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Band V (1993)Spalten 1467-1471 Autor: Jürgen Tubach

MICHAEL SYRUS, jakobitischer Patriarch (1166-1199, Mika'el I.), mit dem Beinamen »der Syrer« oder »der Große«, einer der bedeutendsten Kirchenhistoriker des Mittelalters, * ca. 1126 in Melitene (h. Malatya) als Sohn des Priesters Eliya (Elia) aus der Familie Qindasi, † 7. Nov. 1199 im Bar Sauma-Kloster. M. trat in das in der Nähe seiner Heimatstadt Melitene gelegene Bar Sauma-Kloster ein, wo 1156 zum Abt gewählt wurde. Eine Ernennung zum Bischof von Amida (h. Diyar Bakr), die ihm Patriarch Athanasius VIII. (1139-14.Jul. 1166) 1165/6 antrug, lehnte er ab. Nach A.s bald darauf erfolgtem Tod wählte ihn die Bischofssynode im Kloster Pesqin zum Oberhaupt der jakobitischen (= syrisch- orthodoxen) Kirche. Am 18. Okt. 1166 empfing in seinem Heimatkloster Bar Sauma die Weihe zum Patriarchen. Für seine Wahl zum Patriarchen hatte sich besonders energisch Dionysius bar Salibi (+ 1171) eingesetzt, dem wie M. die Einhaltung der kirchlichen Kanones am Herzen lag. Nach Amtsantritt nahm er tatkräftig kirchliche Reformen und die Beseitigung verschiedener Mißstände (z.B. Simonie) in Angriff. Ein durchschlagender Erfolg blieb ihm jedoch versagt. Nach seiner Wahl brach er zu einer Visitationsreise auf und begab er sich zuerst ins Mar Hananya (Ananias)-Kloster (=Dayr Za faran) bei Mardin, wo er 29 kirchenrechtliche Kanones erließ. Von hier reiste er nach Jerusalem weiter, wo er ein Jahr lang blieb und u.a. den lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Amaury, und den lateinischen Patriarchen von Antiochia, Aimery, empfing.. Nach einem längeren Aufenthalt in Antiochien - er besuchte hier insbesondere St.Peter, die Titularkirche der jakobitischen Patriarchen - kehrte er 1169 wieder in das Bar Sauma-Kloster zurück, wo er fortan mit Vorliebe residierte. Konflikte mit den Mönchen von Bar Sauma (1171 und 1176) und mit dem im Mar Mattai-Kloster von Mossul residierenden Maphrian Yohannan (Johannes) V. (1164-88) im Jahr 1177 waren nur von vorübergehender Natur. Als er 1175 Johann Denha, den Bischof von Qalliniqos, dessen Gemeinde sich schon bei M.s Vorgänger über den Lebenswandels ihres Hirten beschwert hatte, absetzte, verklagte ihn dieser bei Sayf ad-Din, dem Emir von Mossul, sodaß er vorübergehend eingekerkert wurde. Das gute Verhältnis zur armenischen Schwesterkirche - mit Nerses Schnorhali (1166-73) war M. befreundet - wurde unter Gregor IV. (1173-1193) empfindlich getrübt. Unzufriedene Bischöfe wählten 1180 M.s Schüler Theodor bar Wahbun zum Gegenpatriarchen (1180-93). Der armenische Katholikos und der (klein)armenische König Ruben III. (1175-1187) erkannten Theodor als rechtmäßig an. Nach dessen Tod 1193 wurde der Streit beigelegt. 