MEUMANN, Ernst (Friedrich Wilhelm), Prof. Dr. phil., * 29.8. 1862 in Uerdingen als Sohn von Friedrich Ewald M. (1831-1895) und Pauline-Henriette M., geborene Röhrig (1832-1912), † 26.4. 1915 in Hamburg, Psychologe. Nach Privatunterricht bei seinem Vater besuchte der Pastorensohn zunächst das Realprogymnasium in Langenberg, 1873 bis 1876 das Internatsgymnasium in Gütersloh und schließlich das Internatsgymnasium Elberfeld. Dort machte er Ostern 1883 sein Abitur. Anschließend studierte er ab dem SS 1883 zunächst Philosophie und Kunstwissenschaft in Tübingen. Zum WS 1883/84 wechselte er nach Berlin. Ab dem WS 1884/85 bis zum SS 1885 studierte er evangelische Theologie in Halle, wo er dem nationalen Verein Deutscher Studenten (VDSt) beitrat. Zum WS 1885/86 wechselte er nach Bonn. Unter Meumanns Leitung kam es dort im SS 1886 zur Wiedergründung des VDSt, dessen Vorsitz M. in diesem Semester innehatte. Im Januar 1887 entstand unter Meumanns Führung eine Petition evangelischer Theologiestudenten gegen einen von der Zentrums-Reichstagsfraktion bei der Militärkommission des Reichstags eingebrachten Antrag auf Befreiung von Theologen beider Konfessionen vom Dienst mit der Waffe: "Der hohe Reichstag des Deutschen Reiches wolle hochgeneigst dahin wirken, daß das einstimmig verlangte Recht der Teilnahme an der allgemeinen Wehrpflicht den Studenten der evangelischen Theologie gewahrt bleibe." Die Petition verbreitete sich rasch an allen Universitäten, vielfach übernahmen hierbei die Vereine Deutscher Studenten die Unterschriftensammlung. Nachdem zwei Drittel der evangelischen Theologiestudenten die Erklärung unterzeichnet hatten, zog das Zentrum seinen Antrag zurück. M. wurde als Schriftführer des studentischen Petitionskomitees am 18. Mai 1887 mitgeteilt, daß "die Petition unter voller Anerkennung der patriotischen Gesinnung der Herren Petenten als erledigt zu betrachten (sei), da der Antrag, auf welchen sich die Petition bezieht, im Plenum nicht eingebracht worden ist." Ein neuerlicher Zentrumsantrag in dieser Richtung konnte dann auch im WS 1889/90 angewehrt werden. Die zu dieser Zeit dominierende Stellung Meumanns im VDSt Bonn dokumentiert auch die Übernahme des Vorsitzes im neugegründeten Altherrenbund des VDSt Bonn im SS 1888. Nach den beiden theologischen Prüfungen im Herbst 1887 und an Ostern 1889 in Koblenz, legte er im Herbst 1889 in Bonn auch das Oberlehrerexamen für die Fächer Religion, Hebräisch und Philosophische Propädeutik ab. M. hatte sich während seines Studiums jedoch wegen einer Glaubenskrise soweit von den christlichen Dogmen entfernt, daß er weder den Beruf des Pfarrers noch den des Religionslehrers ergreifen konnte. Nach einer Tätigkeit als Hauslehrer studierte er daher ab dem WS 1890/91 an der Universität Tübingen Philosophie und promovierte 1891 bei Christoph Sigwart (1830-1904) über "Das Grundgesetz der Assoziation und Reproduktion der Vorstellungen". Danach studierte M. ab Ostern 1891 am Institut für experimentelle Psychologie der Universität Leipzig bei Wilhelm Wundt (1832-1920). 1893 wurde er dessen zweiter und im Herbst 1894 dessen erster Assistent. Anfang 1894 habilitierte sich M. mit der Schrift "Untersuchungen zur Psychologie und Ästhetik des Rhythmus". Zum 1. Oktober 1897 erhielt er den Ruf auf ein Extraordinariat für Induktive Philosophie und Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Dort wurde M. 1900 zum ordentlichen Professor ernannt. Kurz danach schied er aus dem Kyffhäuser-Verband aus, nachdem er die Fühlung zu diesem verloren hatte. 1905 wechselte er nach Königsberg, 1907 nach Münster. 