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Band VI (1993)Spalten 529-548 Autor: Paul-Richard Berger

NEBUKADNEZAR II. (zur Namensform und -deutung vgl. Nebukadnezar I.), König von Babylon 604-562, war der erste Sohn Nabopolassars (babylonisch: Nabû-apla-ußur = Gott Nabû, schütze den Sohn!), ebenfalls König von Babylon 625-605 und Begründer des spätbabylonischen Reiches. Nebukadnezar, dessen Namensgebung offenbar programmatisch an dem großen Vorfahren Nebukadnezar I. orientiert war, hatte einen jüngeren Bruder mit Namen Nabium-schumam!-lischir (Gott Nabû, der Name = Nachkommenschaft möge gedeihen!). Ein weiterer Bruder hieß Nabû-zera-uschabschi (der Gott Nabû hat Samen = Nachkommen entstehen lassen). Früh beteiligte der Vater seinen Sohn Nebukadnezar bei öffentlichen politischen Aufgaben. Beim Bau des Etemen'anki, des Terrassenhoch-Tempels in Babylon, durfte Nebukadnezar mit den Bautrupps Lehm, Mischwein, Öl und Holzscheite tragen, während der Vater selbst mit gerafftem Königsgewand Ziegel und Lehm auf dem Kopf transportierte. Bei derselben Gelegenheit machte Nabopolassar den jüngeren Sohn Nabiumschumamlischir mit auferlegtem Erd-Korb aus Gold und Silber zum Tempel-Oblaten für den Gott des Tempels und der Stadt: für Marduk. Seit dem Frühjahr 607 zog der alternde und kränkelnde (so Berossos bei Josephus, Antiquitates X,11,1; Contra Apionen I,19,4) Nabopolassar seinen Ältesten mehr und mehr zu den Regierungsgeschäften heran, nachdem er schon vorher militärische Unternehmungen mit ihm gemeinsam durchgeführt hatte. Zwei Jahre später 605 übertrug er ihm den Oberbefehl über die gesamten Truppen und beauftragte ihn mit der Eroberung der Stadt Karkemisch am Euphrat (vgl. Jer 46,2, 25,1: 4. Jahr Jehojakims; 2 Chron 35,20 f.). Dort hatten die Ägypter erfolgreich eine Garnison unterhalten. Diese Aufgabe erledigte er mit starkem Engagement und großer Härte. Die Flüchtenden verfolgte er bis Hamath und ließ sie niedermachen. Sein Sieg hatte zur Folge, daß fast ganz Syrien und Palästina vom Euphrat bis zur Grenze Ägyptens ihm widerstandslos in die Hände fiel. Wenige Wochen später erfuhr er, daß sein Vater am 15. August in Babylon verstorben war. Nach Berossos (bei Josephus, Antiquitates X,11,1; Contra Apionem I,19,5) ordnete er die politischen Angelegenheiten, »bestimmte Näheres über die jüdischen, phönizischen, syrischen und ägyptischen Gefangenen, befahl einigen seiner Freunde mit den Schwerbewaffneten und dem Troß nach Babylonien zu marschieren, während er selbst mit nur kleinem Gefolge durch die Wüste nach Babylon aufbrach.« Unter Eilmärschen traf er dort ein und wurde am 7. September 605 als neuer König anerkannt. Noch im Herbst dieses Jahres setzte Nebukadnezar seinen Syrienfeldzug fort, der bis zum folgenden Februar dauerte. Ohne auf ernstlichen Widerstand zu treffen (vgl. 2 Kön 24,7), zog er umher und kehrte mit reicher Beute nach Babylon zurück. Wohl im selben Jahr wurde auch Eljakim, einer der Söhne des religiösen Reform-Königs Josia, den der ägyptische König Necho (II., nj k'w, nekao = dem Erhabenheit eignet) 608 anstelle seines Bruders Jehoachaz unter dem neuen Namen Jehojakim zum König in Jeusalem eingesetzt hatte, nun Nebukadnezar untertan (vgl. 2 Kön 24,1 ). Nebukadnezar belagerte und plünderte auf dem Feldzug im Jahr 604 die Philisterstadt Askalon (vgl. Jer 47,5), die zum Brückenkopf für Ägypten hätte werden können. Ein in Ägypten gefundener aramäischer Brief bat vergeblich den Pharao um Hilfe vor den Babyloniern. Im Kampf um Askalon wahrscheinlich zeichnete sich ein Grieche mit Namen Antimenidas, ein Bruder des Dichters Alkaios von Mytilene auf Lesbos, als Fremdenlegionär aus, indem er eine kritische Situation durch die Tötung eines ägyptischen riesenwüchsigen (ca. 2,45 m) königlichen Kämpfers rettete. Zwei Jahre später fiel Jehojakim wieder von Nebukadnezar ab und geriet unter den Druck babylonischer, aramäischer, moabitischer und ammonitischer Streifscharen (vgl. 2 Kön 24,1 ). 601 holte Nebukadnezar zum erneuten Schlag gegen Ägypten aus. Nach schweren Verlusten auf beiden Seiten jedoch zog sich Nebukadnezar zurück. Zwei Jahre benötigte er, um sein Heer wieder auf den alten Stand zu bringen. Dies galt insbesondere für die Streitwagentruppe und die Reiterei. Ende 599 erneuerte er seine Syrienfeldzüge. Er sandte Truppen-Abteilungen gegen die Beduinen aus, die sich den Ägyptern untergeordnet hatten (vgl. Jer 49,28-33). Zugleich vernichtete er das Königtum von Hazor (Jer ebd.). Nach den Chronikbüchern (II,36,6-8; Dan 5,2, vgl.1,1; LXX: I Esdr 1,38 f.; Josephus, Antiquitates X,6,2) wäre Johojakim im Frühjahr 597 von Nebukadnezar zur Rechenschaft gezogen worden und, unter Mitnahme von Tempelgräten zugunsten des Marduk-Tempels, in Fesseln nach Babylon deportiert worden, wo er im Gegensatz zum Bericht der Königsbücher (II,24,6; LXX: IV Reg 24,6 // II Prlp 36,8!) dann erst gestorben sei. Josephus (l.c.) redet von seiner Tötung samt den besten jungen Männern direkt in Jerusalem. In diesem Zusammenhang sind auch die Angaben des Danielbuches über die deportierten jüdischen Jugendlichen zu sehen. Allerdings trifft die Jahreszahl (Dan 1,1) vom 3. Jahr Jehojakims chronologisch gegenüber den Chronik- und Königsbüchern (2 Chron 36,6 ff.; 2 Kön 24,1 f.) nicht zu und wird auf eine Zahlenentstellung (Quadratschrift: 'j >>g = 3 statt 11, Datierungkriterium!) zurückgehen, soweit ursprünglich zutreffende Informationen zugrundelagen und nicht die 3 Jahre von 2 Kön 24,1 dahinter stehen. Josephus (Antiquitates X,10,1) zählt Daniel sogar zu den Deportierten aus