1198 nahm M. an der Königskrönung des Rubeniden Leo (1187-1219) teil. Unter Mißachtung der kirchlichen Canones machte M. 1189 seinen Neffen Jakob als Gregor I. (+ 1214) zum Maphrian, obwohl der Mönch Karim bar Masih bereits in rechtmäßiger Wahl zum Nachfolger von Johann V. bestimmt war. M.s eigenmächtiges Vorgehen, der eigentlich nur zur Ordination des Maphrian befugt war, verursachte ein 15-jähriges Schisma. Michael war bereits zu Lebzeiten eine über den syrischen Raum hinaus bekannte Persönlichkeit. Zum 3. Laterankonzil erhielt er 1178 eine päpstliche Einladung, die er aber nicht wahrnahm. Mehrere Einladungen des byzantinischen Kaisers Manuel I. (1143-80) schlug er ebenfalls aus, da er anscheinend weder aus dogmatischen noch aus politischen Gründen als muslimischer Untertan eine Union mit der byzantinischen Kirche eingehen wollte. Dagegen traf er sich 1182 mit Kilidsch Arslan II. (1156-92). Gemeinsam zogen der Seldschuken-Sultan - der 1190 von Friedrich Barbarossa vor den Toren seiner Hauptstadt Konya besiegt wurde - und der jakobitische Patriarch nach alter christlicher Sitte in Melitene ein, wo sie beide einen Monat blieben. Hier führte er mit dem muslimischen Philosophen Kemal ad-Din theologische Gespräche. Bleibenden literarischen Ruhm erwarb sich M. durch seine Weltgeschichte, die von der Schöpfung bis ins Jahr 1194/5 reicht. M. teilte die riesige Stoffmenge in drei Kategorien: Kirchengeschichte, Profangeschichte und Verschiedenes. Nach chronologischen Gesichtspunkten geordnet, berichtet er über die geschehenen Ereignisse in drei parallelen Kolumnen. Sein Ideal bei der Darstellung ist Objektivität und chronologische Präzission. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit geschieht allerdings nicht um ihrer selbst willen. In der Geschichte sieht M. Gott am Werk. Sein Walten in der Welt steht in enger Korrelation zum ethischen Verhalten der Menschen. Die Abwendung von Gott bringt nur Unglück. Erdbeben, Mißernten etc. sind eine unmittelbare Folge menschlicher Sünden. Durch die Lektüre vergangener Ereignisse soll der Leser aus der Geschichte lernen, daß ein echter Gottesglaube seine Hoffnung nicht auf Menschen, Ideologien (Astrologie) etc. setzt und daß die Gleichgültigkeit in religiösen Dingen nur ein Glaube zweiter Wahl wider besseren Wissens ist. Implizit ist die Kirchengeschichte Michaels letzlich eine Apologie des Chrsitentums.

