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Band VI (1993)Spalten 329-345 Autor: Daniel Heinz

MÜNTZER (Münzer), Thomas, Theologe apokalyptischer und mystischer Prägung, revolutionärer Bauernführer; Außenseiter der Reformation und Widerpart Luthers. * 1488/89? (wie aus der Leipziger Matrikel seines Studienbeginns 1506 angenommen werden kann) in Stolberg (Harz), † 27.5. 1525 bei Mühlhausen (Thüringen). - M. wuchs wahrscheinlich in Quedlinburg auf. Seine Eltern dürften nicht unvermögend gewesen sein, doch ist nicht bekannt, welchen Beruf sein Vater ausübte. Im Herbst 1506 begann er das Studium an der artistischen Fakultät in Leipzig und tauchte dann 1512 als Student an der neu gegründeten Universität Frankfurt an der Oder auf. Wo er seine akademischen Grade (Magister artium, Baccalaureus sanctae scripturae) erworben hat, bleibt ungeklärt. Beide Universitäten waren zu dieser Zeit dem traditionalistischen Geist der Hochscholastik (Realismus, via antiqua) verpflichtet und lehnten den aufkommenden Nominalismus (via moderna), in dem Luther erzogen wurde, ab. Welchen Einfluß das Studium in Leipzig und Frankfurt auf den jungen M. ausübte, ist schwer zu bestimmen, zumal auch seine Lehrer namentlich nicht in Erscheinung treten. 1513 scheint er als geistlicher Hilfslehrer (»Kollaborator«) in Aschersleben und Halle bereits die kirchliche Opposition geschürt zu haben, indem er an einem konspirativen Bündnis gegen den Erzbischof Ernst von Magdeburg beteiligt war, wie er 1525 kurz vor seiner Hinrichtung in einem durch Folter erzwungenen Geständnis bekennt. Um 1513/14 wurde er schließlich zum Priester des Bistums Halberstadt geweiht und war als solcher zeitweilig in Braunschweig tätig. Zudem wirkte er als Propst im Kanonissenstift Frose bei Aschersleben (1516). In Braunschweig wurde der rastlose M. offenbar zum Mittelpunkt eines antiklerikalen und mystisch eingefärbten Bibelkreises, der sich unter dem Einfluß der Devotio moderna gebildet hatte und sich um eine geistliche, moralische und soziale Erneuerung der Kirche bemühte. Auch die Frage des Ablasses wurde damals diskutiert, noch bevor Luther seine Ablaßthesen veröffentlicht hatte. Daraus läßt sich bereits die eigenständische reformatorische Ausrichtung M.s erkennen, wie auch der Ansatz seiner Theologie wohl schon fest stand, ehe er nach Wittenberg kam. Möglicherweise wurde er wegen seiner reformerischen Umtriebe aus Braunschweig ausgewiesen. - 1517/18 tauchte M. in Wittenberg auf, wo er vermutlich Luther erstmals begegnet ist und sich mit den Anliegen und Zielen der beginnenden Reformation hautnah vertraut gemacht hat. Vielleicht beschäftigte er sich zu dieser Zeit auch mit der mystischen Gedankenwelt des von Luther 1518 gerade neu herausgegebenen und von ihm geschätzten Werkes »Theologia deutsch«. Näheren Kontakt in Wittenberg unterhielt er zu Franz Günther, der als Prädikant die Stadt Jüterbog, wo Tetzel sein Ablaßunwesen getrieben hatte, für die Reformation zu gewinnen suchte. M. unterstützte Günther in Jüterbog und trieb den Streit mit dem Franziskanerorden der Stadt auf die Spitze, indem er, von der Kanzel herab polemisierend, die päpstliche Autorität dem Konzil unterwarf und Bischöfe und Mönche als »Tyrannen« und »Verführer des Volkes« beschimpfte. M. verurteilte