MIRBT, Carl, ev. Kirchenhistoriker und Missionswissenschaftler, * 21.6. 1860
in Gnadenfrei/Schlesien, + 27.9. 1929 in Göttingen. - M.
wuchs in der Brüdergemeine auf und erhielt auch seine erste Schulausbildung
auf deren Pädagogium in seinem Heimatort. Nach dem Besuch des Gymnasiums
in Strehlen/Schlesien studierte er 1880-1885 Theologie in Halle, Erlangen
und Göttingen, wo er 1886 für zwei Jahre die Stelle des Inspektors
des Theologischen Stifts übernahm. Am 7.1. 1888 wurde er an der Theologischen
Fakultät der Universität Göttingen mit einer Dissertation über das
Thema »Die Stellung Augustin's in der Publicistik des Gregorianischen
Kirchenstreits« promoviert. Bereits am 14.1. 1888 habilitierte er
sich an derselben Fakultät für das Fach Kirchengeschichte. Ein Jahr
später ging er als außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte
an die Universität Marburg (10.1. 1889). Als er dort am 20.12. 1890
eine ordentliche Professur einnehmen konnte, zählte er zu den jüngsten
Professoren in Deutschland. 1911 erhielt er einen Ruf an die Universität
Göttingen, wo er von 1912 bis zu seiner Emeritierung am 1.10.1928
das Fach Kirchengeschichte vertrat. Wie schon aus dem Dissertationsthema
hervorgeht, bildete die mittelalterliche Papstgeschichte einen Forschungsschwerpunkt
M.s. Das Interesse für dieses Gebiet hatte sein Lehrer Hermann Reuter
geweckt. Als Kirchenhistoriker erlangte M. eine gewisse Bedeutung
durch seinen methodischen Neuansatz, welcher die Kirchengeschichte
nicht mehr von der Profanhistorie trennte und mit denselben wissenschaftlichen
Methoden bzw. forschungsleitenden Fragestellungen arbeitete wie diese.
So vertrat M. im Anschluß an Ranke für sein Fachgebiet die These:
»Kirchenhistorie ist Feststellung nackter Tatsachen«. Allerdings sind
seine zahlreichen Schriften über das Papsttum und die katholische
Kirche, darunter sein Hauptwerk »Quellen zur Geschichte des Papsttums
und des römischen Katholizismus«, keineswegs objektiv, sondern zeugen
deutlich von der kämpferisch antikatholischen Einstellung des Verfassers,
die u.a. von seinen Jugenderlebnissen während des Kulturkampfes herrührte.
Im Zusammenhang mit diesen Studien stieß M. zu dem 1886 gegründeten
Evangelischen Bund, dessen Anliegen es war, den Protestantismus innerlich
zu festigen und ihm gegenüber dem Staat und dem Katholizismus stärkeres
Gewicht zu verleihen. M. stellte sich nicht nur durch eine rege Vortragstätigkeit
in den Dienst des Evangelischen Bundes, sondern wirkte auch in dessen
Zentralvorstand mit. Ein zweiter Schwerpunkt der Arbeit M.s lag bei
der Missionswissenschaft. Den Anstoß hierzu gaben die missionarische
Ausrichtung der heimatlichen Brüdergemeine und vor allem die Begegnung
mit Gustav Warneck, dem Mitbegründer des Evangelischen Bundes, Gründer
der Missionskonferenzen und »Vater« der Missiologie. M., der sowohl
in Marburg als auch in Göttingen einen zusätzlichen Lehrauftrag für
Missionswissenschaft erhielt und schon in der hessischen Missionskonferenz
mitwirkte, setzte Warnecks Werk fort, indem er in Hannover eine allgemeine
Missionskonferenz ins Leben rief und am 29.9. 1918 in Berlin die
»Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaft« gründete, deren Vorsitz
er bis zu seinem Tod innehatte und in deren Namen er seit 1920 die
»Missionswissenschaftlichen Forschungen« herausgab. Von großem Wert
für die evangelische Missiologie ist auch das von M. angeregte Repertorium
zu der von Warneck gegründeten »Allgemeinen Missionszeitschrift« für
die Jahrgänge 1874-1903 des pensionierten Marburger Pfarrers Horbach.