1909 nahm er einen Ruf nach Halle an, schied jedoch 1910 aus, um eine ordentliche Professur in Leipzig anzutreten. Zum 1. Oktober 1911 ging er als Professor für Philosophie und Pädagogik an das Kolonialinstitut Hamburg. Neben seiner Professur kümmerte er sich auch um die Ausbildung der Volksschullehrer in experimenteller Psychologie. 1911 gehörte er zu den Mitbegründern des Bundes für Schulreform. M. gilt als Begründer der Pädagogischen Psychologie und Experimentellen Pädagogik in Deutschland. Hierbei versuchte er durch Experimente die geistige Leistungsfähigkeit von Kindern zu bestimmen. Er trat dafür ein, diese Erkenntnisse auch für die Schule zu nutzen. 1914 gründete er zur Koordination der überregionalen wissenschaftlichen Jugendkunde das Hamburger Institut für Jugendkunde. Um der Diskussion um methodische Fragen eine Plattform zu bieten, war er 1903 Mitbegründer des "Archivs für die gesamte Psychologie" und ab 1911 Mitherausgeber der "Zeitschrift für Pädagogische Psychologie und Experimentelle Pädagogik". Der ledig gebliebene Psychologe starb an den Folgen einer Lungen- und Rippenfellentzündung. M. hinterließ dem Philosophischen Seminar und Psychologischen Laboratorium der Universität Hamburg seine umfangreiche wissenschaftliche Privatbibliothek. Der Bestand blieb größtenteils erhalten und ist heute in den Bibliotheken der Psychologie, Philosophie und der Erziehungswissenschaften zu finden. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg.
Werke: Sind wir konservativ?, in: Akademische Blätter (Ak. Bl.) 1. Jg. 1886/87, 103-104; Die religiöse Bewegung unter den englischen Studenten, in: ebenda, 136-137, 148-149; Die Petition der evangelischen Theologen an den Reichstag, in: ebenda, 173-174; Das Resultat der Petition der evangelischen Theologie-Studierenden an den Reichstag, in: ebenda, 194; Eine ausländische Prophezeiung über die zukünftige Weltstellung Deutschlands, in: Ak. Bl. 3. Jg. 1888/89, 27; Moltkes Reden, in: ebenda, 170-171; Die südrussische Christentumsbewegung und ihre Gefahren, in: ebenda, 179-180; Das Grundgesetz der Assoziation und Reproduktion der Vorstellungen, Diss. Uni. Tübingen 1891 (MS); Untersuchungen zur Psychologie und Ästhetik des Rhythmus, Habil-Schrift Leipzig 1894; Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde, Leipzig 1902; Die Sprache des Kindes, Zürich 1903 (Abhandlungen der Gesellschaft für deutsche Sprache in Zürich, Bd. 8); Haus- und Schularbeit. Experimente an Kindern der Volksschule, Leipzig 1904; mit Hösch-Ernst, L.: Das Schulkind in seiner körperlich und geistigen Entwicklung, Teil 1: Anthropologisch-psychologische Untersuchungen an Züricher Schulkindern, nebst einer Zusammenstellung der Resultate der wichtigsten Untersuchungen an Schulkindern in anderen Ländern, Leipzig 1906; Vorlesungen zur Einführung in die experimentelle Pädagogik und ihre psychologischen Grundlagen, 2 Bde., Leipzig 1907; Einführung in die Ästhetik der Gegenwart, Leipzig 1908 (Wissenschaft und Bildung, Bd. 30); Über Ökonomie und Technik des Lernens, 2. Auflage Leipzig 1908; Intelligenz und Wille, Leipzig 1908; Über Institute für Jugendkunde und die Gründung eines Instituts für Jugendforschung in Hamburg, Leipzig 1912 (Säemann-Schriften für Erziehung und Unterricht, H. 5); (Hrsg.): Paedagogisch-psychologische Forschungen, Leipzig 1912 (Zeitschrift für pädagogische Psychologie, Erg. H. 1); System der Ästhetik, Leipzig 1914 (Wissenschaft und Bildung, Bd. 124); Abriß der experimentellen Pädagogik, Leipzig 1914; Zeitfragen deutscher Nationalerziehung. Sechs Vorlesungen, Leipzig 1917.