in Jüterbog auch den zwischen Vernunft und Gnade vermittelnden Standpunkt des Realismus, den er während seines Universitätsstudiums kennengelernt hatte, als »vom Teufel« und hob - offensichtlich unter dem Eindruck Luthers - die alleinige Autorität der Schrift, die »mehr als vierhundert Jahre im Winkel gelegen« habe, auf den Leuchter. Nach seinem kurzen, aber heftigen Auftritt in Jüterbog - der ihm den Titel »Lutheraner« eingebracht hatte (historisch das erstmalige Auftreten dieser Bezeichnung überhaupt!) - führte ihn sein Weg nach Leipzig (Juni/Juli 1519). Dort muß er erneut mit Luther zusammengetroffen sein und die bewegte Disputation zwischen ihm und seinem Verbündeten Karlstadt und dem angriffigen Kontrahenten Eck miterlebt haben. Die scharfen, kritischen Äußerungen des Reformators über die Autorität des Papstes und die kirchliche Tradition, sowie seine öffentliche Rehabilitation des Prager Reformators Hus werden M.s volle Zustimmung gefunden haben. Nach einem kurzen, aber intensiven Studium der Kirchenväter (vor allem Augustinus) und der Konstanzer und Basler Konzilsakten - möglicherweise angeregt durch die Leipziger Disputation - in der Abgeschiedenheit des Zisterzienserinnenklosters Beuditz bei Weißenfels nahm er 1520 - wahrscheinlich auf Empfehlung Luthers, der in ihm wohl einen loyalen, kämpferisch- wortgewaltigen Wegbereiter der Reformation vermutete - einen Ruf zur Vertretung des Stadtpfarrers Johannes Sylvius Egranus nach Zwickau an. - Die Zeit in Zwickau (1520-1521), einer damals mit 7000 Einwohnern kaum kleineren Stadt als Leipzig, aber doch wesentlich größer und bedeutender als Wittenberg, wurde für M. zu einer wichtigen Station in seinem Leben, die ihn nachhaltig geprägt hat. Er wurde dort mit den sozialen Konflikten einer wirtschaftlichen aufstrebenden Stadt konfrontiert, die sich in zwei Lager spaltete, in ein wohlhabendes Bürgertum aus Tuchmachern und Kaufleuten und in eine ärmere Schicht aus Handwerkern und Tagelöhnern, die mit den hohen Lebenskosten in der Stadt nicht mehr Schritt halten konnte. In Zwickau setzte M. mit Pathos und Sprachgewalt seine ungestüme Kritik an der Kirche und ihren »Dienern« fort, die in »großen, dicken, feisten Pausbacken« ihr »Leben zugebracht mit tierischem Fressen und Saufen« und so den »bitteren Christus« verleugnen. (»Die Mönche hätten Mäuler, daß man wohl ein Pfund Fleisch abschneiden könnte und behielten doch Mauls genug.«) Pfaffenschelte und Romfeindlichkeit, Leidensmystik und ein urtümliches, geistbegabtes Laienchristentum verbunden mit apokalyptischer Drohbotschaft und sozial-kritischer Agitation schmolzen bei M. allmählich zu einem Reformprogramm zusammen, das aber erst im »Prager Manifest« 1521 deutliche Konturen erkennen läßt. - Das Zusammentreffen mit dem jungen, charismatisch - visionär veranlagten Tuchmacher Nikolaus Storch, einem der »Zwickauer Propheten« - wie Luther diese schwärmerische, aus unteren Bevölkerungskreisen kommende Laienbewegung nannte - war für M. insofern bedeutungsvoll, als er sich durch ihn in seiner eigenen spirituellen Erfahrung bestätigt fühlte. So redet Gottes Geist heute noch unmittelbar zum Menschen durch innere Erleuchtung und läßt sich nicht durch den Buchstaben einfangen. Wer sich auf den bloßen Buchstaben, das »äußere Wort«, verläßt (»Bibel, Babel, Bubel«), ist den Schriftgelehrten gleichzusetzen, die Jesus bekämpft hat. Die scharfe, dualistische Trennung von Buchstabe und Geist trieb M. letztlich in den religiösen Subjektivismus, der sich einer Kontrolle durch das biblische Wort entzog. Hier scheint sich der Bruch mit der Wittenberger Reformation anzubahnen. Dazu kamen noch die chiliastischen Ideen der Zwickauer Propheten, die die Kindertaufe ablehnten, ein baldiges Gericht der Gottlosen verkündeten und auf das ersehnte Tausendjährige Reich warteten, wodurch M. in seinem eigenen eschatologischen Sendungsbewußtsein weitere Stärkung erfuhr. Die ständigen Kämpfe mit den Vertretern der Kirche, den Stadträten und dem mittlerweile zurückgekehrten, ihm völlig entgegengesetzten Humanisten Egranus hatten jedoch im April 1521 die Entlassung M.s zur Folge. M. verließ die Stadt heimlich am 16. April, an dem Tag, an dem Luther im Triumph vor Kaiser und Reich in Worms erschienen war. - M. reiste im Juni 1521, nach einem kurzen Aufenthalt in Saaz, wo er wahrscheinlich mit der waldensisch-taboritischen Ketzerbewegung in Berührung gekommen war, nach Prag. Dort wurde er zunächst als »Magister Thomas Lutheranus« respektvoll empfangen. Über seine näheren Ziele in Prag läßt sich kaum etwas in Erfahrung bringen. Offensichtlich wollte M., anknüpfend an die hussitische Tradition, der Reformation in Böhmen zum Durchbruch verhelfen. In seinem »Prager Manifest« (Nov. 1521), von dem uns vier Fassungen überliefert sind, hat M. erstmals ein theologisches Konzept vorgelegt. Eine »neue, apostolische Kirche« durch »den Geist Eliae« müsse gegründet werden, nicht eine Kirche der »Pfaffen und Affen«. Aber letztlich werde nur das übernatürliche Eingreifen Gottes, wie es das Buch Daniel und die Offenbarung schildert, diese große, endzeitliche Wende »in saecula saeculorum« herbeiführen, »daß sich das irdische Leben schwinge in den Himmel.« Noch herrsche der Antichrist, aber bald werde das neue Reich anbrechen. M. war hier deutlich von Joachim v. Fiore beeinflußt, der ein Zeitalter des Geistes heraufbeschwor. M. selbst sah sich dabei in der Rolle eines von Gott berufenen Schnitters, der im aufkommenden Weltgericht mit »scharfer Sichel« Weizen von Unkraut trennt. Er betonte außerdem erneut, daß sich Gott jedem Gläubigen direkt offenbart (»wie freundlich ach so herzlich gerne Gott mit allen seinen Auserwählten redet«), wie er es auch in seiner Unterschrift zum Manifest pointiert zum Ausdruck bringt: »Thomas Müntzer will keinen stummen, sondern einen redenden Gott anbeten.« - M. wurde Ende Nov. 1521 gezwungen, Prag zu verlassen. Seine anfängliche Popularität war offenbar schnell geschwunden. Die genauen Gründe für das Verlassen Prags lassen sich jedoch nicht erhellen. In den auf den Prager Aufenthalt folgenden Monaten führte M. als »nuntius Christi« ein unstetes Wanderleben mit den wichtigsten Stationen in Erfurt, Nordhausen und Glaucha bei Halle. - Im März 1523 fand er schließlich eine Pfarrstelle in Allstedt. Die Wirkungsperiode in Allstedt (März 1523 - August 1524) war die fruchtbarste und erfüllendste seines Lebens. Im Mittelpunkt seiner Bemühungen stand die Gottesdienstreform. Noch vor Luther schuf er als erster eine deutsche Liturgie, die in den zwei umfangreichen Werken »Deutsches Kirchenamt« und »Deutsche Evangelische Messe« 1523 im Druck erschien. Liturgische Erläuterungen zur neuen Gottesdienstordnung finden sich in seiner »Ordnung und Rechenschaft des Deutschen Amtes zu Allstedt.