der Zeit Zedekias (vgl. im folgenden). Nach dem Danielbuch gehörten weiterhin zu den Deportierten Mitglieder aus der eigenen Familie Jehojakims und aus Familien der Vornehmen, mit Kindern, darunter Daniel und seine drei Gefährten. Von diesen ist tatsächlich inzwischen einer mit dem ihm gewohnheitsgemäß neu gegebenen babylonischen Namen, der wie die anderen im Danielbuch tradierten neuen Namen seiner Gefährten entgegen früheren Annahmen sprachlich zutrifft, in einer babylonischen Quelle nachzuweisen. Nicht zuletzt dadurch erhalten die in der Regel kritisch beurteilten historischen Angaben des Danielbuches mehr Gewicht. Auch die ausführenden Aktivitäten des »Oberkochs Ari(w)ukku« (hurritischer Name, biblisch: Arjoch, Dan 2,14) entsprechen historischem Realismus (vgl. im folgenden), ebenso die des »Kochs« (Dan 1,3; »persisch«: aschpaz = Suppenkoch, vgl. noch modernes asch = Suppe, paz Präsensstamm zu pochtan = kochen, biblisch: aschpenaz, mit masoretisch hilfsweise vokalisierter, Nasalierung wie bei Aschkenaz; Datierungskriterium!), der zugleich auch Ober-Leibgardist war. Nach seinem Eigennamen Abicezri (nur LXX: mein Vater = Gott ist meine Hilfe, sofern nicht nur entstelltes aschpenaz, Dan 1,3.11) ist er selbst Westsemit oder gar Jude. Jehojakims Sohn und Nachfolger Jehojachin, zeigte sich gleich nach seinem Regierungsantritt Nebukadnezar trotz der Prophetie Jeremias (27,9-11; vgl. Josephus, Antiquitates X,7,1) nicht unterwürfig. Kaum 3 Monate danach ließ ihn Nebukadnezar in Jerusalem belagern, und zwang die Stadt am 16. März 597 zur Übergabe. 3023 jüdische Zivilisten (vgl. Jer 52,28), darunter der König Jehojachin mit seiner Mutter Nehuschta, der Tochter Elnatans, ferner seine Frauen sowie seine Leibgardisten und höhergestellte Persönlichkeiten des Landes, zusätzlich das Militär: 7000 Mann (vgl. 2 Kön 24,14 f.; 2 Chron 35,17 ff.), einschließlich 1000 Schmiede und Schlosser (vgl. 2 Kön 24,14.16 sowie Jer 24,1; 29,2; Ez 17,12), alles kriegstüchtige Männer, insgesamt rund 10000 Menschen gingen in die Gefangenschaft. Zu diesen Gefangenen zählte auch der Prophet und Priestersohn Ezechiel, der in die Nähe vom Til-Abubi ( = Flut-Trümmerhügel; biblisch u.a. mit u/ü/i-Wechsel: Tel Aviv, Ez 3,15; dort gab es auch eine Stadt) an den Kabar-Kanal (biblisch mit aramäischer Vortonkürzung: Kebhar; Ez 1,1 etc.: Kanal von Sippar über Babylon nach Uruk) verschlagen wurde. Nach dem Esther-Buch gehörten zu den Verschleppten auch die Vorfahren Esthers und ihres Pflege-Vaters Mordechai (Esth 2,6 f.), die nach Susa gelangten. Die rabbinische Literatur (Lev r 19,6; Pes Rab 26,129) weiß wohl mehr spekulativ zu berichten, daß Nebukadnezar Jehojachin während seiner langen Gefängniszeit (bis 561) mit einer neuen Frau ausstattete. In babylonischen Versorgungslisten ist auch er mit 5 Söhnen und weiteren 8 Juden aufgeführt. Den Thron in Jerusalem erhielt ein Günstling Nebukadnezars: Mattanja, der Sohn der Hamutal, der Tochter des Jeremia aus Libna, des Schwiegervaters des Königs Josia (2 Kön 24,17 f.; 2 Chron 36,10; Jer 37,1). Seinen Günstling nannte Nebukadnezar in Zedekia um und ließ ihn einen Gottes-Eid zur Treuewahrung schwören (Ez 17,13 f.; 2 Chron 36,13). Sicherheitshalber nahm er auch die Mächtigen des Landes mit (Ez 17,13). Offenbar hat dennoch Zedekia sofort versucht, eine antibabylonische Koalition mit Edomitern, Moabitern, Ammonitern, Tyros und Sidon zustande zu bringen (vgl. Jer 27,3). Im Jahr 596 drangen die Babylonier allerdings nicht über Karkemisch hinaus. Am Tigris mußten sie sich wahrscheinlich den Elamern stellen (vgl. Jer 49,34-39; Ez 32,24). Aber die Auseinandersetzung scheint harmloser gewesen zu sein. Vom Dezember 595 bis Januar 594 war ein umfangreicher Putsch, an dem wohl auch zwei seiner Söhne mitbeteiligt waren, in Babylon zu überwinden. Die Schuldigen wurden streng bestraft, ihr Eigentum konfisziert und die Revolte mit aller Härte niedergeschlagen. Ende des Jahres erhob Nebukadnezar wieder den Tribut seiner Vasallen in Syrien. Jährlich wiederholten sich diese immer gleichen »Besuche« im Lande. Ab 594 versiegen bisher die babylonischen chronologischen Quellen für 27 Jahre. Über diese Zwischenzeit stehen nur die biblischen und spätere Sekundär-Texte als Quellen zur Verfügung. Nachdem Nebukadnezar seit dem 15. Januar 588 (2 Kön 25,1; Ez 24,1) Zedekia in Jerusalem belagerte, weil auch dieser zugunsten Ägptens trotz Gotteseides (2 Chron 36,13; Ez 17,13 f.; Josephus, Antiquitates X,7,2 f.) ihm die Treue gebrochen hatte, entschloß sich der Pharao Apries (Waçibrec = ausdauernd ist das Herz des Gottes Rec, biblisch: Hophra, evtl.: ·acacibrec = es freut sich das Herz des Gottes Rec; 589-570) zu einem Entsatz-Angriff auf die Babylonier, um seinem Bündnisversprechen gegenüber Zedekia nachzukommen (Ez 17,15; Jer 37,5 f.). Die Flotte des Apries lief auf die Städte Sidon und Tyros aus. Er selbst machte sich auf den Landweg. Apries nahm Gaza ein, blieb jedoch sonst erfolglos. Seine Flotte dagegen war siegreich. Als Ergebnis wandte sich nun auch Tyros gegen Nebukadnezar. Nebukadnezar aber trieb die Ägypter zurück und belagerte Tyros 13 Jahre 585-572 (Josephus, Antiquitates X,11,1; Contra Apionem I,21,2 ; 20,3; vgl. Ez 26-27; 29,17 f.). Bereits am 18. Juli 586 hatte der babylonische Feldherr Nergalschar'ußur ( = Gott Nergal, schütze den König!) das ausgehungerte Jerusalem eingenommen (Jer 39; 52,4-29; 2 Kön 25,1-22; 2 Chron 36,13-20; Ez 33,21; 40,1). An seiner Seite betrat sein ranghöherer Namensvetter, Oblate des Gottes Nabû, Oberkämmerer und Leibgardist, mit den