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Band VI (1993)Spalten 211-213 Autor: Ingeborg Koza

MOUNIER, Emmanuel, frz. Philosoph und Essayist, * 1.4. 1905 in Grenoble als Sohn eines Apothekers. Seine Vorfahren entstammten der ländlichen Gegend der Dauphiné. † 22.3. 1950 in Châtenay-Malabry bei Paris an Herzversagen. Schon als Schüler überraschte er durch seine Gedankentiefe. Auf Wunsch seines Vaters begann er in Grenoble ein Medizinstudium, das er jedoch bald abbrach, um sich 1924 bis 1927 dem Studium der Philos. bei Jacques Chevalier an der Univ. Grenoble zuzuwenden. Er wurde Mitgl. der A.C.J.F. sowie der Vinzenzkonferenz und lernte das Elend im Armenviertel der Stadt kennen. 1927-28 schloß er sein Studium an der Sorbonne in Paris ab und unterrichtete 1930-1931 an der Schule Sainte-Marie von Neuilly sowie von 1931-1932 am Gymnasium von Saint-Omer. 1931 erschien sein erstes, in Zusammenarbeit mit Marcel Péguy und Georges Izard entstandenes Buch »La Pensée de Charles Péguy«. 1932 entstand als Antwort auf die Krise des bürgerlichen Individualismus die von M. geprägte, auf christl. Vorstellungen basierende geistige Bewegung des Personalismus, deren Sprachrohr die im Oktober 1932 von M. und seinen Freunden gegr. Zschr. »Esprit« wurde. Er selbst übernahm die Schriftleitung des Blattes. 1933-1939 unterrichtete M. am frz. Gymnasium in Brüssel. Aus seiner 1935 mit Paulette Leclercq geschlossenen Ehe gingen 3 Töchter hervor. - Zu Beginn des 2. Weltkriegs im Sept. 1939 wurde M., obwohl der nie Soldat gewesen war, zu den Alpenjägern eingezogen, blieb aber in der Nähe von Grenoble, wo er 1940 für 3 Wochen in dt. Gefangenschaft geriet. Danach übernahm er nach vierjähriger Unterbrechung wieder die Red. der Zschr. »Esprit« bis zu deren Verbot durch das Vichy-Regime am 25. Aug. 1941. 1940 hatte sich M. der Untergrundbewegung angeschlossen und deren Zschr. »Carnets« red. Vorübergehend litt er mit seiner Familie große materielle Not. Von 1940-1941 erteilte er gelegentlich Philos.-Unterricht bei den Lazaristes von Lyon und an der Robin-Schule in Vienne/Dauphiné. Da M. als einer der geistigen Führer der aus Linkskath. und Rechtssozialisten bestehenden Widerstandsgruppe »Combat« galt, wurde er am 15.1. 1942 auf Anordnung des Vichy-Regimes verhaftet, 6 Tage später in das Gefängnis von Clermont-Ferrand gebracht, am 21.2. 1942 unter Auflagen freigelassen, am 29.4. 1942 in Lyon erneut verhaftet und am 2.5. 1942 nach Vals verlegt, wo er in einen zwölftägigen Hungerstreik trat. Die Zeit vom 7.7. 1942 bis zu seinem Freispruch am 30.10. 1942 verbrachte er im Gefängnis Saint-Paul in Lyon. Während seiner Haft verfaßte er u.a. sein Buch »Traité du caractère«, das 1946 erschien. Nach seiner Entlassung lebte er mit seiner Familie unter dem Namen Leclercq bis zur Befreiung in dem kleinen Ort Dieulefit/Drôme in der Pension Beauvallon, die rasch zu einem Treffpunkt des Esprit-Kr. wurde. Von dort aus knüpfte er Verbindungen zur Resistance von Lyon. 1944 konnte er nach Paris zurückkehren und im Dez. das erste Heft einer neuen Serie der Zschr. »Esprit« herausbringen. Die letzten fünf Jahre seines Lebens zeigten ihn auf dem Höhepunkt seiner geistigen Reife und Schaffenskraft. Sein Haus in Châtenay wurde wieder Treffpunkt seines Freundeskr. Neben seinen vielfältigen Aktivitäten unternahm M. jetzt auch Auslandsreisen nach Belgien, in die Schweiz, nach Polen, Östr., Berlin, in die frz. Besatzungszone Dtlds., nach Frz.-Äquatorial-Afrika, It., Großbritannien, Dänemark, Schweden und Norwegen. 1948 gründete er das Comité français d'Echanges avec l'Allemagne nouvelle, ein bedeutendes Austauschwerk, das u.a. mit Hilfe der Zschr. »Allemagne« das Resistance-Ziel der Schaffung einer europ. Föderation unter Einbeziehung Dtlds. weiterverfolgte und durch Stimulierung eines öff. frz.-dt. Gedankenaustausches Einfluß auf die europ. Politik der 50er und 60er Jahre nahm. - Als überzeugter Katholik verband M. philos. Denken mit lebensnahem, verantwortungsbewußtem, sozialkrit. Christentum, wobei er sich zugleich als entschiedener Gegner von Kapitalismus, Nazismus und Faschismus zeigte. Sein Ev. war das Ev. der Armen.