« Die Reform folgte unter Weglassung aller dem reformatorischen Glaubensverständnis entgegengesetzten Positionen dem traditionellen Aufbau der Meßfeier, in der jedoch fortan die ganze Gemeinde durch Sprache - das Lateinische wurde zugunsten des Deutschen verdrängt - Ritual, Gesang (eingedeutschte Gregorianik) und Gebet in das Gottesdienstgeschehen einbezogen war. Damit kann er zu Recht als Vater des deutschen evangelischen Gottesdienstes und Kirchenliedes bezeichnet werden. M.s neue Liturgie lockte bis zu 2000 Gottesdienstbesucher an, eine erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, daß in der Stadt zu dieser Zeit lediglich etwa 900 Menschen lebten. - In Allstedt heiratete M. die entlaufene Nonne Ottilie von Gersen, die sich als treue Mitstreiterin an seiner Seite erwies und Ende März 1524 ihr erstes Kind zur Welt brachte. In einem versöhnlichen Brief vom 9. Juli 1523 versuchte M. mit Luther ins Gespräch zu kommen, indem er ihm versicherte, daß er - in Distanz zu Storch und den Zwickauer Propheten - die Hl. Schrift als Maßstab aller Offenbarung anerkenne und sogar bereit sei, sich von Luther »verbessern und belehren zu lassen, damit wir zugleich den Weg der Liebe betreten.« Luther antwortete ihm nicht. In seinem »Sendbrief an die Brüder zu Stolberg« (18. Juli 1523) warnte M. die Bürger seiner Heimatstadt vor einem »unbefugten Aufruhr« zur Durchsetzung der Reformation, kündigte jedoch eine beizeiten universale Herrschaft Gottes an, die aber zuvor in den Herzen der Menschen beginnen müsse, bevor sie »von keinem Pulversack umgestoßen werden kann.« Offensichtlich richtete M. sein Hauptaugenmerk zunächst auf eine ruhige und friedliche Verbreitung seiner Allstedter Reformen. Doch in der Auseinandersetzung mit Graf Ernst von Mansfeld, der ein Gottesdienstverbot erlassen hatte, wandte er sich in dem Brief vom 4. Oktober 1523 unmißverständlich an Kurfürst Friedrich den Weisen und ließ ihn wissen, daß sich die weltliche Herrschaft nicht gegen das Evangelium stellen dürfe, ansonsten werde ihr das Schwert genommen und dem Volk gegeben, woraus M. letztlich sein Widerstandsrecht gegen die Obrigkeit ableitete. - Gegen Ende des Jahres 1523 schrieb M. zwei Traktate, »Von dem gedichteten Glauben« und »Protestation oder Erbietung«, die sein theologisches Programm weiter entwickeln. Der »eingebildete« oder »buchstäbliche« Glaube wird dem echten Glauben, der wie ein »Senfkorn« im Herzen der Menschen wächst, gegenübergestellt. Auch die Tauffrage wird verinnerlicht. Wasser sei nach Joh. 3,5 als Bewegung des Geistes zu verstehen. Dieser bewirke die innerliche und eigentliche Taufe, während die äußerliche Wassertaufe, die an Säuglingen vorgenommen wird, überhaupt der Vollzug der Sakramente an Unmündigen, als »viehisches Affenspiel« abgelehnt werden müsse. M. hat jedoch nicht die Erwachsenentaufe praktiziert und scheidet daher als Vater des Täufertums aus, wenngleich manches von seinem Gedankengut in dieser Bewegung nachwirkte (z.B. bei H. Hut). - In Allstedt war es zu neuen