Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VI (1993)Spalten 650-651 Autor: Karl Mühlek

NEUMEISTER, Erdmann, lutherischer Pastor, * 12.5. 1671 in Uichteritz bei Weißenfels als Sohn eines armen Schulmeisters, † 18.8. 1756 in Hamburg. - Im 14. Lebensjahr begann er seine Studien in Schulpforta, von wo aus er zum Theologiestudium nach Leipzig ging. 1695 erwarb er den Magistergrad und begann eine kurze akademische Lehrtätigkeit für Literaturgeschichte. 1697 trat er das Pfarramt in Bibra (Thür.) an, wechselte anschließend nach Eckertsberga und wurde 1704 Hofdiakonus in Weißenfels. Von 1706-1715 wirkte er in Sorau als gräflich Pomnitzscher Oberhofprediger, Konsistorialrat und Superintendent. 1715 wurde er als Hauptpastor nach St. Jakob in Hamburg berufen, wo er mit 85 Jahren verstarb. Als Theologe hat er in die pietistischen Streitigkeiten seiner Zeit eingegriffen. Zunächst von A. H. Francke angeregt, kehrte er sich aber bald, derb und heftig, in voller Überzeugungstreue gegen jede vom lutherischen Bekenntnis abweichende Richtung. Schon in Sorau stritt er mit Petersen und zog vor allem gegen Spener ins Feld. Vor allem befehdete er die erwachenden Missionsbestrebungen, die auftauchenden Unionsversuche und die von Zinzendorf gestiftete Herrnhuter Brüdergemeine, doch ohne tiefgreifende Wirkung. Seine zahlreichen Predigtsammlungen sind weithin vergessen. Bedeutsamer ist sein großer Katechismus, durch den er mit den katechetischen Arbeiten Speners in Wettbewerb zu treten versuchte. - Tiefgreifenden Einfluß auf das zeitgenössische geistliche Leben erlangte Neumeister durch seine asketischen Schriften und vor allem seine Kirchenlieder. Durch sie nimmt er eine achtbare Stellung ein. In 722 Liedern bekundete er dichterische Intuition und fließende sprachliche Darstellung. Etwa 70 gingen zeitweilig in die Gesangbücher ein. Noch heute steht im EKG (268): »Jesus nimmt die Sünder an.« Seine besondere Bedeutung aber liegt darin, daß er als Schöpfer der Kirchenkantate der kirchlich-protestantischen Tonkunst neue Bahnen eröffnete. Er hat nach K. Zieglers Vorbild prosa-ähnliche Madrigalformen in die geistliche Dichtung übernommen und sie mit biblischen Prosatexten und Kirchenliedern verbunden. Ab 1700 schrieb Neumeister Kantaten-Texte (7 Jahrgänge) für die Komponisten des Weißenfelser Hofs, wie J. Ph. Krieger, G. Ph. Telemann, Ph. H. Erlebach. In seiner ersten Sammlung (1704), in einer aufschlußreichen Vorrede, schrieb er eine Poetik der Kantatenform. Sieben der Neumeisterschen Kirchenkantaten hat J. S. Bach in einmaliger Vollendung komponiert.

Werke: Der Zugang zum Gnadenstuhl Jesu Christi, Weißenfels 1703; Geistliche Cantaten, 1705; Priesterliche Lippen, das ist Sonntag- und Festpredigten durchs ganze Jahr, 1714; Heilige Sonntagsarbeit, 1716; Geistliche Poesien, 1717; Evangelischer Nachklang, 2 Bde., 1718-1729; Kurzer Auszug Spenerischer Irrtümer, 1727; Das Gott suchende und von Gott lebende Herz, Hamburg 1731; Das Aufheben heiliger Hände zu Gott, Hamburg 17362; Psalmen, Lobgesänge und Geistl. Lieder, 1755; Verzeichnis in Meusels Lexikon 1810, 2, 81-98 (ca. 200 Schriften).

Lit.: E. E. Koch, Geschichte des Kirchenliedes, Bd.V, 18683, 371-381; - S. Kümmerle, Art. »Kirchenkantate« und »Neumeister«, in: Enzyklopädie der Kirchenmusik II, 1890; - M. v. Waldberg, E. Neumeister, Versuch einer Charakteristik, in: Germ.roman. Monatsschrift, Bd. II, 1910, 115-123; - P. Brausch, Die Kantate. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Dichtungsgattungen, Diss. Heidelberg 1921, 51-84; - Handbuch zum Evang. Kirchengesangbuch, Bd. II/1, 1957, 226 f.; Sonder-Bd. 19592, 419 ff.; - RE 1896/1909, XIII, 771-772; - EKL II, 1958, Sp. 1563; - RGG IV, 1960, 1426; - DSp, Bd. XI, 159 f.

Karl Mühlek

Textanmerkungen:

Sein Vater Johann N. war 53 Jahre Organist, Kirchenbuchführer und Schulmeister in Uichteritz, auch Verwalter der Pöllnitzschen Güter. Erdmann Neumeister begann mit 15 (!)Jahren am 12.April 1686 seine Ausbildung an der kursächsischen Landesschule Pforta. (Beleg: er unterschrieb die schriftl. Aufnahmeprüfung vom Frühjahr 1686 mit seinem Namen und dem Zusatz decimum quint.. Siehe Archiv und Bibliothek der Landesschule Schulpforte)Er erhielt eine der Weißenfelser Stadtstellen mit freier Kost und Lehre.
Er beendete die Gymnasialzeit im Januar 1691 vorzeitig vor Ablauf der üblichen 6 Jahre mit einer Valediktionsarbeit über Johann Georg v. Carlowitz.

Im Text steht: "1697 trat er das Pfarramt in Bibra (Thür.) an"; es handelt sich um Bad Bibra in Sachsen-Anhalt.

Literaturergänzung:

Elke Axmacher: Erdmann Neumeister - ein Kantatendichter Johann Sebastian Bachs, in: Musik und Kirche 60 (1990),294-302; - Alex Klages, "Jesus sinners doth receive", in: LThR 18.2005, S. 7f.; - Ute Poetzsch-Seban, Die Kirchenmusik von Georg Philipp Telemann u. Erdmann Neumeister. Beeskow 2006.

Letzte Änderung: 20.10.2007