Einen persönlichen Höhepunkt bildete für M. seine Afrikareise im Jahre
1913, bevor der Erste Weltkrieg mit dem Verlust der deutschen Kolonien
auch der deutschen evangelischen Mission schweren Schaden zufügte.
In den zwanziger Jahren engagierte sich M. noch für die Kolonialschule
in Witzenhausen und den Evangelischen Hauptverein für deutsche Ansiedler
und Auswanderer. Im Zusammenhang mit seiner Göttinger Professur stand
schließlich ein drittes Forschungsgebiet M.s: die niedersächsische
Kirchengeschichte. Seit 1912 gehörte er dem Vorstand der »Gesellschaft
für niedersächsische Kirchengeschichte« an, zuletzt als deren Vorsitzender.
1919 gründete er die Forschungsreihe »Studien zur Kirchengeschichte
Niedersachsens«, die er bis zu seinem Tod als Herausgeber betreute.
Überhaupt besaß M. großes organisatorisches Talent und Verhandlungsgeschick,
auch in der Beschaffung von Fördermitteln für die von ihm vertretenen
Anliegen. Gern übernahm er organisatorische Aufgaben wie 1903 als
Konsistorialrat, seit 1909 als Geheimer Konsistorialrat in Kassel,
1903/04 als Rektor der Universität Marburg und 1920/21 als Rektor
der Universität Göttingen (während dieses Rektorats konnte der glühende
Patriot M. Hindenburg als Gast begrüßen anläßlich der Einweihung einer
Büste des Feldmarschalls in der Universitätsaula, deren Aufstellung
M. angeregt hatte) oder bei der Vorbereitung von Missionskonferenzen
und wissenschaftlichen Symposien. Großen Wert legte er auch auf die
Verbindung von Wissenschaft und Volksbildung, weshalb er häufig öffentliche
Vorträge hielt und die Missionskonferenzen besonders förderte. Obwohl
er als persönlich verschlossen charakterisiert wird, schätzten ihn
die Studenten als Lehrer, der ihnen nicht nur die Kirchengeschichte
prägnant vermittelte, sondern ihnen auch, vor allem während der Inflationszeit
Anfang der zwanziger Jahre, in Alltagsproblemen hilfsbereit zur Seite
stand. Im Kollegenkreis war er ebenfalls geachtet. Eine Festschrift
mit dem Titel »Altes und Neues aus Bremen, Göttingen und dem übrigen
Niedersachsen«, die M. Anfang April 1929 zum vierzigjährigen Professurjubiläum
überreicht werden sollte, konnte er nicht mehr entgegennehmen, da
er bald nach seiner Emeritierung kränkelte. Sein früher Tod wurde
von den Göttinger Gelehrten wie in der evangelischen Mission als großer
Verlust betrauert. - M., zu Lebzeiten in protestantischen Kreisen
hoch geschätzt, ist heute als Kirchenhistoriker weitgehend vergessen.
Seine von antikatholischer Polemik und deutschnationaler Gesinnung
geprägten Schriften sind wissenschaftlich überholt. Bleibende Bedeutung
kommt dagegen seinen Impulsen für die Missionswissenschaft sowie den
von ihm gegründeten wissenschaftlichen Studienreihen zu.