Unruhen gekommen als von den reformfreudigen Bürgern im März 1524 eine Marienkapelle im Beisein M.s in Brand gesteckt wurde. Die Behörden wollten die Brandstifter ausforschen. Die Allstedter Bürger fühlten sich jedoch bedroht und gründeten bzw. erneuerten im Juni 1524 ein »christliches Verbündnis« zum Schutz des Evangeliums und im Kampf gegen die alte Kirche. Der Bund stellte sich als religiös-kommunale Einheit dar. Jenen Bürgern, die sich dem Bund nicht anschließen wollten, wurde nahegelegt, die Stadt zu verlassen. Vor allem aber versuchte M. seine Landesherren, die an Luther als ihren theologischen Ratgeber festhielten, für den Bund als Schutzorganisation zu gewinnen. In seiner »Fürstenpredigt« vom 13. Juli 1524 (im Druck erschienen unter dem Titel »Auslegung des anderen Unterschieds Danielis«), die er im Schloß Allstedt vor Herzog Johann und seinem Sohn Johann Friedrich hielt, bot sich ihm die Gelegenheit, auf die Obrigkeit einzuwirken. Wie zur Zeit des Propheten Daniel würden heute die angemaßten Berater der Obrigkeit - »Bruder Mastschwein und Bruder Sanftleben« in Wittenberg - versagen. Als »neuer Daniel« erläuterte er nun den Landesfürsten sein Offenbarungsverständnis und seine Sicht von der Obrigkeit und ihren Pflichten in der Endzeit. Dabei lehnte M. Luthers Zwei-Reiche-Lehre entschieden ab. Das Reich Gottes sei keine zukünftig-kosmische Größe, sondern müsse die Welt schon jetzt umgestalten durch die Verkündigung des Evangeliums, falls nötig aber auch durch das Schwert der Fürsten gegen die Gottlosen. Sein Bekenntnis zur Gewalt begründet er mit der theokratischen Ordnung des Alten Testamentes. Der Bruch mit Wittenberg war nun in seiner ganzen Tragweite offenbar geworden. - Luther schrieb einen »Sendbrief an die Fürsten zu Sachsen wider den aufrührerischen Geist zu Allstedt« (WA 15, 210-221) und nach einem Verhör am Weimarer Hof ließ ihn der Allstedter Rat aus Furcht vor politischen Konsequenzen fallen. M. schrieb inzwischen an seiner »Ausgedrückten Entblößung des falschen Glaubens« (Juli/August 1524). Darin gibt er sich als »neuer Johannes« aus, als Vorbote einer neuen Weltordnung durch die »Ankunft des Glaubens«, was durch die Wittenberger Reformation gerade nicht geschehen ist. M., von der ambivalenten Haltung des Allstedter Rates enttäuscht, verließ nun heimlich in der Nacht vom 7. auf den 8. August die Stadt und begab sich nach Mühlhausen, wo der ehemalige Zisterziensermönch Heinrich Pfeiffer die Bürger gegen die Geistlichkeit aufwiegelte. Möglicherweise hoffte M. dort ein günstiges Klima für seine Arbeit vorzufinden. Nun fand er auch Zeit, auf den Brief Luthers zu antworten. Die Entgegnung - sie trägt den Titel »Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg« (Aug. /Sept. 1524) - stellt eine bittere Abrechnung mit Luther dar, den er im grobianistischen Stil seiner Zeit abwechselnd als »Wittenbergischen Papst«, »Erzkanzler« des Teufels, »Vater Leisetritt« oder »Doktor Lügner« bezeichnete. - In Mühlhausen fand M.s Predigt anfangs schnell Anklang, doch wurde er bereits nach sieben Wochen zusammen mit Pfeiffer aus der Stadt vertrieben, weil die Mehrzahl der Bürger und Bauern nicht bereit war, das umstürzlerische Reformprogramm der »Elf Artikel«, die zu Tumulten und bewaffneten Aufläufen