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Verlag Traugott Bautz
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NESTORIUS, von 428-431 Patriarch von Konstantinopel, stammte aus Antiochien. Er wurde nach 381 n. Chr. geboren und starb frühestens 451 n. Chr. in Ägypten. N. war Presbyter in Antiochien. Er ist den Vertretern antiochenischer Theologie zuzurechnen, womöglich war er Schüler des Theodor von Mopsuestia. Als N. im Jahre 428 n. Chr. von Kaiser Theodoius II. zum Patriarchen von Konstantinopel berufen wurde, fand er sich in einer veränderten theologischen Umgebung wieder. Er sah sich in eine bereits bestehende Auseinandersetzung hineingezogen, den Streit um den Theotokostitel. N. vertrat die Auffassung, Maria habe nicht Gott geboren, sondern den mit Gott vereinten Christus. Er wandte sich dagegen, daß Maria als Gottesgebärerin bezeichnet wurde. In seinen Predigten sprach er Maria den Ehrentitel einer Christusgebärerin (Christotokos) zu, kam damit in Gegensatz zur Volksfrömmigkeit des Ostens und traf auf erbitterten Widerstand. Bischof Kyrill von Alexandrien nahm den Kampf auf; er wandte sich im Osterfestbrief des Jahres 429 n. Chr. und in einem Hirtenbrief an die Mönche Ägyptens gegen die neue »Häresie« und wußte auch den Bischof von Rom gegen N. einzunehmen. Ostern 430 stellte eine römische Synode unter Vorsitz Coelestin I. N. vor die Alternative, reuevoll umzukehren oder die Exkommunikation zu erwarten. Kyrill ließ sich von Coelestin und einer alexandrinischen Synode ermächtigen, die Verhandlungen mit N. zu führen. Er übersandte ihm eine Zusammenstellung von zwölf Irrtümern und verlangte, daß N. ihnen abschwöre. Dieser sah sich allein gelassen, selbst Johannes von Antiochien meinte, man könne den Titel Theotokos dulden, wenn man ihn als traditionelle Bezeichnung verstehe. N. wandte sich an Kaiser Theodosius II. um Hilfe. Dieser berief für Pfingsten 431 ein Reichskonzil nach Ephesus ein, um die Angelegenheit zu klären. Doch blieb jede Unterstützung für N. aus. Johannes von Antiochien und seine Begleiter verstanden es, die Eröffnung des Konzils zu verpassen, N. war deutlich in der Minderheit. Sein Antrag auf Vertagung wurde abgelehnt. Kyrill nutzte die Gelegenheit, daß auch die Legaten Coelestins noch nicht eingetroffen waren. Er mißachtete die Anweisung des kaiserlichen Kommissars, auf die antiochenische und die römische Delegation zu warten, und eröffnete stellvertretend für den römischen Bischof das Konzil. Um sich abzusichern, verpflichtete er den alexandrinischen Presbyter Petrus dazu, die Anfertigung der Konzilsprotokolle zu überwachen. Er ließ die Rechtmäßigkeit der Versammlung feststellen. Die Protokolle weisen nach, daß N. dreimal aufgefordert worden sei, vor dem Konzil zu erscheinen, der Aufforderung aber nicht Folge geleistet habe. Die Synodalen hätten sich das Nicänum und einen Brief Kyrills vorlesen lassen und für rechtgläubig befunden. Ein Brief des N. sei zum Anlaß genommen worden, N. die Rechtgläubigkeit zu bestreiten. Kyrill beeilte sich. Schon in der ersten Sitzung wurde N. für abgesetzt erklärt, exkommuniziert und seine Christologie verurteilt. Nachdem die Antiochener angekommen waren, konstituierten sie ein Gegenkonzil, exkommunizierten ihrerseits Kyrill und seine Anhänger und erreichten, daß der Kaiser den Eröffnungsbeschluß annullierte. Kyrill aber wartete auf die Ankunft der römischen Legaten, die dann der Exkommunikation des Johannes von Antiochien und weiterer antiochenisch gesonnener Synodaler zustimmten. Die römische Gesandtschaft wirkte an der Teilversammlung Kyrills mit, deren Beschlüsse im Westen tatsächlich anerkannt wurden. Theodosius