restlichen Obristen die Stadt (Jer 39,3; LXX und Josephus, Antiquitates X,8,2 entstellter Text!). Der nächtens geflohene Zedekia und seine Begleiter wurden bei Jericho gestellt und vor Nebukadnezar nach Ribla am Orontes verbracht. Nebukadnezar sprach Recht über ihn (Jer 39,5 // 52,9 // 2 Kön 25,6), ließ Zedekias Söhne vor dessen Augen töten und ihn dann selbst blenden. In diesem Zustand und in Ketten gefesselt, schaffte man ihn nach Babylon. Knapp einen Monat später, am 17. August, kam Nabû-zera-idinna ( = der Gott Nabû gab mir Samen = Nachkommen; biblisch: Nebusaradan), der »Oberkoch«, nach Jerusalem und verbrannte nach der Plünderung mit seinen Soldaten den Tempel, das Königsschloß, die Bürgerhäuser sowie alle sonstigen größeren Gebäude und riß die Stadtmauern nieder. Den Hohenpriester Seraja, seinen Stellvertreter Zephanja, drei Tempel-Türschwellenhüter, den Leibgardisten und Militärbefehlshaber, fünf der persönlichen Beamten des Königs, den Truppenausheber und Heerführer des Landvolks sowie 60 Mann Landvolk, insgesamt 67 Personen, die sich noch in der Stadt befanden, brachte er ebenso nach Ribla, wo sie Nebukadnezar gleichfalls umbringen ließ. Weitere 832 Menschen führte der »Oberkoch« in die Verbannung nach Babylonien (Jer 52,29). Besitzlosen Armen dagegen gab er Weingärten und Ländereien (Jer 52,16 // 2 Kön 25,12). Nach Josephus (Antiquitates X,8,7) sorgte Nebukadnezar, »in Babylon angekommen, als erstes für die Ansiedlung der Deportierten und nahm dann dem Hohenpriester seine Fesseln ab. Zedekia aber ließ er nach dessen Tode mit großer Pracht bestatten.« Über die in ihrem Heimatland verbliebenen Juden setzte der Oberkoch den Gedalja, einen Sohn Ahikams, des Sohnes Schaphans, der vor dem Aufstand gegen Nebukadnezar gewarnt hatte, ein. Er residierte in Mißpa. Aber dieser und die bei ihm stationierten Babylonier sowie dort lebende und sich gerade aufhaltende Juden wurden im Oktober 586 von dem Juden Jischma'el, dem Sohn des Netanja, des Sohnes Elischamacs, einem Abkömmling der Königs- und einer Magnatenfamilie, im Auftrag des Ammoniterkönigs Bacalis ermordert. Jischma'el führte die restliche Bevölkerung, darunter die Königstöchter, gefangen, um zu den Ammonitern überzuwechseln. Ihm trat jedoch Johanan, der Sohn Kareachs, mit seinen Truppen am großen Wasser bei Gibeon entgegen. Jischma'els Gefangene wandten sich erfreut Johanan zu, während Jischma'el selbst mit 8 Begleitern zu den Ammonitern flüchtete. Johanan und seine Leute jedoch flohen ihrerseits, gegen den Rat Jeremias, aus Furcht vor der Strafe Nebukadnezars nach Ägypten. Den Propheten Jeremia nahmen sie mit nach Tahpanhes (Jer 43,6; t' çwt p' nçsj = das Haus des Nubiers = Königs, = taçpenes = t' çwt p' njswt = das Haus des Königs, Jer 2,16!; vgl. 43,9! Griech.: Taphnas LXX; Daphnai/e bei Pelusium). Um den 28. Mai 585 hielt sich Nebukadnezar in Kleinasien zur Friedensvermittlung zwischen Medern und Lydern auf (vgl. dazu im folgenden). Im Jahr 581 kam die von den jüdischen Ägypten-Flüchtlingen gefürchtete babylonische Strafexpedition. Josephus (Antiquitates X,9,7) weiß zu berichten, daß Nebukadnezar zunächst Ammon (vgl. Ez 21,33-37; 25,3; Jer 49,1-6) und Moab (vgl. Ez 25,1-4; Jer 48) angriff. Der arabische Historiker Tabari (839-923 n.Chr.; Tarich X,181 ) gibt noch als Grund an, daß Nebukadnezar die Flüchtlinge habe friedlich wiederergreifen wollen und dies ihn zu der Invasion Ägyptens veranlaßt habe. Nach Ägypten geflüchtete Juden wurden zwar von den Ägyptern umgebracht (Joel 4,19; Josephus, Antiquitates X,9,7), offenbar um den Kriegsgrund auszuräumen, aber das erbrachte nicht die Zufriedenheit Nebukadnezars. Nach Josephus hat er den damals herrschenden König getötet und einen anderen eingesetzt. Weil Josephus keine Namen nennt, läßt sich seine Angabe schwer verifizieren. Wenn er recht hätte, müßte es ein kurzfristig aufgetretener, bisher unbekannter Gegenkönig des Apries (589-570) gewesen und dieser selbst wieder eingesetzt worden sein. Diesmal im 23. Regierungsjahr Nebukadnezars waren es 745 Juden, die vom »Oberkoch« Nabuzer'idinna deportiert wurden (vgl. Jer 52,30). Noch einmal setzte Nebukadnezar 568 zum Schlag gegen Ägypten an. Dabei hatte er die Unterstützung durch einen Widersacher des ägyptischen Usurpators Amasis (Icaçmose = der Mond hat geboren; 570-526), wenn nicht Apries selbst, so möglicherweise der Sohn des gestürzten und wenigstens nach Herodot (Historiae II,169; vgl. Jer 44,30) vom Pöbel ermordeten Königs Apries. Er rüstete eine starke Flotte, die aus Schiffen von Mittelmeer-Anrainern und -Inselbewohnern bestand. Sie drang 567 ins Nildelta wohl ein, wurde aber von einem schweren Unwetter böse zugerichtet und kenterte zum Teil, so daß sie dem anschließenden Angriff der Ägypter nicht widerstehen konnte. Der Gegner des Amasis fiel im Kampf. Auch dem Landheer Nebukadnezars blieb der durchschlagende Erfolg gegen das Heer der Ägypter mit ihren eilig herbeigeholten libyschen, äthiopischen und griechischen Hilfstruppen verwehrt. Die Ägypter warfen das babylonische Heer zurück. Nach der »See«-Schlacht, der Amasis auf seinem Schiff beigewohnt hatte, verweigerte er dennoch seinem gefallenen, im Wasser treibenden Gegner ein ehrenvolles Begräbnis nicht. Auch dieser wohl letzte Ägypten-Feldzug Nebukadnezars verfehlte sein Ziel. Nach seinem Tode 562 übernahm sein Sohn Awilmarduk (Mensch = Diener des Gottes Marduk; biblisch: Ewilmerodach) für kaum zwei Jahre die Macht. Er entließ sofort Jehojachin, der immer noch im Gefängnis verblieben war, und gab ihm den ersten Sitz unter den Königen, die