Gastwirtes
Jacques M. und seiner Gemahlin Pernette Mégard, + 23. Februar
1892 in Rom. - M. trat 1837 in das Knabenseminar St-Louis du Mont
bei Chambéry ein und oblag anschließend von 1841 bis 1847 dem Studium
der Philosophie und Theologie an dem von Jesuiten geleiteten Kollegium
St. Michel in Freiburg/Schweiz. Nach dem Empfang der Priesterweihe
am 24. Juni 1847 wurde er Vikar in Genf-St. Germain, der einzigen katholischen
Pfarrei der Calvinstadt. Um die Mittel zum Bau einer zweiten katholischen
Pfarrkirche zu beschaffen, entfaltete er zusammen mit seinem Pfarrer
eine großangelegte Sammeltätigkeit im In- und Ausland. Eine dieser
Kollektenreisen führte ihn 1851 nach Paris, wo er seinen bald in weiten
Teilen Europas bekannten Ruf als glänzender Prediger begründete und
bleibende Kontakte zu Bischöfen und vor allem zu vermögenden Kreisen
der hohen Gesellschaft und des katholischen Adels knüpfte. Bei einem
längeren Romaufenthalt in den Jahren 1854-55 gewann er das Vertrauen
Papst Pius' IX. (1846-1878), wodurch seine ultramontane Gesinnung
bestärkt wurde. 1864 erlangte M. die Zustimmung des Papstes zu einer
von ihm angestrebten Wiedererrichtung des Bistums Genf. Nachdem er
schon 1857 Rektor der neuerrichteten Pfarrei Notre-Dame und im Juni
1864 Erzpriester und Pfarrer von Genf geworden war, erfolgte am 22.
September 1864 die Ernennung zum Titularbischof von Hebron und am
25. September 1864 die Konsekration durch Pius IX. in Rom. Gleichzeitig
bestellte ihn der Papst zum Weihbischof des Bistums Lausanne und Genf
mit Sitz in Genf. Obschon Bischof Etienne Marilley (1846-1879) den
Titel eines Bischofs von Lausanne und Genf formell beibehielt, hatte
er 1865 die Jurisdiktion über den Kanton Genf an M. abzutreten - eine
Regelung, die sich nach 1870 unheilvoll auswirken sollte. M. wuchs
rasch zur zentralen Figur des in jenen Jahren aufblühenden Genfer
Katholizismus heran. Um diesem ein Sprachrohr zu verschaffen, nahm
er regen Anteil am Genfer katholischen Pressewesen. Unter seinem führenden
Einfluß erschien seit 1868 die katholische Zeitung »Le Courrier de
Genève«, 1870 folgte die »Correspondance de Genève«. Nachhaltig unterstützte
er Marie-Thérèse Chappuis (1793-1875) bei der 1869 erfolgten Gründung
des weiblichen Zweigs der Oblaten des hl. Franz von Sales. Auf dem
Ersten Vatikanischen Konzil gehörte M. zu den leidenschaftlichsten
Verfechtern der päpstlichen Unfehlbarkeit. Unter den Befürwortern
der Infallibilitätserklärung, die wiederholt in seiner Wohnung zu
Beratungen zusammentrafen, nahm er eine führende Stellung ein und
wurde betraut mit der Gründung einer »Pressezentrale«, die die interessierte
Presse mit Informationen über den Konzilsverlauf bedienen sollte.
Nach dem Konzil gaben das gestiegene, sich im gesellschaftlichen Leben
artikulierende Selbstbewußtsein der Genfer Katholiken sowie entscheidend
die Frage nach der jurisdiktionellen Zuständigkeit in der Calvinstadt
der seit 1870 regierenden radikal-antiklerikalen Genfer Regierung
1872 Anlaß, in einer überstürzten Aktion M. als Pfarrer von Genf abzusetzen.
Der Heilige Stuhl erhob hierauf den Kanton Genf am 16. Januar 1873
zum Apostolischen Vikariat und M. zum Apostolischen Vikar. Die Genfer
Regierung und der Schweizerische Bundesrat mußten darin eine indirekte
Errichtung eines neuen Bistums und damit einen Verstoß gegen die Bundesverfassung
sehen. Sie untersagten M. die Ausübung seines Amtes. Als sich dieser
der Verfügung widersetzte, erfolgte am 17. Februar 1873 seine Ausweisung
aus der Schweiz. Fortan leitete M. aus dem französischen Exil in Ferney
(Departement Ain), seit 1880 in Monthoux (Departement Haute-Savoie)
den Genfer Sprengel, der einem harten Kulturkampf ausgesetzt war.