Werke: (Auswahl): Die Stellung Augustin's in der Publicistik
des Gregorianischen Kirchenstreits (Diss. Göttingen), 1888; Die Absetzung
Heinrich's IV. durch Gregor VII. in der Publicistik jener Zeit, 1890;
Die Entstehung des Papstthums, 1890; Die Wahl Gregors VII., 1892;
Der deutsche Patriot und die Jesuitenfrage, 1893; Die Publizistik
im Zeitalter Gregors VII., 1894, Nachdr. 1965; Quellen zur Geschichte
des Papsttums und des römischen Katholizismus, 1895, 19012,
19113, 19244, 19345, 19676; Der deutsche
Protestantismus und die Heidenmission im 19. Jahrhundert, 1896; Die
Religionsfreiheit in Preußen unter den Hohenzollern, 1897; Die preußische
Gesandtschaft am Hofe des Papstes, 1899; Der Toleranzantrag des Centrums,
1901, 19022; Der Ultramontanismus im neunzehnten Jahrhundert,
1902; Der Zusammenschluß der evangelischen Landeskirchen Deutschlands,
1903; Die evangelische Mission als Kulturmacht, 1905; Die katholisch-theologische
Fakultät zu Marburg. Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirche
in Kurhessen und Nassau, 1905; Johannes Calvin, 1909; Die deutsch-evangelische
Diaspora im Auslande, 1910; Die Eigenart der deutschen Mission, 1910;
Mission und Kolonialpolitik in den deutschen Schutzgebieten, 1910;
Der Entscheidungskampf des Christentums um seine Stellung als Weltreligion,
1912; Die Frau in der deutschen evangelischen Auslandsdiaspora und
die deutsche Kolonialmission, 1912; Der Kampf um die Elisabethkirche
in Marburg. Ein Beitrag zur Geschichte kirchlicher Simultanverhältnisse,
1912; Geschichte der katholischen Kirche von der Mitte des 18. Jahrhunderts
bis zum Vatikanischen Konzil, 1913; Der Kampf um unsere Kolonien,
1914; Die evangelische Mission Deutschlands unter dem Druck des gegenwärtigen
Weltkrieges, 1916; Die Evangelische Mission. Eine Einführung in ihre
Geschichte und Eigenart, 19171-4; Mission und Reformation,
1917; Der Einheitsgedanke in der Geschichte des Protestantismus, in:
Göttingen. Reformationsfeier am 31. Oktober 1917. Festrede, 1918,
11-31; Randglossen zu der Basler Kirchenverfassung, 1919; Die christliche
Mission in den völkerrechtlichen Verträgen der Neuzeit, in: Festg.
für Adolf v. Harnack zum 70. Geburtstag, 1921, 342-361 (auch als Sonderdruck,
1921), Die Grundformen des Verhältnisses von Staat und Kirche, 1921;
Unser Bekenntnis zum deutschen Volkstum, 1921; Das Mischehenrecht
des Codex iuris canonici, in: Festg. für Karl Müller zum 70. Geburtstag,
1922, 282-300; August Hermann Francke und die Mission, 1927; Das Konkordatsproblem
der Gegenwart, 19271-2; diverse Artikel in: RE; RGG; Hrsg.:
Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens, 1919-1929; Missionswissenschaftliche
Forschungen, 1920-1929; Mit-Hrsg.: Deutsch-Evangelisch, 1902-1916;
Deutsch-Evangelisch im Auslande, 1911-1915; Zum Gedächtnis August
Hermann Franckes. Zu seinem 200 jährigen Todestage am 8. Juni 1927,
1927.
Lit.: Altes und Neues aus Bremen, Göttingen und dem übrigen
Niedersachsen. Prof. D. C.M. zum 40jährigen Professoren-Jubiläum.
= ZGNKG 34/35, 1929/30; - Hinrich Johannsen, D. C.M. in piam memoriam,
in: NAMZ 7, 1930, 10-16; - Ernst Strasser, C.M. als Missionswissenschaftler,
in: Ev.-luth. Missionsbl. 44 (86), 1931, 24-46; - Heinz Weidemann,
C.M. zum Gedächtnis, in: ZGNKG 36, 1931, 5-11; - RGG IV, 962;
- LThK VII, 437.