mit ihm in Babel waren (Jer 52,31 f. // 2 Kön 25,27 ff.). Darüber hinaus schenkte er ihm neue Kleidung, gewährte ihm einen Platz an seiner Tafel und setzte für ihn eine Apanage aus (vgl. oben). - Die jährlichen Feldzüge und Tribute brachten Nebukadnezar so viel Reichtum, daß er zu umfangreichen Bautätigkeiten vor allem in Babylon schreiten konnte. Außer der Hauptstadt Babylon sind es noch 11 weitere Städte, in denen er ausweislich der bisher gefundenen Inschriften Tempel, Straßen und Mauern baute. In Babylon selbst errichtete bzw. erneuerte er prunkvoll 15 Tempel, drei Paläste, drei Hauptstraßen, den Euphrat-Kanal und seine Brücke, die Stadtmauern sowie deren Tore (u.a. das Ischtar-Tor) und große Befestigungsanlagen im Umfeld Babylons. Dazu zählt auch die sogenannte »Medische Mauer« zwischen Euphrat und Tigris nördlich von Sippar, die unlängst archäologisch wiederentdeckt worden ist. Er vollendete Etemen'anki ( = Grundstein von Himmel und Erde), den schon erwähnten großen Terrassenhoch-Tempel Babylons. Von einem solchen Tempel handelt die biblische Turmbau-Geschichte (Gen 11,1-9), die diesen Bau ohne Statik-Kenntnisse in die Zeit der Erstbesiedelung und Gründung Babylons sowie der Backstein-Erfindung, somit wahrscheinlich ins 3. Jahrtausend v. Chr. datiert. Zu den Bauwerken, die seinerzeit weltweit Aufsehen erregten, gehörten auch die »hängenden Gärten«, künstlich angelegte, baumbewachsene Backstein-Hochterrassen. Sie sind allerdings in Nebukadnezars Inschriften bisher nicht belegt. Die Rekordzeit von 15 Tagen für den Bau des neuen Königspalastes neben dem alten seines Vaters (Nbk Stein-Tafel Kol.IX,64) wird von dem Historiker Berossos (Belraschi = [Gottes-]Herren(Marduk)-Gewinner = Gottesgünstling, s. Lit.: Hartberger) bei Josephus (Antiquitates X,11,1; Contra Apionem I,19,8) rühmend erwähnt. Die ganze Stadt begrünte er, und vor allem das Arachtu-Ufer, d.h. die Ränder des kanalisierten Euphrat, bepflanzte er mit enggesetzten Zedern und die übrigen Kanal-Ufer sowie die Stadt mit Euphrat-Pappeln. Die Qualität der an Straßenmauern, Toren und in Palästen vorgefundenen Kunstwerke läßt sich mit denen der Assyrerkönige nicht vergleichen. Die Königspalast-Innenwände u.a. waren nur in Weiß gehalten. Für seine Bautätigkeit betrieb Nebukadnezar Zedern-Raubbau im Libanon und legte Transportwege im Gebirge an. Dort hinterließ er auch zwei große Felsinschriften (Nahr el Kelb, Wadi Brisa). Das literarische Schaffen erschöpfte sich im Wesentlichen an Reproduktion

TEXdes Überkommenen. Einen Eindruck von der Befindlichkeit jüdischer Deportierter in Babylon vermittelt Ps 137. Am Nebenkanal-System mit den von Nebukadnezar gepflanzten Euphrat-Pappeln sitzen sie inmitten Babylons und haben ihre Leiern an den Bäumen aufgehängt. In der protzigen Weltstadt und ihrer typischen Wohlstandsdekadenz dürfen sie sich verhältnismäßig frei bewegen. Ihre babylonischen Deportierer äußerten aufgrund ihres Polytheismus sogar Interesse am jüdischen Tempelgesang, darin unterstützt von traurigen Deportierten, denen Heimweh nach dem im Vergleich zu Babylon provinziellen Jerusalem immer wieder Tränen in die Augen trieb. Aber strenge Frömmigkeit verbietet den Musikanten solchen Gesang zur falschen Zeit am falschen Ort als Blasphemie. Die Gedanken schlagen vielmehr um in den Treueschwur gegenüber Jerusalem und in Glücksgefühls-Hoffnung über Unrechtsheimzahlung. - Das Bild Nebukadnezars in der Nachwelt war mit dem Schwinden der Originalquellen bald nur noch geprägt durch die Erzählung des Danielbuches über den Wahnsinn Nebukadnezars und den Bericht von der Eroberung Jerusalems. Insbesondere die grausame Exekution Zedekias und die Tötung seiner Söhne vor seinen Augen, damit dies die letzte optische Wahrnehmung nach seiner Erblindung bis zum Tode blieb, vermitteln das Bild sadistischer Grausamkeit. Doch unterscheidet sich Nebukadnezar in der bewußtseinsgespaltenen Behandlung von Gegnern und Freunden nicht weniger als es heute, wenn auch unkriegerisch, im sozialen Bereich noch üblich ist. Auch die mafiose militärische Erpressung und die Unterwerfung des Schwächeren durch den Stärkeren mit Gewaltdrohung und bei Weigerung unter durchtriebener Gewaltanwendung, um an seinen Erwerb zu kommen, gehört, mehr oder weniger gesellschaftlich sublimiert, noch immer zur täglichen Wirklichkeit. Die Härte Nebukadnezars gegen Zededia unterscheidet sich von dem Verhalten gegen dessen Vorgänger aus dem speziellen Grunde, daß er Zedekia nach den schlechten Erfahrungen mit den Vorgängern einen Gotteseid abverlangt hatte. Der Bruch dieses Eides wurde in einer Gerichtsverhandlung (Jer 39,5 // 52,9 // 2 Kön 25,6; Josephus, Antiquitates X,8,2), in der auch Zedekia zu Wort kam, zweifelsfrei gemacht. Erst danach erfolgte die Exekution, wie sie in den Gotteseiden vorgesehen war und mit Zusammenpressen der Kehle von der eigenen rechten Hand durch den Vertragspartner bei Vertragsschluß angesichts des zerstückelten Opfertieres selbst sympathetisch vorgesprochen werden mußte. Somit konnte sich Nebukadnezar als Vollstrecker einer Gottesstrafe sehen. In der Brutalität seiner Frömmigkeit unterscheidet er sich nicht von der Psalmen-Frömmigkeit, die die Freude am Untergang der »Bösen« selbst sehr gut kennt (vgl. etwa Ps 137: Kinder-Zerschmetterung). Auf der anderen Seite wußte Josephus (s.o.) zu berichten, daß Nebukadnezar Zedekia, ähnlich wie es Amasis mit seinem Gegner tat, nach seinem Tode mit großer Pracht bestatten ließ. In der rabbinischen Literatur (s.o) war, in der Tendenz sicher richtig, die Beschaffung einer Frau für den