Werke: Jean-Baptiste Chabot, Chronique de Michel le Syrien, Patriarche Jacobite d'Antiche (1166-1199). Éditée pour la première fois et traduite en francais I-V (1899.1901.1905.1910.1924 Repr.1963); Victor Langlois, Chronique de Michel le Grand, Patriarche des Syriens Jacobites, traduite pour la première fois sur la version arménienne du Prêtre Ischok (1868); Zamanakagrut iwn tearn Mihayeli asorwoc patriark i (Jerusalem 1871); F[rancois] Nau, Sur quelques autographes de Michel le Syrien, in: Revue de l'Orient Chrétien 19 (1914) 378-397.

Lit.: Jean-Baptiste Abbeloos/Thomas Joseph Lamy, Gregorii Barhebraei Chronicon ecclesiasticum quod e codice Musei Britannici descriptum conjuncta opera ediderunt, latinitate donarunt annotationibusque theologicis, historicis, geographicis et archaeologicis illustrarunt I (1874) 535-606; - Ignacio Guidi, La cronaca di Michele I, in: Giornale della Società Asiatica Italiana 3 (1889) 167-169; - William Wright, A Short history of Syriac Literature (1894. Repr.1966)250-253; - Erwand Ter-Minassiantz, Die armenische Kirche in ihren Beziehungen zu den syrischen Kirchen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, nach den armenischen und syrischen Quellen bearbeitet (TU 26 H.4 [=NF 11 H.4]) 1904, 122-136; - Rubens Duval, Anciennes littératures chrétiennes II. La littérature syriaque (BEHE 4) 19073. Repr. 1970, 196-198.401; - Felix Haase, Die armenische Rezension der syrischen Chronik Michaels des Großen: Oriens Christianus 13 [=NS 5] (1915)6 0-82.271-284; - J[ean]-B[aptiste] Chabot, Anonymi auctoris chronicon ad annum Christi 1234 pertinens edidit (CSCO 82/Script.Syri 37) 1916, 306-335/Traduit par Ders.-A.Abouna (eb.354/eb.154) 1974; - Ders., Littérature syriaque (BCSR 21) 1934; - Ders., Note sur un Passage de la »Chronique de Michel le Syrien« relatif aux Maronites, in: CRAI (1940, 968-72; - Anton Baumstark, Geschichte der syrischen Literatur mit Ausschluß der christlich-palästinischen Texte 1922. Repr. 1968, 298-301; - E[ugène] Tisserant, Michel le syrien, in: DThC X2 (1929) 1711-1719; - Georg, Geschichte der christlichen arabischen Literatur II (StT 133) 1947. Repr. 1959 u. 1964 u.1975, 265-267; - Ernst Honigmann, Le couvent de Barsauma et le patriarchat jacobite d'Antioche et de Syrie (CSCO 146/Subs.7) 1954.Repr.1967; - Franz Altheim-Ruth Stiehl, Michael der Syrer über das erste Auftreten der Bulgaren und Chazaren, in: Byzantion 28 (1959) 105-118; - Peter Kawerau, Die jakobitische Kirche im Zeitalter der syrischen Renaissance (BBA 3) 1955. 19602; - Wilhelm de Vries, Michael I., in: LThK VII (1962) 401; - Ders., Barbarossas Tod nach Imad ad-Din und Michael Syrus, in: Oriens Christianus 48 (1964) 135-142; - Anneliese Lüders, Die Kreuzzüge im Urteil syrischer und armenischer Quellen (BBA 29) 1964; - Ignacio Ortiz de Urbina I., Patrologia Syriaca ([1958]. 19652 = 19833) 221; - Julius Aßfalg, Maktbanut zabne, in: KLL V (1965. Repr. 1982 u.ö.) 5939 f. = Ders., Michael I., in: Kindlers Neues Literaturlexikon hrsg.v. Walter Jens XI (1990) 630 f.; - Arthur Vööbus, Die Entdeckung des Panegyrikus des Patriarchen Mika'el über Johannan von Marde: Oriens Christianus 55 (1971) 204-209; - Wolfgang Hage, Michael I. der Große, in: Kleines Wörterbuch des Christlichen Orients hrsg.v. Julius Aßfalg in Verb. mit Paul Krüger (Wiesbaden 1975) 269 f./Petit dictionnaire de l'Orient chretien (Turnhout 1991); - C[aspar] Detlef G[ustav] Müller, Geschichte der orientalischen Nationalkirchen (KIG I Lfg. D 2) 1981, 288 f.

Jürgen Tubach

Literaturergänzung:

1996

A.B. Schmidt, Die zweifache armenische Rezension der syrischen Chronik Michaels des Großen, in: Le Muséon 109, 3-4 (1996), p. 299-319; - Dorothea Weltecke, Die "Beschreibung der Zeiten" von Mor Michael dem Grossen (1126-1199) : eine Studie zu ihrem historischen und historiographiegeschichtlichen Kontext (Corpus scriptorum Christianorum orientalium 594; Subsidia 110) Louvain: Peeters 2003; - Amir Harrak, Piecing together the fragmentary account of the martyrdom of Cyrus of Harran, in: AnBoll 121.2003, S. 297-328; -

2008

Alice Whealey, The Testimonium Flavianum in Syriac and Arabic, in: NTS 54.2008, S. 573-590; -

2009

Dorothea Weltecke, M. the S. and Syriac Orthodox identity, in: CHRC 89.2009, S. 115-125.

Letzte Änderung: 02.12.2009