|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
MURATORI, Lodovico Antonio, ital. Historiker, Jurist, Philosoph und Literaturtheoretiker, * 21.10. 1672 in Vignola bei Modena, † 1750 in Modena. - M. studierte in Modena beide Rechte. Nach seiner Priesterweihe war er an der Mailändischen Ambrosiana-Bibliothek tätig, seit 1700 leitete er im Dienste des Herzogs von Modena dessen reiche Privatbibliothek, die »Biblioteca Estense« von Modena, die bis heute von seiner Persönlichkeit geprägt ist. Die materielle Sicherheit und die ungestörte Ruhe eines Bibliothekarslebens, verbunden mit dem Zugang zu den reichen Sammlungen des Hauses Este waren die Basis für M.s gewaltiges Sammler-, Herausgeber- und schriftstellerisches Werk. - M.s Verdienst als Historiker liegt in seiner kritischen, die Quellen vergleichenden Arbeitsweise, in seiner vom Einfluß der frühaufklärerischen französischen Historiographie geprägten leicht lesbaren und oft anekdotischen Darstellungsweise und seiner Rolle für die Entwicklung einer italienischen historischen und philosophischen Prosa, da gerade in der Historiographie zu seiner Zeit die Rolle des Lateinischen in Italien noch sehr stark war. Sein Werk vereinigte die Errungenschaften der zurückliegenden Epoche der Renaissance, überwindet die Denkmuster des italienischen Humanismus und der Gegenreformation und leitet über zur Epoche der Aufklärung und der italienischen nationalen Neubesinnung, des »Risorgimento«. - M.s historische Schriften über das italienische Mittelalter sind von einem Bemühen um Objektivität geprägt, das, im Gegensatz sowohl zu den heilsgeschichtlich orientierten historischen Werken der Gegenreformation (C. Baronio, »Annales Ecclesiastici a Christo nato ad annum 1198«, 1588-1607), mit denen er sich auseinandersetzt, als auch zu den vom »Römer-Barbaren« - Schema geprägten Werken des Humanismus (Leonardo Bruni Aretino, Flavio Biondo da Forli), nicht den Standpunkt einer bestimmten Partei einnimmt, und Grausamkeit, Machtmißbrauch etc. überall dort anprangert, wo immer und auf welcher Seite sie auch geschehen. So sieht er u.a. auch durchaus positive Seiten in der Geschichte der Völkerwanderung und trug wesentlich bei zur Überwindung des Bildes vom »finsteren Mittelalter«, das die humanistische Geschichtssicht geprägt hatte. - Als Literaturtheoretiker steht M. unter dem Einfluß der französischen ästhetischen Diskussion des ludovizianischen Zeitalters. Er kritisiert die manieristischen Auswüchse der spätrinascimentalen italienischen Dichtung und urteilt vom Standpunkte eines universellen vernünftigen guten Geschmacks (»buongusto intellettuale«) aus. Seine Homerkritk nimmt Argumente aus der französischen »Querelle des Anciens et des Modernes« auf. Ein besonderes Verdienst M.s liegt in seinem Abrücken von allein aus der griechisch-römischen Antike gewonnenen ästhetischen Normen und der Entdeckung des dichterischen Wertes der biblischen Bücher sowie orientalischer und nordeuropäischer Literaturen, worin er bereits geschmackliche Tendenzen des späteren 18. Jahrhunderts vorwegnimmt. - Als Philosoph beschäftigte sich M. mit der Formung der Begriffe, Ideen, Gefühle etc. aus der menschlichen Vorstellungskraft im Kontext der Sprach- und Erkenntnistheoretischen Diskussionen der Frühaufklärung. Aus einer skeptischen, von Montaigne beeinflußten Grundhaltung heraus gewinnt er eine tolerante, pluralistische Sicht menschlicher Meinungen und Gedanken, die auf einen rational geläuterten christlichen Glauben und auf der politischen Ebene ein aufgeklärtes monarchisches Staatswesen hinzielt.
Werke: (Auswahl): Anecdota I-IV, Mailand 1697, 1698, Padua 1713; Primi disegni della Repubblica letteraria d'Italia, Venedig, 1703; Della perfetta poesia italiana, Modena 1706; Riflessioni sopra il buon gusto, Vendig 1708; Rerum italicarum scriptores (Ausgaben histor. Quellentexte) I-XXVII, Mailand 1723-1738; Antiquitates italicae Medii Aevi, I-VI, Mailand 1738-1743; Della carità cristiana, Modena 1723; De superstitione vitanda, Venedig 1743; Dei difetti della giurisprudenza, Venedig 1742; Delle forze dell'intendimento umano, Venedig 1745; Della forza della fantasia umana, Venedig 1745; Annali d'Italia, Venedig 1744-1749. - Werkausgaben: Opere di L.A.M., Hrsg. v. G. Falco/F. Forti, Mailand/Neapel 1664.
Bibliographie: T. Sorbelli: Bibliografia muratoriana. 2 Bde., Modena 1943/44.
Lit.: (Auswahl): G. Falco, »L.A.M. e il preilluminismo« in: M. Fubini, La cultura illuministica in Italia, Turin 1957; - A. Andreoli, Saggio sulla mente e la critica letteraria del M., Bologna 1921; - ders., Nel mondo di L.A.M., Bologna 1972; - Atti del Convegno internazionale di studi muratoriani, 4 Bde., Florenz 1975/76; - Miscellanea di Studi muratoriani. Atti e memorie del Convegno di studi storici in onore di L.A.M., Modena 1950. Modena 1951; - S. Bertelli, Erudizione e storia in L.A.M., Neapel 1960.
Christoph Dröge
Literaturergänzung:
1995
Nikolaus Schöch, Der Streit zwischen Kardinal Angelo Maria Querini u. A.L.M. um d. Reduktion d. Feiertage, in: Antonianum 70.1995, S. 237-332; -
2007
Paolo Vismara Chiappa, Dogma e disciplina nell'Italia del Settecento. Da L.A.M. alla "auctorem fidei", in: Papes, princes et savants dans l'Europe moderne. Genève 2007, S. 123-142; -
2009
Bernadette Majorana, Immagini predicazione teatro. Muratori e Segneri iuniore a confronto (1712), in: Ordini religiosi, santi e culti tra Europa, Mediterraneo e Nuovo Mondo. Bd. 1. Galatina 2009, S. 135-164.
Letzte Änderung: 28.01.2010