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Verlag Traugott Bautz
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MÜLLER, Heinrich, Theologe und Erbauungsschriftsteller, * 18.10. 1631 Lübeck, † 13.9. 1675 in Rostock. H.M. ist einer der großen protestantischen Prediger und Erbauungsschriftsteller des 17. Jahrhunderts. - Der Rostocker Kaufmannssohn kam während des Dreißigjährigen Krieges in Lübeck zur Welt. Erst nach dem Westfälischen Frieden kehrte die Familie wieder in ihre Heimatstadt zurück. H.M. besuchte zunächst die Rostocker Stadtschule, wurde nebenbei von dem jungen Johann Fabricius unterrichtet und hörte, erst dreizehnjährig, philosophische Vorlesungen an der Universität. 1647 ergreift er das theologische Studium, studiert in Greifswald und Rostock und schließt 1651 mit dem Magister der Philosophie ab. Im Anschluß begibt er sich auf eine Bildungsreise, besucht u.a. die Universitätsstädte Königsberg, Jena, Helmstedt, Wittenberg und knüpft so manche gelehrte Bekanntschaft an. Im nächsten Jahr wird er Mitglied der Philosophischen Fakultät zu Rostock, wo man ihm jedoch die von der Helmstedter Fakultät verliehene theologische Doktorwürde nicht anerkennt. Er liest Collegien und hält Disputierübungen ab. Bald erscheinen seine ersten Schriften, Psalmenauslegungen wie das »Scrutinum Davidicum« von 1652, aber auch staatsphilosophische Betrachtungen, wie sie sich in Auseinandersetzung mit der Philosophie Hobbes in seinem 1653 veröffentlichten »Methodus politica« niederschlagen. Zeit seines Lebens war H.M. ein überragender Prediger. Die Begabung dazu zeigte sich früh, und so wurde er bereits 1653 im Alter von 22 Archidiakon in St. Marien zu Rostock. Zudem berief man ihn 1655 als Professor der griechischen Sprache an die theologische Fakultät, 1671 wird er Superintendent. Aus seiner intensiven Predigtvorbereitung entstand 1659 der allerdings von der homiletischen Literatur später wenig beachtete »Orator ecclesiasticus«, in dem er sich mit Theorie und Methode des Predigens auseinandersetzt. Neben den zahlreichen lateinischen Abhandlungen zu theologischen Themen, die im Rahmen seiner universitären Tätigkeit stehen, entstanden deutsche Lied- und Predigtsammlungen, Trost- und Erbauungsbücher, die sich durch ihren innigen, zeitnahen Ton größter Beliebtheit erfreuten und noch im folgenden Jahrhundert in kaum einer protestantischen Hausbibliothek fehlten. Deren wichtigste sind der Himlische Liebes-Kuss von 1659, die Geistlichen Erquick-Stunden, eine Sammlung von 300 Haus- und Tischandachten in drei Teilen, ersch. 1664-66, und die »Kreuz- Buß- und Bet-Schule« von 1661. Eine wichtige Stellung nimmt H.M. auch für die Kirchenmusik ein. 1659 erschien seine »Geistliche Seelenmusik«, eine Sammlung von 400 Kirchenliedern mit Betrachtungen über die Funktion der Musik im gottesdienstlichen Zusammenhang. Er tat sich aber auch selbst als Verfasser geistlicher Lieder hervor, seine eigenen 10 Lieder aus der »Seelenmusik« mit dem Titel »Himmlische Liebesflamme« haben jedoch keinen bleibenden Eingang in kirchliche Gesangbücher gefunden. In erster Linie aber trat H.M. als leidenschaftlicher Prediger hervor. Profunde Schriftkenntnis, rhetorisches Talent und innere Berufung, zudem ein lebendiger, volkstümlicher Ton gaben seinen Predigten jene Durchschlagkraft, die den Weg zu den Herzen der Zuhörer fand. Von »Herz zu Herz« zu predigen war auch sein erklärtes Anliegen, denn alles Äußerliche, in Orthodoxie Erstarrte lehnte M. ab. »Was nicht von Herzen gehet, geht auch nicht zu Herzen«, formuliert er in seinen Geistlichen Erquickungsstunden (Nr. 157). Seine Predigten, von denen besonders die beiden Sammlungen »Apostolische« (1663) und »Evangelische Schlußkette« (1673) bis ins 19. Jh. hinein immer wieder aufgelegt wurden, zeichnen sich durch gedanklichen Reichtum und bildhafte Sprache aus. Bei seinem Tode hinterließ er zahlreiche Manuskripte, deren einige, wie der »Evangelische Herzensspiegel« von 1679, posthum erschienen; die meisten jedoch fielen 1677 einem Brand zum Opfer. - H.M. versuchte, die Gläubigen durch Wort und Schrift vor allem innerlich zu erreichen und bemühte sich, auch gegen manchen Widerstand, um die Erneuerung des geistlichen Lebens der protestantischen Kirche. Als Reformtheologe wandte er sich scharf gegen ein rein auf Äußerlichkeiten fixiertes Christentum, das in »Taufstein, Predigtstuhl, Beichtstuhl und Altar« seine »vier stummen Kirchengötzen« habe. Er betonte die tröstenden Elemente des christlichen Glaubens, die Gnade und Liebe Gottes, die »Süße Jesu«. In diesem Bestreben nach Verinnerlichung der Botschaft des Evangeliums wurde er zu einem der Wegbereiter des Pietismus.