II. bestätigte die Beschlüsse beider Konzilien. Damit sah er sich gezwungen, die Führer beider Parteien, N. und Kyrill, die sich gegenseitig hatten exkommunizieren lassen, zu inhaftieren. Kyrill aber befand sich schnell wieder in Freiheit und kehrte noch 431 n. Chr. nach Alexandrien zurück. Pulcheria, die Schwester des Kaisers, Kaiserin Eudokia und römische Kreise scheinen sich für ihn eingesetzt zu haben. N. wurde in ein Kloster in Antiochien gebracht. Dort wird er die Nachricht erhalten haben, daß Kyrill sich 433 n. Chr. dazu bewegen ließ, ein Unionssymbol zu unterschreiben, das 431 n. Chr. vom ephesinischen Gegenkonzil entworfen worden war und prinzipiell unvereinbare Grundzüge antiochenischer und alexandrinischer Theologie in sich vereinte. Die Zustimmung Kyrills war politisch motiviert. Er erhielt den Theotokostitel und die Exkommunikation des N. bestätigt. Dieser wurde 436 nach Ägypten verbannt, wo er kurz vor dem Konzil von Chalcedon (451) starb. Diesem Konzil gelang es, in einer Glaubensformel, die als klassisches Dokument theologischen Kompromisses bezeichnet zu werden verdient, einerseits die Exkomunikation des Monophysiten Eutyches, andererseits die des Dyophysiten N. zu bestätigen. Anerkannt wurde das Konzil von Chalkedon von der lateinischen Kirche des Westens, dem Patriarchat von Konstantinopel, ungefähr der Hälfte des Patriarchats Antiochien, der Mehrheit des Patriarchats Jerusalem und einer Minderheit des Patriarchats Alexandrien. Für Anhänger des N. gab es kaum mehr Raum im Reich. Viele waren schon über die Reichsgrenzen nach Persien ausgewichen, wo sie sich trotz zeitweiliger Verfolgung behaupten konnten. Die von N. ins Leben gerufene kirchliche Bewegung lebte im Orient noch jahrhundertelang fort. Im Jahr 486 erklärte die Synode von Seleukia-Ktesiphon die nestorianische Lehre als für die Apostolische Kirche des Ostens verbindlich. Diese Entscheidung trennte den Nestorianismus, der fortan außerhalb der Reichsgrenzen dogmatisch und kirchlich ein Eigenleben führte, endgültig von der Reichskirche. Er wurde zur »Persischen Kirche« und kann als d i e Missonskirche des Mittelalters gelten. Rasch breitete sich der Nestorianismus bis nach Indien (Thomaschristen), Turkestan, Malabar, China, Tibet und Java aus. In seiner Blütezeit im 13./14. Jahrhundert gab es zehn nestorianische Metropolitensitze in Zentralasien. Der Einfall Timur-Lenks (1380) zerschlug die Organisation der nestorianischen Kirche, die sich von diesem Schlag nicht wieder erholte. Ein Teil der Nestorianer schloß sich im Jahr 1553 an Rom an (chaldäische Kirche), ein anderer Teil (die assyrische Kirche), blieb von Rom getrennt; viele Nestorianer traten zur russisch-orthodoxen Kirche über. N. schrieb griechisch. Von seinen Werken sind nur Fragmente erhalten, meist in lateinischer, syrischer oder armenischer Übersetzung. Der literarische Nachlaß des N. umfaßt Briefe, Predigten und die polemische Schrift Theopaschites. Im Exil verfaßte N. Autobiographisches mit starkem apologetischem Einschlag (die Tragoedia und den Liber Heraclidis). Vor allem der Liber Heraclidis ist von fremder Hand überarbeitet und z.T. beträchtlich erweitert worden. Die Echtheitskritik wird in der N.-Forschung große Bedeutung behalten. Es steht zu erwarten, daß weitere Stücke dem N. zugewiesen werden können. Insbesondere bei Pseudo-Chrysostomica nestorianischer Tendenz bleibt zu prüfen, ob N. als Autor in Frage kommt.
Werke: Friedrich Loofs, Nestoriana, die Fragmente des N. gesammelt, untersucht und herausgegeben, 1905; P. Bedjan, Nr. 8; Le livre d'Héraclide de Damas, Paris 1910; Die Nachträge verzeichnet Altaner 8. Aufl. 1978, 336-338. 619 (Nachtrag).