Lit.: Die Vereine Deutscher Studenten. Zwölf Jahre akademischer Kämpfe. Hrsg. von Herman v. Petersdorff unter Mitwirkung von Christian Rogge, Waldemar Zetsche u.a., 3. Auflage, Leipzig 1900; - Münch, W.: Die Experimentalpädagogik nach Meumann, in: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, 10. Jg. 1908/09, 254-257; - Felsch: Meumann und Herbarts Psychologie, in: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik, 42. Jg. 1910, 148-244; - Kubbe, Karl: Charakterbildung bei Herbart und Meumann. Speziell die Bedeutung des Vorstellungslebens für die Charakterbildung, Langensalza 1912 (Pädagogisches Magazin, H. 469); - Kunz, M.: Antwort auf die Nachbemerkungen von Herrn Prof. Dr. Meumann im 12. Bande der Zeitschrift für Pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik und im 13. Bande zu den Verfassten Arbeiten über das Ferngefühl Blinder, Taubblinder und Vollsinniger, Mülhausen 1912; - Busemann, K.: Ernst Meumann †, in: Zeitschrift für Kinderforschung. Organ der Gesellschaft für Heilpädagogik und des Deutschen Vereins zur Fürsorge für Jugendliche Psychopathen, 20. Jg. 1915, 530-534; - Scheibner, Otto: Die Arbeitsschule im Gedenken an Ernst Meumann, in: Die Arbeitsschule. Monatsschrift des Deutschen Vereins für Werktätige Erziehung, 29. Jg. 1915, 161-167; - Buchenau, Artur: Ernst Meumann zum Gedächtnis, in: Deutsches Philologen-Blatt, 23. Jg. 1915, 745-747; - Nachruf Ernst Meumann, in: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, 16. Jg. 1915, 209-210; - Wundt, Wilhelm: Zur Erinnerung an Ernst Meumann, in: ebenda, 211-214; - Fischer, Aloys: Ernst Meumann und sein Werk, in: ebenda, 214-227; - Brahn, Max: Ernst Meumann und die Organisation zur Pflege der wissenschaftlichen Pädagogik, in: ebenda, 227-232; - Külpe, Oswald: Ernst Meumann und die Ästhetik, in: ebenda, 232-238; - Meumann, Friedrich: In Gedenken an Ernst Meumanns Studienzeit, in: ebenda, 257-262; - Störring, Gustav: Nachruf für Ernst Meumann, in: Archiv für die gesamte Psychologie, 34. Jg. 1915, V-XIV; - Petersdorff, Herman v.: Ernst Meumann, in: Ak. Bl., 30. Jg. 1915/16, 66; - Moede, Walther: Erwiderung auf die kritischen Entwicklungen Prof. Külpe's betreffend Prof. Meumann, in: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, 17. Jg. 1916, 166-170; - Wunderle, G.: Ernst Meumann, in: Roloff, Ernst M. (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik, Freiburg 1917, 1143-1148; - Hehlmann, Wilhelm: Pädagogisches Wörterbuch, Leipzig 1931, 136; - Weigl, F.X.: Ernst Meumann, in: Spieler, Josef (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik und Gegenwart, Bd. 2, Freiburg 1932, 379-380; - Müller, Paul: Ernst Meumann als Begründer der experimentellen Pädagogik, Diss. Uni. Zürich 1942; - Hehlmann, Wilhelm: Pädagogisches Wörterbuch, 3. Aufl. Stuttgart 1942, 284; - Wolter, Emile: Analyse expérimentale du travail des écoliers. La psychopédagogie d'Ernst Meumann, Louvain 1955; - Pakulla, Rudolf: Über Grundsätze und