MILDE, Vincenz Eduard, österreichischer Pädagoge, Erzbischof von Wien; * 11.5. 1777 Brünn (Mähren; heute Brno), † 14.3. 1853 Wien. - Der Sohn des Buchbinderehepaares Vincenz und Anna M. trat nach Abschluß des Gymnasiums in seiner Heimatstadt in das Klerikalseminar zu Wien ein und wurde dort im Jahr 1800 zum Priester geweiht. Nach einer kurzzeitigen Kooperatorenstelle sammelte er praktische pädagogische Erfahrungen als Katechet an der Normalschule St. Anna, wo er als Professor für Katechetik und Pädagogik zusätzlich eigene Kurse für die dort angeschlossenen Priesteramtskandidaten gab, und am Zivilmädchenpensionat (gegr. 1786 für Heranbildung von Lehrerinnen und Erzieherinnen). 1805 ernannte ihn Kaiser Franz I., dessen besonderes Vertrauen er in der Folgezeit gewinnen konnte, zum Hofkaplan; gleichzeitig bekleidete er bis 1810 an der Universität Wien die neugeschaffene Professur für Erziehungskunde. In den Jahren 1810-1823 wirkte M. als Pfarrer zu Wolfpassing im Viertel bzw. zu Krems a.d. Donau (beide Niederösterreich); in beiden Pfarreien bemühte er sich um die Sammlung historischer Urkunden und Notizen in den sog. Ingedenkbüchern. 1823 wurde M. Bischof von Leitmeritz (heute Litomĕřice), 1832 - als erster Bürgerlicher seit eineinhalb Jahrhunderten - Erzbischof von Wien. Neben seinem Bemühen um eine Verbesserung der Betreuung von Strafgefangenen, bestimmt von dem Wunsch nach einer individualisierten Behandlung, liegt M.s Bedeutung in seinen pädagogischen Schriften. Sein "Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde" war seit 1814 in Österreich als offizielles Lehrbuch vorgeschrieben. M.s katholisch-aufklärerische Bildungskonzeption fußt auf anthropologischen Kategorien (Entwicklung und Selbsttätigkeit), die auf biologischen Einsichten basieren. Sein Bildungsverständnis ist dabei stark theologisch geprägt, indem Bildung als "integraler Bestandteil christlichen Heilsdienstes" (Holtstiege) gesehen wird. Die Aufgabe der Pädagogik liegt nach M. darin, den Menschen bei seiner Menschwerdung zu fördern, ihn letztlich zur Selbstbildung zu führen.
Werke: Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde zum Gebrauche der öffentlichen Vorlesungen, 2 Bde., Wien 1811-1813 (unter leicht verändertem Titel, Wien 1829) [Neuausgaben (teilweise gekürzt): Allgemeine Erziehungskunde von V.E.M. Hrsg. von Franz Tomberger, Wien 1877; V.E.M., Allgemeine Erziehungskunde. Hrsg. von Theodor Tupetz (Schulausgaben pädagogischer Classiker, Bd. 1), Prag-Wien-Leipzig 1896; V.E.M.s Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde. Für den Schul- und Selbstgebrauch bearbeitet von Gerhard Karl Kahl (Sammlung der bedeutendsten pädagogischen Schriften aus alter und neuer Zeit, Bd. 34), Paderborn 1908; V.E.M. Bearbeitet von Alois Knöppel (Greßlers Klassiker der Pädagogik, Bd. 26), Langensalza 1909; V.E.M., Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde (I. und II. Teil in einem Bd.). Besorgt von Kurt Gerhard Fischer (Schöninghs Sammlung pädagogischer Schriften. Quellen zur Geschichte der Pädagogik), Paderborn 1965]; Übersetzung: V.E.M, Trattato di educazione generale. Adatto all'uso die pubbliche lezioni. Tradotto dal Tedesco, Milano 1827; Christkatholische Betrachtungen und Gebete in den Tagen der Gefahr der Asiatischen Brechruhr (Cholera morbus), Leitmeritz 1831; kleinere Schriften abgedruckt in: Josef August Ginzel, Reliquien von V.E.M., weiland Fürsten-Erzbischofe der Kirche von Wien, nebst einem Abriss seines Lebens, Prag 1853; Leopold Krebs, V.E.M. und die Seelsorge in Strafhäusern (Theologische Studien der Österreichischen Leo-Gesellschaft, Bd. 25), Wien 1922; ders., V.E.M. in seiner Bedeutung für den Religionsunterricht (Theologische Studien der Österreichischen Leo-Gesellschaft, Bd. 26), Wien 1925.