Werke: Disputt. IV. Theologicae, ab an. 1647 ad 1650 defensae; Disputt. II, circa 1650 habitae; Disputt. II. in Psalm. IX l-13, 1652; Disp. de concursu bonorum operum ad salutem, 1652 (Neuabdr. in Carpzovs [Joh. Bened.] Disputt., 1701); Cerva matutina gemens et jubilans, seu dis. in Ps. 22.2 cum spicilegio passionali, 1652; Disp. de egressu Messiae Bethlehemitico, in Mich. V.2., 1652; Scrutinum Davidicum, quod exhibet titulum et oeconomiam Psalmi IX, 1652; Methodus politica exhibens et praecepta, ex divino, naturali, gentium et civili jure prolata, X. disputatt. Acad. Rost. 1653; Disp. de consiliariis, 1654; Disp. inaug. de Aphorismo apostolico I. Cor. XII, 13, 1656; Theologia Scholastica, 1656; Disp. philolog. in partem primam Psalmi XVI, 1656; Orator ecclesiasticus, sistens praeter methodum concionandi, complures alias materias theolog., 1659; Himlischer Liebes-Kuss oder Übung des wahren Christenthums, fließen aus der Erfahrung göttlicher Liebe, 1659, (übers. ins Dänische 1674 u. 1683); Geistliche Seelen-Musick, in 50 Betrachtungen und 400 Gesängen, mit Melodien, 1659 (Auszug, hrsg. v. J. G. Wetzel, mit verändertem Titel: H. Müllers zehn andächtige Betrachtungen von geistlichen Liedern, 1668); Historia passionis J.C. Rost, 1661, (dt. Übersetzg. Andreas Hartw. Arnd, 1675); Creutz- Buss- und Bet-Schule, vom König David vorgestellet, im CXLIII. Psalm, in zweijährigen Betstunden, in 22 Betrachtungen, 1661; Disp. de versionibus Bibliorum Graecis et praecipue LXXII. Seniorum, 1662; Disp. de Calvinianorum absoluto reprobationis decreto, 1663; Apostolische Schluss-Kette und Krafft-Kern oder gründliche Auslegung der gewöhnlichen Sonn- und Festtagsepisteln, in Predigten, 1663; Quaestionum selectarum theologicarum semi-centuria prima, VI. disputt. proposita, 1664; Geistliche Erquick-Stunden oder dreyhundert Haus- und Tisch-Andachten. 3 Tl.e, 1664-66 (übers. ins Dänische, 1667 u. 1681); Trauer- und Freudenwechsel der Kinder Gottes, aus der Historie der Wittwe zu Nain. Eine Leichenpredigt, 1665; Conjugii clericorum patrocinium ex oriente et occidente, cum diss. theolog. de non ordinandis Digamis et Neophytis, ad 1. Tim. III. 2. 6., 1665; Disp. de Eucharistia mortis dominicae commemoratione, ex I Cor. XV. 29. 1665; Diss. II. theolog. hist. de baptismo pro mortuis, ex 1 Cor. XV. 29. et sabbatho ex. Luc. VI. 1., 1665; Tract. de poenitentia, 1665; Disp. de Justificatione, 1665; Causa Augustorum, sive Caesarum, Regum atque Principum, contra Pontific. Rom. defensa, 1666; Harmonia Veteri et Novi testamenti chronologica, 1668; Ungerathene Ehe oder die vornehmsten Ursachen, so heutiges Tages den Ehe-Stand zum Wehe-Stand machen, 1668; Geistlicher Danck-Altar zum täglichen Lob-Opfer der Christen, aus Psalm 68, 20. 21., 1670; Evangelische Schluss-Kette und Krafft-Kern, oder gründliche Auslegung der Sonn- und Festtags-Evangelien, in Predigten, 1673; Berengarismi veteris novique historia, 1674; Disp. de pacto Dei cum homine,legali et evangelico, 1674; Leichenpredigt auf Sam. Voß, 1674; Thränen- und Trost-Quelle bey Erklärung der Geschichte von der grossen Sünderin..., in 20 Betrachtungen, 1675 (übers. ins Dänische, 1679); Disp. de coelibatu clericorum, 1675; Disp. de resurrectione mortuorum, ex Matth. 22. v. 29-32., 1675; Catholicismus meriti Christi, Disp. 1675; Disp. de cive, 1675; Discipulus Christi emiss., 1675; Göttliche Liebes- Flamme; oder, Auffmunterung zur Liebe Gottes mit vielen schönen Sinnbildern gezieret, 1676; Evangelischer Hertzens- Spiegel, oder Predigten über Evangelien, 1679 (übers. ins Dänische 1705 u.