gefangenen Jehojachin geltend gemacht. Die Gebete am Schluß der Inschriften Nebukadnezars stehen, abgesehen vom Polytheismus, den biblischen Psalmen im positiven Sinne nichts nach. Die Bitte um gottgefällige Worte z.B. ist nicht Kennzeichen oberflächlicher Religiosität. Von praktizierter Frömmigkeit gibt ein Brief Nebukadnezars Zeugnis, in dem er ausdrücklich bittet, daß alle Vorkehrungen getroffen sein mögen, wenn er erscheine, um sein Gebet zu den Göttern anläßlich der Grundsteinlegung des Tempels Eanna in Uruk zu verrichten. Auch als Psalmendichter hat sich Nebukadnezar selbst betätigt. Von ihm ist ein dekadischer Akrostichos (vgl. Ps 119, oktadisch), der die metrische Struktur des Psalms durch Querstriche anzeigt und deshalb für die Fragen der Metrik besonders wichtig ist, auf den Gottesnamen Nabû erhalten. Den Grund für diese Hilfs-Kennzeichnung wird man wohl in der fehlenden Dichter-Routine sehen können. Nicht nur religiös war Nebukadnezar bescheiden, sondern auch als Herrscher. Bei dem Bau der Zedern-Transportwege im Libanon legte er mit Hand an, wie es sein Vater Nabopolassar ihm vorgelebt hatte. Er trug zwar nicht, wie die übrigen Mannschaften, den großen Erdkorb, sondern nur die weniger strapaziöse Transportkiste. Nach Josephus (Antiquitates X,11,1; Contra Apionen XIX,9) war Nebukadnezar mit einer Mederin verheiratet, Euseb zufolge und in griechischer Namenslautung mit dem Namen Amytis (und Varr.; persisch: Amud = die Füllige = Schöne; zu d >> t im Auslaut vgl. unten Labynetos). Allerdings liegt bei dem Namen wohl eine Verwechselung mit der medischen Frau des Kyros vor. Herodot (Historiae I,185.188) weist Nebukadnezar, da nicht zuletzt die genannten Bautätigkeiten zu dessen Zeit stattfanden, sogar eine Ägypterin mit Namen Nitokris (Nit-iqrt = die Göttin Ne'ith ist erfolgreich) zu. Ebenso in diesem Fall liegt eine Verwechselung vor, da Nitokris auch die Mutter des letzten babylonischen Königs Nabonid (s.u.) gewesen sein soll, deren Name Adadguppi (wohl assyrisch-aramäische Mischbildung: Adad ist mein Arm = Kraft) inzwischen jedoch bekannt ist. Adadguppi aber war die Frau eines babylonischen Magnaten mit Namen Nabubalassu'iqbi (der Gott Nabû befahl sein Leben), aus deren Ehe Nabuna'id hervorging. Das Danielbuch hat die genealogische Verknüpfung wie bei Herodot (ebd. I,77.188) gewahrt, indem Nebukadnezar Vater des Korregenten und ebenso »letzten babylonischen Königs« Belschar'ußur (Gott Bel = Herr = Marduk, schütze den König! Biblisch: Belschazzar) ist. Josephus (Antiquitates X,11,2) liefert schließlich die noch fehlende Gleichsetzung von Belschar'ußur, dem Sohn Nabuna'ids, mit Nabuna'id selbst ( = Naboandel << NABOANAED, griech. Majuskeln OA = fraktionierte o-Lautschreibung, D<< A, L<< D). Keilschriftlich ist der Name einer Frau Nebukadnezars noch nicht ermittelt. Auch könnten trotz allem eine Mederin und eine Ägypterin seine Frauen gewesen sein. 8 Kinder Nebukadnezars sind jedoch bekannt: 1. der bereits erwähnte Awilmarduk, sein Nachfolger; 2. Kaschschâ (Kosename, hypokoristisch zu kaschschaptu = Zauberin), eine Tochter, die Nergalschar'ußur heiratete, den späteren Usurpator (vgl. auch Berossos bei Josephus, Contra Apionem I,20,5), der Awilmarduk ermordete und die Regierung an sich riß; 3. Eannaschar'ußur (Tempelgott Eanna, schütze den König!); 4. Mardukschum'ußur (Marduk, schütze den Namen = Nachkommenschaft!); 5. Marduknadin'achi (Marduk gibt einen Bruder); 6. Muschezib-Marduk (Marduk ist Retter); 7. Marduknadinschumi (Marduk gibt Namen = Nachkommenschaft) und 8. Nabuna'id (der Gott Nabû sei gepriesen!), den Herodot (Historiae I,74) möglicherweise als Vermittler im Krieg zwischen Lydern und Medern bei der Mondfinsternis von 585 neben dem Syennesis aus Kilikien nennt, sofern er nicht darunter Nebukadnezar versteht, den er wie den letzten babylonischen König Nabuna'id Labynetos (griechischer N/L- und d/t-Wechsel) nennt. Die durch den syntaktischen Parallelismus der Genannten im Kontext erwartbare dynastische Positionsgleichheit von dem kilikischen Syennesis und Labynetos spricht eher für den König Nebukadnezar selbst, zumal Nebukadnezar sonst überhaupt nicht bei Herodot auftritt. Ursache für die falsche Namensgleichheit ist derselbe Namensbeginn: Nabu... , der aber auch in der Namenskürzung innerhalb babylonischer Chroniken (vgl.: Pi = Philippos) einen ihrer denkbaren Auslöser findet. Das Gleiche ist auch Berossos (bei Josephus, Antiquitates X,11,1) unterlaufen, bei dem Nabopolassar und Nebukadnezar denselben Namen tragen: Nabuchodonosor = Nebukadnezar. Den Wahnsinn Nebukadnezars und seine 7-jährige Abwesenheit von Babylon, wie das Danielbuch (Kap.4) schildert, erlauben die außerbiblischen Quellen bisher nicht zu verifizieren. Zwar gibt es inzwischen einen fragmentarischen babylonischen Text, der Nebukadnezar als sehr sensiblen und selbstzweiflerischen Menschen darstellt, aber die im Danielbuches geschilderten Umstände entsprechen eher der Situation seines vierten Nachfolgers Nabonid, von dem eine allerdings 10-jährige Babylon-Abwesenheit bekannt ist. Das in Qumran gefundene Textfragment mit dem Gebet Nabonids (4 Q Or Nab) nimmt darauf Bezug. Es erwähnt auch eine schwere Krankheit dieses König an seinem Aufenthaltsort in Teman. Seinen Nachhall hat Nebukadnezar historisch zunächst in den geschichtlichen und prophetischen Büchern der Bibel gefunden. Bei Jeremia und Ezechiel ist auch die noch nicht hebraisierte Namensform Nbwkr'ßwr (Jer 49,28) bzw. Nbwkdr'ßr (Jer: 30 Belege; Ez: 4 Belege) erhalten im Gegensatz zur Septuaginta-Tradition, die