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Verlag Traugott Bautz
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MÖRIKE, Otto Emil, luth. Pfarrer, * 7.4. 1897 in Dürrwangen (Kr. Balingen) als Pfarrersohn, † 9.7. 1978 in Schorndorf. - M. ist Nachkomme (Ururenkel) des jüngsten Bruders des Großvaters des Dichters. - Nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg studierte M. in Tübingen ev. Theol. (1919-1922), wobei er bes. von Adolf Schlatter (s.d.) geprägt wurde. Seit 1925 amtierte er als Pfarrer in Oppelsbohm (Kr. Waiblingen), anschließend in Kirchheim unter Teck (1935-1938). Im Kirchenkampf trat M. auf die Seite der Bekennenden Kirche und war Mitglied des Landesbruderrats und stellvertretender Delegierter im Reichsbruderrat. Nachdem seine entschiedene Gegnerschaft gegen das NS-Regime wiederholt Zusammenstöße heraufbeschworen hatte und ihm 1936 der Lehrauftrag für den Religionsunterricht entzogen wurde, kam es anläßlich der Abstimmung zum Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich im April 1938 zum Eklat: In einer ausführlichen Erklärung, die er - wie auch seine Gattin Gertrud (1904-1982) - in die Wahlurne warf, verweigerte M. Hitler seine Zustimmung, was ihm schwere Mißhandlungen durch eine von der SA aufgebrachte Menge und »Schutzhaft« eintrug; er wurde zu zehn Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt und galt fortan als »verbissener Gegner« des Nationalsozialismus. 1939 übernahm er die Gemeinden Weissach und Flacht (Kr. Leonberg). Im dortigen Pfarrhaus beherbergte er verfolgte Juden und vermittelte ihnen auch andernorts Quartiere; ebenso organisierte er Hilfsaktionen für inhaftierte Pfarrer. 1947 wurde M. auf die Pfarrei Stuttgart-Weilimdorf versetzt, 1953 schließlich zum Dekan von Weinsberg ernannt. Im Ruhestand engagierte er sich in der Friedensbewegung und führte den Vorsitz der »Aktion Sühnezeichen« in Württemberg. - M.s Wirken war biblisch-pragmatisch und humanitär motiviert. (»Ich weiß mich durch mein an Christi Gebot gebundenes Gewissen und meine Verantwortung als ein Zeuge der Wahrheit gefordert«). Für ihre Verdienste um die Juden erhielt das Ehepaar M. 1971 die Yad-Vashem-Medaille; zu ihrem Gedächtnis wurde 1975 in der »Allee der Gerechten« in Jerusalem ein Baum gepflanzt.
Werke: Max Krakauer, Lichter im Dunkel. Flucht und Rettung eines jüdischen Ehepaars im Dritten Reich, 1947. Neu hrsg. von M., 1975 (19762.3; Nachdr.).
Quellen: Friedrich Paul M., Dekan i.R. (Sohn), Friedrichshafen (Nachlaß); Landeskirchl. Arch. Stuttgart; Hauptstaatsarchiv Ludwigsburg (Urteil des Sondergerichts, 1939); Dekanatsarch. Kirchheim/Teck; Stadtarch. Kirchheim/Teck. - Veröff. Qu.: I. Wilimzig (Hrsg.), 1900-1950: 50 Jahre erlebte und geschriebene Gesch., 1982, 81-86 (Vier Tage im April); Gerhard Schäfer (Hrsg.), Die Ev. Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd 5, 1982, 936-954 u.ö. (vgl. auch andere Bde); Ders./Konrad Gottschick (Hrsg.), Lesebuch zur Gesch. der Ev. Landeskirche in Württemberg, Bd IV: Unerwartete Wege in der ersten Hälfte des 20. Jh.s, 1988, 246-250; Gertrud und O. M. Einsatz für die Gerechtigkeit, zus.gestellt von Martin Lörcher [Masch. 1989]; Werner Raupp, Gelebter Glaube. Erfahrungen und Lebenszeugnisse aus unserem Land, 1993, 361-368; Anstöße, Interview mit M. im Süddeutschen Rundfunk vom April 1978 (dass. auch gekürzt auf Schallplatte).
