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Band VI (1993)Spalten 169-171 Autor: Achim Krümmel

MOSELLANUS, Petrus, (eig. Peter Schade), Humanist u. Übersetzer, * 1493 in Bruttig/Mosel (daher zuweilen auch Protegensis gen.), † 19.4. 1524 in Leipzig. - Als Sohn eines armen Moselwinzers aufgewachsen, gelangte M. aufgrund seiner bereits früh erkannten geistigen Begabung über mehrere Schulen (Luxemburg, Limburg/B, Trier) an die Univ. Köln (1509, Immatrikulation erst 1512). In Köln widmete er sich unter seinem Lehrer Johannes Caesarius (u. dem Engländer Richard Crocus) vor allem dem Stud. der griech. Sprache. 1511 Baccalaureus der Philos. Fak. Während seiner Studienzeit lernte er hier u. a. Jacob Sobenius kennen, der vorher an der v. Johannes Rhagius (gen. Aesticampianus) in Freiberg/Sachsen geleiteten Lateinschule unterrichtet hatte. Sobenius veranlaßte M. 1513/14 z. Wechsel v. Köln nach Freiberg, wo sich M. neben dem Schulunterricht in der lat. Sprache weiterbildete. Anfang 1515 verließ er Freiberg in Richtung Leipziger Univ. Hier übernahm M. 1517 den Lehrstuhl des Gräzisten u. Erasmus-Schülers R. Crocus auf dessen Fürsprache hin u. hielt neben Griechisch-Vorlesungen auch theol. über die Paulus-Briefe sowie über einige augustinische Werke. Seine Antrittsrede hatte die »Oratio de variarum linguarum cognitione paranda« zum Thema. M. setzt sich hierin f. den Erwerb einer gründlichen Sprachkenntnis ein, ohne die dem Menschen der Zugang zu jeglicher Wissenschaft verschlossen bliebe. Den scharfen Angriffen der sog. »Sophisten« an der Leipziger Univ. ausgesetzt, nahm M. bald Kontakt auf zu Erasmus v. Rotterdam, dessen Anhänger u. Bewunderer er wurde. Außerdem persönliche od. briefliche Bekanntschaft mit Reuchlin, Hutten, Melanchthon, Pirckheimer u. Luther (M. hielt 1519 die Eröffnungsrede zur in Leipzig anberaumten sog. Leipziger Disputation zw. Luther, Eck u. Karlstadt). Freundschaftlich verbunden war M. mit seinem ehem. Schüler Julius v. Pflug; zu seinen Schülern zählten ebenso Georg Agricola u. Joachim Camerarius. Während seiner Leipziger Zeit übers. M. viele griech. Texte ins Lateinische (Aristophanes, Isocrates, Lucian, Theokrit, Basilius, Gregor v. Nazianz, Johannes Chrysostomus, Agapetos) u. besorgte bzw. kommentierte zudem Neuausgg. (Aulus Gellius, Quintilian, Claudianus Mamertus, Aristophanes, Dionysios der Perieget, Aurelius Prudentius, Lorenzo Valla). 1518 veröffentlichte M. sein Hauptwerk, die »Paedologia« (z. Tl. mit autobiographischen Notizen), ein humanistisches Schulbuch mit 37 Lehrgesprächen (Dialoge) in Latein, das weite Verbreitung fand (bis zum Beginn des 18. Jh. europaweit 79 Aufll. !). Im J. 1520 wird M., wohl unter der Protektion des Hzg. Georg v. Sachsen, zum Rektor der Univ. Leipzig gewählt. Im gleichen J. erwirbt M. das Baccalaureat der Theol. u. die Magisterwürde an der Philos. Fak. 1523 erneut z. Rektor gewählt, stirbt M. bald danach (1524) u. wird in der Leipziger Nikolaikirche beigesetzt. Einen Nachruf auf seinen Tod verf. u. a. Erasmus v. Rotterdam u. Philipp Melanchthon (»Klein war er an Lebenskraft, aber gewaltig an Geist«). - Bedeutender Wissenschaftler u. Philologe seiner Zeit, der sich hauptsächlich der Übers. antiker Klassiker u. frühchristlicher Kirchenschriftsteller griech. Zunge widmete. M. stand mit den führenden Humanisten seiner Zeit in Kontakt, galt als Erasmianer, ohne jedoch Luther und seinen Anhängern feindlich gegenüberzustehen.

Werke: Tabulae de schematibus et tropis, 1516 (Druck: Frankfurt 1516 u. ö.); Oratio de variarum linguarum cognitione paranda, 1517 (Druck: Leipzig 1518, Jena 1634); Paedologia in puerorum usum conscripta, 1518 (Druck: Leipzig 1518; neu hrsg. v. Hermann Michel, Berlin 1906); De ratione disputandi praesertim in re theologica, 1519 (Eröffnungsrede zur sog. Leipziger Disputation; Druck: Leipzig 1519; dt. Übers. von M. A. Tittel gedr. in Lutheri Schriften, hrsg. v. J. G. Walch, Halle 1745, [St. Louis 21899], Bd. 15, 999-1015); Oratio de concordia, praesertim in scholis publicis litterarum professoribus tuenda, 1520 (Druck: Leipzig 1520); Praeceptiuncula de tempore studiis impartiendo, 1521 (Druck: Leipzig 1521).

Lit.: Oswald G. Schmidt, P. M., Ein Beitrag z. Gesch. des Humanismus in Sachsen, Leipzig 1867; - Otto Clemen, Mosellanus contra Cellarius, in: Beiträge z. sächsischen Kirchengesch. XVI, 1902, 431-435; - R. F. Seybold, Renaissance Student Life, The Paedologia of P. M., Illinois 1927 (mit engl. Übers. der Paedologia); - Robert Schober, P. M. (Familienname Peter Schade), 1493-1524, ein vergessener Mosel-Humanist, Koblenz 1979; - Heiko A. Oberman, Luther, Mensch zw. Gott u. Teufel, Berlin 1982 (verb. Aufl. 1987), 338-340; - Werner Lauterbach, P. M. in Sachsen, in: Heimat zw. Hunsrück u. Eifel, Beil. der Rhein-Zeitung, Jg. 41, Nr. 4 (April 1993); - ADB XXII, 358 f.; - RGG IV (31960) 1150; - Dt. Lit. Lexikon X (31986) 1353.

Achim Krümmel

Literaturergänzung:

1982

Ulrich Michael Kremer, M.: Humanist zwischen Kirche u. Reformation, in: ARG 73.1982, S. 20-34; -

2003

W. François, 'The Plea by the Humanist Petrus Mosellanus for a Knowledge of the Three Biblical Languages. A Louvain Perspective', in Revue d'Histoire Ecclésiastique 98 (2003) 438-481.

Letzte Änderung: 16.11.2008