Lit.: Friedrich Loofs, N. and his place in the history of christian doctrine, Cambridge 1914; - Leonhard Fendt, Die Christologie des N., Kempten 1910; - Rudolf Abramowski, Zur »Tragödie« des N., in: ZKG 47, 1928, 305-324; - Ignaz Rucker, Studien zum Concilium Ephesinum, (H. 1; 2; 3; 4; 4d), 1930-1935; - Robert Victor Sellers, Two Ancient Christologies, 1940; - Henry Chadwick, Eucharist and christology in the nestorian controversy, in: JTS N. S. 2, 1951, 145-164; - Luise Abramowski, Untersuchungen zum literarischen Nachlaß des Nestorius, Diss. Bonn 1956; - Dies., Der Streit um Diodor und Theodor zwischen den beiden ephesinischen Konzilien, in: ZKG 67, 1956, 252-287; - Dies., Untersuchungen zum Liber Heraclidis des Nestorius, Löwen 1963; - Dies., Ps.- N. und Philoxenus von Mabbug, in: ZKG 77, 1966, 122-125; - Luigi J. Scipioni, Ricerche sulla Cristologia del »Libro di Eraclide« di Nestorio. La formulazione teologica e il suo contesto filosofico = Paradosis 11, Freiburg (Schweiz) 1956; - Ders., Il Libro di Eraclide di Nestorio. Tentativo di una formulazione del dogma cristologico, in: SP 6, 1962, 221-232; - Ders., Nestorio e il concilio di Efeso. Storia, dogma, critica, 1974; - Jacques Liébaert, Christologie, in: Handbuch der Dogmengeschichte, III/1, Freiburg 1965; - Alois Grillmeier, Das Scandalum oecumenicum des N. in kirchlich-dogmatischer und theologiegeschichtlicher Sicht, in: Sch 1961, 321-356; - Ders., Jesus der Christus im Glauben der Kirche, Band 1: Von der apostolischen Zeit bis zum Konzil von Chalcedon (451), Freiburg i. Br. - Basel 19822; - Band 2/1: Das Konzil von Chalcedon (451) - Rezeption und Widerspruch, Freiburg i. Br. - Basel 1986; - 2/2: Die Kirche von Konstantinopel im 6. Jahrhundert, Freiburg i. Br. - Basel 1989; - 2/4: Die Kirche von Alexandrien mit Nubien und Äthiopien nach 451, Freiburg i. Br. - Basel 1990; - A. van Roey, Two new documents of the Nestorian controversy, SP 7, 1966, 308-313; - G. S. Beblis, The Apology of N.: A New Evaluation, in: SP 11, 1972, 107-112; - H. E. W. Turner, N. Reconsidered, in: SP 13, 1975, 306-321; - Anton Ziegenaus, Die Genesis des Nestorianismus, in: MThZ 23, 1972, 335-353; - Reinoud Weijenborg, Nestorio secondo una recente interpretazione, Ant 1976, 293-301; - P. Gray, Forgery as an instrument of progress. Reconstructing the theological tradition in the sixth century, in: Byzantinische Zeitschrift 81, 1988, 284-289; - Wolfgang Wischmeyer, Art. Alte Kirche: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde I, 1992, 43-47; - ders, Art. Antiochenische Theologie: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde I, 1992, 89-90; - RE XIII, 736-749; - Pauly-Wissowa XVII, 126-137; - RGG IV 1405-1406; - LThK VII 888-889.
Eckhard Reichert
Literaturergänzung:
1985
Mathijs Lamberigts, Les éveques pélagiens déposés, N. et Ephèse, in: Augustiniana 35.1985, S. 264-280; -
1995
Hendrik F. Stander, A homily of N. on the ascension of Christ, in: AcpB 6.1995, S. 130-146; -
1999
Susan Wessel, Nestorius, Mary and controversy, in Cyril of Alexandria's "Homily" IV. (De Maria Deipara in Nestorium, CPG 5248), in: AHC 31.1999, S. 1-49; -
2007
Donald Fairbairn, Allies or merely friends? John of Antioch and N. in the christological controversy, in: JEH 58.2007, S. 383-399; - Janet A. Timbie, Reading and rereading Shenoute's "I am amazed". More information on Nestorius and others, in: The world of early Egyptian Christianity. Washington, D.C. 2007, S. 61-71; -
2008
Joseph Famerée, Éphèse et N.: un malentendu christologique. L'apport du P.A. de Halleux, in: RTL 39.2008, S. 26-42.
Letzte Änderung: 21.08.2009