Werke: La Pensée de Charles Péguy (zus. mit Marcel Péguy und Georges Izard), Paris 1931; Révolution personnaliste et communautaire, Paris 1935, it. Rivoluzione personalista e communitaria, 1949; De la Propriété capitaliste à la Propriété humaine, Paris 1936, dt. Vom kapitalistischen Eigentumsbegriff zum Eigentum des Menschen, Luzern 1936, it. Dalla Proprieta capitalista alla Proprieta umana, Brescia 1947; Manifeste au Service du Personnalisme, Paris 1936, dt. Das personalistische Manifest, Zürich 1936, engl. A personalist Manifest, New York 1938, tsch. Misto pro Cloveka. Manifest personalismu; Pacifistes ou Bellicistes, Paris 1939; L'Affrontement chrétien, Neuchâtel 1944; Morceaux choisis de Montalembert, Fribourg 1945; Liberté sous conditions, Paris 1946; Traité du Caractère, Paris 1946, it. Trattato del Carattere, Alba 1949; Introduction aux Existentialismes, Paris 1946, engl. Existentialist Philosophies,London 1948, dt. Einf. in die Existenzphilos., Düsseldorf 1949, span. Introduccion a los existencialismos, Madrid 1949; Qu'est-ce que le personnalisme? Paris 1947, it. Che cos'e il personalismo? 1948; L'Éveil de l'Afrique noire, Paris 1948; La Petite Peur du XXe siècle, Paris 1948, dt. Angst und Zuversicht des 20. Jh.s, Heidelberg 1955; Le Personnalisme, Paris 1949; Carnets de Route, Bd. 1: Feu la Chrétienté, Paris 1950, Bd. 2: L'Espoir des désespérés und Bd. 3: Les certitudes difficiles (posthum 1951 und 1953); Œuvres complètes, 4 Bde. Paris 1962/63; zahlr. Zschr.-Art.

Lit.: Leo Braegger, Die Person im Personalismus von E.M. (Diss. Freiburg/Schweiz) 1942; - E.M. Sondernummer Esprit 18, Dez. 1950 (mit Bibliogr.); - Paul-Louis Landsberg, Problèmes du personnalisme, 1952; - M. et sa génération (Lettres, carnets et inédits), 1956; - Candide Moix, La pensée d'E.M., 1960; - Jean Lacroix, Marxisme, existentialisme, personnalisme, présence de l'éternité dans le temps, 1949, 19512; - Virgilio Melchiorre, Il metodo di M. ed altri saggi, 1960; - Jean Lestavel, Introduction aux personnalismes, 1961; - Jacques Charpentreau et Louis Rocher, L'Esthétique personnaliste d'E.M., 1966; - Jean Conilh, E.M., sa vie, son œuvre, mit einem »exposé sur sa philosophie«, 1966; - Lucien Guissard, E.M., 19662; - Georgio Campanini, La rivoluzione cristiana. Il pensiero politico di E.M., 1968; - Wolfgang Seeger, Politik und Person. Der Personalismus E.M.s als politischer Humanismus (Diss. Freiburg) 1968; - Etienne Borne, E.M., 1972; - Jean-Marie Domenach, E.M., 1972; - Le Personnalisme d'E.M. hier et demain. Pour un cinquantenaire, 1982; - Marianne Börnemeier, Eugène Ionesco und der Personalismus E.M.s (Diss. Heidelberg) 1985.

Ingeborg Koza

Literaturergänzung:

2005

Luciano Nicastro, Il socialismo "bianco". La via di M. Soveria Mannelli (CZ) 2005; -

2006

Biagio Bonardi, Una grande voce profetica. Intervista a Giorgio Campanini su E.M., in: Vita pastorale 94.2006, Nr.2, S. 72f.; - Per una metafisica della persona, nel centenario della nascita di E.M., in: RFN 98.2006, S. 211-415; -

2008

Paolo Cugini, Personalismo e pastoral. De uma abordagem filosófica à acao pastoral, in: REB 68.2008, S. 52-66; -

2009

Gianna Pallante, M. et l'éducation en Afrique, in: Salesianum 71.2009, S. 111-127; - Johan de Tavernier, The historical roots of personalism. From Renouvier's "Le personnalisme", Mounier's "Manifeste au service du personnalisme" and Maritain's "Humanisme intégral" to Janssens' "Personne et société", in: EthPer 16.2009, S. 361-392.

Letzte Änderung: 18.12.2009