MÜLLER, Christoph Gottlob, * 11.11. 1785 in Winnenden, + 17.3. 1858
ebd. Gründer der Wesleyanischen Methodistengemeinschaft in Deutschland
(heute Ev.-methodistische Kirche). Seine Eltern Georg Leonhard Müller
und Anna Katharina geb. Mayer waren mit der Brüdergemeine verbunden,
deren Versammlungen nicht ohne Einfluß auf C.G.M. in dessen Elternhaus
stattfanden. Wie sein Vater erlernte C.G.M. den Beruf eines Metzgers.
Nachdem 1805 infolge des Vertrags zwischen dem Kurfürsten Friedrich
von Württemberg und Napoleon die Wehrpflicht eingeführt wurde und
Württemberger unter Napoleons Fahnen gegen Preußen und Österreicher
kämpfen mußten, flüchtete M. 1806 nach London. Einer 1809 im heimatlichen
Amtsblatt veröffentlichten Aufforderung, »ungesäumt unter Strafandrohung...
zu erscheinen«, folgte er nicht. Durch den Gesang angezogen besuchte
M. in London methodistische Gottesdienste. Er wurde seines Heils gewiß
und schloß sich der Methodistenkirche an. Nacheinander wurde er »Klaßführer«,
»Ermahner«, auch »Verwalter« (Trustee) und Laienprediger (Local Preacher).
Am 11.1. 1813 heiratete er Ann Claridge (1790-1835), Tochter eines
englischen Metzgers und Gastwirts. Die Trauung fand in der anglikanischen
Staatskirche statt. Die aus dieser Ehe hervorgegangene Tochter Jemima
heiratete später den Pfarrer Karl Christian Wilhelm Bühler, was Rückschlüsse
auf die ökumenische Offenheit im Hause Müller zuläßt. Nach verschiedenen
Besuchen in den zwanziger Jahren kam M. 1830 für längere Zeit nach
Winnenden. Es kam unerwartet zu einer Erweckung. Nach M.s Rückkehr
in die englische Metropole wandte sich ein Winnender Bürger an die
Londoner Wesleyanische Missionsgesellschaft und bat um die Sendung
M.s als Missionar. In London sah man für ein solches Unternehmen in
der Person Müllers nicht die geeignete Persönlichkeit und suchte,
allerdings vergeblich, nach einer - wie man meinte - fähigeren Person.
Da die Suche erfolglos blieb, stimmte man schließlich doch der Entsendung
M.s zu. Inzwischen hatte bereits auf Veranlassung aus Winnenden der
in Ludwigsburg geborene Sekretär der Britischen und Ausländischen
Bibelgesellschaft, Pfarrer Karl Friedrich Adolf Steinkopf (1773-1859),
Protest bei den Londoner Methodisten eingelegt. Aber dort entschloß
man sich, M. trotz der Einwände zu entsenden. Gegen den kirchlichen
Widerspruch und trotz staatlichen Drucks gegenüber M. und den Methodisten
breitete sich die wesleyanische Erweckungsbewegung zunächst um Winnenden,
dann im Schwarzwald und später bis nach dem früheren Schlesien und
nach Österreich aus. Wegen zunehmender Krankheit trat M. ab 1855 mehr
und mehr in den Hintergrund und Johann Gottlieb Steinlen (1801-1884),
einer seiner Laienprediger, übernahm die Verantwortung für die Arbeit.
Als M. 1858 starb, gab es 1040 Mitglieder in der Gemeinschaft. An
82 Predigtplätzen wurden jedoch von den Laienpredigern viel mehr Menschen
erreicht. M., der bald nach seiner Rückkehr von London in Württemberg
fast ausgewiesen worden wäre, wurde oft von den Behörden vernommen,
die damals in enger Verbindung mit der Staatskirche standen. Trotz
aller Demütigungen blieb M. dabei, keine autonome Kirche bilden zu
wollen. Zwar organisierte er »Klassen« und Sonntagsschulen, aber eine
Trennung von der Staatskirche erschien ihm ausgeschlossen. Seine Vorstellungen
konzentrierten sich auf die Bildung einer wesleyanischen Gemeinschaft
innerhalb der Landeskirche, wohl mehr nach dem Modell John Wesleys,
der auch eine methodistische Gemeinschaft innerhalb der anglikanischen
Kirche zu bilden sich entschlossen hatte, als nach dem Vorbild württembergischer
Gemeinschaften. So blieben M.s Anhänger in der Landeskirche die treuesten
Gottesdienstbesucher und regelmäßige Abendmahlsteilnehmer, da M. weder
an den Vormittagen Gottesdienste hielt noch die selbständige Verwaltung
der Sakramente einführte. Sein typisch methodistisches Anliegen war
es, Menschen zum bewußten und aktiven Glauben zu führen, damit sie
ihres Heils gewiß ein befreites Leben in der Heiligung führen könnten.
