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Band V (1993)Spalten 1325-1328 Autor: Franz Xaver Bischof

MERMILLOD, Gaspard, Bischof von Lausanne und Genf, Kardinal, * 22. September 1824 in Carouge (Kanton Genf) als Sohn des Bäckers und Gastwirtes Jacques M. und seiner Gemahlin Pernette Mégard, + 23. Februar 1892 in Rom. - M. trat 1837 in das Knabenseminar St-Louis du Mont bei Chambéry ein und oblag anschließend von 1841 bis 1847 dem Studium der Philosophie und Theologie an dem von Jesuiten geleiteten Kollegium St. Michel in Freiburg/Schweiz. Nach dem Empfang der Priesterweihe am 24. Juni 1847 wurde er Vikar in Genf-St. Germain, der einzigen katholischen Pfarrei der Calvinstadt. Um die Mittel zum Bau einer zweiten katholischen Pfarrkirche zu beschaffen, entfaltete er zusammen mit seinem Pfarrer eine großangelegte Sammeltätigkeit im In- und Ausland. Eine dieser Kollektenreisen führte ihn 1851 nach Paris, wo er seinen bald in weiten Teilen Europas bekannten Ruf als glänzender Prediger begründete und bleibende Kontakte zu Bischöfen und vor allem zu vermögenden Kreisen der hohen Gesellschaft und des katholischen Adels knüpfte. Bei einem längeren Romaufenthalt in den Jahren 1854-55 gewann er das Vertrauen Papst Pius' IX. (1846-1878), wodurch seine ultramontane Gesinnung bestärkt wurde. 1864 erlangte M. die Zustimmung des Papstes zu einer von ihm angestrebten Wiedererrichtung des Bistums Genf. Nachdem er schon 1857 Rektor der neuerrichteten Pfarrei Notre-Dame und im Juni 1864 Erzpriester und Pfarrer von Genf geworden war, erfolgte am 22. September 1864 die Ernennung zum Titularbischof von Hebron und am 25. September 1864 die Konsekration durch Pius IX. in Rom. Gleichzeitig bestellte ihn der Papst zum Weihbischof des Bistums Lausanne und Genf mit Sitz in Genf. Obschon Bischof Etienne Marilley (1846-1879) den Titel eines Bischofs von Lausanne und Genf formell beibehielt, hatte er 1865 die Jurisdiktion über den Kanton Genf an M. abzutreten - eine Regelung, die sich nach 1870 unheilvoll auswirken sollte. M. wuchs rasch zur zentralen Figur des in jenen Jahren aufblühenden Genfer Katholizismus heran. Um diesem ein Sprachrohr zu verschaffen, nahm er regen Anteil am Genfer katholischen Pressewesen. Unter seinem führenden Einfluß erschien seit 1868 die katholische Zeitung »Le Courrier de Genève«, 1870 folgte die »Correspondance de Genève«. Nachhaltig unterstützte er Marie-Thérèse Chappuis (1793-1875) bei der 1869 erfolgten Gründung des weiblichen Zweigs der Oblaten des hl. Franz von Sales. Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil gehörte M. zu den leidenschaftlichsten Verfechtern der päpstlichen Unfehlbarkeit. Unter den Befürwortern der Infallibilitätserklärung, die wiederholt in seiner Wohnung zu Beratungen zusammentrafen, nahm er eine führende Stellung ein und wurde betraut mit der Gründung einer »Pressezentrale«, die die interessierte Presse mit Informationen über den Konzilsverlauf bedienen sollte. Nach dem Konzil gaben das gestiegene, sich im gesellschaftlichen Leben artikulierende Selbstbewußtsein der Genfer Katholiken sowie entscheidend die Frage nach der jurisdiktionellen Zuständigkeit in der Calvinstadt der seit 1870 regierenden radikal-antiklerikalen Genfer Regierung 1872 Anlaß, in einer überstürzten Aktion M. als Pfarrer von Genf abzusetzen. Der Heilige Stuhl erhob hierauf den Kanton Genf am 16. Januar 1873 zum Apostolischen Vikariat und M. zum Apostolischen Vikar. Die Genfer Regierung und der Schweizerische Bundesrat mußten darin eine indirekte Errichtung eines neuen Bistums und damit einen Verstoß gegen die Bundesverfassung sehen. Sie untersagten M. die Ausübung seines Amtes. Als sich dieser der Verfügung widersetzte, erfolgte am 17. Februar 1873 seine Ausweisung aus der Schweiz. Fortan leitete M. aus dem französischen Exil in Ferney (Departement Ain), seit 1880 in Monthoux (Departement Haute-Savoie) den Genfer Sprengel, der einem harten Kulturkampf ausgesetzt war. Gleichzeitig entfaltete M. eine vielseitige Aktivität als Prediger und Exerzitienmeister, insbesondere in Frankreich und Belgien, und festigte damit seine weitreichenden internationalen Beziehungen. 1881 wurde er Apostolischer Visitator in Skandinavien, 1882 auch Konsultor der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten. Eine Entwirrung der Verhältnisse in Genf trat erst unter der kirchenpolitischen Neuorientierung Papst Leos XIII. (1878-1903) ein. Nach intensiven Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Schweizerischen Bundesrat ernannte Leo XIII. M. am 15. März 1883 zum Bischof von Lausanne und Genf mit Sitz in Freiburg/Schweiz. Das Apostolische Vikariat Genf - Ursache des Konfliktes - wurde aufgehoben. - Unter dem Pontifikat Leos XIII. gelang es M., sich den veränderten Verhältnissen anzupassen. Verstärkt widmete er sich nunmehr der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Vehemenz aufgebrochenen »Sozialen Frage«. Er erkannte die Unzulänglichkeit einer bloßen Caritas im sozialen Bereich und gründete 1885 die »Union catholique d'études sociales et économiques«, eine internationale Studiengruppe, die unter dem Namen »Union de Fribourg« weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist und deren Arbeiten den Boden für die päpstliche Sozialenzyklika »Rerum novarum« (1891) bereitet haben. Der 1889 im Zusammenwirken mit dem Heiligen Stuhl in Freiburg/Schweiz gegründeten staatlichen katholischen Universität setzte M. vergeblich seinen Plan einer »freien« katholischen Universität (nach dem Vorbild der Instituts catholiques) entgegen. Am 23. Juni 1890 verlieh Leo XIII. M. die Kardinalswürde und berief ihn nach Rom. Nach seinem nur wenige Monate später erfolgten Tod wurde er zunächst auf dem Campo Verano beigesetzt. 1926 erfolgte seine Überführung in die Pfarrkirche von Carouge.

