NEBUKADNEZAR I. (Nabû-kudurri-ußur = Gott Nabû, schütze meinen ältesten
Sohn!), König von Babylon 1125-1104 v.Chr., ist der vierte und bedeutendste
König aus der Isin-Dynastie, die die Unabhängigkeit Babylons von Assur
und die Befreiung von der Bedrohung durch Elam erreichte. Gleichwohl
hatte Nebukadnezar weiterhin Auseinandersetzungen mit beiden Herrschaftsgebieten.
Nebukadnezar rechnete sich die Stadt Zanqu im Nordosten sowie die
Stadt Hit am mittleren Euphrat zu und bezeichnete sich als Sieger
über Lullubu und Amurru, Ost- und Westland, während die Assyrer unter
Aschschurresch'ischi (I.; Gott Assur, erhebe das = mein Haupt! 1132-1115)
dies nicht so sahen. Seine kriegerischen Aktivitäten stellte Nebukadnezar
jedoch erneut unter Beweis, als er wahrscheinlich zwei schwere Angriffe
gegen Elam führte. Als Ergebnis konnte er das Standbild Marduks, das
die Elamer wegtransportiert hatten, zurückerobern. Angeblich fand
der erste Feldzug statt, um zwei Flüchtlingen, zwei Rea-Priestern,
aus der Stadt Dinscharri zu helfen. In der Gegend von Opi erhielt
ihr Gott später eine Domäne. Der zweite Feldzug ereignete sich im
Monat Tammuz, d.h. im Sommer. Am Fluß Ulai (griech. Eulaios) stießen
die Babylonier mit den Truppen Chutelutusch-Inschuschinaks zusammen.
Der Elamer-König floh jedoch. Nebukadnezar besetzte und plünderte
das Land. Das iranische Gebiet Namar verleibte er seinem Reich ein.
Laktischichu, seinen Kampfwagen-Befehlshaber, belohnte er nach seiner
Rückkehr in Babylon. Noch unter der Regierung des Sohnes Nebukadnezars:
Ellilnadin'apli (der Gott Ellil gibt einen Sohn; 1103-1000) und weit
darüber hinaus ist von Elam politisch keine Rede mehr. Indem Nebukadnezar
sich als Beherrscher des Westlandes bezeichnet, wird der syrisch-palästinische
Raum angesprochen. Wieweit sein militärischer Wirkungsbereich konkret
ausgedehnt war, bleibt dabei offen. Zur Zeit Nebukadnezars setzte
sich der Aufstieg Marduks zum Hauptgott durch. Die als bedrückend
empfundene Vergangenheit wird auf die Elam-Abwesenheit Marduks zurückgeführt,
die nunmehr einer erwartungsvollen Zukunft gewichen ist. Zugleich
nahm insbesondere die religiöse auch kritische Literatur ihren Aufschwung.
Zahlreiche unveröffentlichte Texte und Inschriften, die das Bild verdeutlichen
könnten, harren noch ihrer Bearbeitung und Auswertung. - Die Namensgebung
für Nebukadnezar II. wird man als Bezugnahme auf den großen babylonischen
Vorfahren sowie als Programm-Namen zu verstehen haben. Einen späten
Nachklang scheint Nebukadnezar nach seinen ihm beigelegten Epitheta
in einer Inschrift des letzten babylonischen Königs Nabonid (555-539)
gefunden zu haben. In der unvollendeten Istanbul-Stele (Nbd Stele
XI Kol.VI,1'ff) tritt er im Traum als Traum-Deuter auf, der die ebenfalls
im Traum gesichtete Konjunktion von Mond und Jupiter senkrecht im
Zenith mit einem neu aufgetretenen und auf den Mond zustrebenden Stern
als zu Beunruhigung keinen Anlaß gebend erklärt. Der irregulär auftretende
Stern (vgl. Mat 2,1-12.16!) ist astrologisches Kennzeichen eines neuen
Königs, in diesem Fall des Kyros. Die Traumdeutung erwies sich jedoch
als trügerisch. Denn Kyros bereitete dem babylonischen Reich bald
das Ende.
Werke: Auftrags-Inschriften bzw. Quellen vgl. J.A. Brinkman,
A political history of Post-Kassite Babylonia 1158-722; B.C., Analecta
Orientalia 43, Roma 1968, 104 ff.; 325 ff. R. Borger, Handbuch
der Keilschriftliteratur Bd. II, Berlin - New York 1975, 23, Bd. III,
dto., 31. - Ältere Lit. in den dort genannten Veröffentlichungen.
Ergänzungen in den laufenden Bibliographien von Archiv für Orientforschung
und Orientalia s.v.
Lit.: D.J. Wiseman, Assyria and Babylonia c. 1200-1000
B.C., in: Cambridge Ancient History II, 2, 1975, 443-481; - E.
Cassin, in: Fischer Weltgeschichte Bd. 3. Die Altorientalischen Reiche
II. Das Ende des 2. Jahrtausends, Frankfurt/M. 19872, 40-42.68-70;
93; - W. Röllig, Nebukadnezar, in: Der kleine Pauly Bd. 4, München
1964, 36; - W. v. Soden in: Propyläen Weltgeschichte, Berlin etc.
1960, 64 f. = Taschenbuch-Ausgabe II,1, Frankfurt/M 1962, dto.;
- W.G. Lambert, The Reign of Nebuchadnezzar I: A Turning Point
in the History of Ancient Mesopotamian Religion, in: W.S. Mc Cullough
ed., The Seed of Wisdom: Essays in Honour of T.G.Meek, Toronto 1964,
3-13; - Ergänzungen in den laufenden Bibliographien von Archiv
für Orientforschung und Orientalia s.v. Zu dem Nabonid-Text vgl. Verf.
in: Grazer Morgenländische Studien 3, Graz 1993, 275-289.