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Band V (1993)Spalten 1402-1405 Autor: Dieter Riesenberger

MEURER, Christian, Rechtswissenschaftler,* 20.1. 1856 in Camberg (Nassau), + 6.3. 1935 in Würzburg. Studium der Philosophie in Bonn u. Freiburg i. Br. 1876-80; nach philolog. Staatsexamen und nach Promotion 1880 Aufnahme des Jurastudiums, 1882 Dr. jur. und Referendarexamen, danach bis 1885 Hauslehrer beim Fürsten Hatzfeldt-Trachenberg (Schlesien). 1885 Habilitation in Breslau, dort bis 1888 Privatdozent mit der venia legendi für Kirchenrecht mit Rechtsphilosophie und Rechtsenzyklopädie und Völkerrecht. Seit 1888 als Extraordinarius, seit 1891 als Ordinarius in Würzburg für katholisches Kirchenrecht und Völkerrecht bis zur Emeritierung 1926 tätig. Rektor der Universität 1902 und 1925, 1907-1918 Vertreter der Universität im unterfränkischen Landtag, seit 1909 Mitglied der Disziplinarkammer in Bamberg, seit 1923 Mitglied des Staatsgerichts: war vom Sommer 1922 bis Nov. 1925 völkerrechtlicher Sachverständiger im 3. Unterausschuß des Parlament. Untersuchungsausschusses (Nachprüfung der Kriegsverbrechen), für den er vier Gutachten erstellte. Seit 23.9. 1908 außerordentl. Mitglied im »Institut de droit international«, am 2.7. 1920 Austritt aus Protest gegen die Kriegsschuldresolution des Instituts. Im Okt. 1925 Delegierter des Auswärtigen Amtes auf der Internationalen Rotkreuzkonferenz in Genf. - Mit seinen grundlegenden Arbeiten zum bayrischen Staatskirchenrecht (z.B. über das Amortisationsrecht, über das Kirchenstiftungs- und Pfründenrecht) beeinflußte M. in hohem Maß die bayrische Gesetzgebung vor dem Ersten Weltkrieg, u.a. die am 24.9. 1912 verabschiedete Kirchengemeindeordnung. Durch seine völkerrechtswissenschaftlichen Studien wurde M. international bekannt. Seine Rektoratsrede im Jahre 1902 gab eine erste »Übersicht über die Arbeiten der Haager Friedenskonferenz« (1898); zwischen 1905 und 1907 erschien sein zweibändiges Werk über das Friedens- und Kriegsrecht der Haager Friedenskonferenz, nicht nur die erste wissenschaftliche Arbeit über diese Konferenz überhaupt, sondern auch eine der wenigen positiven Würdigungen durch deutsche Völkerrechtswissenschaftler. Weitere Arbeiten befaßten sich mit der Reform der Genfer Konvention von 1864 und mit dem internationalen Luftschiffahrtsrecht. Während des Ersten Weltkriegs schrieb M. über aktuelle Probleme (u.a. über den belgischen Franktireurkrieg und über den Fall Lusitania), nach 1918 über den Versailler Vertrag, den Völkerbund und über die Politik der Siegermächte. In Aufsätzen und Zeitungsartikeln verurteilte er den Versailler Vertrag. - M. war durch die Ausrichtung seiner wissenschaftlichen Arbeit auf das Praktische einer der einflußreichsten Rechtswissenschaftler seiner Zeit. Umstritten sind vor allem die Gutachten M.s für den Parlamentarischen Untersuchungsausschuß für die Schuldfragen des Weltkrieges, die völlig in der Tradition des deutschen Rechtspositivismus stehen und nationalapologetisch ausgerichtet sind.

