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Band V (1993)Spalten 1569-1573 Autor: Barbara Wolf-Dahm

MIRBT, Carl, ev. Kirchenhistoriker und Missionswissenschaftler, * 21.6. 1860 in Gnadenfrei/Schlesien, + 27.9. 1929 in Göttingen. - M. wuchs in der Brüdergemeine auf und erhielt auch seine erste Schulausbildung auf deren Pädagogium in seinem Heimatort. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Strehlen/Schlesien studierte er 1880-1885 Theologie in Halle, Erlangen und Göttingen, wo er 1886 für zwei Jahre die Stelle des Inspektors des Theologischen Stifts übernahm. Am 7.1. 1888 wurde er an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen mit einer Dissertation über das Thema »Die Stellung Augustin's in der Publicistik des Gregorianischen Kirchenstreits« promoviert. Bereits am 14.1. 1888 habilitierte er sich an derselben Fakultät für das Fach Kirchengeschichte. Ein Jahr später ging er als außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte an die Universität Marburg (10.1. 1889). Als er dort am 20.12. 1890 eine ordentliche Professur einnehmen konnte, zählte er zu den jüngsten Professoren in Deutschland. 1911 erhielt er einen Ruf an die Universität Göttingen, wo er von 1912 bis zu seiner Emeritierung am 1.10.1928 das Fach Kirchengeschichte vertrat. Wie schon aus dem Dissertationsthema hervorgeht, bildete die mittelalterliche Papstgeschichte einen Forschungsschwerpunkt M.s. Das Interesse für dieses Gebiet hatte sein Lehrer Hermann Reuter geweckt. Als Kirchenhistoriker erlangte M. eine gewisse Bedeutung durch seinen methodischen Neuansatz, welcher die Kirchengeschichte nicht mehr von der Profanhistorie trennte und mit denselben wissenschaftlichen Methoden bzw. forschungsleitenden Fragestellungen arbeitete wie diese. So vertrat M. im Anschluß an Ranke für sein Fachgebiet die These: »Kirchenhistorie ist Feststellung nackter Tatsachen«. Allerdings sind seine zahlreichen Schriften über das Papsttum und die katholische Kirche, darunter sein Hauptwerk »Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus«, keineswegs objektiv, sondern zeugen deutlich von der kämpferisch antikatholischen Einstellung des Verfassers, die u.a. von seinen Jugenderlebnissen während des Kulturkampfes herrührte. Im Zusammenhang mit diesen Studien stieß M. zu dem 1886 gegründeten Evangelischen Bund, dessen Anliegen es war, den Protestantismus innerlich zu festigen und ihm gegenüber dem Staat und dem Katholizismus stärkeres Gewicht zu verleihen. M. stellte sich nicht nur durch eine rege Vortragstätigkeit in den Dienst des Evangelischen Bundes, sondern wirkte auch in dessen Zentralvorstand mit. Ein zweiter Schwerpunkt der Arbeit M.s lag bei der Missionswissenschaft. Den Anstoß hierzu gaben die missionarische Ausrichtung der heimatlichen Brüdergemeine und vor allem die Begegnung mit Gustav Warneck, dem Mitbegründer des Evangelischen Bundes, Gründer der Missionskonferenzen und »Vater« der Missiologie. M., der sowohl in Marburg als auch in Göttingen einen zusätzlichen Lehrauftrag für Missionswissenschaft erhielt und schon in der hessischen Missionskonferenz mitwirkte, setzte Warnecks Werk fort, indem er in Hannover eine allgemeine Missionskonferenz ins Leben rief und am 29.9. 1918 in Berlin die »Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaft« gründete, deren Vorsitz er bis zu seinem Tod innehatte und in deren Namen er seit 1920 die »Missionswissenschaftlichen Forschungen« herausgab. Von großem Wert für die evangelische Missiologie ist auch das von M. angeregte Repertorium zu der von Warneck gegründeten »Allgemeinen Missionszeitschrift« für die Jahrgänge 1874-1903 des pensionierten Marburger Pfarrers Horbach. Einen persönlichen Höhepunkt bildete für M. seine Afrikareise im Jahre 1913, bevor der Erste Weltkrieg mit dem Verlust der deutschen Kolonien auch der deutschen evangelischen Mission schweren Schaden zufügte. In den zwanziger Jahren engagierte sich M. noch für die Kolonialschule in Witzenhausen und den Evangelischen Hauptverein für deutsche Ansiedler und Auswanderer. Im Zusammenhang mit seiner Göttinger Professur stand schließlich ein drittes Forschungsgebiet M.s: die niedersächsische Kirchengeschichte. Seit 1912 gehörte er dem Vorstand der »Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte« an, zuletzt als deren Vorsitzender. 1919 gründete er die Forschungsreihe »Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens«, die er bis zu seinem Tod als Herausgeber betreute. Überhaupt besaß M. großes organisatorisches Talent und Verhandlungsgeschick, auch in der Beschaffung von Fördermitteln für die von ihm vertretenen Anliegen. Gern übernahm er organisatorische Aufgaben wie 1903 als Konsistorialrat, seit 1909 als Geheimer Konsistorialrat in Kassel, 1903/04 als Rektor der Universität Marburg und 1920/21 als Rektor der Universität Göttingen (während dieses Rektorats konnte der glühende Patriot M. Hindenburg als Gast begrüßen anläßlich der Einweihung einer Büste des Feldmarschalls in der Universitätsaula, deren Aufstellung M. angeregt hatte) oder bei der Vorbereitung von Missionskonferenzen und wissenschaftlichen Symposien. Großen Wert legte er auch auf die Verbindung von Wissenschaft und Volksbildung, weshalb er häufig öffentliche Vorträge hielt und die Missionskonferenzen besonders förderte. Obwohl er als persönlich verschlossen charakterisiert wird, schätzten ihn die Studenten als Lehrer, der ihnen nicht nur die Kirchengeschichte prägnant vermittelte, sondern ihnen auch, vor allem während der Inflationszeit Anfang der zwanziger Jahre, in Alltagsproblemen hilfsbereit zur Seite stand. Im Kollegenkreis war er ebenfalls geachtet. Eine Festschrift mit dem Titel »Altes und Neues aus Bremen, Göttingen und dem übrigen Niedersachsen«, die M. Anfang April 1929 zum vierzigjährigen Professurjubiläum überreicht werden sollte, konnte er nicht mehr entgegennehmen, da er bald nach seiner Emeritierung kränkelte. Sein früher Tod wurde von den Göttinger Gelehrten wie in der evangelischen Mission als großer Verlust betrauert. - M., zu Lebzeiten in protestantischen Kreisen hoch geschätzt, ist heute als Kirchenhistoriker weitgehend vergessen. Seine von antikatholischer Polemik und deutschnationaler Gesinnung geprägten Schriften sind wissenschaftlich überholt. Bleibende Bedeutung kommt dagegen seinen Impulsen für die Missionswissenschaft sowie den von ihm gegründeten wissenschaftlichen Studienreihen zu.