Lit.: Wilhelm C. Schram, V.E.M., Erzbischof und Pädagoge. Eine Festschrift zu seiner hundertjährigen Geburtstags-Feier am 11. Mai 1877, Brünn 1877; - Andreas Thurnwald, Fürsterzbischof V.E.M. als Pädagoge. Zur Feier des hundertjährigen Geburtstages M.s (11. Mai 1877), Wien 1877; - Karl Wotke, V.E.M. als Pädagoge und sein Verhältnis zu den geistigen Strömungen seiner Zeit (Beiträge zur österreichischen Erziehungs- und Schulgeschichte, Heft 4), Wien-Leipzig 1902; - Max Ortner, Kant in Österreich und V.E.M., Klagenfurt 1904; - Bruno Gallwitz, Darlegung und Kritik der Pädagogik V.E.M.s, nachmaligen Fürsterzbischofs von Wien (Diss.), Breslau 1909; - Leopold Krebs (s.o.) 1922 bzw. 1925; - Rudolf Lochner, V.E.M., in: Sudetendeutsche Lebensbilder, 1, 1926, 252-257; - Oskar Meister, V.E.M. und seine Verdienste um die Strafrechtspflege, in: Zeitschrift des deutschen Vereines für die Geschichte Mährens und Schlesiens 29, 1927, 49-62; - ders., V.E.M im Lichte der Gegenwart, in: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik 4, 1928, 593-628; - ders., V.E.M. und die Anfänge der deutschen Kriminalpädagogik, in: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts 16-19, 1926-1929, 83-95; - Maria Bauer, V.E.M. Gehalt, Quellen und Wirkungen seiner Pädagogik (Pädagogisches Magazin, Bd. 1199), Langensalza 1928; - Rudolf Lochner, V.E.M., in: Handbuch der Diözese Leitmeritz, Warnsdorf 1941; - Hildegard Holtstiege, Die Pädagogik V.E.M.s 1777-1853 (Wiener Beiträge zur Theologie, Bd. 38), Wien 1971; - dies., Die erste "anthropologische Wende" und V.E.M. Zur historischen Dimension einer aktuellen Problematik, in: Paedagogica historica 13, 1973, 389-424; - dies., Homo viator. M.s Bildungsbegriff. Zur heilsgeschichtlichen Dimension, in: Franz Loichl (Hrsg.), Aspekte und Kontakte eines Kirchenhistorikers. Kirche und Welt in ihrer Begegnung (Wiener Beiträge zur Theologie, Bd. 52), Wien 1976, 53-72; - Richard von Prennerstein, Heilen als pädagogischer Begriff unter besonderer Berücksichtigung von M. und Jean Paul, in: Heilpädagogische Forschung 8, 1978-1980, 356-368; - Franz Karl Felder/Franz Joseph Waitzenegger (Hrsg.), Gelehrten- (und Schriftsteller-) Lexikon der katholischen Geistlichkeit Deutschlands und der Schweiz, Landshut 1820, 105 f.; - Wurzbach XVIII, 301-308; - ADB XXI, 741 f.; - Wetzer/Welte, Kirchenlexikon VIII (1893), Sp. 1513 f.; - Kosch, KD II, 2999; - Lexikon der Pädagogik der Gegenwart I (1930); - LPäd(B) III, 311; - LexPäd(F) (1971) III, 483 f.; - RGG3 IV, Sp. 944; - LThK2 VII, Sp. 413; - RE3 VIII, 208 ff.; - ÖBL VI, 293 f.
Wilhelm Füßl
Letzte Änderung: 09.04.2011