geführt hatten, durchzusetzen. M. tauchte zunächst in Nürnberg unter, wo er näheren Kontakt mit H. Hut pflegte und wahrscheinlich auch mit H. Denck zusammentraf. Eine weitere Reise führte ihn mit Oekolampad in Basel zusammen, von wo er anschließend zu den aufständischen Bauern im Klettgau und Hegau am Oberrhein weiterzog und dort möglicherweise die Bekanntschaft mit B. Hubmaier aus dem nahegelegenen Waldshut machte. - Anfang 1525 brach M. erneut nach Mühlhausen auf, nachdem es dem schon früher zurückgekehrten Pfeiffer gelungen war, die Bürger der Stadt doch noch für seine Reformpläne zu gewinnen. In Mühlhausen konsolidierte M. die neue, von den »Elf Artikeln« geforderte Stadtverfassung, als Ostern 1525 die Welle der Bauernaufstände von Oberdeutschland auf Thüringen übergriff. M. war überzeugt, daß nun die Zeit gekommen war, das endzeitliche Gericht an den Gottlosen zu vollstrecken und seiner revolutionären Kirche »von unten« landesweit zum Durchbruch zu verhelfen. Der »Ewige Rat« der Stadt, sowie die weiße Bundesfahne mit den Regenbogenfarben - Symbol des göttlichen Bundes mit Noah - sollten die Bürger auf die kommenden kriegerischen Auseinandersetzungen einstimmen. Seine apokalyptische Vision eines bevorstehenden eschatologischen Endkampfes fand brennpunktartig ihren Ausdruck in dem Brief an die Allstedter Bürger und Mansfelder Bergknappen (26./27. April 1525): »Dran, dran, derweil das Feuer heiß ist. Lasset euer Schwert nicht kalt werden ... Dran, dran, solang ihr Tag habt. Gott geht euch voran, folget, folget!« M. und Pfeiffer waren bereits mit einem Bauernheer am 26. April von Mühlhausen ausgerückt. Nach anfänglichen Erfolgen beim Zug durch das Eichsfeld beschloß M., gegen seinen alten Gegner Graf Ernst von Mansfeld zu ziehen. Mit einer kleinen Heerschar, aber im Bewußtsein das »Schwert Gideons« zu führen, traf er zunächst in Frankenhausen ein, während Pfeiffer sich um die Verteidigung Mühlhausens bemühte. In Frankenhausen stellte sich M. als selbsternannter Feldprediger und Militärstratege an die Spitze der zusammenströmenden Bauernverbände, die auf über 7000 Mann angewachsen waren. Am 15. Mai erschien das fürstliche Heer vor Frankenhausen und umzingelte die Aufständischen, die auf dem Hausberg am Fuß des Kyffhäuser Berges Aufstellung genommen hatten. Zu einer eigentlichen Schlacht ist es gar nicht erst gekommen, wohl aber zu einem fürchterlichen Blutbad. Nach mißglückten Verhandlungen wurden die Bauern überraschend angegriffen und stürmten in Panik auseinander. Etwa 6000 von ihnen wurden auf der Flucht niedergemetzelt, während das fürstliche Heer nur 6 Tote zu beklagen hatte. Auch M. konnte zunächst fliehen und sich in der Stadt verstecken, wurde aber bald entdeckt und auf Schloß Heldrungen unter harter Folter verhört. Er gestand Irrtümer ein, von einem Widerruf seiner Theologie kann aber nicht die Rede sein. Nachdem sich die Aufständischen in Mühlhausen kampflos ergeben hatten, wurden M. und Pfeiffer am 27. Mai enthauptet und ihre Körper und Köpfe zur Abschreckung der Bevölkerung vor den Toren der Stadt aufgespießt. - M.s Person und Lebenswerk sind bis in die Gegenwart umstritten. Er bleibt für seine Nachwelt ein »sperriges Erbgut« (S. Bräuer). »Gegen eine leichtfertige politische Vereinnahmung sperrt