nur die hebraisierte Form kennt. Die ganze Wortentwicklungs-Geschichte ist jedoch im hebräischen Bibeltext dokumentiert: Nbwkdr'ßwr Nbwkdr'ßr (Jer, Ez) Nbwkdn'ßwr (Esr 2,1) Nbwkdn'ßr (Jer; 2 Kön 25,22; 2 Chron 36,6 f.10.13; Esr; Neh 7,6; Est 2,6; Dan), Nbkdn'ßr (Jer; 2 Kön 24,1.10.11; 25,1.8; 1 Chron 5,41; Dan). Die Septuaginta-Tradition und die außerbiblischen bzw. nachbiblischen Quellen lassen sich dieser Folge chronologisch zuordnen. Aufgrund der nicht auf solche Beobachtungen Rücksicht nehmenden und somit unhistorischen Betrachtungsweise scheitern in der theologischen Wissenschaft entwickelte Quellen-Theorien. Sogar babylonische Propaganda, bekannt aus der Felsinschrift von Wadi Brisa, wird durch den Propheten Jeremia (51,25; Hartberger ebd.) persifliert. Im Prophetenbuch Jesajas (14,8) ist auf den Zedern-Raubbau Bezug genommen: Die Zedern des Libanon würden sich freuen, wenn der König von Babel darnieder liege, weil niemand heraufziehe, um sie zu fällen. Auch der Völkerberg Jes 2 // Micha 4 hat sein babylonisches Gegenstück in Nebukadnezars Inschriften. Das Danielbuch (4,27) kritisiert die selbstüberhebliche Einschätzung der Bautätigkeit Nebukadnezars in Babylon, wie sie die gefundenen Inschriften selbst noch heute ausweisen. - Zwei nur wenige Monate regierenden Usurpatoren: Nebukadnezar III. und IV. diente im Jahr 522 bzw. 521 der historisch berühmte Name zur Aufwertung ihrer Herrscheransprüche. Das Judith-Buch schildert einen Krieg »Nebukadnezars« im 12. Regierungsjahr gegen den Mederkönig Arphaxad (biblisch: Arphakhschad; vgl. den noch »persischen« Propheten-Namen: Arfachschad, zu erklären wohl als semitisch-»persische« Elativ-Mischbildung: er ist sehr mollig = schön geworden, ursprünglich bei konkreter Kindesgeburt gesprochener Name; vgl. den biblischen Namen Räp(h)a(c)h; zum orthographischen Wechsel von (c)h und k(h) vgl. die keilschriftlichen Wiedergaben von Artaxerxes). Arphaxads Residenz war nach dem Judith-Buch Ekbatana. Die Bezeichnung Nebukadnezars im Judith-Buch als Assyrer ist zunächst nicht völlig falsch, da sogar schon biblisch und in der Folgezeit Babylonien als Assyrien bezeichnet wurde (Esr 6,22; vgl. auch Herodot; heute noch werden die Nestorianer der Osttürkei, Iraks und Irans als Assyrer bezeichnet). Vielmehr ergibt sich aus dieser Bezeichnung ein erster Datierungshinweis. Ebenso wäre die Residenz Ninive nicht ausgeschlossen. Aber die Ereignisse sollen nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil und nach der Zerstörung sowie dem Wiederaufbau des Tempels geschehen sein (Jud 4,2 und 5,2). Schließlich wird der Hohepriester Jojakim (Jud 4,8.14; 15,8) genannt, der zu den Rückkehrer-Kindern der ersten nachexilischen Priester zählte (Neh 12,10.12.26; Josephus, Antiquitates XI,5,1). Daraus ergibt sich, soweit man die Angaben konkret nehmen darf, daß die beanspruchte Zeit nach Esr 6,15 die Regierungszeit des persischen Königs Darius I. bzw. nach Josephus Xerxes I. wäre. Mit anderen Worten: der Name Nebukadnezars findet sich in sekundärem Gebrauch. Dasselbe würde dann auch für die Namen Ninive, Arjoch und Arphaxad etc. gelten. - Ähnlich ist die Situation in der rabbinischen Literatur. Nebukadnezar gilt meist als der »Böse« und trägt die Züge der römischen Eroberer (Titus, Vespasian etc.). Andererseits sagt man ihm Mitleid mit den Juden unter Jehojachin nach, den er (s.o.) in seiner Gefangenschaft mit einer Frau versah. Die rabbinischen Tradenten sehen darin eine Einwirkung ihres Gottes. Nebukadnezar war nach der rabbinischen Tradition ein Angehöriger der Armee des Assyrerkönigs Sanherib (704-681!), der bei dem Untergang durch die engelsbewirkte Pest (Jes 37,36 (vgl. 31,8!) // 2 Kön 19,35 // 2 Chron 32,21; Nahum 1,12 , vgl. den Artikel »Nahum«; Herodot, Historiae II,141) übriggeblieben war und seit dieser Zeit JHWH fürchtete. Sodann ist er auch Schreiber des Königs von Babylon, Merodach Baladan (II., 721-702!), gewesen, der den König korrigierte, als er erst den Namen des jüdischen Königs Hiskia und danach den Namen JHWH's schreiben wollte. Dafür wurde Nebukadnezar mit der Herrschaft über die ganze Welt, einschließlich der Tiere, belohnt und durfte den Thron Salomos (Jer 52,12 Masora!) einnehmen. In islamischer Zeit ist die Erinnerung an die erste Zerstörung Jerusalems noch wach (vgl. zuvor Tabari). Der Koran selbst (Sure 17,4-7) kennt ebenso die erste Zerstörung des Tempels von Jerusalem. In den islamischen Legenden hat Nebukadnezar den arabisch eingefärbten Namen Buchtanaßar (u.ä.). Er ist dort Strafwerkzeug Allahs, mit dem er Israel züchtigte. Die Legenden erzählen u.a. von einem Juden, der träumte, daß ein armer, vaterloser Junge den Tempel zerstören und Israel vernichten würde. Darum machte sich der Jude auf, den Jungen zu finden. Er reiste bis nach Babylonien und fand dort, nachdem er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, den Gesuchten mit Hilfe von Babyloniern. Der Jude gab ihm Geld und Nahrung mehrere Tag lang. Als er wieder seinen Abschied nehmen mußte, war der Junge betrübt, weil er die Freundlichkeit des Juden nicht vergelten konnte. Der sagte ihm jedoch, daß sein Dank in einem schriftlichen Versprechen bestehen könnte, ihn und die Seinen zu schonen, wenn er den Königsthron besteigen werde. Der Junge hielt dies für einen schlechten Scherz. Aber auf Betreiben seiner Mutter gab er das gewünschte Versprechen. Auch ein Zeichen, um den Juden selbst in einer Menschenmenge zu erkennen, verabredete man. Tatsächlich wurde der junge Babylonier König und zerstörte den Jerusalemer Tempel als Strafe für