Werke: (Auswahl): Die Stellung Augustin's in der Publicistik des Gregorianischen Kirchenstreits (Diss. Göttingen), 1888; Die Absetzung Heinrich's IV. durch Gregor VII. in der Publicistik jener Zeit, 1890; Die Entstehung des Papstthums, 1890; Die Wahl Gregors VII., 1892; Der deutsche Patriot und die Jesuitenfrage, 1893; Die Publizistik im Zeitalter Gregors VII., 1894, Nachdr. 1965; Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus, 1895, 19012, 19113, 19244, 19345, 19676; Der deutsche Protestantismus und die Heidenmission im 19. Jahrhundert, 1896; Die Religionsfreiheit in Preußen unter den Hohenzollern, 1897; Die preußische Gesandtschaft am Hofe des Papstes, 1899; Der Toleranzantrag des Centrums, 1901, 19022; Der Ultramontanismus im neunzehnten Jahrhundert, 1902; Der Zusammenschluß der evangelischen Landeskirchen Deutschlands, 1903; Die evangelische Mission als Kulturmacht, 1905; Die katholisch-theologische Fakultät zu Marburg. Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirche in Kurhessen und Nassau, 1905; Johannes Calvin, 1909; Die deutsch-evangelische Diaspora im Auslande, 1910; Die Eigenart der deutschen Mission, 1910; Mission und Kolonialpolitik in den deutschen Schutzgebieten, 1910; Der Entscheidungskampf des Christentums um seine Stellung als Weltreligion, 1912; Die Frau in der deutschen evangelischen Auslandsdiaspora und die deutsche Kolonialmission, 1912; Der Kampf um die Elisabethkirche in Marburg. Ein Beitrag zur Geschichte kirchlicher Simultanverhältnisse, 1912; Geschichte der katholischen Kirche von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Vatikanischen Konzil, 1913; Der Kampf um unsere Kolonien, 1914; Die evangelische Mission Deutschlands unter dem Druck des gegenwärtigen Weltkrieges, 1916; Die Evangelische Mission. Eine Einführung in ihre Geschichte und Eigenart, 19171-4; Mission und Reformation, 1917; Der Einheitsgedanke in der Geschichte des Protestantismus, in: Göttingen. Reformationsfeier am 31. Oktober 1917. Festrede, 1918, 11-31; Randglossen zu der Basler Kirchenverfassung, 1919; Die christliche Mission in den völkerrechtlichen Verträgen der Neuzeit, in: Festg. für Adolf v. Harnack zum 70. Geburtstag, 1921, 342-361 (auch als Sonderdruck, 1921), Die Grundformen des Verhältnisses von Staat und Kirche, 1921; Unser Bekenntnis zum deutschen Volkstum, 1921; Das Mischehenrecht des Codex iuris canonici, in: Festg. für Karl Müller zum 70. Geburtstag, 1922, 282-300; August Hermann Francke und die Mission, 1927; Das Konkordatsproblem der Gegenwart, 19271-2; diverse Artikel in: RE; RGG; Hrsg.: Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens, 1919-1929; Missionswissenschaftliche Forschungen, 1920-1929; Mit-Hrsg.: Deutsch-Evangelisch, 1902-1916; Deutsch-Evangelisch im Auslande, 1911-1915; Zum Gedächtnis August Hermann Franckes. Zu seinem 200 jährigen Todestage am 8. Juni 1927, 1927.

Lit.: Altes und Neues aus Bremen, Göttingen und dem übrigen Niedersachsen. Prof. D. C.M. zum 40jährigen Professoren-Jubiläum. = ZGNKG 34/35, 1929/30; - Hinrich Johannsen, D. C.M. in piam memoriam, in: NAMZ 7, 1930, 10-16; - Ernst Strasser, C.M. als Missionswissenschaftler, in: Ev.-luth. Missionsbl. 44 (86), 1931, 24-46; - Heinz Weidemann, C.M. zum Gedächtnis, in: ZGNKG 36, 1931, 5-11; - RGG IV, 962; - LThK VII, 437.

Barbara Wolf-Dahm

Letzte Änderung: 11.07.1998