ö.); Evangelisches Praeservativ wider den Schaden Josephs in allen drey Ständen, aus den Sonn- und Festtags-Evangelien. Hrsg. v. Sam. Chr. Mumm, 1681; Gräber der Heiligen/ mit christlichen Leich-Predigten bey volkreicher Versammlung in öffentlichen Gottes-Häusern beehret uud geschmücket von Heinrich Müllern (57 Leichenpredigten hrsg. v. J.C. Heinsius u. des Verfassers Leben), 1685; Hohe Festtagspredigten, 1694. Neuausgaben, Neudrucke: Geistl. Erquickungsstunden..., hrsg. m. e. kurzen Bericht v. Leben u. Schr. d. Verf. v. J.G.Russwurm, 18322; - dass. hrsg. v. A. Gebauer, 1845; dass. hrsg. Evangel. Bücherver., 1846 (mehrere Neuaufl.); dass. hrsg. v. Rauhen Haus in Hbg., 1851 (versch. Neuauflagen); dass. (Ausw.), hrsg. G. Holtz, 1938; Apostolische Schlusskette, hrsg. Bittcher, 1844; Kreuz- Buss- und Betschule..., 1844, 18532, neu hrsg. T. Siegmund, 1861; Evangel. Herzensspiegel, 2. Abt., 1847; Himmlischer Liebes-Kuss.., 1848; Evangel. Schlusskette.., hrsg. G.A. Bandermann, 1853; 18812; Geistl. Danck-Altar.., 1853; Fest-evangel. Schlusskette, hrsg. G.A. Bandermann, 1855; Thränen- und Trostquelle..., hrsg. L. Schmidt, 1855; Der leidende Jesus nach den vier Evangelien. Ein Passionsbuch v. Dr. H.M., hrsg. J.L. Pasig, 1856; Gräber der Heiligen..., 1860; Das Leiden unseres Herrn.. (9 Predigten), hrsg. A. Hartmann, 1862.
Lit.: Joh. Caspar Wetzel, Histor. Lebensbeschrbg. der berühmtesten Liederdichter II, 1721; - Otto Friedrich Hörner, Nachrichten v. Liederdichtern des Augspurgischen Gesangbuches, 1775; - Johann Bernhard Krey, Die Rostockschen Theologen seit 1523, 1817; - C.O.F. Aichel, Dr. H.M., eine Lebensbeschreibung, 1854; - Friedrich Karl Wild, Leben u. Ausw. v. M.s Schr.en, 1864; - Otto C. Krabbe, H.M. u. seine Zeit, 1866; - Carl Palmer, Lebensbilder v. Erbauungsschriftstellern d. luther. Kirche für das evangel. Christenvolk I, 1870; - Franz Brümmer, Dt. Dichterlex. II, 1877; - W. Beste, Die bedeutenden Kanzelredner III, 1886; Constantin Grosse, Die Alten Tröster, 1900; - Hans Leube, Die Reformideen in der dt. luth. Kirche zur Zeit der Orthodoxie, 1924, 67 ff.; - Dietrich Winkler, Grundzüge der Frömmigkeit H.M.s (Diss. Rostock), 1954; - E. Winkler, Die Leichenpredigt im dt. Luthertum bis Spener, 1967; - M. Koschlig, Mörikes barocker Grundton u. seine verborgenen Quellen. In: Zs. f. württemberg. Landesgesch. XXXIV/V, 1975/78; - Jöcher III, 1751, 729; - Jöcher/Adelung V, 1816, 57-61; - N. Erdmann (Neuausg. v. Franz Heiduk), De Poetis Germanicis, 1978; - ADB XX11, 555 f. (Carstens); - Koch III, 67-75; Robert Eitner, Biogr.-bibl. Quellenlex. der Musiker- u. Musikgelehrten VII, 1902; - RE XIII, 521; - RGG IV, 1169; - MGG IX, 854; - FdF I, 131, 154; 2, 55; - EXL, 1958, 1463; - DLL X, 19863, 1477 (Reinhard Müller); - Lit.Lex. Autoren u. Werke dt.er Sprache VIII, 270 f. (Helmut K. Krausse); - Hans Pyritz, Bibl. z. dt. Lit.gesch. des Barockzeitalters II, 1980, 493.
Ingeborg Dorchenas
Literaturergänzung:
Christian Bunners, Kirchenmusik und Seelenmusik, Studien zu Frömmigkeit und Musik im Luthertum des 17. Jahrhunderts, Berlin 1966 (Teil III: Seelenmusik (Heinrich Müller)); Elke Axmacher, Aus Liebe will mein Heyland sterben, Untersuchungen zum Wandel des Passionsverständnisses im frühen 18. Jahrhundert, Stuttgart 2. Aufl. 2005 (Kap. 2 und 7; mit Nachweis der Vorlagenbeziehung zwischen H. Müllers Passionspredigten und dem Text der Matthäuspassion J.S. Bachs).
Letzte Änderung: 20.06.2005