den Mord an Johannes dem Täufer! Aber der jüdische Wohltäter des Königs war nicht am Ort, so daß niemand durch das schriftliche Versprechen geschützt werden konnte. In einigen Versionen ist die Geschichte vom Tod Johannes des Täufers als Jahja ibn Zakarijja eingefügt. Ein schwacher Anklang an jüdische Tradtion könnte in der Erzählung von dem Gespräch zwischen Jochanan ben Zakkaj und Vespasian (b Git 56a-b) gesehen werden, als Jochanan Vespasian voraussagte, daß er König werden und Jerusalem zerstören würde. Zwei der ersten zahlreichen europäischen literarischen Verarbeitungen des biblischen Stoffes über Nebukadnezar sind ein englisches Schauspiel mit dem Titel: Nebuchadnezzar's Fierie Furnace (wieder herausgeben von M.Roesler 1936) und ein italienisches Mysterien-Spiel in Versen: La Rapresentatione di Nabucodonosor, Re di Babillonia (um 1530, Florenz 1582). Ein zweites englisches Schauspiel kam 1596 in London auf die Bühne. Der französische Dramatiker R.Garnier gab 1583: Sédécie, ou les Juives, heraus, worin es um das Schicksal Zedekias und seines Königshauses geht. Aus dem Jahr 1684 stammt des Deutschen Ch.Weises Nebukadnezar. 1728 wurde in Hamburg das Singspiel Ch.F.Hunolds: Der gestürzte und wieder erhöhte Nebucadnezar, König zu Babylon, unter dem großen Propheten Daniel, aufgeführt. Auch ein russischer Schriftsteller, N.I.Nowikow, veröffentlichte die: Komedija Nawukhodonosor (1791; in: Drewnjaja Rossijskaja Biblioteka, Moskau 1788-1791). Zu den Werken des 19. Jh.'s zählen eine fünfaktige Tragödie des Italieners G.B.Niccolini in Versen: Nabuco in Gerusalemme (1829). Die Franzosen A.Anciet-Bourgeois und F.Cornu schrieben gemeinsam den Text für den Vierakter: Nebuchodonoser (1836), der in Paris aufgeführt wurde. Das tragische Schicksal Jehojachins inspirierte L.Philippson zu seinen Dramen: Jojachin (1858) und: Die Entthronten (1868). Für das 20. Jh. bliebe H.Welten und seine Novelle: Nebukadnezar, der König der Könige (1924), zu nennen. Zu erwähnen wäre auch die Komödie von F.Dürrenmatt, Ein Engel kommt nach Babylon (1954), der allerdings nur noch den König Nebukadnezar als Figur aufgreift. - In der darstellenden abendländischen Kunst sind vor allem in Bibeln ganze Illustrations-Zyklen zum Prophetenbuch Daniel zu finden, so in den spanischen Bibeln von Roda und Ripoll um 1000, den Beatus-Apokalypsen, 10.-12. Jh., und der Holzschnittfolge Historia Danielis, Bamberg 1462. Besonders auch die Träume Nebukadnezars waren Gegenstand künstlerischer Einzeldarstellungen, so der Traum von der metallenen Statue mit tönernen Füßen (Dan 2,1-35). Er wird im illustrierten Kommentar zu Hohemlied, Sprüchen und Daniel, Reichenau Ende des 10. Jh.'s, allegorisch auf Christus, den König auf dem Felsen, gedeutet. Der Kirchenvater Hieronymus hatte die allegorische Deutung des Steins von den Bergen, der ohne menschliches Zutun die Statue zerschmettert, als den nicht durch Menschenwillen gezeugten Christus beigesteuert. Der Traum ist darum in mittelalterlichen Manuskripten entsprechend dargestellt, ebenso in den illustrierten Lutherbibeln. Aber er findet sich bereits in den Bildwerken der gothischen Kathedrale von Amiens und im Marien-Portal der Kathedrale von Laon, 12. Jh. Jedoch auch die Interpretation als Sturz der Götzenbilder bei der Flucht Josefs und Mariens nach Ägypten ist üblich. Der Traum Nebukadnezars von dem großen Baum (Dan 4) wird ebenfalls in bebilderten mittelalterlichen Manuskripten dargeboten. An der Frontseite der Kathedrale von Laon tritt er schon auf. Ebenso in mittelalterlichen Gemälden und Glasmalereien. Beide Träume werden um 1120 bereits im Liber floridus kombiniert. Der Koloß legt selbst die Axt an den Baum. Das Mitleid weckende und grotesk wirkende Bild des Königs, wie er bei den Tieren weidet, hat besonders die Phantasie der romanischen Künstler des 11. und 12. Jh. angeregt. Im Hintergrund standen die Abbildung im oben erwähnten Kommentar des spanischen Mönchs Beatus zur Offenbarung des Johannes aus dem 8 Jh. und Bildwerke französischer Kirchen. Aber noch im 18 Jh. hat die Szene ihren Interpreten gefunden. Das Aquarell des Dichters und Malers William Blake von Nebukadnezar, auf allen Vieren kriechend, mit krallenartigen Fuß- und Fingernägeln, mähnigem Kopf und hervorgetretenen Augen (1795), erfreute sich sogar noch im Jahr 1990 als Reproduktion auf dem Markt von Mombasa öffentlichen Interesses. Blake hatte es in seinem Werk »The Marriage of Heaven and Earth« 1790-93 vorweggenommen mit der Beischrift: One Law for the Lion and the Ox is Oppression. Selbst als politische Karikatur machte sich der kriechende König 1848 gut (E. von Steinle, Der Minister der Zukunft). Die Einzelszene der drei jungen Männer im Feuerofen mit dabeistehendem Nebukadnezar (Dan 3) findet sich ebenfalls in mittelalterlichen Manuskripten. Im frühen 15. Jh. zeigt der Duc de Berry ihn in seinen »Très Riches Heures« (Chantilly, Musée Condé), wie er den feurigen Ofen mit den drei Männern, Schadrach ( = ich bin sehr in Furcht versetzt), Meschach ( = ich bin gering geachtet) und Abed-Nego ( = Diener des Erstrahlten = des Gottes Nabû) anfacht. Auch als Einzelperson tritt Nebukadnezar ebenfalls schon früh auf. Das Relief an der Fassade von Notre-Dame-la-Grande in Poitiers aus dem 12. Jh. zeigt ihn, Bezug nehmend auf ein Mysterienspiel zur Judenbekehrung bzw. auf die pseudo-augustinische Predigt für die Weihnachts-Frühmesse, zwischen Adam, Eva und Mose, Jeremia, Jesaja, Daniel sowie Isai. - Die Blendung Zedekias war bereits in der Beatus-Apokalypse verbildlicht. Sie findet sich weiterhin