sich seine Theologie und gegen die theologische sein politisches Handeln« (K. Ebert). Die Einstellung ihm gegenüber reicht von einseitiger Verketzerung als spiritualistischer Schwärmer - so bis ins 19. Jh. durch das negative Urteil Luthers - bis zur nahezu kritiklosen Verherrlichung als handfester Sozialrevolutionär durch den modernen Sozialismus. M. gilt zweifellos als Prototyp des neuzeitlichen religiösen Nonkonformismus. Eine religiöse Reformation ohne gesellschaftliche Veränderungen kam für ihn jedoch nicht in Betracht. In seinem Suchen nach den Wurzeln der sozialen Not und Ungleichheit war er seiner Zeit um Jahrhunderte voraus und wurde so zum Vorboten und zur Symbolfigur der modernen Revolutionen. Dennoch war M. kein Sozialrevolutionär in erster Linie, sondern »Knecht Gottes wider die Gottlosen«, sein »williger Botenläufer« und als solcher ein Reformator besonderer Prägung, der sich als konsequenter Kritiker und endzeitlicher Vollender einer »steckengebliebenen« Reformation verstand. Als »größter abendländischer Chiliast« (H. Mühlestein) ist er in die Geschichte eingegangen. Die Bezeichnung »Theologe der Revolution« (E. Bloch) kommt seinem Selbstverständnis näher, wenn sie - in der richtigen Reihenfolge wohlgemerkt! - beide Aspekte seines Lebenswerkes zu würdigen sucht. Gerade als Theologe ist er den Weg zur Revolution gegangen.

Werke: Die evang. deutschen Messen bis zu Luthers deutscher Messe, hrsg. v. J. Smend, Göttingen 1896; Die evang. Kirchenordnungen des 16. Jh., hrsg., v. E. Sehling, Leipzig, 1902, I, 470 ff.; Th. M.s Briefwechsel, hrsg. v. Heinrich Böhmer u. Paul Kirn, Leipzig 1931; Th. M. Sein Leben u. seine Schriften, hrsg. v. Otto H. Brandt, Jena 1933 (mod. Ausg.); Th. M.s. deutsche Messen und Kirchenämter mit Singnoten u. liturgischen Abhandlungen, hrsg. v. Oskar J. Mehl, Grimmen 1937; Politische Schriften, hrsg. v. Carl Hinrichs (mit Komm.), Halle 1950; Th. M.s. Briefwechsel. Lichtdruck 1-73 nach Origin. d. Sächs. Landeshauptarchives Dresden, Leipzig 1953; Die Fürstenpredigt u. a. polit. Schriften, hrsg. v. Siegfried Streller, Leipzig 1956; Die Fürstenpredigt. Theol.-polit. Schriften, hrsg. v. Günther Franz, Stuttgart 1967; Schriften u. Briefe. Krit. Gesamtausgabe:, unter Mitarb. v. Paul Kirn, hrsg. v. Günther Franz, Gütersloh 1968; Schriften u. Briefe, hrsg. v. Gerhard Wehr, Frankfurt/M. 1973; Gütersloh 1978; Zürich 1989 (mod. Ausg.); Politische Schriften, Manifeste, Briefe 1524/25, hrsg. v. Manfred Bensing und Bernd Rüdiger, Leipzig 19732; Außlegung des andern vnterschyds Danielis deß propheten, Außgetrückte emplößung des falschen Glaubens, Hoch verursachte Schutzrede. Neuhochdtsch. Übers., hrsg. v. Max Steinmetz, Berlin (O.) 1975; Prager Manifest, hrsg. v. M. Steinmetz, Leipzig 1975; Theol. Schriften aus dem Jahr 1523, hrsg. v. Siegfried Bräuer u. Wolfgang Ullmann, Berlin (O.) 19822; Deutsche Evang. Messe 1524, hrsg. v. S. Bräuer, Berlin 1988; The Collected Works of Th. M., hrsg. v. P. Matheson, Edinburgh 1988; Schriften, Liturg. Texte, Briefe, hrsg. v. R. Bentzinger u. S. Hoyer, Berlin 1990 (mod. Ausg.).

Bibliographie: Günther Franz, Bibliographie d. Schriften Th. M.s, in: ZVThG, NF 34/1940, 161-173.

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Letzte Änderung: 05.12.2008