Das persönliche Heil hatte für ihn Vorrang vor irgendeiner konfessionellen
Bindung. Erst nach seinem Tode wurde die Wesleyanische Gemeinschaft
straffer organisiert; 1872 erfolgte die Verselbständigung infolge
des württembergischen Dissidenten-Gesetzes und 1897 der Anschluß an
die Bischöfliche Methodistenkirche, der von Seiten der letzteren schon
lange angestrebt worden war und zu dem die »Ökumenische Methodistische
Weltkonferenz« noch einen entscheidenden Anstoß gab. 1897 wurde der
Anschluß an die Bischöfliche Methodistenkirche mit Billigung beider
gesamtkirchlicher Leitungsgremien vollzogen. - Fliedners erste
Kaiserswerther Diakonissen kamen aus der Weslyanischen Gemeinschaft
in Winnenden.
Lit.: Synodal-Ausschreiben betr. das Auftreten methodistischer
Sendboten in Württemberg, in: Friedrich Jakob Philipp Heim, Bericht
von dem Methodismus in Winnenden, in: Ev. Kirchenblatt (zunächst für
Württemberg), 2. Abt. 1841, 48 f., 142 ff., 147 ff.; - Amtsblatt
des württembergischen ev. Consistoriums und der Synode in Kirchen-
und Schulsachen, Nr. 64, 1860, 519 f.; - Ludwig S. Jacoby, Geschichte
des Methodismus, Bd. 2, 1870, 248 ff.; - Christian Dieterle,
Das fünfzigjährige Jubiläum des Wesleyanischen Methodismus in Deutschland,
in: Der Methodisten-Herold 1882, 108, 116 f., 124, 132, 148, 156 f.,
164, 172 f., 179 f., 188 f., 195 f., und 1883, 12, 20 f.,
30, 54 f., 60 f., 86 f., 94 f.; - Johann Jakob Sommer,
Die Geschichte des Methodismus in Winnenden und Waiblingen, o.J. (1918?),
handschriftlich in: Zentralarchiv der Ev.-meth. Kirche, Reutlingen;
- F. Fritz, Das Eindringen des Methodismus in Württemberg, 1927,
12-24 (polemisch); - Johann Jakob Sommer, Der Wesleyanische Methodismus
in Deutschland, in: John Louis Nuelsen, Kurzgefaßte Geschichte des
Methodismus, 19292, 562 ff.; - ders., Christoph Gottlob
Müller von Winnenden, 1933; - August Rücker, Die Pioniere des
Methodismus in Deutschland, Bd. II, o.J., 71-79; - Christian Maile,
100 Jahre Methodismus in Deutschland, 1933, 5-16; - Anna Sticker,
Friederike Fliedner und die Anfänge der Frauendakonie, 19632,
202 ff.; - Paul Nollenberger, 100 Jahre Methodistenkirche in
Stuttgart, 1966, 11 ff.; - Ludwig Rott, Die englischen Beziehungen
der Erweckungsbewegung und die Anfänge des wesleyanischen Methodismus
in Deutschland, 1968, 167-275; - Paul Ernst Hammer, Die Geschichte
des Bezirks Waiblingen und W.-Hegnach der Ev.-methodistischen Kirche,
1977, 1-5; - Karl Heinz Voigt, Die Wesleyanische Methodistengemeinschaft,
Geschichte und Kirchwerdung, 1977; - ders., Ein methodistischer
Beitrag am Anfang der Mutterhausdiakonie in Deutschland, 1977; -
Friedrich Macco, Die man Methodisten nennt..., 150 Jahre (meth.) Kirchengemeinde
Winnenden, 1983; - Karl Heinz Voigt, Die wesleyanischen Methodisten
- von der Gemeinschaft zur Kirche, in: Karl Steckel/Carl Ernst Sommer
(Hrsg.) Geschichte der Ev.-methodistischen Kirche, 1982, 85 ff.;
- Reinhold Elle, Christoph Gottlob Müller, Metzgergeselle und
Bauernmissionar, in: Wort und Weg v. 6.5.1990, 4 f.; - Friedemann
Burkhardt, Das Winnender Kirchspiel um 1830, in: MITTEILUNGEN der
Studiengemeinschaft der Ev.-meth. Kirche 2/1991, 13-38; - ders.,
Near the Red Lion (Müller in London-Finchley) Privatdruck, 1992.