Methoden pädagogischer Forschung bei Ernst Meumann und Wilhelm August Lay, Diss. Uni. Rostock 1956; - Mack, Karin: Experimentelle Pädagogik bei Ernst Meumann, Zulassungsarbeit Eichstätt 1967; - Ruprecht, Horst: Einführung in die empirische pädagogische Forschung, Bad Heilbrunn 1974; - Luff, Gerhard: Die experimentelle Pädagogik bei Ernst Meumann, Zulassungsarbeit Eichstätt 1976; - DBA, Fiche II 883, 392-419; - Roos-Schumacher, Hedwig: Der Kyffhäuser-Verband der Vereine Deutscher Studenten. Ein Beitrag zum nationalen Vereinswesen und zum politischen Denken im Kaiserreich (Deutsche Akademischen Schriften, Neue Folge, Bd.7), 2. Aufl. o. O. 1987, 116-117; - Probst, Paul: Das Schicksal der Bibliothek Ernst Meumanns (Historische Seite), in: Psychologische Rundschau 39. Jg. 1988, 212; - ders.: Studien zu einer Biographie über Ernst Meumann. Subjektive und objektive Personalbibliographie, wissenschaftliche Privatbibliothek, Hamburg 1989; - ders.: Ernst Meumann als Begründer der empirischen Psychologie in Hamburg. Psychologie und Geschichte 1/1989, Heft 2, 6-16; - ders.: Die Anfänge der Akademischen Psychologie in Hamburg: Ernst Meumann und die Schulreformbewegung, in: Schorr, Andrea und Wehner, Ernst G. (Hrsg.): Psychologiegeschichte heute, Göttingen 1990, 149-163; - Szudra, Sabine: Ernst Meumann im Spannungsfeld der Psychologischen Ästhetik. Eine psychologiehistorische Studie, Dipl.-Arbeit Uni. Hamburg 1991; - Probst, Paul: Bibliographie Ernst Meumann. Mit einer Einleitung zur Biographie, Herzberg 1991 (Bibliothemata, Bd. 5); - ders.: Ernst Friedrich Wilhelm Meumann, in: Lück, Helmut E. (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Psychologie, München 1993, 118-123; - ders. und Bringmann, Wolfgang G.: Ernst Meumann und William Stern. Analyse ihres Wirkens in Hamburg (1910-1933) unter Berücksichtigung biographischer und soziokultureller Hintergründe, Geschichte der Psychologie. Nachrichtenblatt deutschsprachiger Psychologen, 10. Jg. 1993, H. 1, 1-14; - Forster, Peter: Ernst Meumann, in: NDB, Bd. 17, Berlin 1994, 265-266; - Probst, Paul: Das Hamburger Psychologische Institut (1911-1994) - Vom Psychologischen Laboratorium zum Fachbereich Psychologie: Ein geschichtlicher Überblick, in: Bericht über den 39. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Hamburg 1994, Bd.2, Göttingen 1995, 923-934; - DBE, Bd. 7, München 1998, 93-94; - Stettner, Ralf: Der Verein Deutscher Studenten zu Bonn in der Kaiserzeit (1882-1914). Eine chronologische Vorstudie, in: Zirlewagen, Marc (Hrsg.): Kaisertreue - Führergedanke - Demokratie. Beiträge zur Geschichte des Verbandes der Vereine Deutscher Studenten (Kyffhäuser-Verband), Köln 2000 (Beihefte zum GDS-Archiv, Bd. 10; Deutsche Akademische Schriften, NF 9), 78-107; - Probst, Paul: Ernst Friedrich Wilhelm Meumann, in: Lück, Helmut E. 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Marc Zirlewagen
Werkeergänzung:
Okonomie u. Technik d. Gedächtnisses. [Repr.]. Saarbrücken 2007.