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Band VI (1993)Spalten 234-237 Autor: Karl Heinz Voigt

MÜLLER, Christoph Gottlob, * 11.11. 1785 in Winnenden, + 17.3. 1858 ebd. Gründer der Wesleyanischen Methodistengemeinschaft in Deutschland (heute Ev.-methodistische Kirche). Seine Eltern Georg Leonhard Müller und Anna Katharina geb. Mayer waren mit der Brüdergemeine verbunden, deren Versammlungen nicht ohne Einfluß auf C.G.M. in dessen Elternhaus stattfanden. Wie sein Vater erlernte C.G.M. den Beruf eines Metzgers. Nachdem 1805 infolge des Vertrags zwischen dem Kurfürsten Friedrich von Württemberg und Napoleon die Wehrpflicht eingeführt wurde und Württemberger unter Napoleons Fahnen gegen Preußen und Österreicher kämpfen mußten, flüchtete M. 1806 nach London. Einer 1809 im heimatlichen Amtsblatt veröffentlichten Aufforderung, »ungesäumt unter Strafandrohung... zu erscheinen«, folgte er nicht. Durch den Gesang angezogen besuchte M. in London methodistische Gottesdienste. Er wurde seines Heils gewiß und schloß sich der Methodistenkirche an. Nacheinander wurde er »Klaßführer«, »Ermahner«, auch »Verwalter« (Trustee) und Laienprediger (Local Preacher). Am 11.1. 1813 heiratete er Ann Claridge (1790-1835), Tochter eines englischen Metzgers und Gastwirts. Die Trauung fand in der anglikanischen Staatskirche statt. Die aus dieser Ehe hervorgegangene Tochter Jemima heiratete später den Pfarrer Karl Christian Wilhelm Bühler, was Rückschlüsse auf die ökumenische Offenheit im Hause Müller zuläßt. Nach verschiedenen Besuchen in den zwanziger Jahren kam M. 1830 für längere Zeit nach Winnenden. Es kam unerwartet zu einer Erweckung. Nach M.s Rückkehr in die englische Metropole wandte sich ein Winnender Bürger an die Londoner Wesleyanische Missionsgesellschaft und bat um die Sendung M.s als Missionar. In London sah man für ein solches Unternehmen in der Person Müllers nicht die geeignete Persönlichkeit und suchte, allerdings vergeblich, nach einer - wie man meinte - fähigeren Person. Da die Suche erfolglos blieb, stimmte man schließlich doch der Entsendung M.s zu. Inzwischen hatte bereits auf Veranlassung aus Winnenden der in Ludwigsburg geborene Sekretär der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft, Pfarrer Karl Friedrich Adolf Steinkopf (1773-1859), Protest bei den Londoner Methodisten eingelegt. Aber dort entschloß man sich, M. trotz der Einwände zu entsenden. Gegen den kirchlichen Widerspruch und trotz staatlichen Drucks gegenüber M. und den Methodisten breitete sich die wesleyanische Erweckungsbewegung zunächst um Winnenden, dann im Schwarzwald und später bis nach dem früheren Schlesien und nach Österreich aus. Wegen zunehmender Krankheit trat M. ab 1855 mehr und mehr in den Hintergrund und Johann Gottlieb Steinlen (1801-1884), einer seiner Laienprediger, übernahm die Verantwortung für die Arbeit. Als M. 1858 starb, gab es 1040 Mitglieder in der Gemeinschaft. An 82 Predigtplätzen wurden jedoch von den Laienpredigern viel mehr Menschen erreicht. M., der bald nach seiner Rückkehr von London in Württemberg fast ausgewiesen worden wäre, wurde oft von den Behörden vernommen, die damals in enger Verbindung mit der Staatskirche standen. Trotz aller Demütigungen blieb M. dabei, keine autonome Kirche bilden zu wollen. Zwar organisierte er »Klassen« und Sonntagsschulen, aber eine Trennung von der Staatskirche erschien ihm ausgeschlossen. Seine Vorstellungen konzentrierten sich auf die Bildung einer wesleyanischen Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche, wohl mehr nach dem Modell John Wesleys, der auch eine methodistische Gemeinschaft innerhalb der anglikanischen Kirche zu bilden sich entschlossen hatte, als nach dem Vorbild württembergischer Gemeinschaften. So blieben M.s Anhänger in der Landeskirche die treuesten Gottesdienstbesucher und regelmäßige Abendmahlsteilnehmer, da M. weder an den Vormittagen Gottesdienste hielt noch die selbständige Verwaltung der Sakramente einführte. Sein typisch methodistisches Anliegen war es, Menschen zum bewußten und aktiven Glauben zu führen, damit sie ihres Heils gewiß ein befreites Leben in der Heiligung führen könnten. Das persönliche Heil hatte für ihn Vorrang vor irgendeiner konfessionellen Bindung. Erst nach seinem Tode wurde die Wesleyanische Gemeinschaft straffer organisiert; 1872 erfolgte die Verselbständigung infolge des württembergischen Dissidenten-Gesetzes und 1897 der Anschluß an die Bischöfliche Methodistenkirche, der von Seiten der letzteren schon lange angestrebt worden war und zu dem die »Ökumenische Methodistische Weltkonferenz« noch einen entscheidenden Anstoß gab. 1897 wurde der Anschluß an die Bischöfliche Methodistenkirche mit Billigung beider gesamtkirchlicher Leitungsgremien vollzogen. - Fliedners erste Kaiserswerther Diakonissen kamen aus der Weslyanischen Gemeinschaft in Winnenden.