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Werke: Das Verhältnis der Schillerschen zur Kantschen Ethik, Freiburg i. Br. 1880; Der Begriff des kirchlichen Strafvergehens nach den Rechtsquellen des Augsburgischen Bekenntnisses in Deutschland zur Reformationszeit, Leipzig 1883; Der Begriff und Eigentümer der heiligen Sachen, zugleich eine Revision der Lehre von den jurist. Personen und dem Eigenthümer des Kirchenguts, 2 Bde., Düsseldorf 1885; Völkerrechtliche Schiedsgerichte. Ein populär-wissenschaftl. Vortrag, Würzburg 1890; Das landesherrliche Ehescheidungsrecht, Freiburg i. Br. 1891; Das Zehnt- und Bodenzinsrecht und seine Reform, München 1899; Bayrisches Kirchenstiftungsrecht, Stuttgart 1899/1900/1919; Aufbesserungsrecht und Aufbesserungspolitik auf dem Gebiet des bayrischen Pfründenwesens, Stuttgart 1900; Die Juristischen Personen nach Deutschem Reichsrecht (Festausgabe f. Joh. Friedr. R. v. Schulte z. 50j. Doktorjub. überreicht von der rechts- und staatswiss. Fak. der Univ. Würzburg), Stuttgart 1901; Übersicht über die Arbeiten der Haager Friedenskonferenz, insbesondere das Abkommen zur friedlichen Erledigung internationaler Steitfälle vom 29.Juli 1899, Würzburg 1903; Die Haager Friedenskonferenz, 2 Bde., München 1905-07; Die Genfer Konvention vom 6. Juli 1906 (Sonderdruck aus: Zeitschrift für Völkerrecht und Bundesstaatsrecht, 1906/Bd. 1, Heft 6), Breslau 1907; Grundfragen aus dem Entwurf e. bayrischen Kirchengemeindeordnung u. der Bericht des Referenten der Abgeordnetenkammer, München 1909; Luftschiffahrtsrecht, in: Annalen des Deutschen Reiches), München 1909; Das Gehaltsrecht der Pfarrer in Preußen nach der Gesetzgebung vom 26.5.1909, Stuttgart 1910; Kirchenstiftung und Kirchengemeinde, Würzburg 1910; Das Problem der Gehaltsaufbesserung auf dem Pfründengebiet, in: Festschrift für Hugo v. Burckhard, Stuttgart 1910; Der Modernisteneid und der bayer. Plazet, Würzburg 1911; Das katholische Ordenswesen nach d. Recht d. dtsch. Bundesstaaten, Stuttgart 1912; Die Klagen von Privatpersonen gegen auswärtige Staaten (Sonderdruch aus: Zeitschrift für Völkerrecht), Breslau 1914; Der Volkskrieg nach d. Strafgericht üb. Löwen (Sonderdruck aus: Zeitschrift für Völkerrecht), Breslau 1914; Die völkerrechtliche Stellung d. v. Feind besetzten Gebiete, Tübingen 1915; Der Codex iuris canonici und d. Bayer. Staatskirchenrecht, Stuttgart 1918; Das Programm der Meeresfreiheit. Eine völkerrechtspolitische Studie, Tübingen 1918; Die Grundlagen des Versailler Friedens und der Völkerbund, Würzburg 1920; Gutachten f. den Untersuchungsausschuß der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919 bis 1927 über: Der belgische Volkskrieg; Die Verletzung des Genfer Abkommens; Die Verletzungen des X. Haager Abkommens; Die Verletzungen des Kriegsgefangenenrechts in: Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalverammlung ..., hrsg. v. Walther Schücking. 3. Reihe: Völkerrecht im Weltkrieg, hrsg. von Johannes Bell, Bde 1-4, Berlin 1927; Loewen und der belgische Volkskrieg in der Auffassung von Fernand Mayence, Tübingen 1928; Selbstdarstellung Christian Meurer, in: Die Rechtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen, hrsg. von H. Planitz, Leipzig 1929, 150 ff.

Lit.: Alfred H. Fried, Handbuch der Friedensbewegung, Bd. II, 1913, 246 f, 377, 438, 444; - Roger Chichering, Imperial Germany and a world without war. Princeton and London 1975, 146 f, 152; - Ulrich Heinemann, Die verdrängte Niederlage. Göttingen 1983, 194-198; - autobiographische Skizze in: H. Planitz (Hrsg.), Die Rechtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen (mit detailliertem Werkverzeichnis). Leipzig 1929, 125-152.

Dieter Riesenberger

Letzte Änderung: 09.04.2011