MÖRL, Maria von, ekstatische Jungfrau. * 16. Oktober 1812 in Kaltern/Südtirol, † 11. Januar 1868 ebenda. - Die Familie von Mörl gehört zum Tiroler Uradel. M. war das zweite von zehn Kindern und wuchs unter ärmlichen Verhältnissen auf. Mit sechs Jahren begann sie zu kränkeln, litt unter Fieber und Entzündungen. Sie wurde von verschiedenen Ärzten erfolglos behandelt. Der Vater, Joseph von Mörl, überließ alle Geschäfte und die Sorge um die Familie seiner Frau, Maria Katharina (geborene Sölva). Die Mutter starb im Jahr 1826. - M. stellte sich unter die Leitung ihres Beichtvaters Pater Johannes Capistran Soyer (1798-1865). Er erfüllte diese Aufgabe bis zu seinem Tod. Am 29. November 1830 ließ sie sich bei den Tertiarschwestern in Kaltern aufnehmen, lebte aber weiterhin im elterlichen Haus. Noch im selben Jahr erkrankte sie so stark, daß man ihren Tod befürchtete. Neben den körperlichen Leiden fühlte sie sich von dunklen Gestalten verfolgt. Ab 1832 traten bei ihr Ekstasen auf. Im Juli 1833 erhielt Pater Capistran die Erlaubnis, einen Exorzismus an ihr durchzuführen. Mit 24 Jahren bekam sie an Händen und Füßen die Wundmale. Jeden Freitag schien sie die Passion Christi mitzuerleben. Pater Capistran, der als zurückhaltend in seiner Seelenführung beschrieben wird, hatte kraft des absoluten Gehorsams, den ihm M. geschworen hatte, als einziger die Möglichkeit, sie aus der Ekstase zurückzuholen.
M. wurde zum Anziehungspunkt von Besucherscharen. Allein im Sommer 1833 sollen es 40.000 Menschen gewesen sein. Neben den einfachen Leuten kamen zunehmend berühmte Persönlichkeiten: Bischöfe, Adlige, Politiker und die Anhänger des Görreskreises. Joseph Görres widmete ihr in seinem Alterswerk "Christliche Mystik" eine ausführliche Darstellung. - M.s Leben war bestimmt von ihren täglichen Betrachtungen, welche sie mit Mienenspiel und Gebärden begleitete. Neben dem Altarsakrament war es das Leben und Leiden Jesu, was sie am meisten in Anspruch nahm. Hier folgte sie zumeist dem Kirchenjahr. Trotz ihres beständig kranken Zustandes unterzog sie sich harten Bußübungen. Sie schlief und aß kaum. Ihren Besuchern gegenüber drückte sie sich meist nur in unartikulierten Lauten aus. Ihr kindliches Naturell fiel besonders auf.
Im Jahr 1840, nach dem Tod ihres Vaters, zog sie in das Kloster der Tertiarschwestern in Kaltern ein, wo sie bis zu ihrem Tod mit einer kurzen Unterbrechung wirkte. Nach dem Tod ihres Beichtvaters Capistran 1865 hörten die Ekstasen plötzlich auf, kehrten nach etwa zwei Monaten wieder zurück bis sie schließlich nach langem Leiden am 11. Januar 1868 starb. - Zu ihrer Zeit war Maria von Mörl in ganz Europa bekannt. Vor allem vom ultramontanen Klerus besucht, wirkte sie als Fürbitterin für Papst und Kaiser. Ihr Anblick wurde von den meisten Besuchern als erbaulich empfunden. Von vielen als Heilige betrachtet hielt sich die Kirche offiziell im Urteil zurück. Der Fürstbischof von Trient, Franz Xaver Luschin (1823-1834), sagte über sie: "Die Krankheit der Maria von Mörl ist zwar keine Heiligkeit, aber ihre bewährte Frömmigkeit ist auch keine Krankheit." - Zu ihren Besuchern zählten unter anderem Clemens Brentano, Adolph Kolping und Ignaz Döllinger. Geistesgeschichtlich gehört sie in die Reihe der außergewöhnlichen Phänomene, für die man sich im 19. Jahrhundert nicht nur im katholischen Raum interessierte, sondern auch vom Magnetismus bzw. Mesmerismus herkommende Mediziner und Strömungen in der Romantik. Joseph Görres erklärte ihre körperlichen und psychischen Zustände im Rahmen seines mystischen Weltbildes. - Seit den 1830er Jahren ist ein Anstieg der Fälle von Ekstatikerinnen und Stigmatisierten im deutschen und italienischen Raum zu beobachten, wobei es sich bei den bekannten Fällen ausschließlich um Frauen handelte. In Südtirol sind neben M. noch folgende Namen bekannt: Ursula Mohr aus Eppan, Kreszentia Nikklutsch aus Tscherms, Domenica Lazzari aus Capriana und Agnes Steiner aus Taisten.
Werke: Maria von Mörl hat nichts veröffentlicht.
Lit.: Simon Buchfelner, Die Wundmale Jesu an den zwei Jungfrauen M. Domenica Lazzari und Maria von Mörl, München 1839; - Joseph von Görres, Die christliche Mystik II, 1837, 495-510; - Ders., Die christliche Mystik III, 1840, 468-470; - Ders., Die christliche Mystik IV, 1842, 397-404; - Josef Ennemoser, Geschichte der Magie, Leipzig 1844, 194; - Lord Shrewsbury, Gesammelte Mitteilungen über die ekstatischen Jungfrauen, München 1848; - Pater Simon Prantauer, Die ekstatische Jungfrau und Mystikerin Maria von Mörl (1812-1868), Bozen 1868; - Franz Binder, Maria von Mörl, in: Historisch-politische Blättter für das katholische Deutschland LXI, München 1868, 449-472; - Theodor Griesinger, Die heilige Maria von Mörl oder das glaubenstreue Tyrol, Stuttgart 1868; - Antoine Imbert-Gourbeyre, La Stigmatisation, 1894, 484-488; - Maria Buol, Ein Herrgottskind, Innsbruck 1928; - Maria Veronika Rubatscher, Dunkle Wege ins Licht, 1948; - Ricarda Huch, Die Romantik II, Tübingen 1951, 106, 433-451; - Jean Lhermitte, Echte und falsche Mystiker, Luzern 1953, 85-86; - Nikolaus Grass/ Hans Hochenegg, Joseph Görres und Tirol, in: Johannes Spörl (Hrsg.), Historisches Jahrbuch, 96. Jahrgang, München/Freiburg 1978, 223-226; - Adolph-Kolping-Schriften I, Hans Joachim Kracht (Hrsg.), Köln 19812, 140-146; - Otto Weiß, Die Redemptoristen in Bayern (1790-1909), Diss., St. Ottilien 1983, 663-671; - Helmut Werner (Hrsg.), Hinter der Welt ist Magie/ Joseph von Görres, München 1990, 114-126; - Dictionnaire de Spritualité, XIV, Paris 1990, 1220; - Otto Weiß, Seherinnen und Stigmatisierte, in: Irmtraud Götz v. Olenhusen (Hrsg.), Wunderbare Erscheinungen, Paderborn 1995, 51-82; - Josef Gelmi, Die Seherin Maria von Mörl, in: Konferenzblatt 3/97, 182-183.
Nicole Priesching
Literaturergänzung:
Unter d. Geissel Gottes. Das Leiden d. stigmat. M.v.M. (1812-1868) im Urteil ihres Beichtvaters. Hrsg. von Nicole Priesching. Brixen 2007.
Letzte Änderung: 09.04.2011