Lit.: Synodal-Ausschreiben betr. das Auftreten methodistischer Sendboten in Württemberg, in: Friedrich Jakob Philipp Heim, Bericht von dem Methodismus in Winnenden, in: Ev. Kirchenblatt (zunächst für Württemberg), 2. Abt. 1841, 48 f., 142 ff., 147 ff.; - Amtsblatt des württembergischen ev. Consistoriums und der Synode in Kirchen- und Schulsachen, Nr. 64, 1860, 519 f.; - Ludwig S. Jacoby, Geschichte des Methodismus, Bd. 2, 1870, 248 ff.; - Christian Dieterle, Das fünfzigjährige Jubiläum des Wesleyanischen Methodismus in Deutschland, in: Der Methodisten-Herold 1882, 108, 116 f., 124, 132, 148, 156 f., 164, 172 f., 179 f., 188 f., 195 f., und 1883, 12, 20 f., 30, 54 f., 60 f., 86 f., 94 f.; - Johann Jakob Sommer, Die Geschichte des Methodismus in Winnenden und Waiblingen, o.J. (1918?), handschriftlich in: Zentralarchiv der Ev.-meth. Kirche, Reutlingen; - F. Fritz, Das Eindringen des Methodismus in Württemberg, 1927, 12-24 (polemisch); - Johann Jakob Sommer, Der Wesleyanische Methodismus in Deutschland, in: John Louis Nuelsen, Kurzgefaßte Geschichte des Methodismus, 19292, 562 ff.; - ders., Christoph Gottlob Müller von Winnenden, 1933; - August Rücker, Die Pioniere des Methodismus in Deutschland, Bd. II, o.J., 71-79; - Christian Maile, 100 Jahre Methodismus in Deutschland, 1933, 5-16; - Anna Sticker, Friederike Fliedner und die Anfänge der Frauendakonie, 19632, 202 ff.; - Paul Nollenberger, 100 Jahre Methodistenkirche in Stuttgart, 1966, 11 ff.; - Ludwig Rott, Die englischen Beziehungen der Erweckungsbewegung und die Anfänge des wesleyanischen Methodismus in Deutschland, 1968, 167-275; - Paul Ernst Hammer, Die Geschichte des Bezirks Waiblingen und W.-Hegnach der Ev.-methodistischen Kirche, 1977, 1-5; - Karl Heinz Voigt, Die Wesleyanische Methodistengemeinschaft, Geschichte und Kirchwerdung, 1977; - ders., Ein methodistischer Beitrag am Anfang der Mutterhausdiakonie in Deutschland, 1977; - Friedrich Macco, Die man Methodisten nennt..., 150 Jahre (meth.) Kirchengemeinde Winnenden, 1983; - Karl Heinz Voigt, Die wesleyanischen Methodisten - von der Gemeinschaft zur Kirche, in: Karl Steckel/Carl Ernst Sommer (Hrsg.) Geschichte der Ev.-methodistischen Kirche, 1982, 85 ff.; - Reinhold Elle, Christoph Gottlob Müller, Metzgergeselle und Bauernmissionar, in: Wort und Weg v. 6.5.1990, 4 f.; - Friedemann Burkhardt, Das Winnender Kirchspiel um 1830, in: MITTEILUNGEN der Studiengemeinschaft der Ev.-meth. Kirche 2/1991, 13-38; - ders., Near the Red Lion (Müller in London-Finchley) Privatdruck, 1992.

Karl Heinz Voigt

Letzte Änderung: 18.07.1998