Gleichzeitig entfaltete M. eine vielseitige Aktivität als Prediger
und Exerzitienmeister, insbesondere in Frankreich und Belgien, und
festigte damit seine weitreichenden internationalen Beziehungen. 1881
wurde er Apostolischer Visitator in Skandinavien, 1882 auch Konsultor der Kongregation für die
außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten. Eine Entwirrung der
Verhältnisse in Genf trat erst unter der kirchenpolitischen Neuorientierung
Papst Leos XIII. (1878-1903) ein. Nach intensiven Verhandlungen
zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Schweizerischen Bundesrat ernannte
Leo XIII. M. am 15. März 1883 zum Bischof von Lausanne und Genf mit
Sitz in Freiburg/Schweiz. Das Apostolische Vikariat Genf - Ursache
des Konfliktes - wurde aufgehoben. - Unter dem Pontifikat Leos
XIII. gelang es M., sich den veränderten Verhältnissen anzupassen.
Verstärkt widmete er sich nunmehr der in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts mit Vehemenz aufgebrochenen »Sozialen Frage«. Er erkannte
die Unzulänglichkeit einer bloßen Caritas im sozialen Bereich und
gründete 1885 die »Union catholique d'études sociales et économiques«,
eine internationale Studiengruppe, die unter dem Namen »Union de Fribourg«
weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist und deren
Arbeiten den Boden für die päpstliche Sozialenzyklika »Rerum novarum«
(1891) bereitet haben. Der 1889 im Zusammenwirken mit dem Heiligen
Stuhl in Freiburg/Schweiz gegründeten staatlichen katholischen Universität
setzte M. vergeblich seinen Plan einer »freien« katholischen Universität
(nach dem Vorbild der Instituts catholiques) entgegen. Am 23. Juni
1890 verlieh Leo XIII. M. die Kardinalswürde und berief ihn nach Rom.
Nach seinem nur wenige Monate später erfolgten Tod wurde er zunächst
auf dem Campo Verano beigesetzt. 1926 erfolgte seine Überführung in
die Pfarrkirche von Carouge.
Werke: Grospellier, Alexandre (Hrsg.), Oeuvres du cardinal
Mermillod I-III, Lyon-Paris 1893-1894; De la perpétuelle virginité
de la Mère du Sauveur, Paris-Genève 1856; Discours prononcé à la bénédiction
de l'église de Notre-Dame de Genève, Paris-Genève 1857; De l'intelligence
et du gouvernement de la vie, Lyon 1863 (61869); L'unité religieuse
de tous les enfants de Dieu, Malines 1864; De la vie surnaturelle
dans les âmes, Paris-Lyon 1865 (61869); La question ouvrière,
Paris 1872; Die Kirche und die Arbeiter im neunzehnten Jahrhundert.
Rede von Mgr. Mermillod, Bischof von Hebron i.p.i. und apostolischer
Vikar von Genf gehalten bei St.Clotilde in Paris (Aus dem Französischen),
Augsburg 1874; Oraison funèbre de Son Excellence Mgr Eugène Lachat,
administrateur apostolique du Tessin prononcée à ses obsèques dans
l'église de Saint-Laurent à Lugano le 10 novembre 1886, Fribourg 1886;
- Bibliographie in: Helvetia Sacra, publiée par le Curatoire de l'Helvetia
Sacra, I/4: Le Diocèse de Lausanne (VIe siècle - 1821), de
Lausanne et Genève (1821-1925) et de Lausanne, Genève et Fribourg
(depuis 1925), Bâle-Francfort-sur-le-Main 1988, 179-183 [P. Braun].
Lit.: Louis Jeantet, Le Cardinal Mermillod (1824-1892),
Paris 1906; - Cyrille Massard, L'œuvre sociale du Cardinal
Mermillod. L'Union de Fribourg, d'après des documents inédits (= École
des sciences politiques et sociales de l'Université de Louvain 63),
Louvain 1914; - Charles Comte, Le Cardinal Mermillod d'après sa
Correspondance, Genève-Paris 1924; - Marc Pfeiffer, Der Kulturkampf
in Genf (1864-1873) mit besonderer Berücksichtigung der Ausweisung
von Bischof Mermillod, Zürich 1970; - Georges Bavaud, L'épiscopat
suisse divisé à Vatican I, in: Civitas 26 (1970) 200-202; - Helmut
Sorgenfrei, Die geistesgeschichtlichen Hintergründe der Sozialenzyklika
»Rerum Novarum« (= Sammlung Politeia. Veröffentlichungen des Internationalen
Instituts für Sozialwissenschaft und Politik der Universität Freiburg/Schweiz
25), Heidelberg-Löwen 1970; - August Bernhard Hasler, Pius IX.
(1846-1878), Päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil.
Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie I-II (= Päpste und
Papsttum 12, I-II), Stuttgart 1977; - Francis Python, Gaspard
Mermillod (1824-1892) in: Gatz, Erwin (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen
Länder 1785/1803 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, Berlin 1983,
501-504; - Peter Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz. Eidgenossenschaft
und Katholische Kirche im europäischen Umkreis 1848-1888, Frauenfeld-Stuttgart
1984; - Iso Baumer-Müller, Albert Büchi 1864-1930. Gründung und
Anfänge der Universität Freiburg i.Ü. Erinnerungen und Dokumente,
Freiburg/Schweiz 1987, 41-44; - HBLS 5 (1929) 85 [A. de Montfaucon];
- EC VIII (1952) 731 f. (S. Furlani); - RGG3 IV (1960)
879 (A. Hamman); - LThK2 VII (1962) 310 (A. Hamman); -
NCE IX (1967) 687 f. [C. J. Nuesse]; - DHGE 19 (1979) 52 -55 (P.
Gérin); - Catholicisme VIII (1979) 1232 f. [T. de Morembert];
- DSp 10 (1980) 1053-1055 (J. Gadille); - Katholisches Soziallexikon,
Innsbruck-Wien-München 21980, 1806 f. (A. Bünter).