Lit.: Stadtpfarrer Mörike lästert im Gebet, in: Flammenzeichen, Überparteiliche Bll. für dt. Selbstbesinnung und nordisches Rassenbewußtsein gegen ultramontane Machtgier und allen Fremdgeist, Nr. 44/1936, 4; - Max Krakauer, w.o., 83 ff.; - Heinrich Hermelink, Gesch. der Ev. Kirche in Württemberg von der Ref. bis zur Ggw., 1949, 476; - Theodor Dipper, Die Ev. Bekenntnisgemeinschaft in Württemberg 1933-1945. Ein Beitrag zur Gesch. des Kirchenkampfes im Dritten Reich, 1966 (AGK 17), 220-232 u.ö.; - Richard Fischer, Paul Schempp und sein Kampf um die Kirche, in: BWKG 66/67 (1966/67), 356; - Hartmut Lehmann, Pietismus und weltliche Ordnung in Württemberg vom 17. bis zum 20. Jh., 1969, 343; - Porträt der Woche (O.M.), in: Ev. Gemeindebl. für Württemberg Nr. 14/1972, 6; - dass.; in: ebd., Nr. 30.31/1975, 6; - Helmut Pfeiffer, Ev. Kirche im Dritten Reich. Pfarrer M. vor dem Sondergericht, in: ebd., Nr. 24/1983, 4; - Otto Borst, Stuttgart. Die Gesch. einer Stadt, 1973, 408; - Ders. (Hrsg.), Das Dritte Reich in Baden und Württemberg, 1988, 90; - Paul Sauer, Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus, 1975, 178.190; - Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 170 (Schwäb. Geschl. Buch, Bd. 9), 165-167; - Anton Maria Keim (Hrsg.), Yad Vashem: die Judenretter aus Deutschland 1983, 99 (Dossier, Nr. 412); - Hildburg Raithelhuber, Gertrud M. (1904-1982), in: Kurt Rommel (Hrsg.), Unsere Kirche unter Gottes Wort. Die ev. Landeskirche in Württemberg einst und heute in Gesch. und Gestalten, 1985, 178-181; - Wilhelm Kern, Kirchlicher Widerstand während des Dritten Reiches in Kirchheim unter Teck am Beispiel des Pfarrers O.M., in: Schrr. R. des Stadtarch.s Kirchheim unter Teck 4 (1986), 105-133 (= erw. Fassung der Prüfungsarbeit zur II. Ev-Theol. Dienstprüfung 1978: Der Ev. Kirchenkampf im Kirchenbz. Kirchheim/Teck; unter bes. Berücks. der Pfarrer O.M. und Julius von Jan); - R. Kilian, Kirchheim unter Teck auf dem Weg ins Dritte Reich, in: ebd., 67-104; - Alexander Bronowski, Es waren so Wenige. Retter im Holocaust, 1991, 148-153; - Der Teckbote (Kirchheim/Teck), 6.12.1991; - Das ev. Württemberg. Seine Kirchenstellen und Geistlichen von der Ref.zeit bis auf die Ggw. (= Generalmagisterbuch) XIV, 1, 947; - NDB 17 (ersch. 1993).
Werner Raupp
Literaturergänzung:
1994
Werner Raupp, Art.: Mörike, Otto Emil (1897-1978) – In: Neue Deutsche Biographie Bd. 17 (1994), S. 672-673 (mit Genealogie); -
2002
Werner Raupp, Mörike, Otto Emil, in: Baden-Württembergische Biographien, Bd. 3. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg hrsg. von Bernd Ottnad (†) und Fred Ludwig Sepaintner, Stuttgart 2002, p. 256-258.
Letzte Änderung: 14.04.2010