in Initialen zum Jeremia-Buch wie der Stablo-Bibel von 1096 und der Bibel von St.Gumbertus, Ende des 12. Jh.'s (heute in Erlangen). Sogar ein Evangeliar zeigt Nebukadnezar, die deportierten Juden mit Zedekia an ihrer Spitze vor Babylon in Empfang nehmend (Mainz um 1260, Aschaffenburger Schloßbibel). Auch in Musik-Kompositionen haben die drei Männer des Feuerofens Stoff für Opern abgegeben. Dazu zählt eine Oper von Caldara, 1730, ferner Darius Milhauds: Les Miracles de la Foi, 1951, und Benjamin Brittens: The Burning Fiery Furnace, 1966. Am bekanntesten ist jedoch die Oper Giuseppe Verdis: Nabucco, die das Schicksal der nach Babylon Verbannten zum Thema nimmt. Verdi war angesprochen worden von der Aufführung eines Ballets mit dem Titel »Nabucodonosor« in der Scala von Mailand aus Anlaß der Krönung Ferdinands I. von Österreich zum König von Venedig und der Lombardei am 6.9.1838. So fiel das Libretto von T.Solera bei ihm auf fruchtbaren Boden. Vor allem der berühmt gewordene Gefangenen-Chor rief bei den ersten Zuhörern am 9.3.1842 in Mailand die Unterwerfung unter die österreichische Herrschaft ins Bewußtsein. Als die Oper 1846 im königlichen Theater zu London aufgeführt werden sollte, mußten die Namen umgeändert werden, da die Darstellung biblischer Personen auf der Bühne als ungeziemend galt. Die Oper hieß nun Nino. 1958 wurde Nabucco in Iwrit übersetzt und von der Israel Oper viele Male aufgeführt. Subjektiv nicht als Karikatur aufgefaßt, gewann politisch der Name Nebukadnezars in der Gegenwart noch einmal Aktualität. Der irakische Diktator und Politmoslem Saddam Hussein sah sich als neuer Nebukadnezar. Nebukadnezars in seinen Inschriften mehrfach geäußerter Wunsch, der Nachwelt im Gedächtnis zu bleiben, hat sich auf solch recht unterschiedliche Weise erfüllt.

Werke: Dekadischer Akrostichos auf den Gottes-Namen Nabû: vgl. S.A. Strong in: Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 20, 1898, 154-162, und dazu im folgenden auch R. Borger (I) s.v. Strong. Brief: vgl. E. Ebeling, Neubabylonische Briefe aus Uruk, Berlin (1930-) 1934, Nr. 5, sowie wieder im folgenden R.Borger (I) s.v. Ebeling. Auftrags-Inschriften: vgl. Verf., Die neubabylonischen Königsinschriften, Alter Orient und Altes Testament 4/I, Kevelaer - Neukirchen-Vluyn 1973, 147-322, ältere Lit. umfassend; neuere ergänzend R. Borger, Handbuch der Keilschriftliteratur I, Berlin 1967, s.v. Langdon NBK; II, Berlin - New York 1975, dto.; III, ebd., 31. - Ergänzungen in den laufenden Bibliographien von Archiv für Orientforschung und Orientalia s.v.

Lit.: D.J. Wiseman, Nebuchadrezzar and Babylon. The Schweich Lectures of the British Academy 1983, Oxford etc. 1985 (mit Lit.); - Ders. in: Das große Bibellexikon, ed. H. Burkhardt etc., Bd. 2, Wuppertal 1988(3), 1239-1241; - E.J. Bickerman, Nebuchadnezzar and Jerusalem, Proceedings of the American Academy for Jewish Research 46-47, 1979/80, 69 ff.; - M. Dandamayev, Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie 76, 1986, 141-143 (Rez. zu Wiseman). E. Edel, Amasis und Nebukadnezar II, in: Göttinger Miszellen 29, 1978, 13-20 (dazu Verf. o.c. 6). - Chronologische Texte: A.K. Grayson, Assyrian and Babylonian Chronicles, Locust Valley, New York 1975, 99-102 (Auszug R.Borger in: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments I, Gütersloh 1982-85, 401-404); - R. Borger, Nebukadnezar II. , in: Pauly-Wissowa, Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Supplement Bd. XII, 1970, 890-894 mit Literatur; - Ders. in: Biblisch Historisches Handwörterbuch Bd. 2, H-O, Göttingen 1964, 1296 f.; - Verf., Der Kyros-Zylinder mit dem Zusatzfragment BIN II Nr. 32 und die akkadischen Personennamen im Danielbuch, in: Zeitschrift für Assyriologie und vorderasiatische Achäologie 64, 1975, 192-234; - B. Hartberger, »An den Wassern von Babylon ... «, Bonner Biblische Beiträge Bd. 63, Frankfurt/M - Bonn, 1986; - F. Jacoby, Die Fragmente der griechischen Historiker III, C, 1 , Leiden 1958; - S.M. Burstein, The Babyloniaca of Berossos, Malibu 1978; - R. Labat, in: Fischer Weltgeschichte. Die Altorientalischen Reiche III. Die erste Hälfte des 1. Jahrtausends, Frankfurt 1967, 98-103; - W. Röllig Nebukadnezar, in: Der kleine Pauly Bd. 4, München 1964, 36; - W. v. Soden in: Propyläen Weltgeschichte, Berlin etc. 1960, 125-127 = Taschenbuch-Ausgabe II,1, Frankfurt/M 1962, dto. Ergänzungen in den laufenden Bibliographien von Archiv für Orientforschung und Orientalia s.v. Zu Babel: R. Koldewey, Das wieder erstehende Babylon, neu herausgegeben von B. Hrouda, Berlin - München 1990; - E. Unger, Babylon, wieder herausgegeben mit Vorbemerkungen von R. Borger, Berlin 1970; - J. Oates, Babylon, Übersetzung aus dem Englischen, Bergisch Gladbach 1983; - P. Eisele, Babylon, Bern - München 1980. - Speziell zur babylonischen Kultur: A.L. Oppenheim, Ancient Mesopotamia, Revised Edition completed by E. Reiner, Chicago 1977. Vgl. auch R. Borger, Handbuch l.c. III, 1975, 134-155; - Encyclopaedia Judaica 12, Jerusalem 1978-82, 914-918; - E. Kirschbaum ed., Lexikon der christlichen Ikonographie Bd. 3, Sonderausgabe, Rom - Freiburg etc. 1974, 304-307.

Paul-Richard Berger

Literaturergänzung:

2008

Albert Pietersma, Divinity denied: N., divine appointee but no God. Greek Jeremiah reconsidered, in: Florilegium Lovaniense. Leuven [u.a.] 2008, S. 351-371; -

2009

Ephraim Nissan, On N. in Pseudo-Sirach, in: JSP 19.2009, S. 45-76; - David B. Weisberg, A "dinner at the pallace" during N.'s reign, in: Homeland and exile. Leiden 2009, S. 261-268.

Letzte Änderung: 20.01.2010