Werke: Grospellier, Alexandre (Hrsg.), Oeuvres du cardinal Mermillod I-III, Lyon-Paris 1893-1894; De la perpétuelle virginité de la Mère du Sauveur, Paris-Genève 1856; Discours prononcé à la bénédiction de l'église de Notre-Dame de Genève, Paris-Genève 1857; De l'intelligence et du gouvernement de la vie, Lyon 1863 (61869); L'unité religieuse de tous les enfants de Dieu, Malines 1864; De la vie surnaturelle dans les âmes, Paris-Lyon 1865 (61869); La question ouvrière, Paris 1872; Die Kirche und die Arbeiter im neunzehnten Jahrhundert. Rede von Mgr. Mermillod, Bischof von Hebron i.p.i. und apostolischer Vikar von Genf gehalten bei St.Clotilde in Paris (Aus dem Französischen), Augsburg 1874; Oraison funèbre de Son Excellence Mgr Eugène Lachat, administrateur apostolique du Tessin prononcée à ses obsèques dans l'église de Saint-Laurent à Lugano le 10 novembre 1886, Fribourg 1886; - Bibliographie in: Helvetia Sacra, publiée par le Curatoire de l'Helvetia Sacra, I/4: Le Diocèse de Lausanne (VIe siècle - 1821), de Lausanne et Genève (1821-1925) et de Lausanne, Genève et Fribourg (depuis 1925), Bâle-Francfort-sur-le-Main 1988, 179-183 [P. Braun].

Lit.: Louis Jeantet, Le Cardinal Mermillod (1824-1892), Paris 1906; - Cyrille Massard, L'œuvre sociale du Cardinal Mermillod. L'Union de Fribourg, d'après des documents inédits (= École des sciences politiques et sociales de l'Université de Louvain 63), Louvain 1914; - Charles Comte, Le Cardinal Mermillod d'après sa Correspondance, Genève-Paris 1924; - Marc Pfeiffer, Der Kulturkampf in Genf (1864-1873) mit besonderer Berücksichtigung der Ausweisung von Bischof Mermillod, Zürich 1970; - Georges Bavaud, L'épiscopat suisse divisé à Vatican I, in: Civitas 26 (1970) 200-202; - Helmut Sorgenfrei, Die geistesgeschichtlichen Hintergründe der Sozialenzyklika »Rerum Novarum« (= Sammlung Politeia. Veröffentlichungen des Internationalen Instituts für Sozialwissenschaft und Politik der Universität Freiburg/Schweiz 25), Heidelberg-Löwen 1970; - August Bernhard Hasler, Pius IX. (1846-1878), Päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil. Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie I-II (= Päpste und Papsttum 12, I-II), Stuttgart 1977; - Francis Python, Gaspard Mermillod (1824-1892) in: Gatz, Erwin (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, Berlin 1983, 501-504; - Peter Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz. Eidgenossenschaft und Katholische Kirche im europäischen Umkreis 1848-1888, Frauenfeld-Stuttgart 1984; - Iso Baumer-Müller, Albert Büchi 1864-1930. Gründung und Anfänge der Universität Freiburg i.Ü. Erinnerungen und Dokumente, Freiburg/Schweiz 1987, 41-44; - HBLS 5 (1929) 85 [A. de Montfaucon]; - EC VIII (1952) 731 f. (S. Furlani); - RGG3 IV (1960) 879 (A. Hamman); - LThK2 VII (1962) 310 (A. Hamman); - NCE IX (1967) 687 f. [C. J. Nuesse]; - DHGE 19 (1979) 52 -55 (P. Gérin); - Catholicisme VIII (1979) 1232 f. [T. de Morembert]; - DSp 10 (1980) 1053-1055 (J. Gadille); - Katholisches Soziallexikon, Innsbruck-Wien-München 21980, 1806 f. (A. Bünter).

Franz Xaver Bischof

Letzte Änderung: 13.07.1998